Inseltagebuch – warten auf den Wahnsinn

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Vergangene Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Anfangs noch versuchte ich mich mittels putziger Lämmchen in den Schlaf zu zählen. Dann verlegte ich mich auf wunderbare Träume vom Sommer und sanftem, warmen Wind, der in meinen Haaren spielt, orangeroten Sonnenuntergängen und der dazu gehörenden Romantik. Es wiegte mich nicht in sanfte Träume und so  holte ich die Erinnerungen an den vergangenen Sommer aus der Schublade. Ich  liess Bilder von lachenden blauen Augen, schneeweissen Segeln, perfekten, kristallklaren Wellen, im Wind sich biegenden Bäumen und weiten Stränden mit der dazugehörenden Romantik vor meinem geistigen Auge auf und ab spazieren. Die Erinnerungen  regten mich auf. Ich schmiss das viel zu warme Federbett zurück und wechselte auf das Sofa. ‘Das Fernsehen wird es schon richten’ dachte ich mir. Schliesslich war ich müde. Müde und ein bisschen dem Wahnsinn nahe.

Die ganzen Tage sind derzeit angefüllt mit Telefonaten, Fragen, Recherche und nicht darüber nachdenken, das alles in 44 Tagen über die Bühne gebracht sein muss. Noch 44 Tage, dann steht der Möbelwagen vor der Tür und verschlingt mein Sofa und das Bett, den alten Kiefernschrank, die Waschmaschine, unzählige Bücher und Geschirr in seinem Bauch.

Freitag stand mein Chef in der Tür, drückte mir das offizielle ‘Sie werden nun entsandt’ Schreiben mit allen dazugehörigen Paragraphen, Titeln , Kostenträgern, Objektnummern und Formularen in die Hand, sagt ‘So ! Das wäre es dann. Fragen Sie die Kostenstelle in der Zentrale,wenn Sie nicht weiterkommen, die wissen Bescheid über jedes Problem’

‘Ja gut.’ ist meine Antwort, das Papier befremdlich in den Händen haltend, von allen Seiten argwöhnisch betrachtet ‘Ja gut- ich werde dann mal alles in die Wege leiten. ‘

All die Paragraphen auf dem schneeweissen Blatt Papier verwirren mich. Ich tauche ein in den Behördlichen Dienstweg und wieder Erwarten sind die Damen in der Kostenstelle über Gebühr freundlich, hilfsbereit und haben auf alle Fragen beruhigende Antworten. Am Tollsten und das rettet meinen Freitag ist ihr faszinierender Hang zur Unbürokratie.

Schicken Sie uns alle Unterlagen per Mail und per Fax, teilen Sie uns mit welche Rechnungen beglichen werden müssen. Wir kümmern uns darum. Machen Sie die Unterlagen rasch fertig. Am 09.Dezember ist bei den Behörden Kassenschluss, danach kommen Sie erst Mitte Januar wieder an Geld- das dürfte in ihrem Fall zu spät sein. Und Sie Arme, wer ist so grausam und schickt einen so jungen Menschen auf einen einsame Insel. Haben Sie sich das auch gut überlegt? So mitten im Winter?”

“Hmmm” lautet meine karge Antwort.

“Hmmm” denke ich auch bei mir. “Habe ich mir das gut überlegt? Momentan fühlt sich dieser ausflug, der ja eher eine Hochzeit ohne Scheidungsoption ist, noch an wie ein großes, anstrengendes Abenteuer, von welchem ich ahne das ich den einen ode randeren Morgen bereuen werde, das ich es einging”

Zum wievielten Male hinterfrage ich nun schon meine Entscheidung? Einen Tag bin ich euphorisch, den nächsten, wenn ich unten am Hamburger Hafen in das pulsierende Leben einer Metropole am Tor zur Welt eintauche traurig, melancholisch. Dann wieder bin ich so in all die zu bewältigen, logistischen Problemchen eingespannt,das ich nicht mehr nachdenken kann.

