Vielleicht erinnert Ihr Euch. Der Entschluss auf diese Insel zu kommen wurde schlussendlich innerhalb von 3 Sekunden gefasst und war nicht unbedingt mit grenzenloser Vorfreude verbunden.

Die Vorfreude holte ich mir im Dezember während der letzten Tage in der großen Stadt inmitten fertig gepackter Umzugskartons. Da beschloss ich das, wenn schon Insel, meine Sommer im Norden hinter der Brücke kunterbunt und flirt erfüllt sein würden. Ich würde sie alle bezirzen die Heerscharen surfender, gestählter, durchtrainierter Touristen. Jede Woche ein weiterer blonder, lachender, braun gebrannter Jüngling zum Frühstück an meinem Tresen. In den langen Wintern würde ich mich von der Dauerparty, dem Surfen, den wilden durchtanzten Nächten und durchgearbeiteten Tagen erholen. So war mein Plan. Den Plan befand ich für sehr gut und umsetzbar. Ich freute mich auf meine windigen Sommer auf der Insel im Norden und die Männer.

Wir schreiben Anfang Februar. Der Winter macht Pause und ein Hauch Frühling umspielt seit Tagen meine Nase.

Ich erwache sehr früh am Morgen. Die Sonne schickt sich gerade an, den letzten, fliehenden Hauch Dämmerung in den Schlaf zu schicken. Sanft und zartgelb schimmert der Horizont. Neben mir die regelmäßigen Atemzüge von Paul (II). Ich betrachte gedankenverloren seine klaren, jungenhaften Gesichtszüge, ein feines Lächeln umspielt sogar im Schlaf seine Lippen.

Während ich Pauls Gesicht studiere, verabschiede ich mich schmerzfrei von meinem Plan, die Sommer durchzuflirten und in den Wintern vor dem knisternden Kamin bei einem guten Glas Rotwein den Erinnerungen nachzuhängen.

Die Prioritäten sind verschoben, sanft und berauschend verschoben. Ich gestehe ich bin verliebt.

Sanft schäle ich mich aus seiner Umarmung, schleiche in die Küche, tanze barfuß über die Fliesen und freue mich an den sanften, pastelligen Farben dieses wunderbaren Morgens.

Ein Sturm zieht auf. Unheilvoll verwirbeln die Eiswolken hoch am Himmel, durchdrungen von den Strahlen der Sonne, von Regen und viel Wind berichtend, die sie im Gepäck haben.

Meine Tage mit Paul (II) sind besonders. Ein Geschenk, so umsorgt und geliebt zu werden. Ein Geschenk, das ich gerne annehme. So wünschen wir uns das alle und wenn wir noch so sehr die toughe Karrierefrau heraushängen lassen. Wir alle wünschen uns genau ein solches Geschenk. Ich genieße die Wärme und die Zweisamkeit. Immer wieder finde ich diese kleinen Aufmerksamkeiten, irgendwo in der Wohnung oder dem Auto versteckt. Gehe ich surfen, so harrt Paul stundenlang am Strand aus, die Kamera fest in den kalten Händen, schießt er Tausende Fotos. Wenigstens konnte ich ihn davon überzeugen, dass er dringend eine warme Mütze braucht. Bilder von misslungen Sprungversuchen, Bilder von meinem lachenden Gesicht, der verfrorenen Nase, dem Surfboard, Bilder, wie ich alleine und einsam die Weite der Bucht erkunde. Diese Bucht, welche im Sommer mit hunderten anderer Surfer zu teilen ist. Jetzt im Februar bin ich hier alleine. Stundenlang steht er da am Strand. Er klagt nicht, er beteuert immer wieder, wie sehr es ihn freut mir zuschauen zu dürfen. Meine Tage mit Paul sind Besonders.

Der Kaffee ist fertig, sanft stiehlt sich der Duft in meine Nase. Ich schleiche zurück ins Bett und wecke Paul. Heute muss ich noch einmal am Zahn operiert werden. Wir werden via Brücke das Festland und seine Ärzte besuchen. Mit Paul im Schlepptau habe ich nur ein bisschen Angst, trotzdem kann ich die Unruhe nicht ganz unterdrücken. Irgendwie schafft es Paul, das ich es tatsächlich schaffe, mich in seine Fürsorge fallen zu lassen und die Prozedur mit nur wenig Gezeter in Richtung Chirurg hinter mich bringen kann.Vorerst ist also der Albtraum der zahnärztlichen Fehldiagnose ad acta gelegt.

