“Verrate mir nur eines! Warum musst Du für einmal Crème brûlée oder wie das klebrige Zeug heißt unbedingt diesen sündhaft teuren Spezialbrenner im Schrank stehen haben?”

Pauls Augen funkeln wütend. Unter dem rechten Augenlid zuckt es verdächtig. Kein Anzeichen von Lachen ist zu sehen. Paul ist sauer! Auf mich!

“Weil ich verdammten Hunger auf Crème brûlée, also vanillige Creme unter zarter Karamellkruste, habe und weil eine solche Kruste eben am besten mit einem Bunsenbrenner funktioniert.”

“Du spinnst doch komplett!” Paul greift nach seinem Fleece, fährt sich mit der Hand über die müden Augen, schüttelt verständnislos den Kopf und dreht sich um. Während er die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt höre ich ihn noch murmeln. “Hätte ich mir auch denken können das die Grossstadtmanieren nur oberflächlich verbuddelt waren.”

“Pffff…Ach geh doch Du Sturkopf. Ich schreibe einen Bestseller und dann kann ich mir soviele Bunsenbrenner leisten, dass ich jeden Tag meine Crème brûlée mit einem neuen Brenner karamelisieren kann. Blöder oller Sturkopf, solange Du Deinen Grießpudding vorgesetzt bekommst ist die Welt rosa, aber wenn ich einmal eine perfekte Crème brûlée als Krönung unseres samstäglichen Dinners zaubern möchte, dann sind die Zutaten zu kostspielig und mein Wunsch nach Perfektion Flausen in meinem belockten Köpfchen.” äffe ich Paul nach. Und wie um zu bestätigen das sich das nicht gehört, rummst das Garagentor in seine Halterungen zurück.

Ich seh Paul noch mit seinem Roller um die Ecke fegen.

Rumms hallt es in mir nach. Nun ist Paul wohl weg.

‘Und nun?’ frage ich mich.  Schicker freier Samstag mit dem Liebsten sieht irgendwie anders aus, als wütend am Fenster zu stehen und einem knatternden Auspuff hinterher zu starren.

Das hätte mir ja auch mal jemand erklären können, was ich anstelle, wenn der rosarote Himmel das erste Mal nicht voller Geigen hängt, sondern von Blitzen durchzuckt immer trüber wird. ‘Blöder oller Sturkopf’ murmel ich auf dem Rückweg in die Küche vor mir her. ‘Blöder oller Sturkopf.’

Leider hält mein Gemurmel die abflauende Wut nicht auf. Sie macht gähnender Leere und absoluter Untröstlichkeit Platz. Wo fährt Paul jetzt hin? Wird er, wie ich es früher gerne tat, mit wütendem Bauch ans Meer fahren, durch die Dünen stapfen und laut die Wellen anbrüllen?

Die Wut flaut weiter ab. Dicke Kullertränen machen sich bereit das Licht der Welt zu erblicken. ‘Blöder oller Sturkopf.’ Tapfer kommen die drei Worte über meine Lippen. ‘Blöder oller Sturkopf.’ So eine leckere Crème brûlée wie meine hast Du noch nie gegessen und wirst Du jetzt auch niemals kosten können. Alles nur, weil so ein dämlicher Bunsenbrenner in Deinen Augen rausgeschmissenes Geld ist. Alle großen Köche und Feinschmecker dieser Welt haben einen im Schrank stehen, um der Königin unter den klassischen Nachspeisen das Diadem anzulegen.

Die Wut flaut noch weiter ab. Eigentlich hat sie quasi den Nullpunkt erreicht. Schluchzend steh ich in der Küche rum und fühl mich ziemlich bescheiden.

So aufgebracht habe ich Paul noch nie gesehen. Genau genommen habe ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, das Streit unsere flauschige heile Welt erschüttern könnte. Hätte ich mal. Dann verfügte ich jetzt wenigstens über einen Plan, was zu tun ist. Eine Streit ToDo Liste wäre optimal. Ich wäre in der Lage wütend durch den Garten zu stapfen und den Rasenmäher zu malträtrieren. Oder ich würde mir eine Strohpuppe basteln und diese mit langen Nadeln mitten ins Strohherz pisacken. Schick die Sätze wiederholend: ‘Du bist ja doch wie alle Männer und sollst es büssen mir meinen Bunsenbrenner zu verwehren.’

