Logbuch Aeroskobing- Avernako  Kurs 300° NNW; 6 Knoten; Luftdruck 1025 Tendenz steigend 5 Bft, diesig – gute Sicht

Der morgendliche Blick aus den Luken verspricht viel Spass, vorerst zumindest. Der Wind hält sein Versprechen und spielt ein schönes Morgenkonzert. Schaumkronen, über den Himmel fliegende tiefe Wolkenfetzen, wippende Bäume. Der alten Weisheit, das nur der frühe Vogel den Wurm fängt, folgend, finden wir die ersten Kitesüchtigen schon kurz nach sieben auf dem Wasser.  Ich belade Ernie mit zwei Kites einem Board, den erforderlichen Utensilien wie Trapez, Mütze, Pumpe und radel durch das verschlafene Dorf  über die Heidelandschaft schnell mal zum Spot, wissend das 29 Mitsurfer neidisch hinterher schauen. Bei abnehmendem Wind erkunden wir bis mittags die Spots von Aeroskobing. Die buntbemalten Ferienhütten auf der Landzunge sind geduldige Windschattenspender und träumende Zuschauer. Nur wir, der Wind, die Ostsee und Weite. Aeroskobing ist eine weitläufige Bucht, sehr schön flach am Beginn, wartet weiter draußen eine kleine Kabbelwelle auf den Kitesurfer und lädt zum Spielen ein. Trotz all der Weite hier in Dänemark ist der Spot schnell dicht, abnehmender, auflandiger Wind und 30 Kiter sind eine unglückliche Kombi. Ich bin ein Fan einsamer Sessions und wandere mit dem neuen Bandit von F.one im Zenit einmal übers Land, rüber in ein riesiges Flachwasserbecken. Es kommt zu einigen Kommunikationsstörungen mit dem Schirm und die Möwen am Strand hören Worte, die ungewohnt und laut für sie sind.

Erschreckt flattern sie umher, beäugen mich misstrauisch und machen einen Bogen um Schirm, Mädchen und Bord. Der ablandige Wind bügelt das Wasser spiegelglatt. Ein Träumchen erwartet mich und die nur noch 12 Knoten stören in keinster Weise, da ich von jedem Punkt aus bequem zu Fuß zurücklaufen kann. Einzig dieser Schirm bewirkt dass ich immer wieder fluche. Nachtrimmen bringt nichts, Höhelaufen ist harte Arbeit und die Barhaltekräfte sind Oberarmmodellierend. Ich gebe auf einen Draht zum Bandit in 11m² zu finden und parke ihn erstmal im satten Grün des Grases Ein  Fahrradfahrer kommt auf uns zugerast. Die rote Jacke und das blonde Haar wippen im Rhythmus des Tritts in die Pedale. Kurz vor uns wird scharf gebremst . Ein junger Typ springt aus dem Sattel, grinst uns an und fragt mit großen staunenden Augen ‚Kiteclub?! ‚ bricht es aus ihm raus

„ Kiteclub?“ entgegnen wir

‚Kiteclub? Dürfen wir hier etwa nicht kiten gehen, weil das Privatgelände ist?’

„Ah! Ihr seid aus Deutscheland? Seid ihr ein Kiteclub? Cool. „

Die Augen werden gross und grösser. Wir schauen uns ein bisschen irritiert an. Kiteclub? „Wir sind kein Kiteclub.“ „Nee? Was dann? Wo kommt ihr her? Normalerweise kiten wir hier zu viert!“ „Wir sind mit dem großen Segelschiff vorn im Hafen hier. Und heute Mittag sind wir wieder verschwunden“ „Ah gut“

Ein bisschen hat es den Anschein , der Local entspannt sich. Kann ich verstehen. Wenn an meinem Homespot statt der üblichen zwei Leute eines morgens plötzlich 30 Schirme am Himmel stünden, wäre ich ebenfalls verwirrt. Absolut verständlich das der Däne irritiert ist, denn jeder von uns ist heut auf dem Wasser und die Bucht sieht recht zugebaut aus mit Kiteschirmen am Himmel und am Strand . Freundlich und mit einem Dauerlachen im Gesicht erklärt er uns wann die besten Bedingungen hier auf der Insel sind und das er im Mai noch gar nicht kiten gehen mag, weil es viel zu kalt ist.

Am Mittag trommeln wir die Meute zusammen, das Gerödel wird wieder im Salon verstaut und auf dem Deck festgezurrt. Unsere beiden Küchenfeen haben den ganzen Vormittag rotiert und ein dampfendes Risotto erwartet die hungrigen Mägen. Um das leibliche Wohl der Kiter wird sich aufopfernd gekümmert. Ein königliches Frühstück, Suppe den ganzen Tag, stets frisch gebackener Kuchen und opulente Abendmenüs. Nach einem Tag auf dem Wasser ist es wichtig gut und reichlich zu essen. Roswitha und ihre Schwester sind das Beste das wir engagieren konnten für unseren Trip.

14.00 wird der kleine Hafen in einem engen Wendemanöver verlassen. Wir werden als vollwertige Crew angesehen , werden stets zum mithelfen aufgefordert. Während Ragnar kommandierend übers Deck stolziert, die zu setzenden Segel ansagt, die Leute zum Ziehen und fieren zusammentrommelt, fangen wir an uns Handschuhe zu wünschen. Die Taue sind hart und machen Schwielen.  Und dennoch ein riesiger, unbezahlbarer Spaß. Fender halten und setzen, Tampen aufwickeln, Segel setzen, brassen, fieren, trimmen. Worte die wir hier lernen, die uns demnächst fehlen werden und einen neuen Segelurlaub planen lassen. Wir nehmen Kurs auf Avernakö ein kleine Insel auf dem Weg nach Faborg .

Sanfte Hügel, ein kleines Stück Steilküste, karibisch türkises Wasser Der Wind reicht vollkommen aus, wir machen gut Fahrt und sind trotz der 3 Stunden auf dem Wasser heute morgen noch nicht müde uns an die Taue zu stellen. Ein günstiger Ankerplatz wird angesteuert, in bester Piratenmanier platzieren wir die Hendrika vor der Insel und mit dem Beiboot samt Kiteequipment setzen wir über. Der Wind ist lasch , wir müssen in einer fiesen Abdeckung starten . Als Belohnung gibt’s  Traumkulisse der Hendrika Bartelds vor der Nase,  majestätisch ankernd in der Bucht, von der Spätnachmittagssonne golden angemalt. Malerischer, traumhafter, perfekter geht nicht. Dank dem bereitstehenden und über uns wachenden Beiboot können wir einen der unvergesslichsten Downwinder unserer Kitekarriere hinlegen. Immer wieder um das Schiff herum. Egal das die Kälte in die Knochen kriecht, mit jedem Schlag wird das Lachen breiter. Noch schnell den Postkartensonnenuntergang reinziehen, den Wind für morgen checken, feststellen das selbiger plant eine Zusatzschicht am morgigen Tag einzulegen. Die Ankerwachen für die Nacht werden eingeteilt und diejenigen welche schlummernd Kraft nachtanken können tun dieses schnell und tief und fest. Der rest versammelt sich oben im Salon, trinkt Freibier und Wein, knabbert Schokolade,dänische Lakritz, die Gitarre wird herausgeholt und das Reportoire von RedHotChilli Peppers bis Milow unplugged und sauber in den Tönen abgespult nur unterbrochen vom bekannt geben irgendwelcher Trümpfe am Skattisch.