Die Wochen ziehen ins Land. Inzwischen sind die Tage wunderbar lang. Sanft und weich umschmeichelt die Dämmerung meine Insel. Da es seit Wochen nicht regnet und keine Wolke den Himmel schmückt, erleben wir jeden Abend einen kitschigen und trotzdem oder gerade deshalb wunderschönen Sonnenuntergang über dem Meer. Vergessen sind die nebelverhangenen Tage im Januar, der Schnee vom Februar, nur blass hängen mir die Erinnerungen an den Frost und die Massen an weißer Pracht vor dem Haus im Kopf. Endlich ist der Frühling angekommen. Wie mir Paul erklärt, mit der obligatorischen zweiwöchigen Verspätung zum Festland. Wenn der Raps vor der Brücke schon wieder verblüht, erstrahlen die Felder auf der Insel in überladenem Gelb.
Überhaupt sind die Farben hier im Frühjahr jetzt so viel klarer, satter, reiner als noch vor wenigen Wochen. So als wollten sie uns alle für die trüben und kurzen Tage entschädigen. Ich sitze oft auf unserer Terrasse und starre auf das Meer. Ab und an blitzen weiße Segel am Horizont, berichten von wilden Meeresabenteuern und locken mit Freiheit, Lachen und Weite. Fernsehen interessiert mich nicht, das Radio läuft maximal im Auto. Hier im Norden tickt die Uhr des täglichen Lebens nicht nur langsamer, sie tanzt auch nach ihrem eigenen Rhythmus.
Vorbei die rastlosen Tage in der Großstadt, an denen ich morgens nicht aus dem Bett kam, weil mich der Lärm vor der Tür erschreckte. Vorbei das Gehetze und Gehupe am Autobahnring, wenn ich mit dem Fahrrad in die Innenstadt fuhr. Vorbei die stressigen Nachmittage, prall gefüllt mit Terminen. Hier im Norden bestimmen der Sonnenaufgang, die Vögel im Garten, der Wind, Paul und die Schreiberei mein Leben. Bin ich nicht auf dem Wasser und reicht der Wind weder für den Katamaran noch für den Kite, dann erkunden Paul und ich mit den Fahrrädern die Insel. Es gibt so viele und wunderbar verschwiegene Orte hier. Einsame Gehöfte inmitten von weiten Feldern, kleine Fischerhäuschen am Sund verzaubern uns. Ich lasse mich gefangen nehmen von ihrem Liebreiz und träume davon, irgendwann einmal selbst ein solches Häuschen zu besitzen und den Garten im Frühling auf Vordermann zu bringen. Vorbei die Zeit als angesagte Klamotten wichtig und schick waren, vorbei die Zeiten in denen mir ein Leben auf dem Land wie Verbannung erschien.
Ich lebe, ich liebe und ich genieße – jeden Tag vom ersten Sonnenstrahl, der meine Nase kitzelt bis zum letzten glutroten Schimmer, welcher über dem Sund schwebt.
Das Telefon holt mich aus den Träumen in die Welt zurück.
„Hallo?“
„Huhu.“ trällert es aus der Leitung „Hier spricht Deine liebe Grossstadtnasige Freundin.“
„Hey Emma. Von Dir habe ich ja ewig nichts mehr gehört.“
Noch vor Jahren galten Emma und ich als unzertrennlich. Als ich das Kitesurfen für mich entdeckte, trugen mich meine Pläne an den Wochenenden ans Meer anstatt in die hippen Clubs der City. Emma sah ich das letzte Mal, als der erste Paul Deutschland verließ und sie mich tröstend in den Arm nahm.