Langsam fange ich mich an mich einsam und verlassen zu fühlen. Vor einer halben Stunde hat Paul wütend das Haus verlassen und noch immer höre ich nicht wieder das fröhliche Knattern seines Rollers in der Ferne. Ach Mist. Ich bin aber auch dämlich. Ich hätte den Brenner einfach kaufen sollen, anstatt Paul zu fragen. Viel zu blauäugig hab ich meinen Privathelden gebeten die nötigen Unkosten aus der gemeinsamen Kasse zu bestreiten. Kein Wunder das Paul, der liebe Paul dafür kein Verständnis aufbringt. Schließlich ist diese Kasse im Küchenschrank eingerichtet worden um Goldbären und Frischkäse im Angebot zu erwerben, sprich um die tägliche Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zu gewährleisten. Crème brûlée ist nun nicht wirklich lebensnotwendig. Goldbären eigentlich auch nicht. Vielleicht sollte ich diesen Umstand bei Pauls Rückankunft unverzüglich anmerken.

Glücklicherweise schiesst mir bei diesem Gedanken, ein Bild, mit sich auf dem Absatz wieder umdrehenden wütenden Paul ein, so dass ich das mit den Goldbären wieder verwerfe.

‘Aber was soll ich jetzt tun?‘ Seitdem ich auf dieser verdammten Insel hocke gibt es Paul und Paul und Paul und mich. Ab und an ein paar Freunde aus Hamburg und Berlin zu Besuch. Aber eigentlich sind Paul, der Wind und das Meer mein ganzer Alltag. Ein bisschen Arbeit auch- klar. Schließlich wollen auch Goldbären an der Kasse bezahlt werden. Paul hat das Haus in Richtung, weiß der Geier wohin, verlassen. Ich häng alleine hier am Küchentresen rum, starre auf das Meer hinaus. Die Langeweile macht sich proportional zur abflauenden Wut breit. Gefährlicher Nährboden für fiese Retourkutschen. Was habe ich eigentlich früher mit den Kerlen gemacht, wenn es stressig wurde? Ich versuche mich zu erinnern. Aber alle Begegnungen vor Paul sind in die Versenkung der weichgewaschenen Erinnerungen gerutscht. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr erinnern was ich dann tat. Oder tat ich einfach gar nichts, weil es nie soweit kam, dass ich mich mit den Herren hätte streiten können. Waren die einfach immer von Anbeginn darauf geeicht, mich schnellstmöglich bei aufkommender Anstrengung innerhalb des zwischenmenschlichen Kontaktes, zu entsorgen? Habe ich deswegen immer so geflennt und denen ( heute frage mich ernsthaft warum eigentlich) hinterher getrauert? Weil es nie zum Streit kommen konnte, da sie vorzeitig das Weite suchten?  Ich also nie ihre egoistischen und miesen Seiten entdecken konnte?

Ein heisser Tee und tröstliche Schokoladenkekse bei der besten Freundin wären jetzt genau das Richtige. Heisser Tee, Kuscheldecke und die Betrachtung des Crème brûlée lastigen Problems Namens Paul von allen Seiten. Dummerweise hocken meine Mädels alle auf dem Festland. Ein Facebook Chat ist nur halber Ersatz für tröstende Mädchenumarmungen. Meine sozialen Inselkontakte beschränken sich seit meiner Ankunft auf Pauls Kollegen und ein paar kitende Bekannte- allesamt männlich und wahrscheinlich mit sehr viel Verständnis für Pauls Kosten/Nutzengerechte Analyse der Notwendigkeit eines Bunsenbrenners in unserer Küche. Ich muss dringend sozial in die Insel integriert werden. Wenn Paul und ich das nächste Mal streiten, hach wenn es ein nächstes Mal Streiten mit Paul überhaupt noch gibt und er mich nicht gerade mit dem ablaufendem Wasser im Südweststurm versenkt, dann brauche ich dringend eine heilsame Teetankstelle.