02.00 Nachts. Noch immer kann ich nicht schlafen. Mir ist heiss und eine innere Unruhe beschleicht mich. Die Reportage über Roald Amudsen im Fernsehen ist vorüber ‘Into the wild’ , eines der besten Roadmovies aller Zeiten beginnt. Warum senden die solch tolle Filme eigentlich immer dann, wenn die Nation von Formel 1 Weltmeistern und ihren Leistungen träumt? Ist es ihre Hommage an die Schlaflosen? Oder zahlen die Nachtdienstler in den Wachstuben und Leuchttürmen, den Wetterwarten extra für solch cineastische Leckerbissen?

Meine Gedanken fangen an zu wandern. Auf dem Schreiben, welches mir am Freitag in die Hand gedrückt wurde steht ein Datum. Dieses Datum ist augenscheinlich der Übeltäter meiner nächtlichen Unruhe. ‘ Bitte finden Sie sich am 03.Januar zum Dienstbeginn an der Wetterwarte ein’ 03. Januar – das ist das Datum an dem meine Sachen nach Fehmarn gebracht werden sollen, 03. Januar, der Tag an dem ich auch schon gleich arbeiten soll. Verdammt. Luxusproblem das fünfte. ‘ Werde ich es schaffen dem Umzugsunternehmer blind meinen Schlüssel in die Hand zu drücken und ihn arbeiten zu lassen? Werde ich es schaffen ihn alleine die für Fehmarn bestimmten Sachen in Hamburg einpacken zu lassen , und die , welche in der Bramfelder Wohnung  zurückbleiben sollen nicht anzurühren, den Weg nach Strukkamp zu finden und alles abzuladen ? Werde ich darauf vertrauen können  das das geliebte Maria Weiss Geschirr meiner Eltern keinen Schaden nimmt? Werde ich stark genug sein , nicht fünfundzwanzig Mal von unterwegs , dem Nervenzusammenbruch nahe, den Fahrer anzurufen und zu fragen ob alles läuft?Werde ich mich anstatt wie eine hysterische, alte Frau, benehmen können wie ein cooles , lachendes Surfermädchen? Ich weiss nicht- es muss ja noch gestrichen werden- denn Luxusproblem Nummer 6: Die Wände in Strukkamp strahlen weiss- mein Sofa und die Sideboards ebenfalls. So kann ich nicht wohnen- vor dem 03. Januar muss gestrichen werden! weiße Möbel mit weißen Wänden- das geht nicht einen halben Tag! Ich muß irgendwie einen Plan kreeiren das mein geliebtes Steinfarben vor dem 03. Januar 2011 die Wände um den Kamin in Strukkamp leuchten lassen’

03.30 und mein Herz rast- Gott! Das schaffe ich im Leben nicht.

Das schwarze Teufelchen auf meiner rechten Schulter unkt ‘Gott! wird Dir nicht helfen. Du hättest kämpfen sollen, um in Hamburg zu bleiben. Da auf der Insel- wie sagte dein Vater so schön- ist Notstandsgebiet in Sachen Männer, so toll es ist einsam zu leben- ab und an wirst Du doch mal kuscheln wollen?’

Ich muss grinsen. Stimmt. Vor ein paar Tagen sprach ich mit meiner Kindergartenfreundin, die noch immer bei meinen Eltern um die Ecke wohnt. Sie erzählte mir , das sie meinen Vater beim Bäcker getroffen hatte und der hatte ihr sein Leid geklagt ‘ Die Insel da wäre doch totales Notstandsgebiet und er würde gerne noch Grossvater werden in diesem Leben’ Stimmt- ich lache.

Da meldet sich das weisse Teufelchen von links ‘Quatsch- jetzt hört mal auf. Über kurz oder lang wäre sie hier in der Stadt doch unglücklich geworden, rastlos ist sie ja schon. Sonst würde sie nicht genau jetzt hier sitzen und nicht schlafen können. Es ist genau richtig das sie dahin zieht, wo sie immer hin wollte, ans Meer, vielleicht nicht die schönste Ecke, aber immerhin eine Ecke am Meer und das Problemchen mit dem Notstand regeln die Touristen im Sommer schon. Im Winter hat sie dann ab und an Besuch und den Rest der Zeit Ruhe’

“Moment mal ” frage ich in das Streitgespräch, “wer von Euch ist jetzt gut und wer ist schlecht? Beide mit schmutzigen Gedanken- das ist doch nicht das Wichtigste auf der Welt- nun nicht so ganz das Wichtigste. Ausserdem bräuchte ich dafür noch ein Neues Bett. Schon vergessen? heute nachmittag beim Entrümpeln…?”