„Ja stell Dir vor. Ich habe dieses Jahr den Entschluss gefasst, dass ich auch unbedingt das Kiten lernen will. Es ist ein so dynamischer und befreiender Sport. In den Medien siehst Du überall diese Typen, wie sie durch die Luft wirbeln. Ich will das auch können. Und da Du ja so schön auf dieser Insel hockst, dachte ich mir, ich bring Dir ein bisschen kosmopolitischen Flair in Deine Hütte und komme Dich im Mai ein paar Tage besuchen.“
Jetzt weiß ich, was meine Mutter bei ihrem Besuch zu Paul und mir meinte, als sie zum Abschied sagte: „Ihr werdet Euch bald nach Euren einsamen Abenden vor dem Kamin sehnen. Wenn der Sommer kommt, wird jede Woche ein alter Freund auftauchen, der Euch so lange vermisst hat und Euch gerne besuchen möchte.“ Ich hatte den Satz meiner Mutter mit einem müden Handschlag abgetan und sie mit den Worten verabschiedet: „Mach Dir mal keine Sorgen, so schlimm wird das schon nicht. Die plattgedrückte Insel mit der Brücke ist schließlich nicht das trendige Sylt und schon gar nicht das weitläufige Sankt Peter Ording.“
Just in diesem Moment, als mir meine alte Freundin Emma, die vor wenigen Jahren noch mit entschuldigenden Worten, wie zu kalt, zu viel Regen, zu langweilig meine Einladungen, mich ans Meer zu begleiten ablehnte, eröffnet, dass sie nun auch gewillt ist Trendsetter und Extremsportler zu werden, fallen mir Mamas wohlweise Worte wieder ein.
„Wie lange willst Du denn bleiben und wann willst Du kommen?“
Emma antwortet in ihrem fröhlichen, wohl akzentuierten Plauderton: „Ich dachte an übermorgen und dann über die Feiertage.“
Die Osterferien und den Frühlingsbeginn verlebten Paul und ich in munterer Gesellschaft. Die Freunde kamen und gingen. Das Gehen bezeichneten wir irgendwann als Bettenwechsel im Schlösschen, da uns meist nur ein Nachmittag zum Putzen und der anschließende Abend zu zweit vergönnt war. Es waren lustige Tage, die ich wirklich genoss mit meinen lieben, alten Freunden. Paul hat es ertragen. Ob er sich wirklich wohl in seiner Inselhaut fühlte, vermute ich. Wir hatten viel Spaß und viel gelacht. Geschlafen haben wir weniger, aber wir sagten uns immer, dass wir das Defizit spätestens im Winter würden ausgleichen können. Es waren allerdings auch anstrengende Tage. denn nicht nur unser bescheidenes Heim war voll mit Feriengästen. Die ganze Insel war es auch. Ich musste mich daran erst gewöhnen. Nach den langen Monaten des Winters, in denen ich auf manchen Streifzügen durch die Gegend nicht einer Menschenseele begegnete, fand ich mich eines sonnigen Samstagmittag mitten in einem Stau in Richtung Supermarkt wieder. Ich wollte nur schnell ein bisschen Grillfleisch für den Abend besorgen. Noch vor der Inselhauptstadt erwartete mich eine stinkende Blechlawine. Im Supermarkt angekommen, sah ich alle Kassen geöffnet. Vor den Kassen lange Schlangen, die sich mal hier hin und mal dorthin bewegten. Warten ist anstrengend im Urlaub, das glaube ich gerne. Besonders wenn die Sonne draußen blitzt und lacht. Die Kassiererin erkannte mich und ich erlebte erstmalig das Privileg eines Insulaners in den Ferien. Einer freundlichen Begrüßung, folgten die Frage nach meinem Befinden und der Wunsch für ein erholsames Wochenende. Die Touristen vor und hinter mir kamen über ein ‘Bitte’ und ‘Danke’ der Angestellten nicht hinaus. Schnell packte ich mein Grillfleisch ein und verabschiedete mich vom Trubel des Inselzentrums. In den Augenwinkeln sah ich eine breite Menschenmasse das Einkaufszentrum entlang wälzen. Wieder zu Hause und etwas genervt, berichtete ich Paul vom Trubel in der Stadt. „Steht irgendein Weltuntergang oder eine Invasion bevor? Die Leute sind ja wie verrückt und es ist brechend voll überall. Ich komme mir vor wie auf dem Festland beim Shoppen vor Weihnachten.“
Paul grinst mich an. „Mein Liebling- es ist Ostern. Und Ostern ist neben Pfingsten und den Sommerferien der Härtefall hier auf der Insel. Ohne ein paar Regeln und flotte Sprüche, die ich Dir bei Gelegenheit erkläre, wirst Du dich nach Hamburg eher zurücksehnen als Dir lieb ist.“
Ich tauche aus meinen Erinnerungen auf und in Emmas Geplauder wieder ein.