Beschweren über die unnötigen Schmerzen sollte ich mich nicht. Immerhin lieferte mir diese Fehldiagnose schließlich einen ganz besonderen Typ Mann frei Haus.

Als wir abends geneinsam vor dem Kamin sitzen. Jeder ist in sein Buch vertieft. Draußen vor dem Fenster spielt der nahende Sturm ein erstes lautes Intro in den Bäumen. Als wir abends vor dem Kamin sitzen, darf ich resümieren, dass so mein Traum von Freundschaft und Zuneigung, verliebt sein ausschaut. Schön ist das. Einfach, gelassen, vertraut, spannend und harmonisch, geprägt von Lachen und Verständnis. Ich seufze glücklich in mich hinein. Muss Paul ja nicht unbedingt hören, wie verzückt ich von seiner Gegenwart bin.

Der Wind jault inzwischen um das Haus, das Pfeifen beginnt, die leise Musik aus den Lautsprechern zu übertönen. Ich setze Teewasser auf und checke die Windvorhersagen. Sturm und Dauerregen, Dauerregen und Sturm. Vor Überschwemmungen wird gewarnt und erheblichen Schäden durch den Orkan. Paul setzt uns den Tee auf. „Du Paul, wann sperren die eigentlich die Brücke?“ Wie er da so in der offenen Küche am Tresen lehnt, dieses verschmitzte Lachen in den Augen und konzentriert den Teebeutel bearbeitet, habe ich das Gefühl, das es in meinem Leben nie anders war. So weit weg erscheinen mir die turbulenten, rastlosen Jahre in der Stadt am großen Fluss. Ich vermisse nichts, außer den Kaffeeplausch am Samstagmittag mit den Mädels an der Alster vielleicht oder das spontane Glas Rotwein beim Spanier nach Feierabend.

„Ich weiß nicht genau. Früher hat die Polizei das entschieden. Heute ist ja an der Brücke eine automatische Windmessanlage angebracht, die regelt die Sperrung ganz alleine. Ich glaube bei 7 Windstärken die Lkws und ab 11 Beaufort dann alle. Ich weiß es nicht genau aber ich glaube, wenn die Böen zu stark sind, dann wird die Brücke auf jeden Fall komplett gesperrt’

Das Orchester hat das ­Addagio beendet, die Arie übersprungen und startet gleich mit dem finalen Akt. Der Wind jault im Kamin, jede Bö gleicht einem Klagelaut. Ich gehe raus auf die Terrasse, ich versuche es zumindest. Der Sturm dringt in meine Lungen, zerrt an meinen Haaren, raubt mir den Atem. Noch ist alles in Ordnung draußen. Der Liegestuhl und der Tisch stehen, ich zurre schnell ein paar Sachen fest, will wieder ins Haus und bekomme die Terrassentür nicht alleine zu. Paul springt herbei und zur Hilfe. Gemeinsam schmeißen wir uns gegen die Tür und schließen sie.

„Krass“

„Krass“

Atemlos schaue ich Paul direkt in die blauen, lachenden Augen.„Mensch Paul, wie gut, dass Du heute Nacht nicht arbeiten musst. Ich denke ich wäre einen Hauch unentspannt, wüsste ich Dich da draußen in dem großen Sturm. Naja und an der Terrassentür wäre ich wohl kläglich gescheitert.“ Vor meinem Auge formiert sich das groteske Bild einer hysterisch kreischenden, gegen den Sturm ankämpfenden, vergeblich gegen die Terrassentür sich ­stemmenden Großstadtmaid im Pyjama. Grinsend schau ich Paul weiter in diese, ach so schrecklich schönen blauen Augen.

