Land der Regenbogen – Dänemark im Herbst 2009

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Land der Regenbogen – Dänemark im Herbst und Grenzgänge der besonderen Art

Aktive: 10 windhungrige Großstadtnasen und der allwissende Oskar

Special Thanks to: 1 Flasche Shiraz

Es ist kühl geworden. Der letzte milde Spätsommertag in St. Peter liegt erst wenige Stunden zurück und scheint doch schon so fern. Morgens schält sich die Sonne nur schwerfällig aus dem Nebel, am Nachmittag taucht sie die Stadt in mildes, milchiges, Sturmverkündendes Licht, abends verschwindet sie schnell unter dem Horizont und lässt den Mond die langen Nächte bewachen. Oskar und meine Abende auf dem Balkon mit dem guten Rotwein, einem Happen Käse und endlosen Geschichten sind vorbei. Wir sitzen drinnen um die Kerzen, lauschen den Klängen der Salsa, Rumba und dem Tango – hängen unseren Gedanken nach und seufzen allenfalls hier und dort einmal in die herbstliche Stille hinein. Oskar rührt sich zuerst „Schätzelein! Weißt Du überhaupt das dieses Wochenende schon Dänemark ins Haus steht?“ Verdutzt hebe ich den Kopf hoch und lass die Finger ihre Arbeit an der Tastatur des Laptop unterbrechen „Du machst Witze! Dieses Wochenende schon? Ist es denn schon so weit im Jahr? Der Sommer schon zu Ende? Mit seinen warmen Morgen an denen ich früh um sechs barfuss über den Strand rennen konnte, dem Meer entgegen, die Wellen begrüßend, mit Dir zusammen leicht, frei und lachend über Stunden auf dem Ozean kreuzen?“

Oskar klappert herbstliche Trägheit aus dem Schnabel, prüft seine Krallen , schüttelt seine Federn und springt auf die Sofalehne. „ Ja, mein Herz- Sommer ist vorbei- Herbst steht ins Haus und der erste Sturm, der erste wirklich schwere Sturm rollt heran und es ist mal wieder Dänemark im Kalender angestrichen. So wie jedes Jahr im Oktober- ein langes Wochenende da im Norden, im Land der tausenden Regenbogen, der flachen, eng an die Dünen gedrängten Häuschen, der blonden, immerfort lachenden Menschen, frischem Fisch, Kaminen und Wind, der täglichen Wahl zwischen FlachwasserFjord und Nordseewelle. Und glaub mir, meine Liebe in diesem Jahr wirst Du Dein Wunder erleben und ich bin sicher die eine oder andere Grenze verdammt weit fassen! Und da Du dafür alle Kraft brauchst, die Dir dieses Jahr manchmal abhanden schien klappst Du bitte diesen Laptop da auf dem Tisch zu, lässt den Artikel der geschrieben werden muss einfach mal sein und konzentrierst Dich auf wirklich wichtige Dinge!“

„Die da wären?“ „Kalorien inhalieren bis Du nicht mehr kannst, die Einkaufsliste schreiben, lachen und sich freuen, dicke Winterpullis einpacken, die Neoschuhe raussuchen, noch mehr lachen und sich freuen, das Melkfett für die Hände, definitiv keine Angst vor den Wetterkarten haben, der 8er verkaufen und einen Sturmkite besorgen- keine Ahnung wie Du das anstellen willst- aber Du hast dafür noch genau drei Tage Zeit! Ach und vergiss das Lachen nicht“

„Eye Sir höre ich mich sagen und muss grinsen. Ich mag meinen Oskar, diese altkluge, immer das letzte Wort haben wollende Möwe, die Rechtbehaltende, sich selten irrende, Zigarre rauchende, nach Bier verlangende, verrückte und so verlässliche…

Ich klappe den Kalender auf- in der Tat. Dänemark springt mich an. Jedes Jahr Ende September/Anfang Oktober genehmige ich mir mit windhungrigen Seelenverwandten ein paar Tage Auszeit und fahre an den Ringkjobing Fjord. Dieser Fjord ist das grösste gewässer des kleinen Königreiches und wird nur durch einen schmalen Streifen Land von der Nordsee getrennt. In Hvide Sande ist der Fjord mit dem Meer verbunden- ein flaches , stehtiefes Gewässer- so weit wie ein Meer und prädestiniert dafür Kiter und Windsurfer zum Üben neuer Tricks zu verführen. Es ist so weit im Jahr- Dänemark steht ins Haus. Also wird das Auto bestellt, die Sachen gewaschen, die Vorhersagen gecheckt, der über Jahre und so geliebte 8er verkauft, ein Sturmkite besorgt, überlegt was ich kochen will, der aufkommende Respekt gegenüber dem sich über Großbritannien bildenden schweren Sturmtief mit Rotwein besänftigt und dem Vertrauen darin, das Oskar schon weiß wann er seine Krallen in meine Schulter hauen wird dann, um mich zur Rückkehr vom Wasser zu bewegen.

Donnerstagmorgen! Es ist kalt und es brezelt in Hvide Sande schon viel früher als berechnet mit 30 Knoten und mehr- aus Nordwest, eigentlich perfekte Bedingungen um in die Welle dort zu gehen. Wenn man einen Kite hätte dem man blind vertrauen kann, dann oK. Mit dem Sonic und 10 Kilo mehr auf den Rippen kein Problem- aber die Murmel, die mir gestern mit den Worten ‚Bitte pass auf Dich auf- es ist ein spezieller Schirm’ in die Hand gedrückt wurde, die eignet sich wohl nicht dazu. Es ist ein bisschen chaotisch heute morgen und mit ein einiger Verspätung ist die Karawane der Windsüchtigen endlich auf der Autobahn. Die mir in diesem Sommer so lieb gewordenen Kitekumpel und natürlich Oskar sind bei mir an Board. Wir checken diverse Radiosender, singen laut und falsch mit und philosophieren mal wieder über Gott, die Welt und den neuen Tarantino Film, tingeln im Sonnenschein übers Land und nähern uns langsam aber beständig dem Ringkjöbing Fjord, das die Bäume sich bedrohlich biegen, gar die Fahnenmasten am Straßenrand von links nach rechts wanken ignorieren wir fürs Erste einfach. Oskar schmatzt uns genüsslich die Madalenas weg, wölbt eine Augenbraue und gibt bekannt „ Naja, Welle wohl nicht heute- aber Fjord da geht heut abends was“

„ Alter! Jetzt lass uns mal ankommen da oben, die Hütte beziehen, dann werde ich mich über die Düne quälen- wie immer- und dann gebe ich Dir bekannt, wofür ich mich entscheide! Penn einfach ein bisschen und mal den Teufel nicht an die Wand. Ich geh heut noch aufs Wasser- und wenn ich zwei Kinderschirmchen mit meinem Tape zum neuen Sturmkite zusammen basteln muss. Ich fahr doch nicht 400 Kilometer in den Norden um wegen zuviel Wind nicht aufs Wasser zu können.“ Später als erwartet landen wir auf dem Campingplatz. In Dänemark ticken die Uhren einen Schlag langsamer als bei uns und das tut verdammt gut. Es brezelt noch immer. Gevatter Pustemann lässt heute nicht so recht ab vom Oratorium. Der Weg über die Düne ist beschwerlich, Böen peitschen den Sand ins Gesicht. Die feinen Körner setzen sich hinter den Kontaktlinsen fest und lassen die Augen tränen. Die Welle ist hoch, verdammt hoch und läuft auch nicht sauber. Es fällt mir schwer Sets zu erkennen, Lücken zu finden. Oskar erkundet die Situation weiter draussen, kommt ziemlich japsend zurück und schüttelt den Kopf. „Keine Chance heute. Naja also- schon eine Chance, aber Spaß ist was anderes- da draußen ist soviel Weißwasser, die Welle läuft nicht sauber und die Strömung ist gigantisch. Fahrt an den Fjord, rockt da noch ne Stunde, haut Euch dann in die Sauna und die Bäuche mit dem Risotto, den Pfifferlingen und dem Schweinefilet voll, trinkt noch ein gutes Glas Rotwein und geht schlafen. Morgen früh wird es hier besser und sanfter sein. Wenn ihr um 07.00 aufsteht dann bekommt ihr noch was mit vom Wind morgen“

Wir schauen uns an, etwas unschlüssig. Eine Freundin meldet sich in unsere Unentschlossenheit aus Bork Havn- die Entscheidung steht und die Karawane fährt an den Fjord. Bork Havn liegt auf der Ostseite des Fjordes. Kitebar sind fast alle Richtungen des Windes ohne Südanteil. Der Parkplatz liegt direkt hinter der Wiese zum Aufbauen. Ein schmaler Streifen Baumbewuchs verwirbelt gerade Wind aus Südwest, so dass es ratsam ist sowohl im Wasser zu starten und auch wieder zu landen um den Luvstau zu umgehen. Wie alle Spots am Fjord ist Bork Havn weit stehtief.

