Das Leben auf dieser Insel ist turbulent und es folgt seinen eigenen Regeln.
Nicht nur das die Handwerker morgens um acht unangekündigt vor der Tür stehen, nur um festzustellen das sie doch nicht bestellt waren. Auch an den regelmäßig vor dem Schlafzimmerfenster arbeitenden Bagger habe ich mich gewöhnt. Ich habe meine eigene Theorie dafür entwickelt. Die Elektriker, Erdlochausheber, Baumeister und Baggerführer wissen halt, dass mein Kaffee köstlich schmeckt und die Kekse auf der Zunge einen angenehmen Geschmack hinterlassen. Bevor sie nun in das Inselarbeitsleben eintauchen schauen sie bei mir zu Hause nach dem Rechten und stauben heißes, Lebensgeister in die Adern einflößendes Gebräu samt dazugehöriger Flüssigkeit ab. Es gibt ja auch immer was zu tun. Die Klingel streikt hin und wieder. Die Abwasserleitung mault und der Gasherd verweigert auf einer Flamme seinen Dienst. Da muss auf jeden Fall die Gasversorgung gecheckt werden und die Möglichkeit eines Herdtausches untersucht. Arbeiten finden sich immer. Nachdem die Herren sich mit Kaffee gestärkt haben, ziehen sie wieder los. Meist bin ich dann putzmunter, und da Paul viel beschäftigt und oft unterwegs ist derzeit, kann ich mich auf meine dringend zu bearbeitenden Projekte stürzen.
Der Winter war lang und an einem dieser weinseligen Kaminabende kam unserem Freund Tom und mir die Idee, dass diese Insel durchaus ein Surfevent verkraften könnte. Nicht nur könnte, wir waren an jenem stürmischen Abend der felsenfesten Überzeugung, dass diese Insel ganz dringend eines Surfevents bedarf. Es kann ja nicht sein, das jedes Wochenende Heerscharen von großstadtflüchtigen Wassersportlern hier einfallen, und abends ohne Contest, Lifestyle am Beach, gute Musik und fette Party wieder über die Brücke in Richtung Lärm und Trubel entschwinden. Wir müssten den armen lärmgeplagten Großstädtern ein fettes Wochenende Auszeit bieten und mit diesem Event dann innerhalb kürzester Zeit Kultstatus erreichen. Der rentnerlastige Besucherstrom würde munter und erfrischend durchmischt werden, was allen zugutekäme. Uns, die wir den Winter über eine weitere lustige Freizeitbeschäftigung hätten, den hübschen Surfern, die sich auf ein Wochenende unter freiem Himmel, mit Party und Rock’n roll freuen und die Rentner, die den hübschen jungen Surfern zu- und auf den Hintern schauen dürften.
Anfangs ein Hirngespinst, eine lustige Idee, ist das Event inzwischen ein fester Termin. Und ich habe weiteren Einblick in die Funktion des Insellebens erhalten. Jedes Mal, wenn der umtriebige Tom bei Paul und mir zum Abendessen saß, wartete er mit neuen Ideen auf. “Komm, lass uns einen High Jump Contest machen und lass uns eine Band einladen und einen angesagten DJ. Ich kenn da beim Fernsehen jemanden, der kommt gerne für eine Party hier in den Norden und dreht ein Filmchen über unser Surfevent.”

Jedes Mal wenn Tom sich meine Pasta in den leeren Magen schaufelte, entgegnete ich mit dem grossstadtgeprägten ‘Wenn und Aber’ und ‘Können wir nicht machen, geht nicht.’ Immer wieder fielen mir Einwände ein. Tom wischte stets alle Argumente mit einer ausladenden Geste vom Tresen:  ” Laß mich mal machen. Ich kenn den Larsson, den mit dem Imbiss am Strand, der macht für uns die Verköstigung. Der Larsson ist mit dem Fiete von der Stadt verwandt- ich glaube seine Schwägerin ist die Nichte vom  Bruder des Cousins vom Fiete . Also bei der Stadt haben wir morgen einen Termin.”

“Mann Tom! wir haben noch nicht mal ein Konzept für ein solches Event. Und Du machst gleich einen Termin bei der Stadt.”

Tom schob mir einen Ordner zu. Noch an der Pasta kauend, deutete er mit dem Kopf drauf und nuschelte: “Konzept.”

