22. März 2011
Mittwochabend, der Oststurm ballert über die Insel. Was nicht festgezurrt ist, fliegt gnadenlos weg. 10 satte Windstärken misst die Boje im Belt. Trotz Sonnenschein war es eisig kalt.
Ich habe den ganzen Tag gearbeitet. Vom ewigen Klappern der Dachluken und Fensterläden am Leuchtturm bin ich völlig gerädert. Ich stehe auf Windkonzerte, aber nicht auf Dauerlärm und moderne Opern. Heute war modern angesagt. Das zerrte an den Nerven.
Ich freue mich auf mein Sofa und den Kamin. Wie so oft hat Paul vorgeheizt, bevor er selbst zur Arbeit gefahren ist. Ich schließe die Haustür auf und Wärme schlägt mir ins Gesicht.
Was für ein anstrengender Tag, denke ich, als ich mich auf dem Sofa ausstrecke und nach meinem Buch greife. Arbeiten konnte man das heute eigentlich nicht nennen. Immer wieder brachen die Internetverbindungen zusammen. Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich den Router neu startete, in der verzweifelten Hoffnung, es würde ihm in Erinnerung rufen, dass er Daten zu transportieren hat. Es war oft und reichte für zwei Minuten Datentransfer zum Festland und in die Welt. Entnervt hab ich zwischendrin immer wieder Paul angerufen und um Rat gefragt.
„Das ist so auf der Insel, das ist die Insel bei Sturm. Entspann Dich, Du kannst nichts daran ändern.“
„Wieso ist das die Insel bei Sturm? Was hat das Internet mit dem Sturm am Hut?“ frage ich zurück.
Es wäre nicht mein Paul, wenn er darauf nicht auch eine Geschichte als Erklärung aus dem Ärmel zaubern könnte.
„Na ja, die Leitungen vom Leuchtturm nach Burg sind alt und langsam und in Burg ist ein Funkmast, der alle Daten weiterschickt. Bei Oststurm wackelt dieser Mast aber so sehr, dass er nicht alle Daten auf die richtige Bahn schicken kann. Manchmal verpasst er den richtigen Moment, weil er so sehr wackelt.“
„Ja klar – Du nimmst mich auf den Arm.“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich mir vorstelle wie der arme, wackelnde Funkmast in Burg verzweifelt versucht im richtigen Moment Millionen von Daten in Richtung Datenautobahn abzufeuern. Bildlich stelle ich mir vor, wie das Festland ihm immer wieder die Zunge rausstreckt, weil er schon wieder nicht getroffen hat.
Ich klappe meinen Fehmarnkrimi auf und fange an mich dem spannenden Finale um die drei ermordeten Kitesurferrinnen in Gold zu widmen. Praktisch das der Sturm am Haus zerrt und der Ort des Verbrechens hinter dem Garten und über den Deich liegt.
Das Telefon holt mich in die Welt zurück.
Es ist spät. Warum ruft meine Mutter jetzt noch an?
„Hallo Mama. Ich wollte Dich morgen früh anrufen, um Euch zu fragen, ob Ihr am Wochenende nicht hierher einen Ausflug machen wollt. Das Wetter ist jetzt so schön mild und wir könnten am Hafen frischen Fisch kaufen.“
„Hallo mein Kind, reg Dich jetzt bitte nicht auf.“
Immer wenn meine Mutter spät abends anruft und mit diesen Worten das Telefonat beginnt, dann ist etwas passiert. Mein Herz setzt einen Moment aus und ich lausche in den Hörer. Mama holt tief Luft.
„Dein Vater liegt im Krankenhaus. Er hatte heute Nachmittag einen Herzinfarkt.“
„Moment. Herzinfarkt? Papa? Dieser Typ, der so groß und stark ist, das jeder denkt er kann das Kaminholz einarmig schlagen? Mein Papa, der gestern noch auf dem Meer draußen war, um Dorsch und Co an seine Angel zu locken? Papas Herz ist unkaputtbar!“
Meine Gedanken fangen an zu schwirren. Mir wird abwechselnd heiß und kalt und schlecht. Zitternd, den Tränen nahe höre ich mir Mamas Erklärungen an.
