Die Sonne taucht das Gerstenfeld in goldenes Licht. Die Steine der Terrasse sind noch warm vom Tag und verströmen eine angenehme Wärme. Am Horizont ziehen letzte Segler vorbei, auf dem Weg in den schützenden Hafen von Orth. Friedlich schickt der Tag sich an, zu gehen. Blass klettert der fast volle Mond den Horizont empor. Ich sitze hier mit meinem Rotwein und bestaune gedankenverloren das Farbspiel der sich im edlen Gesöff brechenden Sonnenstrahlen.

Vor mir reckt sich der Lavendel in der Abendsonne und verströmt seinen alles einlullenden und betörenden Duft.

Ein halbes Jahr Inselleben ist um und mein Resümee lautet: Volltreffer! Sträubte ich mich anfangs mit jeder Faser meines Körpers gegen den Wechsel, so darf ich mir nun eingestehen: es war  die beste Entscheidung , die je ein Chef für seinen Mitarbeiter getroffen hat. Noch nie war ich so entspannt und glücklich wie gerade jetzt. Einige meiner Freunde behaupten sogar, die Insel hätte darauf gewartet mich glücklich zu machen.

Manchmal scheint es mir, ich wäre erst gestern aus Hamburg weggezogen. An anderen Tagen liegt das unstete Leben zwischen Telefonen, klappernden Computertastaturen, grellem Bürolicht, Autogehupe und Unmengen an Terminen Jahre zurück. Es fehlt mir nicht. Ich habe auch nach sechs Monaten kein Verlangen, in die Shoppingtempel und dunklen UBahnhöfe zurück zu kehren.

Gestern erst fragte mich die Nachbarin aus dem Ferienhaus, welche in der großen Stadt ein Modegeschäft besitzt: ‚Auch nicht um mal neue Klamotten zu kaufen oder ein bisschen Weltstadtflair zu schnuppern wollen sie  an die Elbe fahren?

Ob sie mich und mein Outfit, welches nach einer Surfsession mehr praktisch als in war, kritisch musterte oder die stromernde Katze auf dem Garagendach, vermochte ich nicht einzuordnen.

Grosse weite Welt kommt zu mir dachte ich in die Worte der freundlichen Nachbarin hinein. Morgen nun wird Emma, meine alte Großstadt erfahrene weltwissende Freundin,  für eine Woche bei uns einziehen und hoffentlich nur wenig durcheinanderwirbeln. Das ist ein frommer Wunsch, denn Emma zu Besuch, ist gleichzusetzen mit 100% Vollgas.

Mit dem Aufstehen muss der Kaffee parat stehen. Beim Inhalieren des selbigen werden für gewöhnlich Pläne den Tag umspannend geschmiedet. Diese schmeißen wir dann noch drei oder viermal um, bevor die Dame stundenlang im Badezimmer verschwindet, um sich stadtfein zu machen, wie sie es so schön umschreibt. Das späte Frühstück wird niemals in den eigenen vier Wänden eingenommen, sondern je nach Freizeit im Starbucks oder einem der angesagten Frühstücksokale in Winterhude. Immer dabei das unerlässliche Smartphone, welches den Kontakt zur großen weiten Welt aufrecht erhält. Ich bin wirklich gespannt, wie unentspannt Emma sein wird, wenn sie unsere lahme, windabhängige Internetverbindung erforschen darf.

Ab dem Mittag, an Bürofreien Tagen wird bei Prosecco und Häppchen durch die Shoppingmalls geschlendert und am Abend dann natürlich der angesagte Italiener ums Eck aufgesucht, wo mich schon die Vorspeise finanziell ruinieren würde.

Ich mag Emma. Ihre witzige und unkomplizierte Art verzaubert mich und bringt mich zum Lachen. Ihr Enthusiasmus und der Optimismus, die nach Außen zur Schau getragene Naivität, gelenkt von einem scharfen Verstand, begeistern mich. Nur manchmal ist es anstrengend. Ich hoffe ich werde die Woche komplikationslos überstehen. Schließlich trifft Emmas offenes Wesen auf meinen Dickkopf.

Armer Paul denke ich, der gerade auf die Terrasse tritt um sich mit einem Glas Bier in der Hand zu mir zu gesellen. Hoffentlich nimmt mein Privatheld keinen Schaden bei der Aktion. Manchmal fühle ich mich wie eine Übermutter, wenn ich versuche ihm mein altes Leben häppchenweise und schonend zu offerieren. Paul nimmt die Dinge mit der inseltypischen Gelassenheit. Erstmal schauen, dann urteilen und ablehnen.

‘Na schöne Frau? Worüber sinnierst Du hier vor dem Lavendel oder genießt Du die Ruhe vor dem angekündigten Wirbelsturm namens Emma?’

