Mitte Februar und ich ­kann noch immer keine Schneeglöckchen entdecken. Das ganze Land hat schon mindestens einen Nachmittag Zeit gehabt, sich in diversen Straßencafés in der Sonne zu rekeln und einen Latte macchiato zu genießen. Immerhin ist das Eis auf dem Sund komplett verschwunden gewesen. Dafür hat Väterchen Frost in der vergangenen Nacht ganze Arbeit geleistet und in Zusammenarbeit mit dem unermüdlich, seit Tagen um die Häuser und in den Kaminen jaulenden Südoststurm hohe Schneewehen in Form wahrer Kunstwerke auf die Straßen gezaubert. Ein paar Tage habe ich den satten Südweststurm für kurze und spannende Trainingseinlagen genutzt. Vorzugsweise im Stehrevier und ohne Welle, was am dritten Tag zur Folge hatte, das ich gelangweilt vom Hin- und Herfahren mich in der Präzisierung der noch nicht ausgereiften Sprungfähigkeiten meinerseits zu üben begann. Am vierten Tag, der Wind begann auf Südost zu drehen, amüsierte ich mich dann im Kabbelwasser der Ostsee. Ich hatte keine Lust mehr auf Ankanten, Abfallen, Raushauen wollen und es nicht schaffen, oder es schaffen und auf die Nase fallen. Die Sonne blitzte von ­einem blassblau und von nahen Frühlingstagen berichtendem Himmel. Das Wasser war zwar eiskalt, aber die Luft mild und die Sonnenstrahlen selbst vermochten meinen schwarzen Neoprenanzug ein wenig zu wärmen. Heute Morgen in der Dämmerung, als ich mit Herbie dem französischen Gefährt über die Insel schlich, immer schick um die Schneewehen im feinsten Slalom herum, da war von Vorfrühling, zwitschernden Vögeln und zartem Grün nichts mehr zu spüren.

Wir schreiben Mitte Februar und der Winter hier im Norden ist nicht nur mit aller Macht noch einmal zurück gekehrt. Er offenbart lauter Stilblüten und schreibt Geschichten in die Millionen Kristalle, welche heute in der Wintersonne um die Wette funkeln und blitzen. Ich verbuche die erzwungene Trainingspause als Strafe des Schicksals. Schließlich habe ich Pauls Herz getreten. Vor wenigen Tagen fand ich mich morgens in einem Fettnäpfchen, nein Wachsnäpfchen der besonderen Art wieder. Ich schlurfte schlaftrunken und einsilbig, mit mir selbst hochgradig beschäftigt und vollends eins und zufrieden, wie immer in die Küche. Einzig die weit am Horizont, sich auf dem Meer auftürmenden Wellenkämme, erweckten mein Interesse und konnten meiner ungeteilten Aufmerksamkeit gewiss sein. Ich nahm nicht den Strauss roter Rosen auf dem Küchentressen wahr, nicht die viele bunte Schokolade drumherum und auch nicht das Unheil, welches sich unter meinen Füssen anbahnte. Ich sah die Wellentürme und  rechnete im Kopf nach, wie viele Trainingsstunden mir heute vergönnt sein würden, auf dem weiten blauen Meer. Ich schlurfte einen Schritt nach vorne und noch einen, der dritte endete in etwas Schmierigem und Heißem. Watsch!Platsch!Autsch! Meine Füsse steckten inmitten von warmem rotem Kerzenwachs und malten lustige Abdrücke auf die Fliesen.

Autsch sagte ich- die anderen beiden traurigen Laute, „Watsch“ und „Platsch“ entströmten den sterbenden Kehlchen der Teelichter. Ein seltener Zustand bemächtigte sich meiner. Der Zustand absoluten Bedauerns. „Paul?“ In sekundenschnelle sickerte die Information, dass mich soeben der totale Beziehungsfauxpax ereilt hatte, in mein kleines Hirn. Zumindest enterte es den Bereich der Großhirnrinde, welcher Bedauern ausdrücken kann.

„Ja?“ Ich hörte in meinem Rücken seine schnellen Schritte auf mich zu, denn er hatte das Unheil noch nicht gesehen und frohlockte das ich mich umgehend an seine Männerbrust schmeißen würde, um ihm für seine Liebeserklärung zu danken.

„Paul? Es tut mir leid, ich glaube ich habe gerade was zertrampelt.“

Hinter mir verharrten die Schritte und unterdrücktes Lachen dringt an mein Ohr.