Paul und ich sahen uns fragend an. “Wie jetzt? Wir haben letzte Woche diese verrückte Idee von einem Surffestival auf dieser Insel gehabt und Du schlägst heut Abend mit sämtlichen wichtigen Connections in die Stadtverwaltung und einem Konzept auf?”

“Joar is halt Winter, nich? Die Tage sind kühl, die Nächte frostig kalt und ich hab es nicht so kuschlig vorm Kamin, wie ihr zwei Turteltauben. Ich schreib Konzepte zum warmwerden.” Zuerst prustete Paul los, dann verschluckte ich mich am Wein.

Tom ist schon speziell und klug! Ich schlug das Konzept auf und stellte fest, das Tom an alles, wirklich an alles gedacht hatte. Von der Aquuirierung potentieller Sponsoren, über die Akkreditierung und Einschreibung bei den Contests bis hin zu Müllentsorgung und Catering für die DLRG. Vor uns lag ein bis ins kleinste Detail sorgfältig ausgearbeitetes Konzept.

“Krass!” Mehr kam mir so spontan nicht über die Lippen. Tom stand auf wischte sich den Mund, hängte sich lässig über Paul und meine Schulter. “Tja ich werd dann mal los ihr beiden. Danke für das leckere Essen, den Wein vorm Kamin trinken wir nächste Woche, ich habe nämlich noch eine Verabredung mit den Jungs von der DLRG. Die trainieren Mittwochs immer und trinken hinterher ein Bier und wenn die bei unserem Event auf dem Wasser die Surfer sichern sollen, dann muß ich mit denen heute Abend mal trinken gehen- nich?”

Paul grinste fett. In meinen Augen, auf der Nase und den Wangen kämpften Millionen von Fragezeichen um eine Pool-Position. “Du schickst mich eine Woche vor dem Termin in den April oder? Nur weil Du mit der DLRG ein Bier zischst kommen die doch nicht freiwillig ein ganzes Wochenende und helfen uns?”

“Tom verarscht Dich nicht. Tom erzählt Dir gerade nur, wie das hier auf der Insel funktioniert.” mischte Paul sich in den Wortwechsel ein und er grinste so breit dabei, das ich kurzfristig um Argumente verlegen war.

“Kleine, das ist hier so. Kennst Du einen, kennst Du alle und beim Bier und einem Fischergeist wird hier noch immer die beste Politik gemacht.” setzte Tom wieder an.

Tom warf einen Blick auf seine Uhr. “Ich muss jetzt wirklich los. Ich ruf Dich morgen an. Ich denke wir treffen uns zum Frühstück in der Stadt. Danach können wir dann den Ratsherren unsere Aufwartung machen und nachmittags geben wir dann die Eventplakate in Auftrag und den Termin für unser Festival öffentlich bekannt.”

Tom umarmte Paul und mich, gab mir einen aufmunternden Klapps,schwang sich auf sein Rad. Innerhalb von Sekunden hatte die Dämmerung ihn verschluckt. Wie immer fuhr er ohne Licht.

“Irgendwann fahren sie ihn hier noch über den Haufen. Auf dieser Insel fährt doch jeder betrunken, wenn er aus der Kneipe nach Hause will.”

“Quatsch.!” entgegnete Paul, “Auch das ist ein Inseleigenes Gesetz. Trink nur soviel Fischergeist, das Du Deiner Karre noch einigermaßen stolperfrei ein ‘Ich hab Dich lieb und Du kennst ja den Weg’ zuraunen kannst, bevor Du den Zündschlüssel nach rechts drehst. Die Menschen hier kennen jeden Stein auf ihren Strassen, jedes Schlagloch und jeden gefährlichen Baum an der Strasse, Tom passiert schon nichts. Und jetzt genehmigen wir zwei Hübschen uns ein gutes Glas Rotwein vor dem Kamin. Ich seh Dich viel zu selten in den letzten Tagen. Erst die Angst um Deinen Vater und dann kommst Du mit dem Wind zurück und pendelst nur noch zwischen Deiner ersten Liebe dem Meer und der Arbeit. Heute abend habe ich Dich für mich alleine, das will ich geniessen.”

Grinsend schließe ich die Tür. “Ja ich glaube Du hast recht. Der Frühling kommt, die Saison naht. Ich werde unruhig.”