Vorhin noch habe ich an ihn gedacht und mich gefreut, dass es ihm nach seiner Grippe besser geht. Ich freute mich darauf beide am Wochenende auf die Insel einzuladen und jetzt soll er an Drähten und Schläuchen auf irgendeiner, mit milchigem Licht schwach beleuchteten Intensivstation liegen und sich von einem Infarkt erholen. Mir ist mulmig. Während ich mit meiner Mutter rede, die für mein Empfinden viel zu gefasst wirkt, nimmt der Sturm meine Ängste auf und peitscht energischer um das Haus. Im Kamin jault es, die Funken fliegen, so wie die Böen in den Feuerschlund ballern.
„Mama! Ich kann heute Nacht nicht mehr nach Hause kommen, ich habe schon getrunken. Aber morgen früh fahre ich gleich zu Euch. Versprochen.“
„Mach das mein Kind. Heute Nacht möchte ich auch nicht, dass Du noch fährst. Aber eigentlich brauchst Du auch nicht zu kommen. Dein Vater ist in guten Händen, und wenn er das alles überstanden hat und sich nicht mehr so aufregt und Zigarre raucht, dann wird ihm so etwas auch nicht mehr passieren. Ich habe ja gleich den Arzt angerufen, als er über diese merkwürdigen Rückenschmerzen klagte. Der Dickkopf wollte das zwar nicht, aber heut habe ich einfach nicht auf ihn gehört.“
Mir rollen die Tränen über mein Gesicht. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was mein Vater meiner Mama an den Kopf schmiss, als sie ihm vorschlug, vorsichtshalber die 112 zu wählen.
‚Ich brauche keinen Arzt. Das geht schnell vorbei. Ich bin doch noch nicht alt und gebrechlich.’
Mein Vater ist ein Dickkopf. Ein lauter Dickkopf ist er noch dazu. Ich bete ja nicht oft, aber heute Abend danke ich, wem auch immer da oben zwischen den Wolken, das der Dickkopf meiner Mutter sich über das Gepolter meines geliebten Vaters hinwegsetzte und ihm das Leben gerettet hat.
Zitternd und innerlich völlig verfroren lege ich das Telefon auf.
Ich zwinge mich, nachzudenken. Ich muss morgen Abend arbeiten. Wenn ich gleich um sechs losfahre, kann ich rechtzeitig wieder auf der Insel sein. Das Holz im Kamin ist heruntergebrannt. Mechanisch packe ich Scheite nach. Dabei schießen mir Bilderfetzen von früher in den Sinn. Papa, wie er uns Kindern zeigt, wie Kartoffelpuffer elegant in der Pfanne gewendet werden. Er hat mit einem eleganten Schwung die Puffer ein wenig in die Luft geschmissen und sie mit der Pfanne wieder aufgefangen. Mein Bruder und ich haben das irgendwann in der frisch renovierten Küche versucht, nachzumachen. Dabei entspann sich ein Wettbewerb. ‚Wer trifft zuerst die Decke. Der Fettfleck erinnerte uns Jahre später noch an diesen lustigen Nachmittag und wurde außer von uns, von niemandem bemerkt. Mein Papa war mit uns Drachensteigen. Er brachte mir das Fahrradfahren bei und er hat mich gelehrt, dass es sich nicht lohnt, die mich hänselnden Jungs zu verprügeln. Viel mehr würde es sie treffen, ließe ich sie in der Klassenarbeit nicht abschreiben. Das brachte mir den Beinamen Streber ein. Ich trug aber keine Schäden davon.
Das Feuer im Ofen brennt wieder. Langsam tauche ich aus meinen Gedanken wieder auf. Gut! Papa liegt im Krankenhaus, meine Mutter scheint relativ gefasst, mein Bruder ist unterwegs nach irgendwo in Süddeutschland und ich sitze rotweingetränkt auf einer Insel inmitten tosender Ostwindsee. Ich rufe Paul an. Der hat bestimmt eine Geschichte parat und wird mich trösten. Ist ja auch grausam hier so allein vor dem Kamin mit trüben Gedanken.
„Hallo meine Schöne.“
„Nix Schöne! Meine Nase ist rot vom Heulen, meine Augen verquollen und Taschentücher habe ich auch keine mehr.“
Paul bekommt die Kurzversion des väterlichen Zusammenbruchs und ordnet sofortige Heimreise an.