„Oh- Du siehst bezaubernd aus, mit den roten Farbklecksen auf der weißen Pyjamahose, absolut bezaubernd. Hast Du Dir wehgetan?“

„Nö, aber ich habe dein Kunstwerk zerstört. Das tut mir leid“ Es tut mir so leid, das ich mich, ein wenig konsterniert, auf den Boden setze und lethargisch in den roten Wachsfleck und die zertretenen Teelichter schaue. „Hach- Paul! Ich habe  die Wellen hinten am Horizont bestaunt und dann war es auch schon passiert. Es tut mir leid!“

„Tja- ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen, das Dein Herz nicht nur mir, sondern in erster Linie den Wellen gehört. Das Du in mein Herz aus  Kerzen trampelst, scheint ein Zeichen zu sein. Alles Liebe zum Valentinstag, meine Schöne.“

„Ähhh-ja.“ Paul erlebte mich ein zweites Mal an diesem Morgen sprachlos. Ich war nicht nur gedankenverloren und laut in sein Herz getreten und hatte darauf herumgetrampelt, ich hatte zudem den wichtigsten Tag frisch verliebter Menschen rund um den Globus vergessen. Den wichtigsten Tag der Floristen, nach dem Muttertag. Aber wie sollte ich auch einen solchen Tag kennen? Der erste Paul war im Februar meistens auf irgendwelchen wichtigen Seminaren oder inmitten schwerer Prüfungen, meist aber sowieso nicht in Reichweite. Die restlichen männlichen Exemplare, die es an meine Seite schafften, verweilten zumeist nicht in den Februar hinein in meiner Peripherie. Jetzt sitze ich hier auf der Insel, vor einem erkaltenden Wachsfleck in leuchtendem Rot, vor meinem ersten Valentinstagsgeschenk und ich habe zertrampelt. „Super- Du Supersingle. Perfektes Timing.“

„Ja- Paul“ höre ich mich sagen. „Das war dann wohl ein Volltreffer mitten ins Herz. Zu allem Übel, muss ich Dir nun auch noch mitteilen, dass aus unserem gemeinsamen Wellnessnachmittag heute nichts wird. Ich habe mehrere Aufträge in der Pipeline liegen, die bis heute Abend geschrieben sein müssen.“

Meine Mutter würde just in diesem Moment meinem Vater gegenüber den Zeigefinger erheben und mit einem leichten Anflug von Wut sagen: „Du bist herzlos!“ Szenen einer Ehe und innerlich wappne ich mich gegen Maulen und Murren und erhobene Zeigefinger.

Paul aber stupst mich in die Seite und meint „Naja- ich hole mal das Ethanol, damit wir die Fliesen sauber bekommen. Und Du holst Dir deinen Kaffee, damit Du gleich beim Schrubben vor lauter Müdigkeit nicht neben dem erkaltendem Wachs einpennen tust. Das Wellnessereignis läuft uns nicht weg, nicht hier auf der Insel mitten im Winter. Wahrscheinlich ist es morgen Abend auch sehr viel leerer und ruhiger im Thermentempel, als an diesem heutigen 14. Februar.“

Das war mein Valentinstag.

Wir schreiben den 16. Februar, die Landschaft ist puderzuckerweiß, der März, der milde März, scheint unendlich fern. Ich stehe hier am Terassenfenster und freue mich, dass nach all dem Schnee und dem Sturm der letzten Nacht Ruhe am Himmel einzukehren scheint. Mit  Ausdauer und Beharrlichkeit habe ich es geschafft, meinen mürrischen Nachbarn, mit der Einparklegastenie, zu einem „Guten Tag“ zu bewegen. Rat für Neuinsulaner: Immer schön grüssen, nett lächeln und winken lässt die härteste Schale der Zaunnachbarn schmelzen, irgendwann. Vor wenigen Minuten hat er mir gar Hilfe beim Schneeschieben angeboten.

Mein Inselleben gestaltet sich, abgesehen von der Tatsache, das mein neues Hobby das Zertrampeln von Kerzenherzen ist,  beschaulich. Gemeinsam begannen Paul und ich also den Valentinstag mit einer Putzorgie, die ihresgleichen sucht. Wir verschütteten fröhlich das Ethanol auf den Fliesen und erfreuten uns an den wilden Mustern, die der Alkohol in den Wachs malte.

Es ist Mitte Februar und es ist kalt draußen. Während meiner täglichen mentalen Audienz beim Windgott melde ich die Begehrlichkeit an, dass es sich bitte um den  letzten Wintereinbruch in diesem Jahr handelt. Andernfalls drohe ich damit mit dem Stricken von Mützen in kreischenden Pinktönen anzufangen. In mir spüre ich schon zu oft dieses leise Ziehen in der Bauchgegend, dieses lockende Verlangen,  den ganzen Tag draußen auf dem Meer zu verbringen, ohne diese dicken Handschuhe aus Neopren und diese hässliche Haube, barfuss – endlich einmal wieder barfuss auf dem Brett stehen. Ganz langsam merke ich, dass mir die stundenweisen Ausflüge nicht mehr reichen. Ich sehne mich danach mit dem ersten Sonnenstrahl auf dem Wasser zu sein und erst am Abend trunken und satt vom Wind und dem Licht zurückzukehren.