 

‚ Hmmm- ich denke darüber nach wie ruhig und friedlich mein Leben ist. Noch vor einem Jahr habe ich von Montag bis Freitag irgendwie überlebt, bin von Termin zu Termin gehetzt, habe mir kostenlos Sorgenfalten auf der Stirn eintätowieren lassen und war erst froh, wenn am Freitagnachmittag um 15.00 das Wochenende eingeläutet wurde. Auf der Suche nach Wind habe ich dann die Küsten von West nach Ost und umgekehrt abgegrast, mir ein paar unbezahlbare Kitestunden auf dem Meer gegönnt. Geschlafen habe ich nicht viel, denn die Freunde schrien nach Party im Anschluss an die Wasseraktivitäten. Sonntags bin ich so spät wie nur irgend möglich in meine kleine Wohnung gestolpert, habe mich noch im Einschlafen schon wieder nach dem Meer gesehnt und mich vor dem Montagmorgen und den muffeligen Gesichtern im Büro gefürchtet. Jetzt sitze ich hier und habe alles, was ich mir immer wünschte. Weite, Ruhe, das Meer vor der Nase, Platz und den Luxus von Dir umsorgt zu werden. Mehr geht nicht und ich danke meinem alten Chef, das er im letzten Jahr nicht locker gelassen hat, als er eine Entscheidung meinerseits herbeizwang. Lass uns diesen Abend noch geniessen. Ab morgen, mein Freund, gibt hier die große weite Welt mit Eleganz , News und Stories den Ton an.’

 

‚Na ich denk Du übertreibst ein bisschen meine Schöne. So chaotisch und mondän wird deine Emma hier schon nicht aufschlagen. Schließlich kommt sie her um von Tom surfen zu lernen. Da werden die praktischen Gene auf bei einer hippen Dame ihr Recht einfordern, wenn sie den Koffer packt. Apropos Surfkurs. Hast Du Tom Bescheid gesagt, das er vor dem Unterricht morgen zum Frühstück vorbeikommen soll, damit er Emma gleich mitnehmen kann?’

 

‚Klar habe ich das und Tom freut sich mindestens genauso auf Emmas Besuch, wie Du gespannt auf sie bist.’  Mir fallen meine Tomatenpflanzen ins Auge. Drei Stück habe ich gepflanzt. Eine ist voll und kräftig, die anderen beiden  sehen mickrig und vertrocknet aus.

Wie als errät Paul meine Gedanken antwortet er in meinen sorgenvollen Blick: ‚Immerhin haben wir es versucht mit den roten Früchtchen. Lehmboden ist nun mal nicht jeder Pflanze ihr Ding. Wie gut nur, das wir eine in Mutterboden gesetzt haben. Da wird ja was für einen Salat bei rumkommen. Wann kommt Emma denn eigentlich morgen früh hier an?’

Gute Frage denke ich und proste meinem Traumprinzen zu ‚Naja, sie wollte morgen früh losfahren. Aber morgens ist Emma nicht aus dem Bett zu kriegen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie heute noch anreist. Vorbereitet habe ich mich jedenfalls. Das Gästesofa habe ich aufgebaut und den Prosecco ohne den Emma keinen geselligen Abend beginnt habe ich auch schon kalt gestellt, die Oliven sind gekauft und die fettarmen Snacks stehen bereit.’

‚Wie fettarm? Das schmeckt doch nicht. Fettarm ist wie ein Bummikuss oder Sex vornean, fettarm geht nicht.’ Entrüstet sich Paul. Mein Paul ist ein Phänomen. Selbst nach dem dicksten Steak und der herrlichsten Pasta, überkommt ihn nach nur kurzer Zeit der Drang, noch ein Eis vor dem Kamin zu verzehren. Wo er die ganzen Kalorien lässt, weiß ich nicht. Ich hingegen spüre die Auswirkungen des einvernehmlichen Päärchendasein zunehmend in Form von engsitzenden Hosen und kneifenden Röcken. Sorgenvoll wandert mein Blick in Richtung hausgemachter Speckgürtel.

‚Deine Chips liegen daneben. Du hast doch nicht geglaubt, dass ich Dich mit reduziert und Low und DietCoke quälen werde. Nee mein Schatz, Deine Geschmacksnerven verderbe ich lieber nicht. Ich brauch Dich doch, wenn Du meine neuesten Kreationen in der Küche verkosten darfst. Obwohl ich für mich echt mal die Notbremse anziehen sollte. Eine komplett neue Garderobe wollte ich mir hier auf der Insel nicht unbedingt zulegen müssen. So gut wie ich hier im letzten halben Jahr gegessen habe müsste ich NonStop Kiten gehen, um die Figur zuhalten. Irgendwie ist das mit dem Abnehmen auch nicht mehr so easy wie vor zehn Jahren.’

