‘Die monatliche Niederschlagsausbeute des diesjährigen August lag bei 470% über dem langjährigen Mittel. Sie mögen es vielleicht nicht glauben. Trotz des Dauerregens von oben war der Sommer bis zum jetzigen Zeitpunkt noch immer wärmer, als die Statistiken es von ihm erwarten.’

Pffft- ein Schmarrn! Es hat mindestens eintausend Prozent geregnet und die Temperatur war phasenweise durchaus als sibirisch zu bezeichnen. Der Sommer 2011 war und ist doch ein Witz. Energisch falte ich die Inselzeitung zusammen und lege sie zu den anderen Ausgaben neben den Kamin. Sanft lodert dort das Feuer. Ich greife nach der dampfenden Tasse Tee mit Rum und grinse Paul, der mir wie immer gegenüber sitzt, an.

‘Warum grinst Du denn?’ fragt Paul.

‘Ach- ich habe gerade den Artikel über das Schmuddelwetter im August gelesen und frage mich, ob meine Anwesenheit auf der Insel vielleicht schuld daran ist, das die Touris im August in langen Karawanen fluchtartig die Brücke in Richtung Festland enterten und nicht mehr zurück schauten.”

“Häh?” Pauls Augen werden von Fragezeichen umrahmt. “Warum sollst Du schuld daran sein?”

“Ich weiß nicht. Vielleicht mag die Insel keine Großstadtzicken, die sich hier einnisten. Vielleicht hat sie Angst das ich laut jammernd nach Szenebars und Shoppingtempeln über ihre Wege schreite und alle nerve. Im Winter bricht das totale Schneechaos herein. Ich komme hier an und wühl mich durch die Schneelandschaften hin zu meinem neuen Zuhause. Unerschrocken schließe ich die Tür hinter mir und fange an mich einzurichten. Als Antwort darauf kommen hässliche Winterstürme mit Stromausfällen der besonderen Art. Ich bleibe und freue mich auf mein Leben hier. Die Insel antwortet mit Nebel der undurchdringlichsten Art, wochenlanger Eisblockade auf dem Sund, ewig scheinender NichtKitenKönnenPhasen. Ich fange an lange Romane zu lesen. Geniesse meine Zeit mit Dir und den Winter. Dann kommt der Frühling mit viel zu viel Sonne, verbrannten Gesichtern nach dem Kiten, rauen Händen und frostigen Abenden. Noch immer bin ich glücklich. Also trumpft die Insel auf und will mich mit ewigem Sprühregen, böigen Südwestwinden, immer wieder sich böse entladenden Gewittern verjagen. So ein verrücktes Wetter wie in diesem Sommer gab es ewig nicht. Ich glaube die Insel will das ich aufgebe und begreift leider nicht, das all das Chaos mich immer wieder in der Richtigkeit meiner Entscheidung bestärkt. Schon krass wie einfach und glücklich das Leben hier ist. Morgens entscheide ich eben nicht zwischen den goldfarbenen oder den lila schimmernden Schlappen, sondern greife die Wasserschuhe oder Gummistiefel, schmeiss mich in die gerade erst getrocknete Jeans und stampfe los. Das ist praktisch und da alle hier praktisch gekleidet durch die Gegend tingeln ist es auch unwichtig ob die Haare gekämmt sind oder nicht. Der Wind zupft das alles schon zurecht.”

“Jaja”- entgegnet Paul “Natürlich bist Du schuld, das die Tourismusbranche auf der Insel in diesem Jahr Umsatzeinbussen zu verzeichnen hat. Ich werde das morgen gleich mal der Stadtverwaltung weiterleiten. Regressansprüche bitte an meine zugezogene Freundin.”

Wir lachen und prosten uns mit dem Grog zu. Das liebgewordene Getränk in diesem nassen Sommer- heißer Tee mit bestem Rum. Cuba libre war uns irgendwann zu kalt im Bauch.

Eines hatte die Insel nämlich nicht bedacht. Kitesüchtigen Damen ist es egal ob es aus Kübeln giesst. Sie wollen aufs Meer- koste es was es wolle. Einige meiner Freundinnen kamen über Wochen jeden Freitag aus der Stadt hoch ans Meer, trotz undurchsichtiger Regenwände, nur den Sturm und die Windvorhersagen im Kopf. Trotzdem sie Wochenlang die vielgerühmte Sonneninsel nur Grau in Grau erlebten, rissen sie mich doch immer wieder mit hoch und auf den Sund hinaus. Ihrem Elan verdanke ich einige der besten Stunden auf dem Meer. Imme reinen Hauch an den Grenzen des Möglichen, immer unter Strom. Vollgepumpt mit beglückendem Adrenalin und diversen Trainingserfolgen zurück gekehrt vom Wasser, lachend, sich gegenseitig puschend, glücklich.

“Ich sollte Emma, Pauline und Co ein richtig fettes Geschenk zaubern. Ohne meine Unruhegeister hätte ich mich wahrscheinlich hinter dem Kamin verkrochen und das Kiten für Wochen vernachlässigt.”