Shoppen! Ich schlage die Onlineauftritte meiner Lieblingslabels auf. Aber online Klamotten betrachten ist kein Trost.  Shoppen als Frustbekämpfer funktioniert ausschließlich inmitten überladender Regale, umhüllt von sanften Downbeats, gepaart mit verführerischen Düften und umsorgenden Verkäuferinnen, die immer mal wieder ein : ‘Das steht Ihnen erstklassig’ oder ‘Die Farbe schmeichelt ihrem Teint ganz besonders gut.’ einwerfen. Onlineshoppen ist wie Küssen ohne Zunge. Ein halber Trost. Und noch weniger Trost, wenn auf der MustHave Liste der Klamotten Gummistiefel und Outdoorjacke für den Inselwinter ganz oben stehen. Ich klappe das Laptop wieder zu.

Natürlich könnte ich in die Stadt fahren und mich ausweinen. Ich könnte auch Telefonterror bei den Mädels betreiben und die Leitungen der Telekom fröhlich Kassensturz machen lassen. Während wir alle Nachteile von Paul ( welche hat er eigentlich? ausser das er seinen alten Pullover mit den geflickten Ellenbogen für kein Geld der Welt hergeben mag und Bunsenbrenner nicht als notwendiges Küchenutensil erachtet) analysieren, würde ich munter eine Flasche Wein köpfen und mich für den Kampf um eine perfekt zubereitete Crème brûlée vorbereiten. Früher haben wir das immer so gehandhabt. Wenn eine von uns Mädels mal wieder Probleme mit den Idioten diesen Welt aufbereiten musste, dann glühten die Telefonleitungen und wir hatten mit Hilfe und zuverlässiger Unterstützung schweren Rotweines sehr amüsante Analysegespräche. Danach glaubten wir meistens zu wissen, wie die windigen Typen funktionierten und warum sie uns nicht mehr anriefen. ‘ Natürlich Emma- er ruft dich nicht an, weil er ein vielbeschäftigter Mann ist. Ausser dem braucht er seine Freiheit. das weißt Du doch. Er ist ein einsamer Wolf. Ihn zu zähmen dauert ein Weilchen. Und nur weil er mit einer alten Bekannten das Wochenende verbringt, heißt das noch nicht, das er Dich abgeschossen hat. Emma glaub mir- er steht auf Dich . Und indem Du ihn nicht anrufst, beweißt Du Stärke, Coolness und das Du diejenige bist, die die Zügel in der Hand hat.’ Was waren wir verpeilt damals. Nicht eine von uns die nicht eine solche oder ähnliche Situation erleben musste. Die Bekannte entpuppte sich alsbald als neue Freundin. In den tragischen Fällen war diese schnell schwanger und es wurde geheiratet. Wir trösteten uns weiter mit Telefonaten, heissem Tee und Schokoplätzchen, analysierten die Situation und redeten uns die Welt schön. Gelernt habe ich in der Zeit Einiges. Am wichtigsten war die Erkenntnis das Männer, wenn sie nicht anrufen eben kein Interesse haben. Da hilft kein Schönreden und auch keine Typbetrachtung von allen Seiten. Wenn Männer sich nicht rühren bist Du out.