Zu zweit mit der Murmel, der Rest mit nem 7er haben wir nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten mit Gipsy dann tatsächlich noch eine grandiose Session bis kurz vor dem Dunkelwerden. Es ist kalt, so verdammt kalt das ich aufgeben muss, weil meine Finger taub und gefühllos sind und ich die Bar nicht mehr greifen kann. Abgebaut und Sauna. Das einzig Richtige nach einer solchen Teufelsfahrt. Wir haben 30 Knoten im Schnitt gemessen mit fiesen Löchern nach oben und unten, grenzwertig, stets die Schauerwolken interpretierend, in ständiger Bereitschaft neuerlicher Böen. Ich bin froh dass sowohl am Strand, als auch im Wasser Menschen sind, die mich nicht aus den Augen lassen.

Abends sitzen wir dann gemütlich in der warmen Hütte und diskutieren darüber, ob es sehr verrückt ist in den freien Tagen sich morgens um sieben aus den Träumen zu lösen und kiten zugehen.

Von jetzt auf gleich ist bei mir dann die Luft raus- ich fall einfach nur noch aufs Sofa und bin nach zwei Seiten Lesen im mitgebrachten Urlaubsschmöker irgendwo in der karibischen Sonne, Wellen schlitzend, warmen, gut riechenden Sommerwind um die Nase und ein helles Lachen nach irgendwohin schickend. Dänemark hat mir gefehlt und ich weiß gar nicht, warum es mir so schwer fiel hierher zu fahren in diesem Jahr. Immer schob ich Termine vor, das es nicht ging, verkrümelte mich in den Osten, setzte andere Prioritäten und vernachlässigte ein bisschen meine Leidenschaft für dieses sanfte Fleckchen in den Dünen zwischen Fjord und Nordsee. Mir fällt wieder ein, was ich in diesem Jahr alles vor gehabt habe hier zu erkunden- bis ganz in den Norden wollte ich fahren. Einen lieben langen Sommer lang und getan habe ich es nicht. Komisches Leben manchmal.

Als ich aufwache setzt gerade erst die Dämmerung ein. Herbst! Denke ich- jetzt ist es morgens noch dunkel, wenn ich meinen Tag starten will. Der Sturm hat nachgelassen und Gevatter Wind scheint sich eine Pause zu gönnen. Sanft säuselt er seine lockende Melodie um die Hütte. Ich schlurfe Richtung Wasserkocher und mache einen Kaffee. Bei den Jungs rührt sich als erster der Junior. Gemeinsam entern wir die Düne. Klare, weiche Luft strömt in unsere Lungen, die Blicke weit prüfen wir den Wind und die Welle. Oskar stolpert hinterher und schimpft, dass auf ihn nicht gewartet wurde „Verdammt! Ihr wisst doch, das ich ohne Kaffee nicht bewegungsfähig bin“

„Kaffee war fertig- mein Freund“ entgegne ich.

„Stimmt- aber der war so dünne, davon wird noch nicht einmal ein bettflüchtiger Pensionär wach! Ich musste mir selbst was brauen und ihr hättet warten können“ Ich grinse in die aufgehende Sonne . „Hmmmm- gute Laune gibt es bestimmt beim Bäcker nachher zu kaufen. Sag mir jetzt mal , was Du vom Wind heute hältst!“

Geschäftig stolziert Oskar die Düne auf und ab, wichtig hält er die Flügelspitzen nach oben, legt den Kopf schief, schnalzt mit dem Schnabel, legt die Stirn in Falten und meint: „Grenzwertig- jetzt aufbauen und versuchen gegen die Strömung ein bisschen zu fahren. Dann Frühstück und schauen ob es auf dem Fjord noch reicht. Heute ist ein Tag für Euren mitgebrachten Kitenachwuchs.“

Hvide Sande ist ein besonderer Spot. Hier wird an der Mole die Nordsee gerockt oder aber auf dem Fjord. Die Entfernung zwischen beiden Spots beträgt keine 5 Autominuten. Je nach Könnerstufe kannst Du wählen zwischen Welle oder Flachwasser. Die Nordsee bei Hvide Sande zaubert gigantische Wellen. Die vorgelagerte Mole sorgt zudem dafür das die Wellen gerade bei Nordwestwind nahezu perfekt brechen. Weht der Wind auf Südwest wechselt man an den etwas unbequemeren nördlichen Teil hinter der Mole- da laufen dort die Wellen sauberer. Nach Süden zu schliessen sich an Hvide Sande unzählige Feriensiedlungen. Wer hier ein Häuschen für seinen Urlaub mietet hat alles richtig gemacht. Morgens stiefelt er über die Düne checkt den Wind und wenn dieser richtig steht kann er direkt aufbauen und kiten gehen. Die Strömung ist manchmal sehr anstrengend, gerade bei wind aus nördlichen Richtungen und die mitunter sehr hochreichenden Dünen sorgen für Abdeckung, so dass damit gerechnet werden muss auf dem offenen Meer 5 Knoten mehr Druck im Schirm zu haben, als noch am Strand. In Dänemark gelten wie überall sonst auch die allgemeingültigen Verhaltensregeln beim Kiten, da es bis heute aber noch nicht zu der in Deutshland hinlänglich bekannten und verfluchten Überfüllung der Strände mit Kitesurfern gekommen ist, sind die Beschränkungen auch noch nicht so stark. In jedem Fall sollte auf Badegäste, spielende und im Wasser planschende Kinder geachtet werden. Hvide Sande ist kitebar bei Süd bis Nordwind, wobei Westwind sehr schwer zu bezwingen ist, da dieser voll auflandig weht und die Welle nicht sauber laufen lässt. Da gehört viel Erfahrung dazu.

Wir fügen uns den Prophezeihungen des Altmeisters. Schleppen den Kram über die Düne, bauen auf und versuchen unser Glück. Ein paar Schläge sind uns tatsächlich vergönnt- auch wenn wir immer und immer wieder am Strand die Höhe laufen müssen. Die Jungs haben ein bisschen Spass- ich selbst bin auf der Suche nach einem vernünftigen Rhythmus und finde ihn nicht. Erinnerungen steigen auf- das gab es schon einmal hier, aber damals war ich nicht diejenige die verbissen immer und immer wieder startete um mit der Strömung nach Süden gezogen zu werden. Oskar schiesst vor mir ins Meer und taucht mit einem in der Morgensonne silbrig glänzenden Fisch im Schnabel wieder auf. „ Schätzchen- schieb Deine Gedanken beiseite- essen fassen und danach schnellstens an den Fjord“ Ein bisschen schwermütig und den Gedanken nachhängend pack ich meinen Stuff zusammen, die Jungs haben schon längst aufgegeben, stehen wissend am Strand und warten geduldig das ich meinen aussichtslosen Kampf gegen die Strömung beende und sie vom Hunger befreie. Wir besorgen uns frische Brötchen, mümmeln das Müsli weg, schmieren Proviant für den Tag, schmeißen uns in die fahrbaren Untersätze und folgen den anderen an den Fjord nach Skaven. Unterwegs klugscheisst Oskar vom Feinsten- erzählt einen Wolf von irgendwelchen Sturmsucher Aktionen in seiner Jugend und das bestimmt heute noch was geht. Ich schau über den Rand meiner Sonnenbrille auf den sich selbstbeweihräuchernden Geschichtenerzähler, grinse ihn an- zeig auf die matt in der Sonne hängenden Fahnen und sage nichts. Wird schon! Wenn Oskar meint- dann meint er. Irren tut er sich am Ende selten denk ich bei mir. Und wenn schon- ich war heute morgen auf und in meinem Meer- bin fürs Erste zufrieden. Als wir nach Skaven einbiegen sehen wir nur einen Haufen Kites am Strand liegen. Skaven wartet mit zwei Strandabschnitten zum Aufbau und Start auf. Zum einen direkt am Hafen mit einem ausreichend breiten Gras-/Sandgemisch und zum anderen ein bisschen abseits mit einer Wiese zum Aufbau und dem Startbereich unten am Strand. Gerade am kleineren der beiden Spots gereicht es von Vorteil, wenn der Schirm an der Wasserkante gestartet wird und nicht auf der Wiese. Die Parkzone ist gefährlich nah und umliegende Bäume sorgen für Verwirbelungen und Abdeckungen des Windes. Skaven kann bei allen Winden mit Westanteil befahren werden ist scheinbar endlos stehtief und selten überlaufen.