„Ja und dann hat dieser gutaussehende Typ mir seine Telefonnummer gegeben und mich eingeladen ihn auf Sylt in seinem Ferienhaus zu besuchen. Und wir würden dann gemeinsam kiten gehen.“
Dachte ich es mir doch.
‘Und da ist Dir Deine alte surfende Meerbraut auf der Insel eingefallen, die nicht nur eine preisgünstige Schlafstatt für Dich hat, sondern Dir das kiten auch noch gleich beibringen wird.’ denke ich leise in Emmas Worte hinein. ‘Ein Typ steckt also hinter der plötzlichen Sport- und Surfbegeisterung Emmas. Es wäre auch nicht anderes zu erwarten gewesen. Emma- ewiger Single, ewig suchende Traumbraut, immer mit dem rechten schlechten Händchen für den Prinzen in ihrem Leben. Bei Emma steckt immer ein Typ hinter aufkommenden Begeisterungsorgien für einst verschmähte Dinge. Irgendwann überwand sie sogar ihren Ekel vor Spinat, weil einer ihrer galanten Verehrer das Zeug tonnenweise in sich rein schaufelte. Genützt hat es Emma damals nicht viel. Ich wünsche Ihr in Gedanken ein bisschen mehr Erfolg bei der Sylter Erfrischung.
„Mensch Emma. Eigentlich wollten Paul und ich mal ein paar Tage Ruhe genießen, bevor ich zum Segeln aufbreche. Aber naja- komm halt hoch. Wir haben uns ja wirklich eine Ewigkeit nicht gesehen. Du kannst mir ein paar Dinge aus Hamburg mitbringen, das passt eigentlich ganz gut.“
Das zumindest hatte ich schnell von meiner Mutter gelernt. Jeden Besuch dazu verdonnern etwas Exklusives aus der Großstadt, als Gastgeschenk im Gepäck mitzuführen. Auf diese Weise hatten Paul und ich immer frische und erlesene Gewürze und Zutaten zum Kochen, immer frischen T-Shirt Nachschub und vor allem massenweise das Lieblingsduschbad in der Nasszelle stehen.
„Klar Emma komm ruhig ein paar Tage auf die Insel. Wir trinken Prosecco im Abendrot und Du erzählst mir von Deinem Typen auf Sylt.“
An jenem Samstag als ich aus der überfüllten Innenstadt zurückkam, zog Paul mich abends, als alle schon schliefen ganz fest in seine Arme und flüsterte mir den ‘Inseligen Sommerfahrplan’ ins Ohr.
„Mein Liebling- so ein Sommer auf der Insel hat, wie das ganze Leben hier, eigene Gesetze. Mit dem Auto in die Innenstadt- no way. Solange es nicht in Strömen gießt, werden alle Besorgungen, die mit Fridolin dem Rad transportiert werden können, damit erledigt. Großeinkäufe erledigst Du am besten morgens um 07.00. Der gemeine Tourist kuschelt dann noch oder schon wieder mit der Frau und Angebeteten. Meide die Hauptstraßen, nimm – auch mit dem Auto- immer den Umweg über die Dörfer. Andernfalls wirst Du dich bald ins Irrenhaus einweisen lassen. Im Sommer mein Liebling wirst Du dich vor alten Bekannten und Freunden, die Dich gerne für ein Bad im Meer besuchen, kaum wehren können. Lerne ‘Nein’ zu sagen, wenn sich der Sandkastengespiele, welcher Dir immer die schönsten Sandkuchenformen klaute, telefonisch anmeldet. Der Sommer ist gespickt mit Touristen, die dumme Fragen stellen. Wenn sie fragen, warum der Sund so wenig Wasser hat, dann antworte darauf, das auf der Insel zu viele Touristen sind und wenn die alle auf einer Seite weilen, die Insel dann kippt und alles Wasser drunter weg fließt. Und wenn die Touristen sich über den Stromausfall aufregen und warum das so häufig passiert, dann antworte das wegen dem Sturm die Insel von der Brücke abgerissen ist und nun im Meer treibt und das Stromkabel eben einfach mit hinterher schwimmt – abgerissen versteht sich. Und wenn die Urlauber dich anschauen, wie ein seltenes Tier im Zoo, wenn Du Dein Haus verlässt, dann werde nicht müde sie anzulächeln und dich darüber zu freuen, dass Du im Herbst hier bleiben kannst und sie nicht.
