Ich hatte es schon fast vergessen. Fast! Wie er sich über das Meer schleicht und langsam seine grauen Finger, diese undurchsichtigen Schleier grauer Masse, nach dem Land greifen lässt. Heute ist er wieder da, dieser grauenvolle, alles verschluckende Nebel. Ich hatte diese trüben, undurchsichtigen Tage im Januar ganz hinten in meinen Erinnerungen weggesperrt. Wir hatten keinen Wind und keine Sicht. Von der Terrasse zum Gartenzaun und zurück- das war mein Horizont. Ich war froh, wenn ich die weichen Umrisse des Ziegenbocks, der eine Zicke ist, im Nachbargarten erahnen konnte. Wir sahen nichts, nicht viel. Irgendwann wich das Grau des Tages, dem milden Schein der abendlichen Stunden vor dem Kamin. Glücklicherweise waren die Tage kurz, das Grau musste maximal 10 Stunden ertragen werden. Im Januar war das egal. Im Januar endete mein Horizont entweder auf Zahnarztstühlen oder in Pauls Armen, manchmal vor dem Kamin, weniger auf dem Meer und viel zu oft in wilden Träumen von Sommer und Weite.
Jetzt im März, endlich ist der Frühling angekommen. Jetzt im März kann kein Mensch den Nebel, diesen alles erdrückenden und einhüllenden Nebels verstehen. Fast scheint es mir, der Himmel möchte uns bitten inne zuhalten und nachzudenken. Letzten Donnerstag noch schoss ich fröhlich über das Meer, welches endlich eisfrei und im Sonnenschein verführerisch nach Sommerlaunen mich neckend glitzerte. Heute ist die Welt um einige Meter verschoben. Nun, Japan ist um 2 Meter und die Erde um 10 Zentimeter verrückt. Aber soviel reicht aus um das normale Gefüge dieses blauen Planeten ordentlich durcheinander zurütteln.
Ich habe keine Lust mehr Nachrichten zu schauen. Jede Stunde flimmern neue Schreckensmeldungen über die Liveticker. Ich gestehe- ich bin feige.
Zu feige um mich all diesem Leid noch weiter zu stellen.
Stattdessen tauche ich viel lieber ab in meine heile kleine Privatwelt, die, gespickt mit netten Inselepisoden, irgendwie jeden Sturm zu überstehen scheint.
Letzten Sonntag hat auch hier auf Fehmarn der Frühling für einige Stunden vorbeigeschaut. Angeblich sollen auf dem Festland schon die Narzissen frech ihre gelben Blüten dem Himmel entgegenstrecken. Kühn habe ich am Montag bunte Stiefmütterchen besorgt und angefangen den Garten mit Farbtupfern zu versehen. Ich entdecke eine neue Leidenschaft. In der Stille eines trägen Nachmittags, dessen einzige Geräusche das Trällern der Lärchen am blassblauen Himmel ist und das lockende Singen der Amseln ist, lockere ich Muttererde auf, bereite Pflanztöpfe und Kübel vor, bringe Blumenzwiebeln in die Erde. Später chille ich im Liegestuhl vor meinem Kunstwerk und lasse die Farben des Sonnenuntergangs direkt in mein Herz fließen. Der ich weiß nicht wievielte postkartengleiche Sonnenuntergang hier auf der Insel macht den ersten Sternen und dem Mond Platz. Ganz zart und blass funkeln sie anfangs vom Firmament. Innerhalb weniger Stunden erstrahlt ein Sternenmeer über mir. Herrlich! Drüben auf dem Festland berühren die Sterne den Horizont und verschmelzen mit den funkelnden Lichtern der Küstenstädte.
Das Festland. Ein Phänomen hat sich meiner bemächtigt. Vom Strand aus kann ich es sehen. Wenn die Sicht besonders gut ist, dann sind die riesigen Offshoreparks zum Greifen nahe. Das Festland, so nah und doch irgendwie ganz weit weg. Ich fahre kaum über die Brücke, um den Puls der Welt zu spüren. Mein Bedarf an Autohupen und ratternden U-Bahnen, Lautsprecherdurchsagen und hektisch vorwärtsdrängenden Menschen ist noch immer gedeckt. Mein Nabel ist auf der Insel fest verankert, irgendwo rechts neben oder hinter dem Leuchtturm.
Die Tage bestimmt der Wind. Mein Leben bestimmt der Wind. Der Wind, das Meer und ich.