“Du hättest auch weniger Männergeschichten anhören dürfen.” wirft Paul ein.

Stimmt- das auch. Es ist schon turbulent mit lauter Singlefreundinnen. Wie schnell sich die Wertigkeiten verschieben, früher hab ich kaum eine Party ausgelassen, auf dem Sprung zum nächsten Flirt. Heute ist das alles schon gar nicht mehr wahr.  Und so viel entspannender, faltenschonender, preisgünstiger….”

“Mein Liebling, Du redest Dich gerade um Kopf und Kragen….” wirft Paul lachend ein. 

“Stimmt. Komme ich wieder raus aus der Nummer?”

“Nur mit einem Kuss.”

“Gehen auch zwei?”

Glücklicherweise konnte ich mich nach den, von oben wie von unter gleichermassen nassen, Ausflügen aufs Meer noch im Neopren unter die heiße Dusche stellen und dort meine blau gefrorenen Hände und Füsse wieder mit Blut versorgen. Und glücklicherweise hatte dieser gefühlt kälteste Sommer seit mindestens einhundert Jahren immer einen netten Sturm parat und erfreulicherweise hatte diese Insel im Norden zwar mit allen Mitteln versucht, mich zum Gehen zu bewegen und es schlussendlich aber nicht auf die Reihe bekommen.  Dabei hat sie echt gezaubert und sich gegen jede Statistik gelehnt. Zu blöd aber auch, dass ihr manchmal im Wegjagefieber die Ideen sowie die Puste ausging. Meine Wenigkeit ergötzte sich in diesen Momenten an  atemberaubendem Licht, kitschigen Sonnenuntergängen, glas- nein kristallklarem Wasser und einem Hauch Wärme. Wie früher, wenn ich von Hamburg aus ans Meer jagte, um den Grossstadtstress abzuschütteln, brannte ich mir diese seltenen und wertvollen Bilder ganz tief in den Kopf und mein Herz.

Er fing so schön an dieser Sommer 2011. Mit Paul an meiner Seite radelten wir um die Insel, über die Brücke der Sonne entgegen. Die Tage wurden länger, meine Hamburger und Berliner Freunde gaben sich in der Villa Schmidt die Klinke in die Hand. Wir grillten unter dem mit Millionen Sternen behangenen Himmel, schön und fett eingemurmelt in unsere Skiklamotten. Wir waren glücklich das endlich April/Mai/Juni geschrieben wurde und die Grillsaison auf dem Kalender praktisch eröffnet. Es konnte ja nur besser, sprich wärmer werden. Bekanntlich ist der Frühsommer an der Ostsee des nächtens ja immer noch ein bisschen kühl. Aber schon damals zickte die Insel rum und geizte mit Ihren Reizen. Im April mangelte es an Regen. Wir wurden von Staubstürmen, verursacht durch zu trockene Felder, heimgesucht. Unser gegrilltes Fleisch war oft mit Sand paniert und knirschte beim Geniessen munter zwischen den Zähnen. Die Sonne knallte von einem azurblauen Himmel. Ein Aufenthalt im Freien ohne Lichtschutzfaktor 50 war für 10 Minuten möglich, wurde allerdings mit sich rötenden Nasen bestraft. Der Raps begann zu vertrocknen. Das intensive über die Horizonte und das Meer leuchtende Gelb, von dem alle so schwärmten als sei es das neunte Weltwunder, kam gefühlte 10 Nuancen schwächer daher.  Die Bauern fürchteten eine schwere Trockenperiode. Mir düngte schon da, das dieser Sommer einiges an OutdoorÜberlebenswillen fordern würde. Langanhaltende Trockenperioden ziehen viel Nass nach sich. Trotzdem hoffte ich mich zu irren. Meine Pläne für meinen ersten Sommer mit Paul, den ersten Sommer auf der Insel zielten bestimmt nicht in Richtung Kaminfeuer und heiße Möhrensuppe mit Ingwer und Orange nach dem Kiten.

Ich wollte kiten in Boardshorts, ganz ohne diesen lästigen Neoprenanzug, morgens ein Bad im Sund nehmen, mit dem Fahrrad an den Leuchturm und zur Arbeit radeln, abends mit Paul ein Picknick in den Dünen veranstalten, noch mehr kiten, grillen, barfuss über den Sand laufen und nachts vor lauter Hitze vom Schlafzimmer auf die Terasse umziehen.

Sommer 2011- er verwehrte sich. Nicht das ich daran verzweifelt wäre. Schließlich konnte ich kiten bis zum Umfallen. Manche Tage war ich froh arbeiten zu müssen und den geschundenen Muskeln eine Auszeit zu gönnen. Und Paul wollte ich ja auch nicht vernachlässigen. Ich taktete mich also auf 3 bis 4 Kitesessions die Woche ein und gestaltete mein Leben drumherum. Das mutet anstrengend an, ist es aber nicht. Keine langen Wege zum Strand, immer mal ein oder zwei Stunden aufs Meer raus und danach Paul, die Arbeit und meine Freunde. Die Zeit raste ins Land und schon haben wir September. Barfusslaufen am Strand war auch mal möglich, wenn die Socken im Auto lagen um sich schnell zu wärmen.   Mit dem Fahrrad zum Spot funktionierte auch ein- oder zweimal.
Inzwischen werden die Tage kürzer und werfen wieder längere Schatten. Der Sommer geht ohne das er richtig hier angekommen ist. Ich resümiere, wir durften ahnen wie schön er sein könnte, danach verabschiedete er sich in den Dauerherbst.

