Entweder passe ich mich mehr und mehr den Inselgegebenheiten an, bekomme den Inselkoller oder werde sonderbar.Wahrscheinlich werde ich sonderbar. Oder ich bin bereits sonderbar und der Inselkoller gesellt sich fröhlich dazu. Immerhin durchbreche ich im kommenden Frühjahr alterstechnisch betrachtet eine Schallgrenze. Da darf der gemeine Mensch schon mal Eigenarten entwickeln. Die Schwelle, von der böse Zungen behaupten sie kennzeichnet den Eintritt ins Älterwerden. Obwohl, werde ich wirklich komisch? Bin ich das nicht schon sowieso? Vielleicht leide ich nur unter einem Hauch von Inselkoller. Älter werde ich immerhin seit 39 Jahren, 196 Tagen und zwei Stunden, schrullig und sonderbar auch. Damals brüllten meine Mutter 9 Pfund rosafarbenes Fleisch und wenige schwarze Haarstoppeln an, um zugleich mit dem Älterwerden zu beginnen. Erst lernte ich Milch trinken, dann entdeckte ich meinen Daumen, später den Wohnzimmerfussboden, dann Kinderspielzeug, Schulranzen, Tafeln mit Schulkreide, Knutschereien, Rauchen, Trinken, Shoppen, Kiten, Falten und immer wurde ich älter. Das das Leben fortschreitet hat mich noch nie gestört. Emma zum Beispiel, meine liebe Freundin Emma, hat um ihren 30. Geburtstag ein Brimmborium veranstaltet, das selbst ich am zweifeln war, ob meine damalige Gelassenheit, in die Ära der glücklichen Mittdreissiger einzutreten, ein psychisches Problem darstellt. Emma war ein halbes Jahr vor dem Ereignis ’30. Geburtstag’ schon fix und alle. Allmorgendlich machte sie sich auf die Suche nach möglichen Falten um die Augen herum. Da Emma sehr viel lacht, wurde sie stets fündig.Je näher das Datum ihres Eintritts in die Riege der Älterwerdenden rückte, desto mehr Phobien entwickelte sie und Theorien. Das ich mit meinen 8 Jahren mehr auf dem Buckel und Weisheiten alà jetzt machen Männer und das Leben erst richtig Spass immer nebendran sass bemerkte sie a) entweder nicht oder ignorierte es b) ganz einfach oder sie hatte es c) vergessen. Was für meine Jugendlichkeit sprechen würde…NEIN!Ich habe kein Problem mit meinem Alter. Unglücklicher Höhepunkt ihrer ‘Hilfe- ich werde 30 Phobie’ war der dritte oder vierte Surflehrer in Emmas Dunstkreis, den sie dazu auserkoren hatte, sie über die alleine quasi nicht zu erklimmende Schwelle in Richtung dritte Null, zu hieven. Ich glaube er hieß Ansgar.
“Ich kann doch nicht meinen 30. Geburtstag ohne einen Freund feiern.” jammerte Emma in meine Ohren als der Sommer sich anschickte zu gehen und Ansgar gleich mit ihm. “Oh mein Gott, nicht auszudenken, wenn meine Freunde mich die Rathaustür putzen lassen,weil ich keinen Freund habe. Es ist so schrecklich 30 zu werden und keinen Freund zu haben. Und überhaupt wird mich danach sowieso keiner mehr anflirten wollen. Mit 30 bin ich doch für die meisten schon viel zu alt.” Ich mag Emma sehr. Manchmal allerdings empfand ich ihre Theorien, über das Leben jenseits der 29, doch recht abgefahren und eingleisig. Besonders,wenn zum zehnten Mal die Ode an die schrecklichen Mittdreissiger angestimmt wurde und sie wieder über die unzuverlässigen Typen klagte. Ich sass neben ihr oder gegenüber und fragte mich warum ich meinem Jubiläum so gelassen entgegenblickte und ob das normal sei, denn schließlich gab es damals Paul II noch nicht. Also es gab ihn wohl, aber nicht an meiner Seite.
Nein, auf keinen Fall liegen meine aktuellen merkwürdigen Eigenarten daran, dass ich den nahenden Geburtstag fürchte. Es muss die Insel sein, die mir Schrullige Angewohnheiten beibringt. Ich hab den 30. kaum mitbekommen, die letzten 10 Jahre lebte ich immer ein bisschen auf der Überholspur und ich hatte Spass. Natürlich sehe ich im Kalender diese Zahl und frage mich ab und an ob ich das wirklich bin, die da ‘Nullen’ wird- aber dann. Mein Gott – ich werde halt älter und egal das Paul mir ab und an seine Lesebrille leihen muss,wenn ich beim Socken stricken mal wieder müde Augen bekomme. Das gehört dazu, das ist das Salz in der Suppe meines Lebens. Nein an der ‘Null’ vor der vier liegt es nicht. Naja und weh getan hat es bis dato auch noch nicht.
Zurück zum Thema. Ich werde sonderbar- das steht fest.