„Tja Mädchen, daran wirst Du dich gewöhnen müssen hier oben. Dieser Sturm ist noch gar nichts. Es gibt Zeiten, besonders im Herbst, da fegt der Wind jede Woche energischer, gieriger, grausamer um die Häuser.Warum glaubst Du, ist es so platt gedrückt hier oben? Weil Gevatter Wind nichts duldet außer einiger flacher Kiefern und Büsche auf seinem stürmischen Weg! Er ist da sehr eigen. Aber Dich sollte doch der Wind nicht stören, Du bist doch verrückt nach dem nächsten Sturm“

Ich lehne mich mit meiner Tasse Tee im Sessel zurück. Noch immer fährt der Sturm mit jeder Bö in das lodernde Feuer, vor dem Fenster wackelt, und rasselt es bedenklich, irgendwo scheint ein Seil gegen Metall zu schlagen.

„Ja natürlich jage ich den nächsten Sturm, danach bin ich süchtig. Schließlich surft es sich mit satten 25 Knoten im Schirm sehr viel rasanter als nur mit 14 Knoten. Ich bin windsüchtig, ja das bin ich- aber ich bin nicht süchtig nach Orkanen, Wirbelstürmen, Unwettern und literweise Regen, der dafür sorgt, dass mein kleiner französischer Flitzer immer mehr in der Auffahrt einsinkt. Hätte mein mürrischer Nachbar nicht diese speziellen Platzängste beim Ein- und ausparken ich würde Herbie versuchen irgendwo trocken abzustellen. Aber der Mann auf der anderen Seite des Gartenzaunes ist nun einmal ein Einparklegastheniker beziehungsweise er ist es eben gewohnt viel Platz zu haben, da riskiere ich lieber keine Beule in meinem kleinen treuen Surfmobil.“

Draußen kracht es. Ich springe auf, Pauls Grinsen im Rücken wissend, sprinte ich in Richtung Terrassentür und versuche in die Dunkelheit zu spähen.

„Du musst viel, viel, vieeeeeeel ruhiger werden im Umgang mit 12 Windstärken hier.“ Langsam schraubt der Herr sich aus dem Sessel hoch, um mit mir gemeinsam in die Dunkelheit zu starren.“

Es zerrt und rüttelt an den Fensterrahmen, in den Büschen im Garten weint, und schreit der Wind, er gurgelt, röhrt und peitscht. Inzwischen hat er ein wenig gedreht und steht genau auf die Glasfront, vor denen der Terrassentisch und der Liegestuhl stehen.

Ich stupse Paul in die Seite, weil ich ein langsames Unruhegefühl in der Magengegend verspüre. „Du Paul? Ich glaube wir sollten den Tisch und den Stuhl irgendwie so hinstellen, dass sie hier nicht innerhalb der nächsten Stunden mitten im Wohnzimmer vor dem Kamin liegen und sich die Füße an der erlöschenden Glut wärmen.“

Sein Grinsen wird breiter. Verdammt, warum fühle ich mich in Pauls Gegenwart nur immer so unerfahren und hilflos? Fast düngt mir, die selbstbewusste und laute Großstadtzicke habe ich vor der Brücke auf dem Rastplatz irgendwie im Umzugsstress vergessen.

„Du musst noch vieeeel ruhiger werden mit dem Sturm!“

„Orkan- es ist ein Orkan Paul vergiss das nicht!“ antworte ich hinter meinem Laptop hervor, an welchem ich inzwischen wieder die Windwerte checke.

„Die Bojen auf der offenen See messen 12 Windstärken und die Vorhersagen prophezeien noch ein Zunehmen des Windes.“

Wie um meine Feststellung zu untermalen, schlittert der Liegestuhl vom ‚Sturm’ angeschupst vor das Terrassenfenster.

„Gut!“ Pauls Blick wird nicht hektisch, aber die Schnelligkeit, in welcher er an die Haustür springt, zeugen von seinem Schrecken. Gerade ruft er mir noch zu „Mach um Himmels willen nicht die Terrassentür auf, die bekommen wir nicht mehr zu!“ da ist er auch schon verschwunden. Verdattert eile ich ihm im Pyjama hinterher. Eiskalt empfängt mich der zornige Genosse, der mit meinem Liegestuhl rumspielt. Einen Moment stockt mir der Atem, dann bin ich bei Paul. Alles, was fliegen kann, wird jetzt aus der Flugbahn geräumt, sicherer ist besser. Wir zurren Seile fest, checken ein paar Holzstücke am Schuppen, räumen auch den Tisch von der Terrasse in den Garten. Mit roten Nasen und wild zerzausten Haaren schmeißen wir uns später in die weichen Polster vor dem Kamin.