Jetzt lodert das Feuer im Kamin, sanft bricht sich das weiche Licht der Kerzen im goldenen Rum. Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen über den Sund. Herz was willst Du mehr. Soviel Lachen und Freiheit um mich herum, da kann ich doch einen verregneten Sommer verknusen. Was haben wir für Spass gehabt. Pünktlich zum Ferienbeginn der Nordrhein-Westfalen, die hier nur Nordrhein -Vandalen genannt werden, weil sie alle und alles für sich annectieren und denken Fehmarn wäre ein Vorort von Bottrop, überrannte die Ostsee ein spektakulärer Sturm. Die Brücke war für Mann und Maus gesperrt. Eine Nacht lang drängten sich die Blechkarawanen aus Düsseldorf und Essen vor der Insel und bettelten um Einlass. Wir waren Insel und hatten 12 Stunden Ruhe! Wir frotzelten über die regengeplagten Urlauber, die zum zigten Mal ihre Shoppingtouren durch das ortsansässige und grösste Kaufhaus der Küste starteten und fett Kohle in die Kassen spülten. Geduldig beantworteten wir die Fragen von Mandy und Cindy nach dem Kaufpreis unserer wirklich schicken Strandmuscheln, mit denen sie unsere Kites gerne verwechselten. Wir liessen uns bewundern, fühlten uns manchmal wie im Zoo, wir verfluchten die mit 30 km/h im Auto über die Insel schleichenden Besucher, sehnten uns alle nach dem Ende des Sommers und Ruhe. Aber wir hatten Spass und ohne diese verrückten Urlauber wäre es ein langweiliger, verregneter Sommer geworden.

Vor zwei Tagen musste ich mittag sin die Stadt. Im Sommer strengstens zu vermeiden, da die Parkplatzsuche möglicherweise den Tank leert und Nerven kostet. Gähnende Leere und gespenstische Ruhe empfing mich. War ich Ostern überrollt vom Blechstau vor der Stadt, so war diese plötzliche Ruhe ebenfalls überraschend für mich. So ist das also- ein Sommer auf der Insel. Sie kommen schnell, Du stellst dich um und schwupps sind die Urlauber auch schon wieder weg. Machen den Weg frei für entspannte Besuche beim Griechen, der wieder auf den Punkt gegrilltes Steak auf den Tisch zaubert, Neoprenhauben- und Handschuhe, lange Abende in einer leeren Therme des hiesigen Spassbades und einsame Radtouren über die Insel.

Eigentlich war es doch ein super Sommer ohne volle Strände, überquellende Eisdielen, Quallenplagen und algenverseuchtes Meerwasser. Dem Himmel oder Regen sei Dank!

“Du Paul?!” resümmiere ich in das erlischende Kaminfeuer. “Ich glaube ich bin wirklich schuld an diesem komischen Sommer. Die Insel will das ich bleibe, denn mit dem verrückten Wetter hat sie mir ja die volle Touriinvasionshärte erspart. Stell dir nur mal vor, es wäre heiß gewesen. Jeden Morgen hätten wir das Bad im Meer mit lauter handtuchwerfenden Sandburgenreservierern geniessen dürfen.”

Paul prustet los. “Sonst geht es Dir gut oder?! Kein Fieber oder so? Nur ein bisschen durchgeknallt nicht?! Wie hättest Du denn gerne Deinen Herbst meine kleine verrückte Kiterin?”

“Ja also- erstmal viel Sturm, aber nicht so viel, das ich nicht mehr kiten kann- dann natürlich Sonne und späten Frost. Später darf gerne auch mal Nebel am Start sein, damit ich endlich meinen neuen Krimi zu Ende lese. Ich bräuchte ebenfalls hin-und wieder Zeit das Material zu pflegen und den Neopren zu flicken. Dafür eignen sich Nebeltage hervorragend. Joggen gehen könnt ich eigentlich auch mal wieder….ach ja und da ich einen KAmin habe würde ich mich gerne ab und an davor einmurmeln und Socken stricken oder so.”

“Alles klar – wird bestellt. Socken stricken- soso…ich weiß ja nicht.” schmunzelt Paul mich an.

“Aber prinzipiell mein Lieber, will ich nichts wünschen, ich bin ganz glücklich und zufrieden so einfach und schön wie es gerade ist. Und jetzt geh ich schlafen.Morgen ist Wind. Da wollte ich früh auf den Sund raus.”

Die Nase in Pauls Schulter versenkt , stiebitze ich mir meinen GuteNachtKuss. Wenig später bin ich schon am wegschlummern neuen Inselabenteuern entgegen.