Paul ist auch da und Paul ist toll. Paul bestimmt mein Leben auch. Mit seinem Lachen und seiner Hartnäckigkeit. Er hält mich kleinen Windtänzer und Wellensucher, der bei beginnenden 5 Windstärken anfängt nervös zu werden, egal was gerade auf dem Plan steht, einfach aus. Unermüdlich begleitet er mich an den Strand, besorgt mir heißen Tee und massiert meine harten Muskeln. Unermüdlich dreht er Videos und macht Tausende von Fotos, wenn ich auf dem Wasser unterwegs bin. Immer wieder kramt er abends vor dem Kamin nicht nur den besten Rotwein heraus. Er verzaubert mich mit Geschichten rund um den Sund. Der ist verdammt geheimnisvoll. Mitten im dicksten Sturm erzählt Paul von Wintern in denen Reiter den zugefrorenen Weg in Richtung Festland ohne Probleme nehmen konnten. Viele Tote schlummern auf dem Grund der Ostsee und dem Fehmarnsund. Das Geheimnis um Ihr Ableben haben die meisten mit in die Tiefe genommen. Auch die Leiche, welche in den Fuß der Fehmarn-Sund-Brücke einbetoniert sein soll, kann niemandem verraten, warum sie dort und nicht auf dem hübschen Landkirchener Friedhof schlummert. Seit Paul mir diese Geschichte erzählte, weigere ich mich unsere Laufrunde mit einem Sprint unter der Brücke hindurch zu beenden. Die Brücke ist freilich imposant. Als die Tage länger und milder wurden, zeigte Paul mir den kleinen Trampelpfad entlang der mächtigen Betonfüße des Bauwerks. Über uns die Karawane der Lkw, die sich aus dem Bauch der Fähren über die Insel in Richtung Festland schieben. Ein höllischer Lärm, der sich die Stahlkonstruktion hinunter in die Ohren schleicht. Rechts erhebt sich der gigantische Betonfuß und links giert der saugende, schmatzende, alles mit sich reißende Strudel des Meeres. Die Strömung unter der Brücke ist gigantisch. Den Trampelpfad unter der Brücke hindurch zu laufen ist eigentlich spannend und abwechslungsreich. Seitdem ich um das Geheimnis der Brücke weiß, schießen mir mit nahender Unterquerung eisige Schauer über den Rücken. Ich hab Paul einen Deal vorgeschlagen, von dem ich hoffe, dass er auf ewig hält. Ich begleite ihn zweimal brav auf unserer Runde. Die letzten Kilometer renne ich schon vor und wärme die Butze an. Im Sommer muss ich dann bestimmt dringend den Grill anschmeißen, Rasen mähen oder Unkraut jäten. Alles erscheint mir lieblicher und süßer, verlockender, als an einbetonierten Geheimnisträgern vorbei zu traben.
Dass der Frühling das Festland in seinen Zauber gehüllt hat, merken wir auf unserer Insel nur daran, dass jeden Freitag die Zahl der Campingbusse auf den Straßen zunimmt. Langsam und behäbig trödeln sie an der Windmühle entlang in Richtung Stellplatz für die Nacht. Zwischendrin tummeln sich fröhlich die Kleinwagen und Kombis der Wochenendfrischler. Allesamt schauen sie rechts und links und nach oben. Geradeaus auf den Verkehr achten sie kaum. Das Vorankommen vom Süden der Insel in den Norden wird etwas langwieriger und erfordert manchmal Geduld.
„Du musst entspannter werden.“ Ist Pauls liebster Spruch, wenn meine Finger erneut in Richtung Hupe fahren wollen, um den Trödler vor mir schneller um die in 500 Metern beginnende Kurve zu bringen.
„Warum muss ich entspannter werden?“
„Weil das hier noch nicht einmal der Anfang dessen ist, was Dich im Sommer erwartet. Im Sommer staut sich der Verkehr schon vor der Brücke. Einkaufen wirst Du in den frühen Morgenstunden, kurz nach 07.00, wenn die Urlauber noch in den Betten liegen und von einem Tag am Strand träumen. Bei gutem Wetter kannst Du eventuell auch nachmittags einkaufen fahren, aber hüte Dich davor an Tagen, die kühler und regnerisch sind Deine Wege nach Burg zu lenken. Die Stadt quillt an solchen Tagen fröhlich über, die Straßen sind verstopft. Alles ist infernal zugeparkt. Die Menschen strömen in einem Strom nicht versiegenden Strom durch die Hauptstraße. Auf der einen Seite laufen Sie die Stadt hinauf, auf der anderen fließt der Strom der Passanten die Stadt wieder hinunter. Dann hast Du die Großstadt hier auf der Insel. Flucht ist nur möglich, wenn Du Deinen Garten nicht verlässt. Es herrscht Ausnahmezustand. Und damit Dein Herz und Deine Nerven keinen Schaden nehmen im Sommer, solltest Du langsam anfangen Gelassenheit zu trainieren.“
Wir haben die Fahrräder für uns entdeckt. Auf einsamen Wegen umrunden wir die Bucht, bestaunen den in Restauration befindlichen Leuchtturm und ärgern uns, dass die Touristen zwar tropfenweise hier ankommen, aber die Hofcafés das einfach ignorieren. Nach 30 Kilometern und mit wunden Hintern stehen wir vor verschlossenen Türen. Das hätte selbst Paul nicht erwartet. Saisonbeginn ist Ostern. Den Inhabern der Landgasthöfe ist dieses Datum mit der Muttermilch eingeimpft worden und sie interessieren sich nicht dafür, dass es bis Ostern noch Wochen dauert in diesem Jahr.