Jetzt lachen wir alle laut, just in dem Moment als der Held des Roadmovies seine Begegnung mit dem Braunbären in Alaska hat. Am Nachmittag entrümpelte ich das Schlafzimmer. Ich wollte schnell unter dem Bett einen Karton hervorholen und den Staub wegwischen. Praktischerweise gedachte ich dafür mal eben kurz das Bett hochkant zu stellen. Ich vergaß dass es eine Steckkonstruktion hat und hielt in sekundenschnelle nur noch die Seitenwand in der Hand. Kopf-, Fussteil und der Lattenrost rumsten laut auf die Dielen. Ich stand vor dem Trümmerhaufen und dachte nur ‘Super! Das Dein Bett zusammenkracht- dafür hattest Du Dir auch andere Situationen im Kopfkino ausgemalt. Die Szene das es passiert, wenn Du mal eben einen Karton hervorholen willst und den Staub wegwischen- die war irgendwie nicht dabei.’ Wie um diese Erkenntnis zu bekräftigen rutschte der Lattenrost aus meiner einen Hand auf den Zeigefinger der anderen. Da waren Sie dann präsent – die Tränen des beginnenden Wahnsinns. Vermischten sich mit aufsteigendem Lachen und Flüchen über den pochenden Zeigefinger. Ich stand vor dem Bettskelett, schüttelte den Kopf und begann zusammen zu bauen. Alleine ist das etwas schwierig, also klemmte ich mir erneut irgendwann den Finger. Zu diesem  Zeitpunkt hatte ich augenscheinlich die Schwelle zum Wahnsinn schon überschritten, denn ich regte mich nicht mehr auf. Vielmehr nahm ich diese Situation als Strafe dafür, dass ich den, sich für dieses Wochenende angekündigten Besuch, liebenswerten Besuch, einfach nicht habe nach Hamburg fahren lassen. Kleine Vergehen bestraft der Himmel sofort und sei es , wenn er Lattenroste auf Zeigefinger plumpsen lässt.

03.30 Alan Delon betritt die Bühne in Gestalt Casanovas. Der Film startet passend zu meiner Heulsusenverfassung sehr unanständig. Ich erinnere mich an den letzten Samstag und beginne zu begreifen, das es ja auch kein Wunder ist das ich heute nacht ruhelos auf dem Sofa verbringe. Am Freitag abend war ich lange im Sgroi, danach sass ich lange noch über einem Artikel und  schlief nur fünf Stunden um am Morgen ganz früh nach Fehmarn zu fahren. Die Wetterlage war verlockend, frühlingshaft mild und ohne Regen sollte der Tag beginnen. Die zehn Windstärken der vergangenen Tage machten erträglichen sechs bis sieben Platz. Ich hatte unglaubliche Lust meinen kleinen Kite und das weisse Prinzessinenboard zum Tanz auf dem Parkett in Gold zu bitten.Wir starteten mit  Jive, erhöhten das Tempo beim  Charleston, gefolgt von einem unfertigen Rock’nRoll- das eine Finne Opfer einer Reuse wurde, behob ich mit Stöckchen statt Schraube- die Konstruktion  hielt und ich konnte mit der Salsa fortfahren. Viel zu lange war ich auf dem Wasser, wieder auf dem letzten Drücker im Sgroi. Um 19.30 war das Restaurant voll. Wir haben zwar nur 38 Plätze, aber Anna kocht a minúte und ausgerechnet am Samstag hatte sie Lust auf ein neues Menü. Darüber setzte Anna uns um 18.45 in Kenntnis. Fünfzehn Minuten sind in Sizilien augenscheinlich völlig ausreichend zum Einprägen eines neuen Menü. Auf Sizilien sind aber wahrscheinlich nicht um 19.30 alle Plätze im Restaurant belegt- zeitgleich versteht sich. Es war hart- richtig hart.  Später als üblich konnte ich das Sgroi verlassen und ich war absolut platt!

Sonntagmorgens stand ich nicht wie geplant um 10.00 auf. Ich frönte einem totenähnlichen Schlaf bis in den Mittag hinein.