„Geht nicht! Ich habe schon getrunken. Das ahnt ja auch kein Mensch, dass meinen alten Herrn so was niederstreckt. Hätte er ja mal ankündigen können.“
Ich höre Paul am anderen Ende der Leitung schmunzeln.
„Genau, was fällt dem Papa eigentlich ein. Einfach krank werden, ohne vorher zu checken ob das in die Windvorhersagen, Dienst-und Partypläne seiner Kinder passt.“
„Finde ich auch.“ Und muss lachen.
„Pass auf meine Kleine. Du kannst eh nichts machen jetzt. Trink einfach den Rotwein aus und dann am besten noch ein Glas oder zwei, versuche zu schlafen und morgen fährst Du ins Krankenhaus. Ich komm vorher noch vorbei und wir frühstücken gemeinsam. Um Deine Termine morgen mache Dir mal keinen Kopf. Ich kümmere mich darum.“
Es knarzt und knirscht in der Leitung. Irgendwo fällt mit lautem Getöse was um, der Wind nagt an den Fenstern. Plötzlich ist alles still und dunkel. Nur das Feuer im Kamin schickt flackerndes Licht auf den Fußboden.
„Paul?Paul?“ frag ich ins Telefon. Stille- kein Piep, kein Murks- nichts.
Meine Reaktion hat auch schon bessere Tage erlebt. Ich brauche einen Moment, um zu checken, dass der Strom weg ist.
‚Scheiße, denke ich. Jetzt zum Sicherungskasten in der Dunkelheit- ein Traum!’
Es ist dunkel. Vollkommen dunkel. Jede Ecke in meinem Heim ist mein. Hier stoße ich mit dem Oberschenkel an, dort bleibe ich mit dem Zeh hängen. Mein Handy läutet und leuchtet mir immerhin den Weg in Richtung Küchentresen. Paul ist dran. „Du warst weg, ganz plötzlich. Und dann hatten wir hier im Norden Stromausfall.“
„Oh das ist toll!“
„Was ist daran toll?“
„Na weil ich weiß, dass ich auch einen Stromausfall habe. Wenn Du einen hast, dann habe ich keinen Kurzen in den Sicherungen, sondern auch einen inselübergreifenden Stromausfall.“
„Das könnte sein.“ Erwidert Paul. „Aber ich habe schon wieder Licht.“
Inzwischen habe ich mich ins Schlafzimmer vorgearbeitet und schiele auf die Straße. Kein Licht weit und breit. Nur hier und dort flackernde Taschenlampenkegel in den Vorgärten.
„Ich sollte mir auf meine ToDo Liste ‚Taschenlampe besorgen’ schreiben.
„Wie?“ fragt Paul „Du hast keine Taschenlampe?“
„Ähm, nein. In der Großstadt fällt a) der Strom nicht aus und b) fällt er, wenn, dann nur Millisekunden aus. Ich habe keine Taschenlampe. Nur tausende Kerzen, die ich jetzt anmache und dann trinke ich meinen Rotwein zu Ende. Wird schon wieder kommen der Strom und wenn nicht, dann muss ich halt kalt geduscht morgen zu Papa ins Krankenhaus fahren. Gute Nacht Paul.“
Ich schlurfe also ins Wohnzimmer zurück, entzünde die Kerzen, setze mich aufs Sofa und überlege, was der Abend noch so bringen wird. Lesen ist Augen schädigend, TV ist schwarz, das Radio hüllt sich in Schweigen, Telefonieren sollte ich besser nicht um den Akku zu schonen und Internet- na ja das ginge, aber auch der Akku am Laptop sollte für den Notfall gefüllt bleiben. Um mir weiterhin keine Sorgen über die Programmierung von Heizung, Herd und dem möglichen Abtauen des Kühlschrankes zu machen, stürze ich den letzten Rotwein runter und hangele mich durch die Schwärze der Nacht in Richtung Bett.
Wird schon werden sind die letzten Gedanken, bevor ich mich unter die Bettdecke verkrieche. Es gibt Tage die braucht kein Mensch.