Neulich beim Einkaufen, da schlenderte ich nicht, wie alle anderen und wie ich es früher sicherlich auch gerne tat, durch die von goldener Herbstsonne beschienene Flaniermeile der Inselhauptstadt. Ich radelte in die Stadt hinein, stürmte durchs Kaufhaus, fühlte mich schrecklich eingeengt von den Menschen um mich herum. Alles war mir zu laut. Ich fühlte Stress aufkeimen und mich wie in einem Strudel inmitten der bunten Lichter, glitzernden Auslagen und flink umherwieselnden Angestellten des Kaufhauses. Von dem Wunsch getrieben ganz schnell wieder nach draussen zu wollen, stürmte ich hinaus. Im Supermarkt und Drogeriediscounter beschlich mich eine ähnliche Enge. Apotheke und Buchladen brachten auch keine Entspannung. Ganz im Gegenteil. Nach einem knappen Jahr in ländlicher Idylle brachten mich bunte Regale mit hunderten interessanter Buchrücken in den Zustand totaler Reizüberflutung. Draussen auf der Strasse hupten sie wie wild. Einen kurzen Moment war ich an Hamburg und den Ring II erinnert. Dann fiel mir ein das Herbstferien sind. Ich hatte mal wieder, wie schon zu Ostern nicht geschnallt das Ferien gleichbedeutend mit Inselinvasion von erholungssuchenden Grossstädtern sind, die statt sich am Strand in die Dünen zu legen und die letzten wärmenden Sonnenstrahlen zu geniessen, lieber im Herzen von Burg Geld in die Kassen der geschäftigen Insulaner spülen. Ich fand erst Ruhe als ich mich auf dem Deich und dem Heimweg befand. Das Karussel meiner Seele trudelte langsam aus. Die Sonne auf meiner Nase, friedlich grasende Schafe ringsherum, das Meer, am Horizont letzte weiße Segelboote, Möwen die sich in den Himmel schrauben, Freiheit, Durchatmen und Weite.
Ich werde echt sonderbar. Es ist noch keine 12 Monate her, da konnte ich froh sein wenn ich auf meinem täglichen Weg mit dem Fahrrad in Richtung Alster nur an zwei der vier grossen Kreuzungen, inmitten von anfahrenden Auto, abbremsenden Lastern, Abgasen und lautem Gehupe, auf die Weiterfahrt an der Ampel wartend, schädliche Abgase in meine Lungen pumpen musste. Und jetzt stressen mich 23 Touristen, die im Rudel durch den Supermarkt spazieren. Das ist Sonderbar!
Noch vor einem Jahr besass ich die Gabe mich an den Verkahrsknotenpunkten der Elbestadt mental ans Meer zu beamen, um vor lauter Krach und Lärm nicht vollends zu kapitulieren und möglicherweise zu kollabieren.
Ein weiteres Indiz für die Abdrift in die Eigentümlichkeit ist der Umstand, das ich mich beginne für den Winter einzukleiden und zwar mit Strategie. All die schicken Mäntel und Jacken aus Hamburger Tagen überstehen den Eis- Schnee- und Regentest überhaupt nicht. Ich befinde mich derzeit auf der Suche nach einer inseltauglichen Winterjacke. Kriterien der Wahl sind hierbei weder der angesagte Trend, noch Fellbesatz und flotter Schnitt, geschweige denn farbliche Kompatibilität zu bereits vorhandenem Schuhwerk. Auswahlkriterium sind die hintere Länge für die nötige Wärme an den Nieren, waschbares und abknöpfbares Innenfutter und die Imprägnation des neuen Kleidungsstückes. Stylefaktor steht ganz weit hinten, praktisch muss es sein, wenn ich im Januar frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit in einer Schneewehe stecke, interessiert Väterchen Frost nicht, wie ich ausschaue, wenn ich ihn darum bitte, nicht zu lange frieren zu müssen. Es dauert manchmal ein Weilchen, so wurde mir berichtet, bis der Bauer seinen Morgenkaffee ausgetrunken hat und sich auf den Weg, mich armes Kind aus dem Schnee zu ziehen, macht. Dem Frost trotzt Du nur mit Funktionalität. So werden auch die Schuhe abgecheckt. Bieten sie sowohl im Regenmatsch als auch auf Eis ausreichenden Schutz? Ist die Sohle warm und das Fell durchgängig? Nichts ist schlimmer als kalte, gefühllose Zehen mitten in der Schneewüste. Besuche ich nun den Wochenmarkt hier auf der Insel wandern meine Blicke nicht nur über die Auslagen der Gemüse- und Blumenhändler. Immer wieder inspiziere ich auch die Stände an denen wattierte Steppjacken und Gummistiefel beziehungsweise Fellschuhe feilgeboten werden. Und ich fühle mich schwer erinnert. Es ist noch gar nicht so lange her, da verbrachte ich meine gesammelte Freizeit auch auf einer Insel. Ich war besessen von ihrem Licht, dem Duft der Pinien, den schillernden Farben und der Klarheit des Meeres und der Wellen die an ihre