Restaurantbesuche fallen in den Monaten Juli und August flach. Ostern und Pfingsten gilt das Gleiche. Du willst die halbgare Kost auch gar nicht ausprobieren. Wir zwei Hübschen entern im Oktober das nächste Mal den Griechen am Hafen. Wenn Du auf das Festland fährst, vergewissere Dich das Du nichts vergessen hast. Von der Insel runter bist Du schnell. Die Rückfahrt über die Brücke wird Stunden dauern. Gewöhne Dich an fragende Rentner, an die Landschaft bestaunende, langsam schleichende Autofahrer. Bitte passe auf, wenn Du mit dem Rad unterwegs bist. Und bitte rase nicht über die Dörfer. Urlaubende Fahrradtouristen haben die schreckliche Angewohnheit nebeneinander herzufahren. Schließlich haben sie fast alle ein ganzes Jahr vor lauter Stress nicht miteinander geredet.’
Während ich Emmas Worten lausche fallen Pauls Worte zum Sommerfahrplan wieder ein.
Oh Paul wie recht Du hast. Emma ist Vorzeigetourist und wird unseren Haushalt wohl gehörig durcheinander bringen. Der arme Paul tut mir ein bisschen leid. Wenn Emma mit ihrem Chaos und den Manolo Blanics in unseren vier Wänden einfallen wird. Egal! Paul hält mein Chaos aus- ein Touch Großstadtzicke wird ihn schon nicht aus der Bahn werfen.
„Gut Emma- wir sehen uns in ein paar Tagen. Ich frage unseren Freund Tom, ob er Dir das kiten beibringt. Ich denke das klappt. Noch ist ja keine Hochsaison. Bring Dir aber bitte selbst einen Neoprenanzug mit. Geliehene Anzüge sind nicht sehr angenehm.“
„Klar mache ich. Ich habe mich schon im Surfshop beraten lassen, was ich alles brauche und die wichtigsten Sachen gekauft.“ erwidert meine Freundin.
Ich rolle die Augen, das wird heiter und ich hoffe, neben ihre Oberweite zu bewundern, haben die Jungs im Surfladen Emma davon in Kenntnis gesetzt, wie schlecht die Frisur mitunter beim bodydraggen sitzt.
Eben lege ich den Hörer auf und will mich meinem Krimi widmen, da dreht sich das Türschloss und mein Privatheld kommt heim.
„Hey Schatz, hast Du Hunger?“
„Hmmm- ja, warum fragst Du?“
„Bettenwechsel erträgt sich mit vollem Magen leichter.“
Paul nimmt mich lachend in den Arm. „Ach Kleine, wen beherbergen wir denn dieses Mal? Den Kaffee inhalierenden Martin oder den dauer duschenden und sich über leere Heißwassertanks beschwerenden Dani oder gar die vor Energie überschäumende Katha?“
„Keiner meiner liebenswerten Freunde. Eine alte Bekannte, von der ich seit Jahren nichts hörte. Emma. Emma ist Spezial und gerät immer an die falschen Typen. Jetzt hat sie einen Surfer auf Sylt aufgetan und sich erinnert dass ich hier am Meer lebe. Sie bat mich hierher zu kommen um kiten zu lernen, weil der Typ auf dem Promieiland sie dazu eingeladen hat. Und da Emma gerne für ihre Designerschühchen und Kostümchen Geld übrig hat, schlaucht sie sich mit einer sehr charmanten Art durch die zusätzlich anfallenden Kosten. Sie ist nett und unterhaltsam und ich denke, trotzdem sie Spezial ist, werden wir zwei viel zu lachen haben. Ich habe ihr nämlich Tom als Kitelehrer klar gemacht.“
„Ahja- meine schlaue Freundin. Könnte es sein, dass Du damit beabsichtigst uns beiden mehr Tomfreie Sommerabende zu bescheren?“
Klarer Fall für wohlriechenden Arm. Ich grinse meine Helden an, geb ihm einen Kuss auf die Nase und schenke uns den neu entdeckten Rosé zum Spargel ein.

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