Was ich nicht gelernt habe in meiner ‘Ach was bin ich wichtig und toll Grossstadtnasenzeit’ ist, wie ich  mich in einem banalen Streit um einen dusseligen Bunsenbrenner zu verhalten habe. Ich versinke in Trauer. ‘Was? wenn Paul jetzt in den Dünen steht und erkennt das ich Tussi gar nicht zu ihm passe und der Stadt-Insel-Konflikt sich mit der Zeit verschärfen wird?’  Dann wirst Du morgens Deinen Kaffee selber kochen müssen, der Abwasch nach dem Kochen und Dinnieren gehört Dir ebenfalls alleine, keine Rosen mehr am Fenster, kein Tee abends am Kamin, Selbstgespräche an den langen Herbstabenden wären an der Tagesordnung. Vielleicht solltest Du schnell die CD für alleinlebende Mittdreißiger raussuchen. Die mit den Geräuschen wie Klospülung, Dusche und fröhliches Tellerklappern im Esszimmer drauf. Hoffentlich ist die nicht schon verstaubt oder schlimmer noch! entsorgt. Vor allem wirst Du ohne Paul lernen müssen Eidechsen vom Badezimmerfussboden aufzuheben und ins Gras zu setzen. Und zwar ohne Herzanfälle und hysterische Schreikrämpfe. Diese Erinnerung ist ganz nah. Was haben wir übe rmeinen Schrecken gelacht. Nichtsahnend tappste ich morgens barfuss ins Badezimmer. Noch müde und warm von meinen Träumen landete mein linker grosser Zeh knapp neben unserem nächtlichen Mitbewohner. Eine Eidechse wanderte tapfer in Richtung Dusche. Aus meinem Mund kamen lediglich ‘ooohhh und Huch Gott!’ Tierchen dieser Gattung kannte ich aus dem Fernsehen beziehungsweise in Form gefährlicher Skorpione von meinen Reisen in die Ferne. Natürlich schossen mir unheilbringende Bilder von Stacheln in den Kopf. Irgendwie sickerte aber auch in mein schlaftrunkenes Hirn, das Fehmarn zwar Sonneninsel ist, allerdings eine kühle. Die hiesigen Temperaturen sichern nicht unbedingt das Überleben von Skorpionen. Nach dem ersten Schrecken und einem zu Hilfe eilenden Paul im Rücken wurde mir die Gattung des Vierbeiners klar. Eine Eidechse fand unser Bad toll. Angelockt von der wohligen Wärme, auf der Suche nach einem passablen Winterquartier wurde eben auch unser Haus untersucht. Sanft bugsierten wir ‘Lonesome Johnny’ zurück ins Gras. Paul erklärte mir ganz geduldig, wo ich Johnny anfassen kann ohne ihm wehzutun und nach dem ersten Schrecken, ob der Kälte von Johnnys Echsenhaut ging das auch ziemlich gut. Ja…wenn Paul meine Existenz also im Sund versenkt, muss ich mich auch darum in Zukunft alleine kümmern. Grauenvoll!

‘Was tun?

Ich könnte kiten gehen. Ich könnte raus auf den Sund kreuzen und mir vom Wind die Lösung für mein Problem einflüstern lassen.

Ein bisschen verloren steh ich am Fenster. Draussen über dem Meer schrauben sich die Möwen auf der Suche nach dem perfekten Aufwind in den Himmel. Munter flitzen sie zwischen den Kites hin und her. Die Sonne blinkt vom tiefblauen Oktoberhimmel. Überall an den Bäumen blitzt buntes Laub hervor. Kiten gehen ist eine wirklich gute Idee. Ich wollte heute zwar mal eine Pause einlegen, weil meine Knochen vom täglichen Meerbesuch ein wenig müde sind. Aber kiten macht die Birne frei und lässt die Gedanken laufen. Wenn ich später die Crème brûlée in feuerfeste Schalen fülle, sie mit braunem Zucker bestreue und zum Karamellisieren in den heißen Backofen schiebe, wenn Paul dann mit roter Nase vom Meer zurückkommt, dann will ich breit in sein Gesicht lachen ihm ein ‘oller alter Sturkopf ich hab Dich verdammt lieb’ ins Ohr raunen und mich ganz fest an ihn ankuscheln. Diesen entspannten Seelenzustand stelle ich am schnellsten mit einer sonnigen Kitesession wieder her.

Ich schmeiss mich also flugs in die Gummipelle, schmeiss die Wassertreter an die Beine, checke noch schnell die Windvorhersagen und stürme einem verwunderten Paul geradewegs in die Arme.

“Hallo schöne Frau, wohin des Wegs so geschwind? Wolltest Du heute nicht eine Kitepause einlegen?”

“Doch ja, aber ich habe mich so geärgert über mich und Dich und die Crème brûlée, da muss ich jetzt schnell mal raus aufs Meer. Es tut mir übrigens leid das mit dem Sturkopf und ja ich bin auch einer- ein ganz grosser. Aber ich bessere mich und den Anfang macht eine Alternative Crème brûlée im Backofen. Wieder Freunde?”

“Ach mein Liebling. So ein dämlicher Streit kommt vor und wir beide müssen lernen damit umzugehen. Ich kann das nicht sehr gut. Bestimmt habe ich auch weniger richtig reagiert als gut gewesen wäre. Aber auch ich habe eine Lösung für unsere Crème brûlée Probleme.”

Paul zieht ein Büchlein aus der Tasche mit der Überschrift: “Kochprofis ohne Hummerzange und Portionierer”.

Wir beide müssen lachen.

“Jetzt aber ab die Dame. Ich habe bestimmt bald einen Bärenhunger auf Crème brûlée.”