Es ist Mitte Januar

Um mich herum ereignen sich des nächstens komische Dinge. Den einen Morgen stecken langstielige Rosen hinter der Windschutzscheibe und verursachen mir beim Starten von Herbie einen Schrecken, der nicht minder gering ist als in den Spannung geballten Szenen der Hitchcock Klassiker. Sekunden später umspielt ein Lächeln meine Lippen. Dinge die eine Frau braucht! Rote Rosen morgens um sechs mitten im feinsten Inselnebel hinter der Windschutzscheibe gehören zwingend dazu. Warum ist mir das in Hamburg nie passiert? Komme ich von der Wetterstation nach Hause, türmt sich liebevoll aufgestapeltes Kaminholz auf meiner Terrasse, ab und  an baumelt ein kleiner Schokoladengruß an meiner Haustür. Ich zermartere mir das Hirn, wer sich so sehr um mich sorgt. Knappe drei Wochen bin ich hier und die Liste meiner Sozialkontakte besteht aus dem mürrischen Nachbarn, dem gesprächsbereiten Bauern, mit den vier munter tobenden Kids im Hof, von schräg gegenüber, dem Tankstellenwart an der ARAL in Burg, meinen Kollegen und der Maklerin. Vergangene Woche war ich mit Kollegen essen und habe an der Bar zwei Fischergeist (hochprozentiger Küstenalkohol, welcher in einem besinnlichen Abbrennzeremoniell getrunken wird) bestellt. Da waren zwei Typen, die mich ansprachen und mich fragten, warum ich den Geist der Fischer befrage und das dieses Ritual nur echten Seebären vorbehalten sei. In meiner viel zitierten Unbekümmertheit verriet ich natürlich mein Bestreben, den Kollegen zu beeindrucken, weil ich doch erst neu hier auf dem Inselchen bin. Als ich das Restaurant zum Hai verließ, wünschten sie mir süße Träume, was der Mann meiner Chefin locker kommentierte ‚Tja min Deern Du wickelst alle hier um den Finger. Glückwunsch! Deine ersten Fans.’. Ich verwerfe den Gedanken, dass die täglichen Aufmerksamkeiten von diesen Herren stammen. Die waren schon recht wankend auf den Barhockern zugange.

Das Rätsel wer oder was da ums Haus schleicht und mir Gutes tut, werde ich wohl nicht so schnell lüften. Die drei Fragezeichen sind zu beschäftigt, um mir zu Hilfe zu eilen, Hercules Poirot weilt im Orientexpress und Sherlock Holmes jagt die Bestie von Baskerville. Vielleicht sollte ich mich irgendwo postieren und Ausschau halten, wer da bemüht ist um mein Wohlergehen. Aber noch ist es Winter und kalt, ein Tag hinter der Hausecke auf der Terrasse, nach dem Wohltäter suchend würde mit einer Erkältung honoriert. Stundenlang am Fenster stehen und auf das Postauto warten, finde ich auch nicht wirklich stylish.

Glücklicherweise ist der Sund endlich eisfrei. Die kalte Masse hat den Wind hier gelassen. Ich reiße vor den Grübeleien aus. Eine Stunde Glück und Weite und Freiheit und ein Sonnenuntergang, wie ich ihn kaum jemals zuvor sah, beenden für den Augenblick das Detektivspiel.

Wieder zu Hause erwartet mich eine Frühlingsblume, frisch und von warmen Tagen berichtend, an der Haustür.

Spontan beschließe ich die Strategie ­des ‚Nehmen, Genießen und nicht nachdenken’. Das hat noch immer funktioniert, kann auf der Insel eigentlich nicht anders sein. Ich suche eine weitere Blumenvase aus den Umzugskartons heraus und entlasse den Frühlingsgruß in die Gesellschaft, der im Küchenfenster stehenden Rosen. Das sieht hübsch aus.

Die Tage auf der Insel gleiten also sanft und nur scheinbar ereignislos an mir vorbei. All diese Begegnungen und Eindrücke, Bilder und Gerüche hier oben im Norden sind mehr als ich in Hamburg mit all seiner Lautstärke und Reizüberflutung hätte ertragen können. All die Dinge, die um mich herum passieren oder nicht passieren, hätten mich in Hamburg schon lange um den Verstand, mindestens jedoch zum ­Urschreien gebracht. Ich bin drei Wochen hier und habe Stoff für einen Roman.

Mein Garten entpuppt sich als Naturzoo. Morgens grast friedlich ein Ziegenbock vor der niedrigen Mauer, die den Garten vom Feld trennt. Fehlen nur noch blühende Mandelbäumchen und ich fühlte mich einmal mehr wie in Canyamel. Diesem bezaubernden Flecken Erde auf der Baleareninsel, wo die Felder von niedrigen Mauern eingerahmt diesen so intensiv würzigen Duft verströmen, dass ich jedes Mal, auf der Landstraße in den Ort hinein, alle Fenster des Autos herunter kurbele, um diesem unvergleichlichen Duft nach Wärme, Sommer und Freiheit hineinzulassen.

Wir schreiben den 18. Januar. In diesen Tagen findet auf Mallorca die größte und schönste Fiesta des Jahres statt. St. Antonie, das Fest zu Ehren St. Antonies, des Schutzpatrons aller Tiere. Drei Tage lang wird auf den Straßen und Plätzen der kleinen Gemeinden gegessen, getanzt und getrunken. Überall sind die Feuer entfacht, um die Dämonen zu vertreiben. Normalerweise bin ich im Januar dort. Dieses Jahr ist alles anders und doch so wunderbar! Mittags haben sich fünf Rehe meinen Rasen zum Nachtisch auserkoren. Zuweilen gesellt sich ein Fasan dazu. Hin und wieder schleichen Katzen um das Haus. Die Suche nach einem Hund verfolge ich, aber es ist nicht einfach sich für oder gegen ein unerzogenes, dickköpfiges Riesenbaby zu entscheiden. Ich bin noch immer auf der Suche nach einem braungoldenen, bellenden Begleiter.