„Hast Du die Brücke gesehen?“ fragt mich Paul

„Nö, die Brücke hat mich gerade nicht interessiert. Was ist denn mit der Brücke?“

„Die Ampel schickt ihr rotes Licht in die Nacht. Die Brücke ist gesperrt. Wir sind jetzt von der Außenwelt abgetrennt, die Nabelschnur zum kosmopolitischen Leben der großen Stadt hat der Orkan gekappt!:“ Paul grinst mich an „Wir sind jetzt Insel.“

„Wow“ entgegne ich „Wenn es jetzt nie wieder aufhören würde zu stürmen und zu jammern da draußen, würden wir hier untergehen, gemeinsam, zu zweit, verurteilt den Rest ihrer Tage in  der Einsamkeit der Insel zu verbringen.“

Ich kann es nicht lassen. Ich muss dringend meine Nase in Pauls wohlriechende Pulloverfalte klemmen.

„Du Paul? Ich finde die Vorstellung nicht unromantisch.“

„Nicht? Sicher? Na dann warte mal ab, ob Du mich noch magst, wenn ich tagelang segeln bin und nicht umkehren mag.“

Der folgende Morgen weckt uns mit fröhlich tanzenden Sonnenstrahlen auf der Nase. Der Sturm hat nachgelassen. Ein sauber geputzter Himmel lockt mich. Ebenso das sich golden über den Sund ­ergießende Licht. Sieben Windstärken messe ich. Es ist Zeit kiten zu gehen und so finde ich mich wenig später auf der Weite des Sunds wieder. Der Orkan hat fast alles Wasser aus der Bucht gedrückt. Ich muss mit wachsamen Augen surfen gehen, denn das wenige Wasser gibt den einen oder anderen Stein preis, den ich sonst nicht würde fürchten müssen, schlummern sie unter normalen Umständen alle weit unter der Wasseroberfläche. Die Sonne und der satte Wind bringen mir trotzdem unendlichen Spaß. Später schiebe ich mich zufrieden und wohlig erschöpft hinter den Schreibtisch, um endlich mit meiner Arbeit zu beginnen.

Paul schaut abends auf eine Pizza bei mir vorbei und erzählt das rechts neben dem Leuchtturm der Orkan einen Teil der Messgeräte einfach weggeknickt hat. Er endet mit den Worten „Es war ein heftiger Sturm gestern, wenn er Messgeräte, die extra für diese stürmischen Orte gebaut worden sind, einfach K.O. haut, dann war es ein heftiger Sturm.“

Langsam, so ganz langsam wird mir klar, was Paul gestern meinte, dass ich mich an den Sturm noch gewöhnen muss.

Solange keine Gegenstände durch die Gegend fliegen, der Wind sich keine Liegestühle als Spielbälle wählt, Messgeräte in ihren Verankerungen verharren, draußen auf dem Meer im ­viel befahrenen Kanal kein Ozeanriese havariert, solange die Brücke einigermaßen befahrbar ist und nicht gesperrt, solange sich die Parkplätze vor der gesperrten Brücke nicht mit übermüdeten und genervten Pendlern und Touristen füllen, solange ist es ein Stürmchen hier oben im Norden hinter der Brücke.

Wir schreiben den 09. Februar. Es war mild die letzten Tage, mild und windig. Ich habe die Joggingrunde gegen mein Surftraining getauscht. Täglich zwei Stunden und ich werde bestimmt bald Race gegen Freestyle eintauschen. Ich habe hier perfekte Trainingsbedingungen und gute Lehrer in den Locals, mit denen ich tagtäglich den einsamen Sund erkunde.

Wir schreiben den 09. Februar ich bin angekommen in meinem neuen Leben. Ich habe einen Freund und einen Freund und so einen Freund, ich bin glücklich und verzeihe dem Winter, dass er sich in den nächsten Tagen anschickt noch ein letztes Mal einen sibirischen Hauch in unsere Richtung entsenden zu wollen. Ich habe keine Bedenken mich mit Paul, vor dem Kamin einzuigeln und heißen Kräutertee mit Honig zu schlürfen.