Es Scheint wirklich nicht viel zu gehen und das obwohl Schaumkronen am Horizont zu erkennen sind. Ich nehme den Kitenachwuchs zur Seite. „Egal! Wir versuchen es“

Zum zweiten Mal an diesem Tag werden die Kites aufgepumpt, Leinen ausgelegt, gecheckt und als wir fertig sind da hat es Wind- Wind für zwei klägliche Schläge. Ein dummer Versuch, denke ich mir. Jetzt dümpele ich hier im Fjord vor mich hin- erfolglos, kurbelnd und wäre doch lieber drüben am Meer. Irgendwo in den Dünen, das Buch vor der Nase, Geschichten spinnend, chillend, die Welt vergessend. Wir geben auf, sind etwas ratlos und schauen Oskar fragend an. Der steht in der Mitte und holt sein berüchtigtes „Eins, zwei, drei- pffff „ raus. Nach drei Anläufen pfeift es fröhlich um unsere Ohren- so viel das es reicht lange Schläge zu fahren, ein, zweimal was zu üben, auf die Nase zu fallen- zu jubeln. Dann ist es für eine Weile wieder vorbei. So geht das den ganzen Nachmittag und wir finden irgendwann Spass daran startbereit an der Bar zu stehen, die Schaumkronen zu inspizieren und Oskar sein „Zwei Minuten noch die Herrrrschaften!“ nachzumachen, welches er als Ankündigung durch die Runde schallen lässt das alsbald wieder einige Minuten auf dem Wasser anstehen. Zweimal fällt mir der Schirm vom Himmel in den Fjord. Zweimal schlepp ich den Rastaroo an Land zurück, als ich mich anschicke ein drittes Mal ihn mit Süßwasser zu spülen mault er und ich lasse ihm seinen Willen. Vom ewigen Kurbeln bin ich auch platt und Verdammt! Mir tun die Arme so was von weh. Genug für heute- wir packen ein. Zurück in unserer Hütte Ratlosigkeit ob der Vorhersagen für den Sonnabend. Die ganze Woche wurde dieses Sturmtief gerechnet und vorhergesagt. Sehr beständig und mit stetig steigenden Windwerten. Ungewöhnlich weit im Norden Grossbritanniens ist es über die Insel geplumst und nimmt statt einer Bahn nach Südost in Richtung Deutsche Bucht ausgerechnet am morgigen Samstag Kurs auf den Skagerak, wo es gedenkt in der darauffolgenden Nach seine Luftpakete durch die Meerenge zu schieben um sie dann mit Paukenschlägen ins Balticum sich ergiessen zu lassen. Morgen wird es Sturm geben überall und es ist müssig jetzt zu überlegen, ob wir an die Ostsee fahren sollten. Bis Mittag liegen die Werte noch unter dreißig Knoten, danach soll es kontinuierlich zunehmen. Schauer soll es geben und Gewitter- ich zweifele, ob ich an diesem Wochenende noch mal aufs Wasser komme. Denn auch der mitgebrachte Schirm ist für derartigen Wind und mein Gewicht nicht wirklich ausgelegt. Nach Sauna, gegrilltem, einem guten Bier beschließen wir erneut früh das Bett zu verlassen und einfach zu schauen, ob die Nordsee morgen mit uns reden will. Kurz bevor ich in meine Wellenträume abdrifte seufze ich noch in Richtung schon längst von vergangenen Abenteuern träumenden Oskar „ Du! Mein Lieber! Mach doch das ich morgen entweder den Sturm knacke, wenn er denn dann so heftig hereinbricht, egal ob auf dem Fjord oder der Nordsee oder aber das der Sturm abdreht, wie so häufig und ich den Rhythmus der Wellen da hinter der Düne auch in diesem Jahr finde. Egal was- aber mach bitte, das morgen irgendwas geht und ich weder Angst habe vor dem das mich erwartet- noch meine Grenzen überschreite!“ Dreh mich um und reite die ich weiß nicht wievielte sich perfekt im Sonnenlicht brechende Welle.

Nachts werde ich wach, weil der Mann an den Turbinen da oben sich anschickt den Schlaf mit Arien zu stören. Es zerrt und poltert am Haus, das Holz knackt, auf der Terrasse fällt der Wäscheständer um, die Stühle pustet es auf den Rasen. Verdutzt setze ich mich auf und schlurfe raus ‚Ordnung machen des nächtens, Neos einsammeln, die Schuhe, Stühle festzurren und nicht darüber nachdenken, das Petrus den Regen gerade quer über den Platz fegen lässt. Wird schön. Irgendwann dämmert der Tag und erneut stapfe ich schweigsam mit dem Junior über die Düne. Wir kommen kaum voran, Schwaden von Sand werden auf unseren Nasen abgeladen. Peeling für lau. „Gut gegen Deine Lachfalten“ frotzelt Oskar. Oben angekommen stehe ich etwas ratlos. Der Wind ist voll onshore, Weisswasser soweit das Auge reicht, langgezogene perfekte Wellen -Fehlanzeige, riesige Brecher bäumen sich auf und rollen zerschossen in Richtung Strand. Ich seufze, klemm mir die Möwe unter den Arm, dreh mich um und nehm Oskar die Worte aus dem Mund. „ Kloster- wir fahren nach Kloster, schnell frühstücken und Abmarsch. Ich verzichte darauf in der Waschmaschine da unten einen Rhythmus finden zu wollen- ich knacke den Sturm heute Nachmittag und zwar in Kloster. Einer meiner favorisierten Spots am Fjord, wenn auch der Einstieg recht schmal ist und ich deswegen gerne weiter hinauslaufe zum Starten, so ist draussen in der Weite des Fjordes soviel Platz das man vergisst nicht auf dem Meer zu sein. Kaum Reusen im Wasser, wenig Schiffsverkehr und noch weniger Windsurfer. Kloster scheint ein reiner Kitespot und geht bei fast allen Winden mit Südanteil im Gepäck. Mitunter baut sich weiter draussen eine kleine Kabbelwelle auf.

Oskar rollt die Augen, schweigt still und schüttelt fast unsichtbar den Kopf. Ich drück ihn enger an mich. „Mach Dir keine Sorgen- ich gehe an die Grenzen heute, ich will das und ich brauche das- aber ich werde vorsichtiger sein und sensibler als sonst auf alles achten, das da oben an den Turbinen gegeigt wird. Vertrau mir Oskar“ Schnell werden die Brötchen besorgt, der Kaffee eingeworfen und im Handumdrehen ist die Karawane der sturmhungrigen Meute auf dem Weg nach Kloster. Dort angekommen sehen wir gerade den Achter der Jungspunde ausgelöst im Wasser zappeln. Die Jungs kommen an den Strand und sagen einfach nur „Grenzwertig!“ Jetzt werde ich doch unsicher. Reicht meine Erfahrung, reicht der Mut? Der Windmesser schwankt und pendelt im Mittel um 30 Knoten- Böen von 35 Knoten sind dabei- leider auch das eine oder andere Loch nach unten.Keine leichten Bedingungen. Wir bauen die Murmel auf und beschließen auf jeden Fall zu zweit am Start zu sein. Einer als Sicherung, der andere fährt. Im Moment des Startens schaltet der Turbinenmann einen Gang runter. Juchhe…und ich will geradde zurück zum Strand um dort auf meinen Auftritt zu warten, da wird mir einfach ein 5m² in die Hand gedrückt. Ob ich will? – und ob ich will! Kurze Einweisung, ein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter und ich werde entlassen mit den Worten „Mach Dir keine Sorgen, ich steh hier am Strand und passe auf!“ Zwei Schläge brauch ich um mich an den 5er Waroo zu gewöhnen, dann hab ich es im Griff und ziehe meine Bahnen. Inzwischen peitscht es wieder aus allen Kanälen – ein Konzert unglaublich polternder Tonfolgen ergießt sich über das Wasser, so sehr das auch hier Wellen schlagen. So aufgewühlt habe ich es hier noch nie gesehen. Der Himmel über mir ist schwer und grau wie Blei. Ab und an habe ich das Gefühl das Blau der Freiheit über mir blitzen zu sehen. Ich täusche mich. Nach endlosen Runden da draußen, will ich eine Pause machen und mich ausruhen da zwingt mich unerwartet eine wirklich heftige Bö dazu erstmals ein bisschen die Hosen voll zu haben. Oskar ist wie aus dem Nichts neben mir aufgetaucht und schreit mir ins Ohr. „Schirm Richtung Wasser! An den Windfensterrand und aussitzen!“ Ich bin erschrocken, die Hand an der Safety tu ich automatisch, wie der Herr befiehlt und siehe da, der Waroo setzt sich auf den Tipp und die Bö aus. Ich lach Oskar an, der zufrieden sich wieder aufschwingt um sich seinen Nachmittagsimbiss zu organisieren. Kurz darauf wird mir der Schirm abgenommen. Es orgelt aus allen Pfeifen inzwischen, sämtliche Tonfolgen werden im Himmel gespielt. Manchmal weiß ich nicht mehr ob Arie, Ballade oder Rocksong. Kein sanfter Reggaeton dabei. Schade seufze ich. Hörte ich was Sanftes heraus dann würde ich mich doch noch wieder an die Murmel hängen heute Nachmittag. Es ist mir nicht vergönnt. Zufrieden pell ich mich wenig später in wärmende Klamotten, fotografiere die hitzigen Jungspunde, höre Sätze wie „Das sind echt coole Säue da draußen“ Und freu mich- das auch ich dazu gehöre!