04.45 ‘Guten Morgen meine Damen und Herren die Nachrichten!’ Erschrocken setze ich mich auf- das Ende Casanovas habe ich verschlafen- ich bin tatsächlich noch  eingeschlafen. Endlich! Dann schnell ins Bett und den Rest der Nacht nutzen.

Wir schreiben Montag den 15.11.2010

Ich habe heute angefangen verstärkt nach einem Auto Ausschau zu halten. Meine lieben Freunde, die männlichen mit dem technischen Verstand, klären mich über alle Dinge auf, die wichtig sind. Wo der Rost sitzt, was ein öliger Motorraum bedeutet, das es besser ist einen ‘ich habe den Namen vergessen’ im Motor zu haben statt eines Keilriemens und das ein Keilriemen alle 60.000 Kilometer gewechselt werden muss. Ich entwickle mich noch zum Kenner in Sachen Gebrauchtwagen. Ich war sogar in der Lage heute um Hilfe bei der Besichtigung eines Autos zu bitten- erstaunlich das ich es tatsächlich schaffe zu fragen ‘Kannst Du mitkommen, wenn ich den Wagen anschaue?’ Scheint so, daß mein derzeitiges Abenteuer charakterliche Verbesserungen an mir vornimmt.

Meiner Vater rief mich n an und gab mir einen tollen Rat. Gleichzeitig versprach er mir, zusammen  mit meiner lieben Mum zu helfen. Möbel schleppen geht nicht, aber die Bohrmaschine schwingen und am Umzugstag ein zauberhaftes Menü aus dem Bratofen zaubern, das könnten Sie. Mir standen erneut die Tränen in den Augen, weniger aus Verzweiflung, denn vor Rührung. Meine liebe Familie! Papas Rat wurde  in die Tat umgesetzt. Das Problem um den 03.Januar 2011 ist abgehakt und gelöst. Der Umzugstermin ist festgelegt auf den 29.12.2010. Noch 44 Tage und  bitte, lieber Sandmann, 44 ruhige Nächte!

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Kite the Baltic Chicas unter sich

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Was tun an einem Wochenende im Herbst. Am Freitag abend schon dehnt sich der leere Samstag vor Dir aus. An den Sonntag mag ich gar nicht denken. Kino klar- ins Kino könnte ich gehen, einen Museumsbesuch, die neue Ausstellung in der Kunsthalle, ich könnte mich unter die zig tausenden Shoppingfans in den Einkaufstempeln der Stadt mischen und hier ein neues Kleid, dort schicke Schuhe erwerben, vielleicht ein neues MakeUp? Ach Gott- nein. Ich will ans Meer hinaus in die Weite, Luft in die Lungen füllen, dem Sommer nachtrauern oder sein Comeback feiern.

Freitagabend in der Hamburger Innenstadt. Um den Bewohner der Millionenmetropole und seine Besucher zu ärgern hat der Senat, beziehungsweise die Verkehrsabteilung des Senates der Stadt, eine der wichtigsten Brücken in der Innenstadt gesperrt.

Ich bin zu einem Konzert verabredet, ein Soul Konzert mit einer BigBand, irgendwo in einer Werkstatt in Altona, am anderen Ende der City. Da es in Strömen giesst, so wie es sich für ein anständiges Oktoberende gehört, ziehe ich es vor Fridolin nicht noch mehr zu verdrecken, meiner Bronchitis ein bisschen Ruhe zu gönnen und fahre mit dem Auto los. Kurz vor dem Ziel ist Schluss- absoluter Stillstand, rechts und links von mir Blechkisten über Blechkisten, Stossstange an Stossstange es geht weder vorwärts noch rückwärts. Eine halbe Stunde lang versuche ich mich durch das Nadelöhr zu zwängen, gerade noch rechtzeitig erscheine ich am Treffpunkt, wild kurbelnd nach einem Parkplatz suchend. Keine Chance, ich stell mich auf den Behindertenparkplatz, mittlerweile ist mir dieser herzlose Zug total egal. Glücklicherweise muss ich nur wenige Minuten warten bis meine Begleitung erscheint. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche nach der Konzertlocation und einem Parkplatz. Ich fühle mich wie in Grönemeyer’s Song ‘Mambo’ Auch ich drehe gefühlte Ewigkeiten meine Runden auf der Suche nach einem freien Parkplatz und stosse in weniger als wenigen Sekunden an meine persönliche Grenze zum Ausrasten. Nervenaufreibend beginnt dieser Freitag. Endlich, gefühlte Ewigkeiten haben wir gesucht, ich bin dem Nervenzusammenbruch ziemlich nahe- eine freie Lücke in der Blechschlange. Die wird geentert und dann das Konzert. Ein kühles Alster rinnt meine Kehle hinab und ich gebe mich den 4 Bläsern, den zwei Vokalisten, dem Drummer , Keyboarder und den Bassisten hin. Ein tolles Konzert und solltet Ihr irgendwann einmal ein Plakat sehen auf dem die CosmicSoulDivers angekündigt werden, nehmt Euch die Musse und zieht Euch die Band rein.