Strände schlagen. So oft es ging besuchte ich Freunde auf Mallorca. Ungezählt sind die Sommernächte, welche wir auf der Terasse hoch über dem Meer bei Prosecco, Oliven und Brot sassen. Stundenlang klönten wir. Der Sternenhimmel, dieser unendliche Sternenhimmel über uns bewachte unsere Geselligkeit. Bei Vollmond trafen wir uns auf eigens dafür arrangierte Vollmondapperitive. Nirgends sonst auf der Welt, dachte ich damals, wäre es schöner als dort den Mond staunend und lachend aus dem Meer aufsteigen zu sehen. Unvergessen sind ebenfalls die Januartreffen auf der von Millionen Mandelblüten geschmückten Insel. Tagsüber steckten wir die wintermüden Füsse ins Meer, lagen am Strand, schlenderten über die Märkte auf der Suche nach passenden bunten Tüchern zu unseren schweren Winterjacken, sassen auf der Placa bei cafè con lechè und kehrten abends in den wenigen geöffneten Restaurants ein, um uns am Kamin zu wärmen und bei deftiger mallorquinischer Küche den vollmundigen und schweren Rotwein schmecken zu lassen. Damals fand ich es spannend, wenn meine Freunde statt bunter Tücher und Taschen auf den Märkten der kleinen Städte unermüdlich nach warmen und praktischen Jacken beziehungsweise Stiefeln suchten. Ich belächelte ihren Tick und dachte bei mir ‘Mensch hier im Herzen des Mittelmeeres, wo Du als Baby Modebewusstsein und Stilsicherheit mit der Muttermilch eingeflösst bekommst, brauchst Du doch keine wattierten Steppjacken und Fellstiefel. Die drei Tage im Jahr wo es mal regnet und stürmt.’ Weit gefehlt- auch das Mittelmeer wird im Januar vom Schnee überrollt, wenn auch nur nachts. Morgens schmilzt das jungfräuliche Weiß rasch in der Sonne. Aber der November, der Dezember und der Februar haben ganz oft Nebel im Gepäck und die feuchte Kälte zerrt nicht nur an den Nerven. Sie kriecht überall hin und erfordert- genau! wattierte Steppjacken für den Strandspaziergang. Von wegen immer schick und in Schale. Praktisch ist Trumpf und unerlässlich! Das ist auf den Balearen wie auf der plattgedrückten Insel. Oder andersherum : hier auf der plattgedrückten Insel verhält es sich wie auf allen Inseln dieser Welt. Es ist schick , wenn der Sommer das Land verwöhnt. Aber wenn das Wetter umschlägt und der Regen waagerecht ins Gesicht peitscht, die Bäume sich biegen und die Wellen mannshoch auf den Strand krachen, dann ist Funktionalität absolut notwendig. Von wegen schrullig- ich bin praktisch!
Auch wenn ich nach Hause komme, mir meinen Paul schnappe und ihn in den nächsten Supermarkt zerre um Konservendosen mit Nudeln, Ravioli, Hühner- und Bohnentöpfen in rauen Mengen zu kaufen, weil diese gerade im Angebot sind. Dann ist das keine Schrulligkeit. Es ist klug. Denn wenn der Winter hereinbricht, über Nacht Unmengen Schnee ablädt, die der Oststurm böse durcheinanderwürfelt und zu meterhohen Schneewänden, die nicht passierbar sind, auftürmt, ist es sehr gut wenigstens was für den Bauch im Hause zu haben. Kulinarik steht dann hinten an, aber der Hunger wird gestillt. So läuft das auf einer Insel. Im Sommer beschwingt und leicht. Mit dem Beginn des Herbstes machen wir es wie die Tiere. Wir bevorraten uns und warten was die Grosswetterlage in diesem Jahr für Überraschungen bereithält. Übrigens hat Paul sehr gelacht, als ich mit hochrotem Kopf um die Ecke stürmte und laut argumentierte: ‘Im Supermarkt haben sie die Konserven um die Hälfte im Preis gesenkt, wir müssen schnell hin und uns bevorraten, damit wir im Winter nicht jeden Tag Ravioli ( die ich aus der Dose sehr ungern esse, um nicht zu sagen- ich hasse sie) essen müssen, sondern wenigstens ein bisschen zwischen Königsberger Klopsen und Gulasch wählen können.’ Paul brach in lautes von Tränen begleitetes Gelächter aus. ‘Mensch Kleine- Du bist ja inseltechnisch betrachtet ein wahres Entwicklungswunder.’ Er schnappte sich seine Jacke und wir füllten gemeinsam den Vorratsschrank. Erst wenige Monate zuvor hatte ich ihm geschworen, das mir niemals eine Büchse mit Bohneneintopf oder ähnlichem in die Küche käme. Frisch ist gesund und am bekömmlichsten.
Ich werde also sonderbar- aber nur im praktischen Sinne. Schrulligkeit liegt bei den Eigenarten, die Insulaner – weltweit übrigens- im Laufe ihres Lebens entwickeln, in den Augen des städtischen Betrachters.
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