Plötzlich bricht sich die Sonne Bahn und die Meute beschließt an die Mole in Hvide Sande zu fahren um den Wellen zu zuschauen. Auf dem Weg dorthin machen wir im örtlichen Surfshop halt und kommen in Versuchung. Es wird ein Sturmkite offeriert, der im Preis fast nicht zu schlagen ist. Da der potentielle Käufer aber noch nie diesen Schirm fuhr, pulen wir einen der Meute gehörenden aus dem Bus und wollen ihn ausprobieren. Wir stehen in Hvide Sande am Spot- ablandig kommt der Wind hier. Wir überlegen, ob testen jetzt wirklich klug ist. Schauerböen fegen über unsere Köpfe hinweg. Oskar schimpft auf uns leichtsinnige Jugend, wettert und zetert. Wir halten im den Schnabel zu und entgegnen in die Tiraden hinein. „Der Tester ist ein erfahrener Kiter. Hier ist es überall flach. Im schlimmsten Fall kommt er halt zu Fuß zurück.“

Wir Mädels fangen schon mal an den Schirm aufzubauen. Drei Mädels für nen Typen. Ein wahrlich amüsantes Bild für die umstehenden Windsurfer. Wir selbst müssen über diese skuriele Situation laut lachen. Die Bar wird erklärt und gestartet. Das Vergnügen dauert genau zwei Schläge, dann liegt der Evo im Wasser und eine der Leinen hat sich um eine Boje gewickelt. Zeternd steht Oskar am Strand und mault“ Ich habe es Euch gesagt. Es ist zu böig hier, zu gefährlich und viel zu abgedeckt als das der Typ hier nen Schirm testet. Ihr seit leichtsinnig- verdammt! Ich bin sauer auf Euch! Achselzuckend schauen wir uns an , ziehen die Köpfe ein, bauen ab und wechseln zurück nach Kloster. Dort angekommen messen wir dann aber im Mittel 35 Knoten. Test ist gegessen für heute- das geht jetzt wirklich nicht mehr. Also zurück zur Hütte. Inzwischen sind wir alle so durchgefroren, das wir nur noch einen heissen Tee trinken wollen und Kekse essen. Beschlossene Sache und nach der Vesper finden wir uns am Strand wieder und lauschen dem grossartigen Konzert das die Wellen uns inzwischen bieten. So einen Krach, so ein beruhigendes, dumpfes Grollen habe ich selten zuvor gehört. Ich werde nicht satt vom Anblick dieser Kulisse, überwältigt von dieser Naturgewalt falle ich staunend auf den Hintern, stütze das Kinn auf und lasse all diese Grossartigkeit über meine Augen mitten in mein Herz fliessen. Wie gerne würde ich da jetzt draussen sein, hoch und runter die Wellenberge, in den Swich und wieder raus, Kicker suchen, mich fallen lassen, hingeben, ergeben. Da kommen tatsächlich noch zwei Typen an den Strand und schicken sich an kiten zu gehen. Neid flammt auf- purer Neid und Ehrfurcht. Bei 40 Knoten in die Nordsee. Wahnsinn- die sind total verrückt und gut- verdammt gut. Ich sitze da in den Dünen und denke bei mir…nehmt mich mit, nehmt mich einfach nur auf einer klitzekleinen Welle genau jetzt mit.

Klappt natürlich nicht- Oskar knappert an meinem Ohrläppchen, kuschelt sich in meinen Kragen und säuselt mir zu „Du warst heute großartig da auf dem Fjord, furchtlos und unerschrocken – Deine Wellentage kommen wieder. Heute ist einfach mal ein Abend für schwere Jungs!“ Langsam trenne ich mich von der Szene- als ich die Düne rauf laufe begrüßt mich der goldene staunende Mond. Wat schön seufze ich, lächle, schnapp mir mein Handtuch und verkrümle mich vor der leckeren Pasta und dem noch leckereren Shiraz in die Sauna. Spät am Abend entert unsere Karawane die Party, trinkt noch mehr Wein, philosophiert über Wind, Wellen , Wetter und die TingTings, warum geheime Spots nie lange geheim bleiben, wie Pianos funktionieren, den neuen Tarantino und die Tatsache das Murmel wirklich zickig zu sein scheint. Spät verlassen wir die Lokalität- es heult so sehr da draußen, das Mützen festgehalten, werden, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Wir gehen noch mal über die Düne. Ich kann nur noch rückwärts gehen. Mit dem Gesicht in den Wind kann ich nichts sehen, weil ich alles zuhalten muss da der peitschende Sand meine Wangen malträtiert, als ob jemand zeitgleich tausende Stecknadelspitzen unter die Haut fahren lässt. Das Meer ist gigantisch, atemberaubend und einzigartig. Der volle Mond schickt silbriges Licht in die Nacht und ehe wir es uns versehen hat der Verrückteste unter uns sich die Sachen vom Leib gerissen und verschwindet im Meer. Zweimal taucht er kurz unter dann kommt er mit schelmischen Grinsen im Gesicht zurück, schmeißt sich fröhlich plappernd in die Jeans- barfuss machen wir uns auf den Weg in die Hütte. Oskar verdrückt sich dort sofort in seine Ecke, stopft den Kopf unter den Flügel, murmelt „Gute Nacht“ und entschwebt in seine Träume. Ich schicke mich ebenfalls an meinen Träumen zu frönen, da habe ich plötzlich so ein Gefühl. „Ich muss noch mal los“ höre ich mich sagen und renn aus dem Haus. Wie und warum, ich weiss es nicht – nur das ich es muss- spüre ich. Komisches Leben manchmal. Ich stosse zu unserem Pärchen, zieh meine Schuhe aus und tanze über den Teppichboden- einfach mal so, an einem Sonntagmorgen im Oktober mit einer fulminaten Windprognose für die kommenden Stunden im Kopf und dem Wissen, das ich gerne weiter meine Grenzen austesten würde. Keine Ahnung wie früh oder spät es ist als ich mich schlafen lege. Ich träume nichts in dieser Nacht- ich lausche nicht dem Jammern des Windes, dem Rollen des Meeres. Ich schlafe tief und fest und ganz befreit. Heute habe ich Grenzen getestet, meine Kraft gemessen mit dem Pustemann und gewonnen. Morgen werden wir sehen.