Das Konzert geht lange, viel zu lange . Mitternacht ist verstrichen und die Musik spielt immer noch- ich bin müde und bettschwer, ziehe meine Begleitung in Richtung Ausgang und frage mit grossen Augen “Meinst Du es ist unhöflich, wenn wir jetzt gehen?”

“Nein, dass denke ich nicht” – lautet die Antwort, “Die Band spielt seit drei Stunden, wir beide sind keine zwanzig mehr, haben eine anstrengende Woche hinter uns, Du sogar eine Erkältung; ich denke es ist absolut legitim , wenn wir jetzt gehen. Da wird niemand böse sein.”

Die Strassen der Stadt liegen schwarz und schwer in der Nacht, das Licht der Strassenlaternen, lange Schatten, nass vom Regen der Beton.

Schnell nach Hause, ins Land der Träume, ein kurzer Windcheck zum Abschied an die Woche. Grün und gelb blinkt es vor meinem Auge, eine südliche Windrichtung, welche dafür Sorge tragen wird das gelb nicht mehr gelb bleibt, sondern real als grün daherspaziert, aber 4 bis 5 Bft. sind allemal ausreichend, um eine überstandene Bronchitis endgültig zu verabschieden.

Sonnenstrahlen kitzeln frech meine Nase, als ich erwache. Ausschlafen, Semiausschlafen steht auf dem Programm. Zur Abwechslung starten wir nicht morgens um 07.00 mit der Fahrt ans Meer, sondern aufgrund der guten Vorhersagen erst gegen zehn.  Der Himmel ist weit und klar und durch den herbstlich tiefen Stand der Sonne, zaubert Petrus ein warmes, weiches Farbfeuerwerk in die Bäume. Von rot über orange nach gelb,  blasses, sterbendes Grün ist auch dabei. Vom gestrigen Novembergrau und dem Regen ist nichts zu spüren und zu sehen. Der hat sich ganz weit weg verkrochen. Wir fahren nach Poel an die Ostsee. Ursprünglich war ein Ausflug nach St. Peter angedacht. Da ein Teil der Mädels vom zweiten Segeltörn mit der Loth Lorien aber aus Zeitgründen Poel angefahren hat, folgen wir ihrem Ruf.

Mädels unter sich- das ist toll, das hat ein besonderes Flair, diesen einzigartigen Charme, das versprechen von Wärme, ein bisschen Getratsche und Geplauder, viel Lachen und Sonne. Fünf Windstärken aus nahezu Südsüdwest lassen die Fahnen munter im Wind knattern, heruntergefallenes Laub tanzt fröhlich über die Wege und Strassen, wirbelt im Takt des Windes mal linksherum, herauf, dann rechts und wieder hinunter.