Es ist der Ausklang des Winter. Pauls Anwesenheit an meinem Küchentresen führt neuerdings dazu, dass ich längst verschollen geglaubte Kochkünste reaktiviere. All die Jahre in der Großstadt verkümmerten sie Jahr um Jahr mehr, bis sie irgendwann ganz verschwunden waren. Bemerkt habe ich das damals nicht. Jetzt steh ich nicht selten am Herd und brutzele irgendwas Feines gaumenfreundliches zusammen. Meine Stippvisiten in den Gourmettempeln der Stadt während der zurückliegenden Jahre erschweren das Gelingen ausgefallener Rezepte. Ich wagte es paar Mal, beim hiesigen Gemüsehändler vorzusprechen und nach seltenen Gewürzen und Erdknollen zu fragen. Der am häufigsten geerntete Blick ,der dick in Wolle und Fleece, eingepackten Damen hinter dem Verkaufstresen war ein mitleidvoller, gefolgt von dem verständnislosen Blick. „Nein, das bestellen wir nicht extra beim Großhändler.“ Oder „Das müssen wir in Hamburg besorgen, das geht nun wirklich nicht.“ Glücklicherweise gibt es Freunde, die sich bereit erklären ab und an einen Strauss Kräuter, Gewürze und exotischer Früchte, bei Ihren Wochenendausflügen auf die Insel mitzuliefern. Gegen einen starken Kaffee und eine heiße Dusche nach dem Wintersurfen, bekomme ich so Einiges frei Haus geliefert.

Letzten Sonntag nun wollte ich eine Ente zubereiten. Ich schleppte Paul zu meiner Chefin und ihrem reizenden Mann. Eine Ente im Gepäck, die fett mit, in Orangenlikör eingelegten, Backpflaumen , Mandeln, Äpfeln und Orangen gefüllt war. Die Idee eine Ente in den Ofen schieben zu wollen, rührte wohl daher, dass mein letztes Weihnachtsfest etwas hektisch und unrund verlief. Inmitten von Umzugskartons speist es sich nicht fürstlich, also gab es bei mir keinen Festtagsbraten zum heiligen Feste. Das wollte ich nun nachholen. Ich fand meine Idee toll. Zwei Tage vor dem Essen nun wollte ich alle notwendigen Zutaten besorgen. Die Gewürze waren angeliefert, die Beilagen konnte ich beim Gemüsehändler besorgen, Backpflaumen, Mandeln- alles kein Problem. Schwieriger gestaltete sich der Einkauf des Entleins. Inselweit gibt es nur wenige Schlachter. Der erste schaute mich fast so mitleidvoll und ungläubig an, wie die Gemüsefrauen , wenn ich nach Kerbelknolle verlange. Sein Kopf bewegte sich langsam von rechts nach links und sein Mund formte ein „Ja ist denn schon wieder Weihnachten?.“

Der Zweite bedauerte wenigstens meinen acht Wochen verspäteten Entschluss einen Festtagsbraten zaubern zu wollen „Ne min Deern, eine Ente zu übermorgen, kann ich Dir nicht besorgen. Jede menge Möwen könnte ich Dir schießen zum Sonderpreis.“ Ich lehnte dankend ab. Bin ich doch ein Möwenfreund, ich mag die stolzierenden Vögel. In meinen einsamen vergangenen Wintern, gesellte sich beim Geschichtenschreiben immer der Whiskeyt trinkende, Zigarren rauchende, ungefragt Ratschläge erteilende Oskar, seines Zeichens eine Lachmöwe der besonderen Art, an meine Seite und verkürzte mir mit seiner illustren Gesellschaft die langen, dunklen Abende vor dem Kamin. „Nee, lassen Sie mal- ich glaube Möwenfleisch bekommt mir nicht.“

Der dritte Fleischer hatte ein Herz für mich, vielleicht gefiel ihm auch nur meine rot gefrorene Nase oder der besonders traurige Blick. Schlussendlich war es egal. Zuerst winkte auch er ab „Haben wir um diese Jahreszeit nicht.“

Auf meinen mutlosen Blick und ein : „Aber ich kann doch meiner neuen Chefin und ihrem Mann nicht einen tiefgefrorenen Vogel vor die Nase setzen.“, regte sich etwas in dem 1,90 Meter Hühnen. „Weißt was Deern- ich habe noch eine im Kühlschrank. Die wollte ich mir morgen von einem befreundeten Koch zubereiten lassen, aber ich habe eher Lust auf ein Filet, da kommt es mir jetzt ganz recht, das Du mir die Ente weg kaufst.“

Wir tauschen schnell Geld gegen Vogel und ich verlasse den Laden. Im Bimmeln der Türglocken notiere ich in meinem Kopf : Inselregel Nummer zwei: Kochevents bitte Wochen vorher planen und Zutaten am besten am Jahresanfang für Silvester ordern.

 

Wir schreiben den 16. Februar. Ich habe den Winter satt. Die Tage sind schon so lang, der Morgen startet schon recht früh- wo nur bleiben die herzerwärmenden 10 Grad über Nul, die weißen Teppiche von Schneeglöckchen und Krokussen und das liebestolle Zwitschern der Stare?

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