Helllichter Tag ist es als ich wach werde. Die anderen haben schon den ersten Kaffee getrunken und ich sehe Stirnrunzelnde Gesichter. Der Wind hat weiter zugenommen, unermüdlich schickt er die Sandschwaden über die Düne, feiner Nebel so scheint es. Wir frühstücken, räumen die Hütte aus, beladen die Autos, entern ein letztes Mal die Düne, bestaunen die tosende See, sehnen uns nach Meer und Weite und Freiheit, checken aus und fahren zur Mole. Satt und gigantisch, laufen hier die Wellen rein, Arien schreien uns an, ein Gejaule in den Tauen der Segelschiffe- Himmel! Was für eine Gewalt. Entspannt schlendern wir durch den Hafen- Hunger meldet sich und da wir am Nachmittag noch wieder kiten wollen, bei abnehmendem Wind beschliessen wir unsere Mägen mit frischem Fisch zu füllen. Ein liebliches Restaurant, die Sonne, eine geschützte Ecke, 10 lachende Nasen und das zarteste und frischeste Fischfilet seit ewigen Zeiten. Wir schauen dem Wasser im Hafenbecken zu, wie die Wellen immer und immer wieder über den Rand schlagen- irgendwann läuft es über und wir fragen uns wie weit die Nordsee noch gedenkt heute in Richtung Fjord ihre Wellen zu schicken.

Wir fahren weiter nach Ringkjöbing. Ein Stück hinter dem ausgeschilderten Windsurfspot gibt es einen weiteren Strandzugang der nicht so sehr von Bäumen umgeben ist und daher viel weniger Verwirbelungen parat hat als der weiter in Richtung Stadt gelegene Spot für die Windsurfer. Ringköbing ist fahrbar bei östlichen bis südwestlichen Winden. Wind. Nimmt der Noranteil überhand wird der Wind ablandig und Skaven oder Bork Havn eignen sich besser zum kiten.

Wir biegen rechts ab und fahren den kleinen Feldweg an den Strand. Einsam schaukelt ein Boot im Sturm- ein Klappstuhl lädt zum Verweilen ein, die Hagebutten leuchten rot und prall im Licht des Nachmittages. Bis auf das Konzert aus dem Himmel hören wir nichts. Gevatter Wind hat fürs erste mit den Paukenschlägen an Böen ausgesetzt. 7er und 5er werden aufgebaut, die Murmel…ich entscheide mich dann gegen kiten. Heute bin ich müde und erinnerungsschwer, heute ist ein Tag an dem werden Grenzen nicht ausgetestet, sondern überschritten- Heute gehe ich nicht aufs Wasser- heute bin ich vernünftig! Stattdessen sicher ich am Strand, frierend im Neo mit heissem Pfefferminztee versorgt. Die Session der beiden Mutigen ist auch schnell vorbei- dunkle Graupelschwere Wolken wälzen sich über den Horizont. Zeternd holt Oskar die beiden Unerschrockenen vom Wasser wohlwissend und zu recht. Auch wenn er erst auf Unverständnis stösst, nach Öffnen der Schleusen im Himmel sind sie dankbar. Die Sonne senkt sich langsam zum Schlaf, mit ihren letzten Straheln zaubert sie den , ich weiss nicht wievielten , Regenbogen an diesem Sonntag an den Himmel, der satte Vollmond steigt auf. Es ist kalt geworden und spät und wir begeben uns auf die lange Fahrt in die grosse Stadt zurück. Schweigam, melancholisch hängt jeder seinen Gedanken nach und doch haben wir alle dieses satte, von Glück und Weite , Wind und Freiheit kündende Lachen um die Nasen.

Entscheidungen und ihre Folgen, das Meer und Oskar Weisheiten…

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„Und nur, weil ich so anders bin, als die drei  oder elf  anderen wichtigen  Menschen in Deinem Leben , rechtfertigt es noch immer und immer wieder  nicht, Dein derzeitiges Verhalten, vor allem das mir gegenüber, welches Du Spinner gerade an den Tag legst. Es ist besser Du gehst jetzt!“

Rrrrrrrrummms- die Tür, meine Wohnungstür, knallt ins Schloss. Oskar und ich auf der einen Seite.

Ein bedröppeltes Wesen auf der Anderen. Ich höre die Schritte im Treppenflur. Sie entfernen sich. Hmmm! Erschöpft lehne ich meine Stirn an die kühle Wand, Oskar in seiner Ecke tut so als ob er nichts sieht und nichts hört. Maniküre der Flügelspitzen einer Möwe. Hmmm- seufze ich erneut. Oskar verzieht keine Miene, unterbricht seine Arbeit nicht. „Hmmm- Oskar! Und nu?“

„Schätzelein, ich denke kiten gehen und ans Meer fahren.” Ohne mit seiner Maniküre aufzuhören kommt die Antwort “Passend zur schlechten Gesamtsituation brauen sich auf der Nordsee gerade ein paar Windstärken jenseits der 5 zusammen. Ach und bevor Du,  mein Herz, mir ins Wort fällst- Ja! Sie tun es auch auf der Ostsee. Schatje;  der Windmann hat ein Einsehen mit Deinem  kleinen angebrochenen Herzchen .Lass uns das tun, was wir immer tun, wenn wir unfreiwilligerweise mal wieder dazu verdonnert wurden unsere Pfade alleine zu zweit entlangzuwandeln. Eine gute Session, ein besserer Rotwein in der sich hinter den Horizont zur Ruhe begebenden Sonne, ein excellentes Risotto von den vorhin auf dem Markt gekauften frischen Steinpilzen und Du wirst sehen, wir werden drüber lachen “

„Punkt 1 mein Freund- dieses Schat (Gott ich kann das einfach noch immer nicht aussprechen) je Gedöns ist gestorben, seit genau…“ ich werfe einen belustigten Blick auf meine Uhr „seit genau 7,5 Minuten. Diese komische Sprache kommt mir wenigstens die nächsten drei Monate  nicht über die Türschwelle. Punkt 2, mein herzallerliebster treuester Freund- lass uns Paul anrufen, der tröstet noch immer am Besten. Punkt 3 , klar wir sollten kiten gehen- morgen abend, vorher haben wir allerdings  eine Verabredung in der Hafencity. Schon vergessen? SUP Worldcup und nicht genug das die Schulter einen Hauch zu schwach ist, der Magen noch so einen Wimpernschlag rumpelt, jetzt tut die linke Brust auch noch weh. Super Vorraussetzungen um an einem Worldcup maximalen Spass zu haben. Oskar wir können noch nicht kiten gehen. Punkt 4- wir kommen zu spät, wenn wir uns nicht beeilen. Also los- unterwegs haben wir genug Zeit um Trübsal zu blasen und uns unserer/meiner Melancholie hinzugeben.”

Dieser Satz ‚wir können noch nicht’ bewirkt bei meinem Freund in der Tat eine Reaktion, zumindestens meine ich seine rechte Augenbraue in die Höhe ziehen zu sehen.

„Ui…die beste Medizin darf heute nicht angewandt werden. Schatj….Schätzchen das ist blöde, die einzig wahre Medizin kommt erst morgen zum Einsatz? Tja- dann stell doch schon mal den 43er kalt und  Rum und so. Ich glaube ohne geht’s nicht. Weil Punkt 1- Stand Up Paddeln ist weniger Gedankenspinnen und nicht Loslassen können resistent wie kiten. Punkt 2 Paul anrufen geht nicht- weil Schat….jzchen der schon in Shanghai sitzt und da ist es jetzt mitten in der Nacht. Ich meine ruf Paul an- ich denke nur Inga wird das weniger toll finden, wie Paul und sich nicht so wie Paul darüber freuen, das sie mitten in der Nacht Deine Stimme hört.

Stell den Rum kalt- empfehlung meinerseits.Spätestens heute abend nämlich meine liebe kleine Kitermaus, wirst Du sehen das diese so wunderbar weissgetünchte Tür, nicht so schnell ins Schloss hätte fallen sollen. Zumindest nicht, mit Dir hier und der anderen Seite im Treppenhaus.“

„Quatsch mit Sosse Oskar, Du bist ne Möwe und kein Seelenklempner. In den vergangenen 30 Jahren hat mich nur einer veralbert, da muss jetzt nicht noch ein zweiter daherkommen. Und ich habe es in den vergangenen 30 Jahren gerne konservativ gehalten, so diese zwischenmenschlichen Geschichten. Ich fange doch nicht jetzt an, mich von irgendwelchen pubertär veranlagten  Hühnern in eine Quasisoap bugsieren zu lassen. Mir ist egal wer mit wem , wann, was und wer wem, wie, etwas , wohin, warum mitteilte.  Wer mir was zu sagen hat, kann das tun. Wer mich mag kann das auch tun. Und wer meint mich stellen ‚Ich bin kein schlechter Mensch ‚ Aussagen zufrieden , ohne das mir das bewiesen wird- Oskar…wenn ich jetzt nicht gehe, dann habe ich die nächsten zehn Jahre kaputte linke Brüste!