Das Telefon weckt mich. Mir fällt ein, was geschehen ist. Papa… Schneller als sonst habe ich den Hörer in der Hand.
„Hallo?“
„Ja Hallo hier ist die Firma Treis.“
„Ja bitte?“ Ich kenne keine Firma Treis oder Preis oder so. Ganz habe ich den Namen nicht verstanden. Am anderen Ende trötet ein leise nuschelnder Mann in schönstem breiten Hochdeutsch.
„Ja min Deern Sie sind doch die junge Surferin, die hierher gezogen ist und neben dem Leuchtturm im Inselnorden arbeitet.“
Es ist keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Ja bin ich.“ Aber was wollen Sie von mir? Denke ich im Stillen. Reden kann ich nicht, denn der Mann am anderen Ende redet ohne Punkt und Komma. Ich höre ihn auch nicht nach Luft holen.
„Ja also min Deern, Firma Treiss sind wir, von schräg gegenüber, wissen Sie doch und wir wollen bei Ihnen den Abfluss für das Schmutzwasser neu legen. Firma Treiss, das wissen Sie doch, von schräg gegenüber.“
Ich weiß nichts. Keine Ahnung, was für Rohre verlegt werden sollen, oder das etwas verlegt werden soll.
Ich versuche den Mann von schräg gegenüber vor einem Fehler zu bewahren und zwänge zwischen seinen Redeschwall ein leises „Ich habe aber niemanden bestellt.“
Mein Einwand wird überhört beziehungsweise ignoriert.
„Also min Deern Firma Treiss…“ Das weiß ich jetzt auch- denke ich ein bisschen nervös und ungehalten werdend. „…wir bauen das Schmutzwasserrohr neu und wir haben schon bei Ihnen geklingelt, weil ein Auto auf der Auffahrt steht und stört. Aber Sie machen ja nicht auf!“ Ich höre einen vorwurfsvollen Unterton in seiner Stimme.
Ich verstehe nichts von dem, dass er sagt, schlendere aber Richtung Schlafzimmerfenster. Irgendwie wird mir ein bisschen mulmig beim Gedanken an meinen rasenden Franzosen. Nicht das Er umgefahren worden ist.
Das Telefon plappert munter weiter.
„Also min Deern, wir müssen mit unserem Bagger auf die Auffahrt rauf, aber das Auto dort stört. Fahren Sie es doch ein Stück zur Seite. Sie können es ja bei ihrem Nachbarn vor dem Haus abstellen.“
„Nein, um Gottes willen das nicht!“ Entfährt es meinem Mund. Nicht, weil ich mein Auto nicht beim Nachbarn vor der Türe würde platzieren wollen, sondern weil ich die Schlafzimmergardine zurückgeschoben habe und vor meinem Fenster ein riesiges Loch in der Erde klafft, dass mich lustig anfunkelt. Mittendrin, quasi zu meiner Bettkante stehen zwei Typen im Dreck und rauchen. Von der Straße bis zum Haus zieht sich ein frisch ausgehobener Graben. Vor der Einfahrt wartet ein Bagger darauf, noch mehr Erdreich abzutragen. Und mittendrin mein armer Renault. Sieht aus wie ein Spielzeugauto inmitten einer Mondlandschaft.
Pauls Auto blockiert den Bagger am Weiterarbeiten.
„Also min Deern, Sie können das Auto auch auf meinen Hof stellen. Sie wissen schon Firma Treis von schräg gegenüber.“
„Ja klar- mache ich.“
Das Gespräch wird beendet.
Was ist das hier? Frage ich mich. Versteckte Kamera? Lassen wir die Insulaner doch mal verwundert dreinblicken? Ein Test für die Dorfneulinge? Woher hat der Typ überhaupt meine Telefonnummer? Und woher weiß der, wo ich arbeite? Und verdammt?! Steht auf meiner Garageneinfahrt etwa meine komplette Vita? Ich kenne niemanden hier, außer dem mürrischen Einparklegastheniker von nebenan und die zwei fröhlichen Kinder drei Häuser weiter, die immer so nett meine UPS Pakete annehmen.
Und noch mal verdammt! Hält hier niemand es für nötig sich wegen solcher Bauarbeiten anzukündigen?