Unser Leihwagen hat nicht nur keine Scheibenwischflüssigkeit am Start, es gibt auch keine Antenne- ab Ahrensburg müssen wir unsere eigene Musik singen, das ist nicht gerade, genau genommen ist es extrem schräg- aber es macht Spass. Geschichten wechseln die Besitzer, wie so oft wird der einfache Mann und der Speziale natürlich auch  von allen Seiten betrachtet und versucht zu verstehen. Wie so oft kommen wir zu keinem befriedigenden Ergebnis und wie so oft lassen wir es einfach bleiben. Poel und Timmendorf sind erreicht, der Wind weht, singt, lockt, trällert, posaunt pianissimo. rausspringen aus dem Auto, reinspringen in den Neo, feststellen das es frühlingsmild heute ist, die Freundinnen begrüssen, sich umarmen lassen, freuen, feststellen das das Trapez in Hamburg liegen geblieben ist, sich keine Sorgen um Ersatz machen müssen (danke OnTop und Sarah aus Berlin) , den Schirm schnappen und hinaus. Einfach nur geradeaus, am Seezeichen vorbei und aufkreuzen, solange bis ich mit dem Leuchtturm von Timmendorf auf einer Höhe bin. Ich surfe lange, lange, viel zu lange. Die Oberschenkel brennen, die Hände mahnen eine Pause an, wenn sie keine Blasen schlagen sollen. Ich gehe vom Wasser. Fachsimpelei am Beach.Zwanzig unvernünftige Minuten steh ich im nassen Neo und plauder mit den Mädchen, dann wird mir kalt. Ganz plötzlich. Umziehen , in die Daunenweste einwickeln, Mütze, Schal und Handschuhe. Die Sonne senkt sich in Richtung Horizont, goldenes Licht ergiesst sich über den Strand. “Mädels! ich hätte jetzt Lust auf einen Glühwein, den ersten am Beach in diesem Herbst. Das Licht jetzt gerade lädt doch förmlich dazu ein.”

Kurzerhand begebe ich mich in Richtung Strandkiosk und siehe da ,der nette junge Mann, welcher mir im kühlen April meinen heissen Sanddornpunsch reichte, hat die Saison augenscheinlich fröhlich überlebt und offeriert am heutigen Herbstsamstag tatsächlich Glühwein.

Mensch! wir haben das gut. Wir können jedes Wochenende hinaus ans Meer fahren uns dort am Strand von der Sonne, dem Wind und der Weite verwöhnen lassen, wo wir das wollen und wenn es richtig gut läuft, dann trinken wir sogar Glühwein.

‘Prost!’

Langsam zieht die Dämmerung den Strand entlang. Wir packen zusammen, ein letzter Blick das Meer hinaus und wir kehren ihm den Rücken. Noch unschlüssig ob wir die Nacht auf der Insel verbringen und am kommenden Morgen einen Downwinder von Poel in Richtung Pepelow wagen wollen oder ob wir zurück nach Hamburg fahren, wo auf eine jede von uns ein gewisses Mass an Heimarbeit wartet- sei es das die Wohnung mal vom Strandsand befreit werden muss, sei es das Bewerbungen geschrieben werden müssen, sei es das Kosten und Nutzen Rechnungen Entscheidungen beeinflussen sollen, sei es das der malträtierte Körper nach Ruhe verlangt. Vernünftigerweise sollten wir nach Hamburg zurückfahren, unvernünftigerweise locken die Windvorhersagen. Wir fassen einen simplen Plan. In the case that we can find an appartement for one night, we’ll stay.

Gesagt getan. An sechs verschiedenen Ferienhäusern mit dem Schild ‘Ferienwohnung frei’ klingeln wir an. In einem brennt Licht und der Fernseher läuft. Nirgends wird uns geöffnet. Poel hat unser Geld augenscheinlich nicht nötig.

Gut! Eine Pizza für den Bauch und ab nach Hamburg. Schwarz und leer liegen die Strassen der grossen Stadt vor uns als wir die Grenze zum pulsierenden Leben überschreiten, das Licht der Strassenlampen wirft lange unheimliche Schatten- Geisterstunde und wir sind zurück mit einem breiten Lachen und Sonne in den Augen. Gewappnet und stark für die Neuigkeiten in der Woche, die uns erwartet.

Mädels ich danke Euch. Es war ein toller Tag!

Poffertjes, Pannekoek und Amstelbeer – (m) eine holländische Runde

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‚Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich. Ich bin so endlos fröhlich, so fröhlich war ich nie.’  Alfred Jodokus Kwaak- die lustige Ente aus dem Fernsehen, der Titelsong von Hermann van Veen.  Was für süße Erinnerungen an eine zickige zehnjährige mit zwei wilden Zöpfen, kurzen Hosen, die partout kein Fußball spielen wollte steigen bei dieser Melodie in mir auf.  Klein Sabine bestieg viel lieber  Klettergerüste,  quälte sich durch dickes Gestrüpp, brach sich gerne die Arme und war  definitiv sehr dickköpfig und eigen – sie ist es.Ich habe mich verändert mit den Jahren- aber nicht unbedingt im Charakter.  Dickköpfig bin ich, Fußball spielen mag ich immer noch nicht, das Abenteuer hingegen reizt mich so wie damals.