Die folgenden Tage sind gefüllt mit viel Telefoniererei, Arbeit und Schreiberei. Tom koordiniert, ich vertexte seine Ideen und nicke ab. Bei der Stadtverwaltung machen wir einen Genehmigungsdurchmarsch, der seinesgleichen sucht. Die Tourismusbehörde erklärt uns: “Ach von kiten haben wir auch schon gehört. Das ist ja super, das Ihr hier was für die jungen Leute tut. Kein Problem das ihr ein Event da am Strand macht. Hauptsache hinterher ist alles wieder sauber.” Ich gebe auf, mich zu wundern. Mit dem Texten bin ich ohnehin gut ausgelastet. Tom dreht auf und kommt mit immer mehr Ideen.

Ich bin fasziniert von seinem Mut. Aus meiner Hamburger Zeit weiß ich, das der Worldcup drüben an der Nordsee ein Jahr Vorlauf und Planung verlangt, auch die deutschen Meisterschaften, beginnen ihre Planungen für die kommende Saison noch während die aktuelle Tour läuft. Tom hingegen pfeift sich eine Flasche besten Rotwein hinter und organisiert, nach Geburt seiner Idee, innerhalb von zwei Wochen ein Festival. Er überzeugt sogar meinen Sponsor als Schiedsrichter zu fungieren und höchstselbst hier auf der Insel zu erscheinen.

Irgendwann in der ganzen Planerei schleppt Paul mich in die Therme. Herrlich so asuzuspannen mit Blick auf die Ostsee. Bei sanften Klängen entrücke ich einen lieblichen Nachmittag weg von Funkgeräte ordern, Schnaps für den Bootsvermieter besorgen und der Sorge um meinen noch immer im Krankenhaus, wenn auch genesenden Herrn Papa.

Wieder zu Hause am Schreibtisch holt mich die Inselexistenz in Form eines Paketzustellers wieder ein.

Da die neue Saison in Form neuer Kiteboards vor der Tür und im Schuppen  steht, habe ich, wenn auch sehr schweren Herzens, mein so innig geliebtes Mädchenboard verkauft. In diesem Jahr setze ich auf eine neue Boardmarke und die auf die indigenen, Geschichten von Krokodilen erzählenden, Ureinwohner des Landes mit den Kiwi. Und da Sponsoren es nun wirklich nicht gerne sehen, wenn neben ihren ‘Schnittchen’ noch andere gefahren werden, muss das Brett mit den Blümchen und Rüschen und dem Glitzer, denen mit gefrässigen Kroks drauf weichen.

Da sitze ich nun vor meinem Apple und tippe zögerlich alle erforderlichen Liefer- und Versanddaten in das Onlinebestellformular ein.

Nachdem ich ‘Senden’ gedrückt habe, begrüsst mich der freundliche Server des Paketdienstes fröhlich in stylischem Rot blinkend: “Eine Onlineorder für Versandaufträge von und nach Inseln, können wir leider nicht annehmen. Bitte kontaktieren Sie unseren Kundenservice.”

Das hatte ich ja lange nicht mehr sind meine Gedanken auf dem Weg zum Telefon. Bevor ich wähle zögere ich, zu gut ist mir Anmeldung meines Telefonanschlusses noch im Gedächtnis. Hilft aber nichts. Kiteboards mit der deutschen Post versenden, führt einfach allzu oft zum Totalschaden oder Komplettverlust.

Wie erwartet ist mein Erstkontakt mit dem Kundenservice der Sprachcomputer. Diese Firma weist mir erfreulicherweise nach nur dreimaligem Tastendrücken und Eingabe der Kundennummer  den nächsten freien Beraterplatz zu. Mich empfängt eine Dame mit nettem Akzent. Lasziv haucht sie die Worte ‘was kann ich für sie tun?’ in den Hörer. Wenn ich es nicht wüsste ich würde vermuten mich verwählt zu haben. Kurz schildere ich ihr das ich von Fehmarn etwas versenden möchte und das online nicht in die Wege leiten darf.

“Ja da haben Sie recht, das geht nicht. Wir haben besondere Bedingungen für die Inseln und erheben Zuschläge für die Überfahrt.”

“Aber wir haben eine Brücke an unserer Insel dran.” wende ich ein.

“Nun ja, ich muss nachschauen was der Spediteur für die Überfahrt verlangt.”

“Aber die Brücke- da fahren auch Autos drüber, jeden Tag und im Sommer Blechlawinen. Nur bei ganz schlimmen Sturm, darf niemand auf die Brücke fahren.Aber das dauert meistens nicht sehr lange. Und die Brücke kostet nichts. Die ist vom Steuerzahler für uns Inselmenschen bezahlt und finanziert.”