„Paul? Bist Du wach?“
„Hmmm.Jetzt schon.“ Grummelt es unter der Bettdecke hervor.
„Du Paul, mein Herz. Ähmm gib mir mal Deinen Autoschlüssel bitte und dann stopf Dir viel Ohropax in die Ohren, wenn Du weiterschlafen willst.“
Ich kann den Blick irgendwie nicht von dem Krater vorm Haus wenden. Die Typen vor dem Fenster winken und bedeuten mir, dass Pauls Auto stört.
„Ja, ja- ich komm ja schon.“
An Paul gewandt, der mich mit großen Fragezeichen anschaut meine ich im Gehen: „ Schau aus dem Fenster. Kriege aber bitte keinen großen Schreck. Unsere Auffahrt ist kratermäßig perfekt ausgestattet heute. Ich fahr mal schnell Dein Auto weg, es stört den Bagger.“
„Was, wie?“ So schnell habe ich Paul selten aus dem Bett springen sehen. „Echt? Krass.“ Kommt es vom Fenster.
Ich eile nach draußen, parke das Gefährt um, schlurfe wieder ins Haus und will mir einen Kaffee aufsetzen.
Das hat Paul schon erledigt. Fragende Blicke empfangen mich, als ich mich setze.
„Was ist denn hier los?“
„Du keine Ahnung. Die bauen irgendein Abflussrohr neu.“
„Und Du wusstest nichts davon?“
„Nöö- anscheinend reicht es auf einer Insel, wenn der Bautrupp morgens an der Türe klingelt. Leider haben wir das nicht gehört und das Klopfen hat uns ja auch nicht geweckt. Dann haben Sie es wohl auf dem Handy versucht ohne Erfolg, weil es lautlos ist. Woher der Typ dann meine Telefonnummer hat- ich weiß es nicht. Aber ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen, dass selbst, wenn Du versuchst, alles zu verheimlichen, alle immer irgendwie alles wissen.“
„Willkommen auf der Insel.“ Grinst Paul mich an.
„Ja- ich glaube auch.“ Am Küchenfenster schleicht ein Bauarbeiter lang in Richtung Garten. Ich sprinte auf die Terrasse.
„Kann ich Ihnen helfen? Wollen Sie einen Kaffee?“ Kaffee und Kekse haben bis dato noch alle Handwerker und Bauarbeiter, und wenn sie noch so brummelig waren, besänftigt.
„Nein, nein min Deern. Ich muss mir mal mein Hemd ordentlich in die Hose stopfen.“ Dreht sich um und verschwindet hinter den Bäumen.
„Ich verstehe. Hemd in die Hose stopfen.“ Grinsend wende ich mich Paul zu.
„Hemd in die Hose stopfen ist also der inseltypische Dialekt, wenn Bauarbeiter pinkeln gehen. Jaja willkommen auf der Insel, ich weiß.“ Wir müssen beide lachen.
„Weißt Du was. Ich dusche jetzt und dann fahre ich ins Krankenhaus. Morgen früh bin ich zurück, wenn es recht ist. Meinst Du, Du kommst bis dahin mit den Baggern und Erdhügeln in meinem Vorgarten klar?“
„Klar. Fahr ruhig. Lass Dir Zeit. Wenn Du morgen nicht schaffst, zurückzufahren, dann macht das nichts. Dein Papa muss gesund werden. Grüß mir Deinen alten Herrn.“
Ich muss grinsen. Männern und Technik, Erdhügel Dreck und Krach. Gegen diese Vorliebe kommen weibliche Rundungen, Charme, Lachen und Witz nicht an. Wenn der gemeine Mann buddeln darf, dann kannst Du als Frau gerne einen Tag länger bleiben.
Nachmittags im Universitätsklinikum meiner Heimat empfängt mich ein wieder lachender, zwar noch blasser, aber anscheinend einigermaßen wieder hergestellter Vater. Dank der Beherztheit meiner Mutter, neuer Technik und einem starken Herzen scheint alles bester Ordnung zu sein. Er scherzt und er poltert wie eh und je. Und das er jetzt Grünzeug knabbern muss, das schaut er sich erst mal an- sagt er.
Bild: aboutpixel
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