So! Und jetzt satteln wir Fridolin, schmeissen uns die Regenjacken über und entern das Staffelrennen im Stand Up Paddel Worldcup.”

10 Minuten später schiebe ich das Fahrrad, Fridolin das Fahhrad, auf den Hof. Vom Himmel regnet es Bindfäden, es ist grauer als Novembergrau. Die Stadt rumort freitäglich gestresst vor sich hin. Wie um meine Melancholie noch zu forcieren, hat sich irgendwo über Norddeutschland ein Monstertief eingenistet und schickt Regenmengen ungeahnten Ausmasses in Richtung Erde. Völlig durchnässt komme ich an der Hafencity an. Mechanisch spule ich mein Programm ab, Einschreiben, sortieren, Presse koordinieren, hier ein Lächeln, da für einen Artikel was erzählen, wieder lächeln , paddeln, alle Wut in die Elbe ablassen, das hilft und sorgt zumindest dafür das die Viva con Agua de St. Pauli Staffel nicht als letzte Staffel ins Ziel trudelt, noch einmal lächeln, noch wieder die Presse- irgendwann ein Bier, endlich ein Bier. Es regnet noch immer und es regnet einfach noch viel schlimmer als vorhin. Boardshorts, FlipFlops und die Regenjacke – bei soviel Nass von oben ist das die beste Kleidung.  Mechanisch trete ich die Padale nach Hause. Ich habe weder Lust auf Schokoladeneinkäufe, noch Lust ‚IchMussMichBetäubenShoppen’ zu veranstalten, Kino- Gott! Nein. Ich habe einzig  Lust in Boardshorts an Regenjacke und FlipFlops monoton kräftig in die Pedale zu treten. Urplötzlich zeigt der Himmel eine scharfe Kante. Wie zum Dank das ich noch nicht angefangen habe mit meinen Tränen das Nass des Himmels anzureichern, schält sich die Sonne dahinter hervor. Als hätte es den halben Weltuntergang nicht gegeben hört der Regen auf, macht lustigen Sonnenstrahlen Platz, die meine Nase kitzeln.

So geht es das ganze Wochenende weiter, gefangen zwischen der Gewissheit ganz recht entschieden zu haben und dem Wunsch das ich hätte nicht entscheiden müssen bzw. dem Begehren diese Entscheidung vielleicht zurückzunehmen- verbringe ich das Wochenende. Erneut entscheide ich mich gegen Einsamkeit für Party und für Trubel. Oskar stelzt wutentbrannt zwischen Wohnzimmer und Küche  hin und her. Liest mir die Leviten , von wegen ‚ich solle zur Ruhe kommen, mich auf die wahren Werte besinnen, NonStop Party  hilft Dir auch nicht auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Erst als ich ihm androhe den Schnabel zuzubinden, zieht er sich maulend in die Ecke zurück. Verkriecht sich hinter seinem Sessel und schmollt. Verdammt Oskar- Du hast recht. Ich weiss, aber ich will jetzt noch nicht nachdenken und so. Dazu habe ich im Herbst Zeit- vielleicht.

Und weil ich nicht auf Oskar hörte, bin ich dann am Samstag auch nicht mit meinem Kopf zu einhundert Prozent beim Stand Up Paddeln. Pro Heat kommen drei Damen ins Finale, ich habe einen super Start, ich bin  schnell und wieder Erwarten fit, dann kommt die Boje und die Wende- ein Lachen stiehlt  sich in meinen Kopf, eines dieser klaren Lachen, eine Sekunde bin  ich abgelenkt und plumpse ins Wasser. Danach kann ich nur noch aufholen und um ein ganzes Feld von hinten aufzurollen dafür reicht dann die Kraft am Ende nicht mehr aus. Ich ärgere mich selten , Samstag hole ich das ausgiebig nachgeholt.

Ein weiteres Mal trete ich wütend in die Pedalen auf dem Heimweg. Heute nicht wegen eines fehlenden X-Chromosoms namens Hinrich, sondern…naja, eigentlich schon deswegen- weil sich doch sein klares Lachen in meinen Kopf stahl, just in dem Moment, in welchem ich hochkonzentriert zur Sache sprich in die Wende hätte gehen müssen.  

Daheim packe ich meine Sachen und schmeiss den Polo auf den Weg nach Norden- Oskar inzwischen einen Hauch weniger verschmollt im Fond des Autos.  

Mensch Oskar- jetzt rede halt wieder mit mir. Oder sing  asbach uralte Schlager; erzähle mir schlechte Witze- aber rede wieder mit mir’

„Grmmmphhh – wer kann solch Betteleien schon wiederstehen, also gut. Ich glaube Du musst Dich gar nicht beeilen um ans Meer zu kommen“

„Hähhh- warum das denn nicht“

„Weiss nicht – ein Gefühl“

Zwei Stunden später, das Meer, endlos und weit , klar und rein empfängt es mich. Die Wellen schlagen an den Strand, schwarz der Horizont, weiss die Schaumkämme. Schnell umziehen und ab auf aufs Wasser. Inzwischen habe auch ich das Gefühl das was nicht stimmt.

Auf halben Weg zum Strand, dann ein Fehltritt, ein scharfer Schmerz im grossen Zeh, Blut, ein abgerissener Nagel, noch mehr Schmerzen, bester Havana als Desinfektionsmittel und SabinChen die sich wieder in die Jeans schmeisst. Nix mit kiten an diesem Wochenende, stattdessen Zuschauer und kleiner Terrorist. Immer und immer wieder erwische ich mich dabei, mir ein schnelles, brachiales Ende des windes zu wünschen- ich kann so schlecht gönnen, wenn mir die Freiheit auf dem Wasser nicht gegönnt ist. Manchmal kann ich es schlecht. Besonders dann nicht, wenn kiten zum Ventil gerreichen muss.

So schnell, zwei Augenblicke  an einem Wochenende so unvorsichtig und folgenschwer. Der eine verhindert den Finaleinzug, der andere das Frustkiten wegen irgendwelcher komischer Männer und ihrer Hühner und dem verpassten Finaleinzug.

Ich schau Oskar mitten ins Möwengesicht und muss grinsen.

„Alter – Du hast so recht! Wir absolvieren jetzt noch die Party auf die wir geladen sind und ab morgen Abend- versprochen- sind wieder nur wir zwei uns wichtig. Und ich nehme Tempo aus meinem Leben. Ab morgen Abend für die kommenden Wochen gibt es Dich und mich, das Meer, den Wind, die Wellen und die Weite- Versprochen…Schatje.“ Grinse ihn an, dreh mich um und tauche in die letzte Party für einige Wochen ein.

Wie sollte es anders sein, sie endet im Morgengrauen. Ich bin müde und platt- auch wie so oft diesen Sommer und ich bin es überdrüssig- das allerdings das erste Mal diesen Sommer.

PS: Ähnlichkeiten sind manchmal gewollt, meistens jedoch nicht. Vieles ist an den Haaren herbeigezogen, der wesentliche Teil enthält einen Hauch Wahrheit. Es ist eine Geschichte, wie es viele auf dieser Welt gibt- eine Geschichte mit einem Funken….Wahrheit und einem Augenzwinkern

Fehmarnsche Idyllen, Grenzgänge der besonderen Art oder wie Oskar und Silje meine Entscheidungen zerpflücken

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‚There’s no tender way to say it’s the end’ Silje Nergaard haucht zum xten Male ihren Song, meinen Lieblingssong für wolkenverhangene Novembersonntage auf dem Sofa, in den Augustabend. Schwerer  Sommerregen rauscht durch die  Blätter der alten Linden hinter dem Haus. Grell durchzucken Blitze den schwarzen Himmel. Feuchte, regengetränkte, weiche, samtene, mich sanft umhüllende  Luft, der abendliche Grossstadtverkehr klingt weit entfernt, gedämpft durch das Konzert der Natur. Kein Vogel singt, keine Amsel lockt, kein Spatz verkündet Neuigkeiten vom Dach, keine Schritte auf dem Kies vor dem Haus, kein Klingeln vom Telefon, kein facebookChat klopft an.  Stille – unendliche Stille. Ich weiß nicht seit wie vielen Stunden ich hier auf dem Balkon sitze, die Zeit ist stehen geblieben, Gedanken haben aufgehört sich im Kreis zu drehen, wohlige Erschöpfung macht sich breit, gemischt mit einem Teelöffel Melancholie an einer Prise Lethargie, Enthusiasmus und Entschlossenheit konnte ich vorhin nicht finden. Mein heiß geliebtes Steinpilzrisotto musste ohne sie schmecken.  Lediglich ein guter Schluck Rotwein – kräftiger barriquegereifter Merlot- Spitzenjahrgang 2005, fand sich im Weinregal.