Eingetaucht in die Ruhe und Gelassenheit der Insel, angekommen, habe ich den Eindruck das nicht allzu viele Dinge auf der Welt mich aus diesem gechillten Zustand reißen können. Die Wartezeit auf den Rückruf einer inselansässigen Installationsfirma für Gasbefeuerung und Co beträgt 10 Tage. Endlich habe ich einen Termin. Am kommenden Montag wird der Kollege, nachmittags pünktlich zu Kaffee und Kuchen sich des Problems des hustenden und schwächelnden Gasherdes annehmen.

Stück für Stück tauche ich aus meinem Urlaubsmodus auf. Ich habe die Tage voll Ruhe und sich um Nichts kümmern wirklich gebraucht. Der Panzer, den ich mir gegen Stress und Lärm und Unruhe in der Stadt angelegt habe, bekommt Risse. Zum Vorschein kommt eine um ein Vielfaches entspanntere Gesichtshaut, der graue Schleier geht flöten, die Nächte schlafe ich tief und fest und durch. Ich bin entspannt und erholt, trotz Arbeit und dem ganzen Lernen von Alpha, Beta und Gammastrahlung, Intensivübungen und Luftfilteranlagen.

Heute Morgen nun stelle ich den Motor der sundüberschreitenden Aktivitäten einen Gang höher und fange an den sich langsam auftürmenden Papierberg abzuarbeiten. Das Finanzamt lacht mich an, die Anträge für den Zweitwohnsitz, eine Autoversicherung will Hunderte komischer Fragen beantwortet haben, Mails warten auf antwort, die Segeltörns im kommenden Sommer schreien nach intensiven Werbemaßnahmen. Mittags habe ich genug, die Sonne strahlt vom Himmel und der Wind reicht für eine kleine feine Kitesession. Also schnell ab in den ­Neo und runter an den Strand. Der schwarze Zulu schraubt sich in den Himmel.

Vor wenigen Tagen verriet Petrus mir das Geheimnis seiner grandiosen ­Sonnenauf- und Untergänge. Er liefert uns das feinste Gold am Morgen und ­das tiefste Purpur in den Abendstunden, schickt uns die munteren Strahlen, all diese unvergesslichen Bilder lässt er über unsere Augen in die Herzen fließen, um uns an die Schönheit des Leben spendenden Sternes zu erinnern, bevor er sie für Tage hinter einem Schleier aus Grau und Undurchsichtigkeit versteckt. Ein Tag in der Sonne, an dem ich Fridolin sattele und den südöstlichen Teil der Insel erkunde. Von meinem Dorf aus windet sich ein kleiner Weg die Brücke entlang, die mein Inselchen im Norden mit dem Festland verbindet. Mir schießt Goethe sein Osterspaziergang in den Sinn ‚Vom ­Eise befreit sind Strom und Bäche’. Na immerhin die Äcker denke ich, der Sund präsentiert sich nach wie vor und das nun schon seit drei Wochen, im tristen Grau sterbender Eisschollen. Heute schimmern die Schollen, kristallfarben, kalt, friedlich. Die Schwäne nutzen sie für ihren Mittagsschlaf, sanft werden sie durch ihre Träume geschaukelt. Es ist der 18. Januar und ich bin hinter das Geheimnis dieser spektakulären Lichtspiele am Himmel gestiegen. Petrus zaubert uns diese magischen Momente, damit wir in den kommenden Tagen mit dem immer dichten und dichter die Insel überziehenden Nebel nicht durchdrehen. 3 Tage hatte er uns im Griff. Jeden Tag beschlich mich das Gefühl, das der graue Schleier seine Kreise immer enger und enger um das Haus zog, Stück für Stück näher kam. Mein Chef zitierte mich nach Hamburg. Auf der ganzen Fahrt überlege ich, was schrecklicher ist, der Nebel des Grauens auf der Insel oder der immer stärker werdende Regen auf der Autobahn. Es hat den Anschein, dass die Insel grollt, dass ich sie verlasse und Hamburg mich nicht mit Sonnenstrahlen verwöhnen mag, weil ich es verlassen habe. Mit orten und Städten scheint es wie mit schmollenden Kindern. Bekommen sie nicht was sie wollen, so verweigern sie ihre Liebe und Zuneigung.

Ich zeige Fridolin die Insel, immerhin durfte er als einziges Familienmitglied noch nicht auf Entdeckungstour gehen. Sanft gewellte Hügel ziehen sich am Horizont entlang, so platt gedrückt ist die Insel ja gar nicht. Warum ist mir das früher nicht aufgefallen. Von rechts kreuzt ein Riesenkarnickel meinen Weg. So groß das Ich anfangs aus der Entfernung nicht genau vermag zu erkennen, ob es nicht doch ein Fuchs, Wolf oder anderes wild gewordenes Monster ist. Vorsorglich ziehe ich meine Füße von den Pedalen in Richtung Lenker.

Wir schreiben den 18.Januar. Der Nebel hat sich auf die Weiten des Meeres verzogen. Der volle Mond strahlt über das Land und ich bin noch immer und einfach nur glücklich!