“Ja also- der Spediteur erhebt keinen Zuschlag. da können sie sich freuen.”

Artig dringt mein ‘Danke’ nach außen, innerlich bin ich schwer bemüht, Pauls verordnete Ruhebewahrung und Entschleunigung in diesen Situation einzuleiten.

“Nun, dann fangen wir mal an. Was wollen Sie versenden?”

“Ein Boardpaket.”

“Snowboard oder Skateboard.?”

“Kiteboard.”

“Hmmm, kenne ich nicht, wie lang, wie breit , wie schwer?” Auf meine Antwort folgt ein:”Dann ist das ein normaler Paketversand. Geben Sie mir jetzt die Anschrift, wo das Paket abgeholt werden soll. Erst die Strasse, dann die Postleitzahl und dann den Ort- bitte.”

“Westermarkelsdorf…”

“Nein, nein” unterbricht mich die akzentbetonte Stimme “nicht  den Ort, ich brauche die Strasse- bitte.”

“Hmmm- das ist die Strasse. Hier auf der Insel ist die Strasse der Ortsteil und dann eventuell die Hausnummer, da hier aber jeder jeden kennt haben die Insulaner irgendwann diese komischen Nummern abgeschafft. Die wären eh nur für Google und Street views interessant, behaupten sie.”

“Bitteschön- die Strasse.”

“Westermarkelsdorf.”

“Gut- und die Nummer?” das wird kein schöner Nachmittag für die Tante am anderen Ende, das weiß ich jetzt schon. Trotzdem antworte ich mit fester Stimme: “Ähmm gibt es doch nicht. Schreiben Sie Leuchtturm, das findet der Spediteur. Und wenn nicht, dann muß er nur bei Finn im Dorfkrug fragen, der zeigt ihm den Weg.”

“Sagen Sie mal, wollen Sie mich in den April schicken.?”

Oh Gott- nein bitte, bitte nicht auflegen und böse werden jetzt. Liebe Kundencenterdame mit der bezaubernden Stimme und dem erstaunlich hübschen Akzent. Ich schicke ein Stoßgebet in den Himmel.

“Nein. Sie können das vielleicht nicht verstehen. aber diese Insel hat zwar eine Brücke, aber trotzdem ist es eine kleine Insel im Norden. Ich will sie nicht auf den Arm nehmen. Ich will nur, das am Dienstag ihr Spediteur mein Board, welches ich wirklich schweren Herzens weggebe, hier am Leuchtturm abholt und es in den Westen des Landes verfrachtet. Dort soll es zum Geburtstag der Freundin des Käufers pünktlich auf dem Gabentisch liegen. Ich veralbere Sie nicht. Bitte.”

“Gut, dann gebe ich Hausnummer ’0′ ein.”

Strike- die Mitleidstour zieht doch immer wieder. Miss ‘fühlt sich schnell veralbert’ nimmt alle restlichen Daten auf und entlässt mich. Auf die Befragung zur Kundenfreundlichkeit im Anschluss des Telefonates verzichte ich.

Paul kommt ölverschmiert um die Ecke und winkt mich nach draußen.

“Was ist passiert? Hat die Klärgrube Dich gebeten einmal hinabzusteigen , um nach dem Rechten zu sehen? Du siehst aus wie die Kids aus der Werbung für den Reiniger, der Quasi alles alleine wieder entdreckt.”

Mein Traumtyp grinst mich an, stupst meine Nase. Ich werde sanft vor den Schuppen geschoben.

“Voila.” Paul präsentiert mir mein geliebtes Rad Fridolin. Das Chrom meines Flitzers glänzt. Und an der Seite ist endlich die Halterung für das an den Strand zu transportierende Kiteboard angebracht.

“Mensch Paul! Ich war fast verzweifelt an dieser amerikanisch durchdachten Version des Surfbordtransportmittels für Cruiser und Fridoline. Und Du schaffst das an einem Nachmittag. Danke!Echt!”

“Ja- ich habe mich mal mit Deinem Fridolin unterhalten, quasi von Mann zu Mann und dann hat er eingesehen, das es besser ist Dir deinen Wunsch zu gewähren, als Deinen Dickkopf zu ertragen.”

Grinsend drück ich Pauls ölverschmierte Nase an meinen weißen Hoodie. “Komm- ich mach Dir eine fette Pasta. Die hast Du Dir verdient.”