“I don’t want to see you cry” Silje –  Du hast so recht. Ich mich auch nicht. Beginnende Saxonphone, weiche Percussion und wie recht Du hast Silje! ‚Let me be the loser and you win!’

Eine Entscheidung musste her- eine pro oder contra, für oder wieder, Vor- und Nachtteile auflistende, Grübeleien beendende Entscheidung. Eine ganze Nacht habe ich Listen geschrieben, alle Möglichkeiten gesucht auszuloten, abgeschätzt, berechnet, bemüht Worte zu finden, Erklärungen, habe Fragen gestellt, den kläglichen Versuch des sich im Netz ‚schlaulesens’ schnell aufgegeben, am Ende dem Bauchgefühl vertraut. Ein paar Zeilen flüchtig dahingeworfen – ‚Theres no tender way’ – das Couvert sorgfältig verschlossen und die Zeilen der Welt anvertraut unwiederbringlich, unumkehrbar- endgültig.

Oskar, mein lieber Freund Oskar,  nippt an seinem Rum, spreizt die Flügelspitzen, gähnt, schmatzt genüsslich, greift nach seiner Zigarrenkiste.

Noch immer peitschen Blitze über den Himmel, erleuchten für einen kurzen Moment den Garten, gespenstisch, stumm strecken die Linden ihre Zweige in die Nacht.

Das Rotweinglas in den Händen drehend, den Blick im samtenen Rot versunken, die leichten Wellen, die der gute Tropfen an den Glasrand schlägt verfolgend, so als ob ich die Antwort am Grund des Glases finden könnte.

Zigarrenduft schleicht sich in meine Nase, Oskar hat sein Dessert entzündet, gleich wird er sich im Sessel zurücklehnen, die Möwenbeine übereinanderschlagen, das Whiskeyglas an den Schnabel führen einen genießerischen Schluck nehmen, einmal zum Vergnügen schnalzen und das Ganze mit einem tiefen Zug aus der Zigarre veredeln.

„Oskar?!“ frage ich in das Donnergrollen über der Stadt.

„Hmmm“ lautet die Antwort

„Oskar! Was denkst Du, war meine Entscheidung richtig? Ist meine Entscheidung richtig?“

„Welche Entscheidung meinst Du?“

„Na meine. Die, die mich eine Nacht kostbaren Schlaf gekostet hat“

„ Diese undurchsichtige Erklärung? Diese PseudoAussage, welche verpackt in Worte, die jede Art von Interpretation zulassen, Dir alle Hintertürchen offen hält? Kind – ich glaube Du brauchst dringend Luft. Nee Luft nicht, einen Sturm und ein bisschen eine Herausforderung. ‚Entscheidung – Ich habe eine Entscheidung getroffen’ flötet Oskar ins verblassende Donnergrollen, meinen Wortlaut nachäffend.

„Großartige Entscheidung die Du getroffen hast. Nicht den Hauch davon hast Du. Ich sag Dir was, meine Liebe! Bevor Du hier anfängst Trübsal zu blasen und zu jammern, packst Du bitte das Auto, stellst den Wecker auf morgen früh um sechs und gehst schlafen. Von mir aus trink gerne Deinen Wein noch aus, verfluche mich und meine Altklugheit eine weitere Stunde- aber lasse Dir von mir gesagt sein. Das Einzige was Du entschieden hast, ist- das Dir jemand die Entscheidung abnehmen soll. Weil Dir der Mut fehlt mutig genug zu sein. Du hast eine scheinheilige Entscheidung getroffen, eine die Dir alle Hintertüren offenhält, das entspricht nicht Deinem Naturell, das solltest Du revidieren und die Erkenntnis das ich recht habe wird Dir der Nordoststurm morgen schon beibiegen.“

Wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, bäumt sich das Gewitter mit einem lauten Krachen erneut auf. Ich zucke zusammen, nehme einen weiteren Schluck vom Merlot. Schwer und voll verteilt sich der satte Geschmack auf meiner Zunge, rinnt der Tropfen die Kehle hinunter, wärmt meinen Bauch. Ein leises Ziehen. Meinen Blick wieder im Brombeere des Glases versunken, lasse ich die Gedanken ein paar Tage zurücklaufen, Lachen, Unbeschwertheit, ein kurzer Moment, graue Wolken, Stirnrunzeln, Unverständnis und das Gefühl nicht zu wollen. Ein Ja aus meinem Mund, welches kein ehrliches wahr, ein getarntes ‚Ja’. Vielleicht hat Oskar recht, möglicherweise ist es manchmal nicht gut, keinen Mut zu haben, zu resignieren, sich zu verstecken. Eventuell wäre Nachdrücklichkeit, das Pochen auf Erklärungen, Entschlossenheit, mee(h)r Mut, Risikobereitschaft jetzt die schmerzhafte, gewinnbringende Variante neue Wege zu beschreiten.

‚Theres no tender way’- wie zur Bestätigung setzt Silje erneut an. Das Saxophon gesellt sivh dazu, wie ich die Wehmütigkeit manchmal hasse, so sehr wie ich das Seufzen des Instrumentes liebe.

Während ich anfange den Kopf zu schütteln, sich ein Lachen auf meine Nase stiehlt, hebe ich den Blick, der Rotwein schwankt sanft im Glas genau auf Augenhöhe. Durch das samtene Violett des Weines kann ich direkt in Oskars fragenden Blick sehen.

„Also gut, mein Freund. Lassen wir den Nordoststurm morgen meine Gedanken ordnen.“

 Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase. Lachend entere ich den sich brechenden Kamm einer wunderbar türkis schimmernden Welle, den Kite im rechten Moment zurückgelenkt, um ja nicht zu schnell zu werden, ein bisschen mit der Boardkante abgebremst, sause ich dem Weißwasser hinterher. An meinem großen Zeh leckt das salzige Wasser des Ozeans. Gott! Das kitzelt….

Und wie das kitzelt. Nicht das Ozeanwasser leckt an meinen Füssen, eine aufgeregte Möwe wandert am Bettende hin und her. „Schätzelein, jetzt mach endlich. Es ist Wochenende, die Sonne lacht und die Insel mit der Brücke erwartet Deinen Besuch“

„Gott! Du alte Nervensäge. Wenn Du mich nur ein Mal diesen Wellentraum zu Ende träumen lassen würdest, aber nein- wir müssen ja aufstehen.“

Oskar lacht mich aus, hält mir eine dampfende Tasse Kaffee unter die Nase „ Hier Schätzelein, damit Du einen Gang weniger meckerst und den Weg unter die Dusche findest“ Ein freudiger Blick auf die Windcharts für den Tag lassen meine Laune steigen. Ich pfeife auf den angekündigten Regen, Oskar hat Recht, der Nordost wird satt und kräftig an den Brink rollen und ich in ihm. Fünf Minuten auf der Autobahn und die Ernüchterung. Es ist Bettenwechsel auf der Insel und wir stecken im Stau. Während meine Finger nervös auf das Lenkrad trommeln, summt Oskar irgendwelche Schlager vor sich hin. Möwe scheint entspannt- das Windproblem, also das Problem das der Wind sich verabschiedet, scheint nicht akut zu sein“

Fenster runterkurbeln, Sommersanfte Luft hereinlassen, Charaktere im Nachbargefährt analysieren, mit Oskar Wortspielchen veranstalten- so ein Stau ins Wochenende hat durchaus positive Seiten. Selten lache ich so viel über griesgrämige, sich streitende Hausfrauen auf dem Weg zum Picknick, die ihre auf dem Hintersitz des Opel Kombis herumturnenden  Kinder versuchen unter Kontrolle zu bringen und nebenbei dem Ehemann Rede und Antwort stehen, warum der Kreditrahmen auch in diesem Monat voll ausgeschöpft worden ist.