Ich wage mich auf gefährliches Terrain. Absoluter Beziehungskiller und Flautenmeister  im Pärchenalltag ist die Berührung des Themas ‚Schatz?Findest Du mich zu dick?’ Aber es wäre nicht mein Paul, würde dieser nicht wie immer frech lachen, mir zuprosten und sagen : ‚Dann füttere deinen hübschen Bauch mal mit einem kaloriengetränkten Schluck Rotwein. Wir joggen morgen früh vor dem Frühstück runter an den Strand, springen in die kühlen Fluten, liefern uns ein Rennen die Buhnen entlang und dann ist das mit den kneifenden Hosen auch vergessen. Männer wollen keine knochigen Gestelle, die brauchen was in der Hand das beim Zugreifen nicht zerbricht, glaub mir.’

 

Unser Geplänkel wird unterbrochen. Vor dem Haus hält mit quietschenden Reifen ein Auto. Türen klappen und hektische Schritte  nähern sich über den Kies dem Garten, unterbrochen von anfänglichem Gemurmel, endend in Flüchen und Schimpfwörtern kommt Emma um die Ecke geschossen.

 

‚Hallo Ihr beiden Turteltäubchen. Entschuldigt, das ich schon heute Abend hier einfalle, aber morgens um sechs Uhr aufstehen liegt mir leider noch immer nicht. Also habe ich heute früh Feierabend gemacht, ein Meeting sausen lassen und mich in den Urlaub verdrückt.’

 

Lachend zwinkere ich Paul zu, während ich Emma herzlich umarme.

 

‚Schön das Du da bist. Ich habe mir fast gedacht, das Du heute Abend den langen Weg über die Autobahn nimmst. Früh aufstehen mag ich selbst noch immer nicht. Dabei sind die Sonnenaufgänge hier im Norden fantastisch. Wie war die Fahrt?’

 

Emma fällt  in den Lehnstuhl neben Paul und schmeißt die Pumps von den Füssen. Während sie ihre Zehen massiert antwortet sie: ‚Warum habt Ihr Eure Auffahrt nicht gepflastert, auf dem losen Kies bricht man sich mit solchen Schuhen doch alle Knochen. Ich bin gut durchgekommen und hab echt Gas gegeben. Irgendwie konnte ich es kaum erwarten aus der Stadt raus zukommen. Immer dieses Gehetze von einem Termin zum Anderen. Ich glaube ich werde alt- mir geht das alles langsam auf die Nerven.’

 

So ist Emma. Missstände werden aufs Tablett geworfen. Diskussionen darüber lohnen selten. Trotzdem bin ich erstaunt. Emma mit angezogener Handbremse, der die Stadt auf die Nerven geht, ist nicht die Emma die ich kenne. Ich hätte eher ein: ‘Ja hier bin ich, wo nehmen wir denn heute unseren Willkommensprosecco ein? Muss ich dafür noch umziehen? Ja warte, Moment, wir können gleich um die Häuser ziehen, ich mach mich nur schnell frisch.’ erwartet.

 Sorgenvoll frage ich: ‘Bist Du krank? Du fliehst aus der Stadt und behauptest sie wäre laut?’

Ach weißt Du’ entgegnet meine verwandelte Freundin: ‚Die Wochenenden bei Lasse auf Sylt, in dieser Ruhe und Stille, bekommen mir einfach wunderbar. Ich bin wie ausgewechselt, schon wenn ich auf den Autozug rolle.’

 

Daher weht also der Wind, der schnittige Surfertyp von der Nordseeinsel scheint ungeheuren Eindruck auf Miss Emma zu machen.

 

‚Und wenn uns doch mal nach Trubel und Szene zumute ist, dann ist die Welt ja auch nicht weit weg, da auf Sylt. Du bist blitzschnell in Kampen oder Westerland, Gosch ist fast rund um die Uhr geöffnet und die besten Sonnenuntergänge genießt Du natürlich am Roten Kliff.’

 

Schmunzelnd schenke ich den Prosecco ein. Paul hat seine Mimik hinter den Gläsern seiner Sonnenbrille versteckt. Ich kann mir denken wie es dahinter gerade ausschaut.

‚Prost Emma, willkommen auf unserer Insel. Ich hoffe Du fühlst Dich wohl und verlebst ein paar unbeschwerte Ferientage. Und für den Fall das Dir langweilig wird empfehle ich einen Marktbesuch oder das Kaufhaus Stolz.’ antwortet Paul nun.

 

Das aufsteigende Lachen in die Schranken zu weisen ist ein bisschen schwierig. Es wird mit Alkohol runtergespült.

Ja Stolz ist perfekt für Studien am lebenden Urlauberobjekt. Selbst an strahlend schönen Sommer- und Strandtagen drängeln sich dort die einkaufslustigen Touristen auf der Suche nach DEM Schnäpchen. Bei Regen und Sturm ist es dort unerträglich voll. Eigentlich sollte man das Etablissement meiden, wenn nur nicht die Post ausgerechnet im Untergeschoss Domizil bezogen hätte. So kann es fast niemand der Insulaner vermeiden, sich durch die hektischen Feriengäste kämpfen zu müssen.

Armer Paul- das wird spannend die kommenden Tage.