1. März 2010
Manch eine Entscheidung tut sich schwer. So manch eine wo die logische und vernünftige Antwort bereits klar erscheint und eindeutig, der eigene Dickkopf aber noch dagegen anrennt, erfordern besondere Wege der Entscheidungsfindung. So finde ich mich an einem trüben Sonntagnachmittag im Regen am Meer wieder und hadere mit meinem Schicksal. Noch klingt mir die weise Stimme des Bekannten am anderen Ende der Telefonleitung im Kopf. Warm und weich und nachhaltig klingen die Worte nach “Tu es – es wird nicht nur Dir gut tun. Es wird auch andere Menschen freuen. Spring über Deinen Schatten, fasse Dein mutiges Herz und tu es einfach”. Ja aber und warum denn ich und wieso und dreiundzwanzig andere flache Gegenargumente fallen mir ein. Ich leide mal wieder an meinem ‘Heute ist Sonntag und mein Dickkopf besonders gross Syndrom’.
Was also tun? loslaufen und die Füsse beständig voreinandersetzen, milde Frühlingsluft inhalieren, Regentropfen auf der Haut spüren, den Sand unter Schuhen knirschen hören- endlich ist es wieder Sand und kein Schnee, das Flaschengrün des Wassers bestaunen und dem Klang des Meeres lauschen. Die Wellen lecken am Strand und säuseln “Tu es – tus einfach”Der schwarze Teufel auf meiner linken Schulter sitzt da mit übereingeschlagenen Beinen, begutachtet seine Fingernägel, schürzt die Lippen und schüttelt den Kopf- ‘Bleiben lassen-das hast Du nicht nötig. Lass es bleiben’.
Was machen? Immer weiter laufe ich an der wasserkante entlang, laufe mit den auf meine Kapuze klackenden Regentropfen um die Wette. Was machen? Ein Spiel aus längst vergangenen Kindertagen schiesst mir in den Sinn. Ich such mir einen Stein, nicht irgendeinen, einen schön geschliffenen, ganz flachen Stein. Nehme ihn in die Hand und lasse meine Wärme sein kaltes Herz durchströmen, hauche ihm ein bisschen Leben ein und während ich den Arm zum Wurf nach hinten nehme flüstere ich “Also gut, wenn Du dreimal aufditschst, dann werde ich es tun”… Ich hole den Arm zum Wurf aus und entlasse den Stein in Richtung Meer…Klonk, nicht einmal ditscht er, er versinkt schwer und träge im Wasser- einfach so. Hmmm super Plan. Da war ich wohl nicht konzentriert genug. Ich muss dem Stein doch auch sagen, das es sich lohnt für ihn, wenn er dreimal aufditscht. Ich entscheide das dieses erste Mal nicht zählt. Ein Versuch nur und schaue nach einem zweiten Kandidaten im Sand. Ein roter, nicht ganz flacher, aber mit einer wunderschönen Maserung verzierter Stein springt mir ins Auge. Den nehm ich und während ich den Arm erneut zum Wurf aushole, beame ich von meinem Köpfchen an meine warme Faust ‘Komm Du Stein, dreimal aufditschen und Du hast mir die Antwort auf meine Frage gesagt. Nur dreimal- mehr musst Du gar nicht’ Ich werfe…Klong, Klong und schon ist er versunken. Das hat auch nicht funktioniert- aber ich bin schon weiter auf der Suche nach einem Stein, denn der hübsche rote war ja nicht ganz flach. Dieses Spiel dauert und dauert, ich suche flache, kalte Schönheiten, nehme den Arm zum Wurf nach hinten und im Flug bin ich schon auf der Suche nach dem nächsten Stein, dem Stein, der dreimal aufditschen wird und die Antwort auf meine Frage bringen. ‘Soll ich es tun, oder soll ich es lassen?’ Mein Dickkopf sagt ‘Nein’, mein Herz und die weisen Stimmen der Freunde sagen ‘ja’. Und so werfe ich Stein um Stein und komme gegen meinen Dickkopf nicht an- vorerst nicht…
Der Wind hat schon lange zugenommen und peitscht den Regen in mein Gesicht, die Tropfen rinnen über meine Wangen, so als ob ich weine, sammeln sich an meiner Nase und purzeln fröhlich in den Sand. Ich drehe mich ein letztes Mal zum Meer um, nehme Abschied vom ersten milden Wochenende im Frühling, setze meine Füsse in Richtung warmer Kamin, wohliger Wärme, knisterndem Feuer, krame das Telefon aus der Tasche. Ich tu es jetzt einfach,zehn Zahlen tippen oder zweimal im Adressbuch klicken ist nicht schwer. Der letzte Stein, der ditschte fünfmal auf und das war mehr als genug, um mich davon zu überzeugen, das ein Versuch immer noch besser ist, als sich ewig zu ärgern nichts unternommen zu haben. Fünfmal ist immerhin fast zweihundert Prozent.Ich tue es und ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht, trotz des trüben Lichtes, des jaulenden Windes und der inzwischen eiskalten Regentropfen.Banges Warten ob am anderen Ende abgenommen wird, ich lausche in die Welt der Telekommunikation, Herzklopfen, Worte die sich formen, ich lasse lange klingen und erhalte keine Antwort. Ein bisschen erleichtert drück ich auf den roten ‘Gespräch beenden’ Knopf. Reden und so in echte verbale Worte, wär auch ein wenig viel gewesen für den Anfang. Ein bisschen erleichtert tippe ich eine SMS und schicke sie in die Welt. Immerhin ist eine kurze Nachricht die halbe Erledigung des Vorsatzes ich tu es. Und wenn ich es genau betrachte, die einzig Richtige, denn der erste Stein versank mit einem Klonck.
Wie schön, das Kinderspiele einen ein Leben lang begleiten.
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