Irgendwann am Mittag haben wir die Brücke überquert, fädeln uns in die Autoschlange gen Norden ein, der Himmel ist novembergrau, ich habe mal wieder Silje Nergaard aufgelegt – ein Winterblues mitten im August. Ritsch,ritsch bewegen sich die Scheibenwischer im Takt der Percussion und des Pianos. Wir biegen auf den Parkplatz ein, der Regen wird stärker, der Wind scheint verdutzt darüber und säuselt noch ein bisschen verhalten über den Deich. Ich sage nichts zu Oskars Fehlprognose. Selbiger schaut betreten zu Boden, scharrt ein wenig mit den Möwenfüssen im Sand und gluckst ein „Ich bin dann mal weg und schau ob ich was Essbares finde“ in den Regen. Meine Möwe schwingt sich in den von fliegenden Wolkenfetzen überzogenen Himmel und ich stehe da, auf dem Parkplatz, der Regen rinnt über die Stirn, die Nase hinunter, tropft fröhlich auf den Kragen meiner Jacke. Nun gut, denke ich bei mir.

Versuch macht klug, ich schmeiße 10,5m² über die Schulter, sattle beide Boards und begebe mich zu den am Strand wartenden Freunden. Schagabtausch unten am Beach. Ob der Vorhersagen werden kleine Kitegrössen aufgebaut, ein kurzer versuch- reicht nicht ganz. Die grösseren Brüder kommen an den Start. Geschichten der gestrigen Nacht umgarnen mich, der Rum floss reichlich, das Parkett der zum Club auserkorenen Autowiese wurde gerockt, spät endete die Nacht, quas mit dem am Morgen einsetzenden Regen. Statt schwere Gedanken zu wälzen hätte ich mich der Partymeute anschließen sollen. Ich lache ob der Geschichten über Tänze auf dem Autodach, mitternächtliche Grillbuffets und verlorene Hundedecken. Mein Kite knattert fordernd im Wind. Ich geh raus aufs  Wasser und fasse einen Plan. Es ist so voll hier am Brink, ich werde dem Rat eines Freundes folgen und mich vor der Mole abfallen lassen, ein bisschen downwind. Statt dann einsam  nah am Strand zu spielen, werde ich aufkreuzen, um hinter der Mole weit draussen auf der Ostsee Wind und Klarheit in meinen Kopf fliessen zu lassen. Ein mutiger Plan. Lange Schläge , ich laufe gut Höhe, ein Stocken im Oratorium vom Himmelsorchester und ich verliere, dann wieder satte Tonfolgen, lupßenrein, Höhe gewonnen, ein neuerliches windloch, dagegen ankämpfen- keine zeit für Geschichten spinnen und Klarheit erfahren, Konzentration, absolute Konzentration. Nach und nach schmeiße ich meinen Ballast in das weite flaschengrüne Meer. Stunden dauert es. Irgendwann ist es geschafft. Noch ein Schlag, zur Sicherheit, damit ich am Ende nicht doch in den mächtigen Steinen der Mole mir einen Knochen breche, sehe ich den Strand in weiter Ferne. An seinem Ufer tummeln sich unzählige Kiteschirme und ich? Ich bin alleine- kann meine Geschichten spinnen, mit Oskar um die Wette cruisen, meine geliebte Spielwiese draußen an der Sandbank, wo die wellen sich chaotisch zwar, aber irgendwo grandios brechen entern. Traum- unbeschreiblich schön und das trotzdem die Sonne fehlt. Inzwischen regnet es so stark, da sich nicht mehr weiss woher das Wasser in meinem Gesicht kommt. Von oben? Von der gerade geschnittenen Welle? Die Oberschenkel brennen, der Wind hat zugenommen, eigentlich bin ich fast überpowert, es ist egal, denn diese Weite bringt Klarheit in meinen Geist. Ich weiß nicht wie viele Halsen into swich ich fahre, wie oft ich zum Sprung ansetze, irgendwann verlässt mich die Kraft- endgültig. Ich pfeife nach Oskar, der ist zur Stelle. „Ok, mein Freund. Du hast Recht. Entscheidungen die Hintertüren offenlassen sind nonsens. Ich werde morgen Mittag nach Hause fahren und versuchen eine vernünftige Lösung zu finden. Du hast Recht, mein Freund. Pauschal ‚Ja’ sagen, ohne zu kämpfen ist absolut schwach!“

Oskar grinst. Antworten kann er nicht, ein fetter hering glänzt silbrig in seinem Schnabel. Müde, glücklich, entspannt, vollkommen entkräftet komme ich vom Wasser. Baue ab- sage schnell tschüss und fahre auf kürzestem Weg in die von den Mädels organisierte Ferienwohnung. Mitten im Nirgendwo auf dieser Insel, präsentiert sich uns ländliche Idylle. Fette Gänse watscheln um den teich, Ponys stehen im Gatter, ein riesiges Gehöft, alte Geschichten erzählende Bäume, keine Spur vom Meer, eine unglaubliche alles verzaubernde Stille. Fehmarn hat durchaus reizvolle Seiten, stelle ich fest, als ich auf die lange Auffahrt einbiege. Einen Moment verschnaufen, Bilder wirken lassen, eine heisse Dusche, eine Seelenverwandte später wird der erste Rum dieses Abends die kehlen hinuntergeschickt. Gott! Tut das gut. Bevor keiner mehr hinter das Steuer des Autos darf, verlassen wir die Einsamkeit und gesellen uns zu den anderen Verrückten, entzünden den Grill, speisen fürstlich zu Abend. Ich bin müde , tot müde. Die trüben Gedanken, die Stunden auf dem Meer, die Kraft die Aufkreuzen kostet, der Regen, meine erinnerungen fordern Tribut. Ein Blick, wenige Worte und zwei Mädchen entscheiden langweilig zu sein in dieser Partyschweren Samstagnacht. Zurück in die Stille, mittig der Insel, fahren wir, schweigsam, jeder seinen Gedanken nachhängend, bauen wir uns kurz darauf ein Sofa, mixen den Rum an, schalten einen Film ein und geben uns unserer ‚Langeweile’ hin. Grandios, nach Wochen ständiger Party ein Abend mit einem seichten Thriller, einem guten Cuba Libre und intensiven Gesprächen- unbezahlbar. Oskar schnarcht in der Ecke, den Kopf unter seinem  Flügel versteckt, Träumen vom Meer, Lachen und der Weite hinterherjagend. Wir schlafen auch ein – irgendwann, völlig ermattet von diesem Tag da draußen auf dem Meer.

„Magst a Kaffee?“ Lissis Worte reißen mich aus einem ausnahmsweise traumlosen, erholsamen Schlaf. Ich recke mich, schaue verschlafen in den Sonntag. „Ja!“ Mensch Lissi- Du bist echt perfekt. Kaffee am Bett. Luxus  pur! Langsam werden wir wach. Langsam meldet sich der Hunger. Entspannt beginnt die Suche nach einem schönen Frühstückslokal. Fehmarn entfaltet einen nicht gekannten Zauber. Wir fahren nach Orth an den Hafen. Unter alten Bäumen sitzen wir, essen frische Lachsbrötchen, genießen frischen Obstsalat, Müsli, Latte Macchiato. Geschichten wechseln die Besitzer, Erinnerungen werden ausgegraben, Zukunftsmusik gesponnen. Später wandern wir zu zweit an den Leuchtturm nach Püttsee, die Erinnerungen tun heute nicht mehr weh. Vielmehr zaubern sie ein Lachen um meine Nase. Möglicherweise war meine Entscheidung übereilt und dumm- ich weiß das heute nicht. Morgen, übermorgen, in Wochen, vielleicht in Monaten wird es sich zeigen. Alles wird gut. Wir stoßen am Mittag zum Rest der Meute, Zelte werden abgebaut, Episoden der vergangenen Nacht schleichen sich an mein Ohr. Spät- viel zu spät bin ich wieder auf der Autobahn im Stau in Richtung große Stadt. Mich erwartet ein Sommergewitter, ein neuerliches, ein guter Schluck Rotwein und ein sanfter Traum. Was für ein Sommer- dieser Sommer 2010! Und er birgt noch soviele Überraschungen, dessen bin ich gewiss. eine Beachparty, ein Worldcup, eine Bootstour, einmal Dänemark im Sturm, ein bisschen Kenny Rogers vielleicht- wer weiss das schon. ich freu mich auf alle diese Dinge- einfach so.

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