Es ist einsam hier in den Dörfern des Inselinneren. Friedlich putzen sich die Enten am Dorfteich das Gefieder. Auf den Straßen treffen wir keinen Menschen und das, obwohl die Sonne mit unserem Lachen um die Wette strahlt. Kaum ein Lüftchen regt sich. Die aufgewärmte Erde duftet nach Frühling, Sommer, draußen und barfuß über den Strand laufen. Paul bemerkt, dass er gerne nach Hause radeln möchte.
„Wir sind jetzt schon den halben Nachmittag unterwegs und mir tut der Hintern weh.“
Tut mir meiner auch, denke ich. Ich habe trotzdem keine Lust umzudrehen. Mich hat die Landschaft gefangen genommen. Kein Mensch weit und breit, nur Paul und ich, der Deich, das Meer und zwei Schwäne, die sich just in diesem Moment majestätisch in den Himmel schwingen.
„Nicht weit von hier soll der spektakulärste Wellenspot der Insel sein. Lass uns dort entlang fahren und danach nach Hause. Ich will mir den Strand unbedingt mal anschauen.“
Paul rollt die Augen und stöhnt mit einem wehen Blick in Richtung seines bezaubernden Hinterteils auf.
„Das ist ein Umweg von mehr als 10 Kilometern.“
„Ach komm, bitte! Heut ist kein Wind und wir fahren auch nicht mehr so viel auf dem aufgeweichten Deich.“
„Darf ich mir was wünschen, wenn ich nachgebe?“ fragt Paul.
„Klar darfst Du.“
„Heute Abend will ich keinen Tatort schauen.“
Schnell überschlage ich im Kopf, welcher Tatortkommissar am heutigen Sonntag an der Reihe ist. Jan-Joseph Liefers als durchgeknallter Pathologie ist es nicht, also stimme ich, nicht ganz ohne Murren, aber weniger als normal, zu.
„Ok, aber CSI gibt es dann auch nicht.“
„Klar, ich habe einen Film auserkoren, der uns beiden die sonntägliche Entspannung bescheren wird.“ tönt mein Held.
„Abgemacht.“ willige ich in den Pakt ein. Nicht ahnend das ich am Abend schmollend den Spiegel von vorne bis hinten durchlesen würde. Pauls Wahl, entpuppte sich zwar als Versuch eines Kompromisses zwischen CSI und Inga Lindström beziehungsweise Tatortromantik, allerdings auch als sehr schlechte Wahl. Der Trailer, den er wenige Tage zuvor schaute, war augenscheinlich eine Ansammlung der besten Szenen des Filmes. Der Rest förderte unsere auf der Tour über die Insel erarbeitete Müdigkeit ziemlich stark.
Wir treten weiter in die Pedalen. Kurz darauf reiße ich in Altenteil die Schuhe und Strümpfe von den Füßen und tauche sie quietschend in eiskaltes Ostseewasser. Ein traumhafter Strand öffnet sich für unsere Augen, traumhaft und weit. Weiter als alle anderen Strände auf der Insel, das Wasser kristallklar. Fröhlich plätschern kleine Wellen an das Ufer. Ja! Ich denke die Einheimischen spinnen mich nicht an, wenn Sie mir für diesen Ort perfekte Wellensessions prophezeien.
Wir sitzen Rücken an Rücken in den Dünen, spinnen Geschichten und lachen.
Viel zu spät treten wir den Rückweg an. Graue Wolkenschleier quellen über den Horizont, Nebel zieht auf. Der Kurzbesuch des Frühlings scheint sich dem Ende zu neigen. Jetzt hocke ich im fast fertigen Arbeits- und Gästezimmer, spinne Gedanken in den Nebel vor dem Fenster. Ich checke einletztes Mal die Vorhersagen der Wetterdienste für die kommenden Tage. Oststurm kündigt sich an. Der erste Oststurm des Jahres, der ohne Schnee und eis über das Land rollen wird. Ich schalte das Licht aus und freu mich drauf.
Mar 17, 2011 @ 10:48:19
…herrlich!!! Ich muß auch dringend mal wieder ans Meer!!! Und ich bin mit Pausl Filmwahl einverstanden!!!
Laß den Kopf nicht hängen, der Frühling kommt bald wieder und nimmtden Nebel mit all seinen grauen Ankündigungen wieder mit!
Mai 13, 2011 @ 13:50:33
Ihr seid ja sooooooooo süß ! Viele Grüße an Paul
))) !
Mai 18, 2011 @ 18:06:33
Grüße sind ausgerichtet- DANKE!