Abenteuer, Abenteuer, Abenteuer. Das Wort klingt nach, es hallt. ein wenig. ABENTEUER- wann habe ich eigentlich mein letztes richtiges Abenteuer in Angriff genommen? Es war diese merkwürdige Reise in den Norden Dänemarks. Mit Bus und Camping – alleine. Am Ende landete ich auf der Insel der Schönen und Reichen. Ich trank auf Romö eine Flasche guten Rotwein in den Dünen, enterte früh morgens die Fähre und ließ mich auf der anderen Seite erneut in den Dünen nieder.

Ein toller  Sommer schickte sich an  uns zu verwöhnen. Ich genoss die Wärme, den sanften Sommerwind, ja ich liebte auch die beständigen 4 Windstärken, ich küsste viel diesen Sommer- vorzugsweise, nein eigentlich ausschließlich die Landsleute der Herren  mit den orangen Trikots bei der Fußballweltmeisterschaft.  Versteckt hinter einem Bus auf dem Weg zum Flughafen, mitten auf dem Worldcup in St. Peter, im Vollmondschein auf der Ostsee. Mein  Sommer 2010 war sehr orange,  Toll orange. Nicht meine Farbe- aber orangefarbene Küsse – die schmecken! Fruchtig, Apfelsienig süß, frisch und fordernd wie eine Grapefruit, herb fordernd, ausdauernd…mandarienig intensiv.

Abenteuer klingt es in meinem Kopf…

Ich sollte die mit Paul geplanten ‚Wir haben uns alle lieb und sind total glücklich’ Tage absagen, die dazu gehörige Party ebenfalls und schauen ob Hollands Strände so liebreizend und süß schmecken, wie die Küsse seiner Jungs. 

Früher bin ich immer alleine auf Entdeckungsreise gegangen. Seit ein paar Jahren, genau genommen seitdem ich piratengleich geentert worden bin und verlor, habe ich immer Menschen um mich herum gescharrt. So als hätte ich Angst, alleine , erneut geentert und verletzt zu werden. Meine spontanen Ausflüge nach Mallorca sind schon gar nicht mehr wahr. Pedrito winkt jedes Mal im Chat des ‚Gesichtsbuch’ müde ab, wenn ich ihm verspreche ‚Ich buche diesen Winter einen Flug und ich komme nach Canyamel – versprochen!’ Der Schweizer öffnet die Mails gar nicht mehr in denen steht das ich via Hanoi nach Mui Ne reisen werde. Lange her- der Trip an die Algarve, die Überfahrten von Piräus nach Rethimnon, Venezuela verblasst, Südafrika- Mossel Bay, Bouldersbeach, Bluebergstrand, Canaren, Canyamel – es waren die besten Trips in meinem Leben und ich habe diese Art neue Horizonte zu entdecken fast vergessen.  Nur ein einziges mal in diesem Sommer wandelte ich alleine auf den Strassen und an den Stränden Nordeuropas.  Im Juni,  als ich meine Vorliebe für orangefarbene Küsse entdeckte.

Vor weniger als fünf Minuten schoss  Hermanns Liedzeile  in mein Köpfchen. Inzwischen bin ich am Planen. Scheveningen kenne ich ja schon- traumhafte Wellen. Am Ijselmeer soll es sehr hübsch sein und die beliebtesten Kitespots, Workum, Hindeloopen, Mirns, befinden sich dort auch. Schnell befrage ich Onkel Google, der spukt mir ein paar  Pensionen aus, einige nette Strandabschnitte.  Eine etwas mühsame Zimmersuche beginnt.  Ferienzeit- und der gemeine Ruhrpottbewohner entert Holland- seine Campingplätze, Strände, Pensionen, Restaurant und Hotels. Ich könnte ganz teuer buchen- das will ich aber nicht. Durch einen netten Hinweis, einer der Pensionen, in denen ich umsonst nach einem Zimmer frage, ob man mir nicht etwas empfehlen könnte wo unter Umständen noch ein Bettchen für mich frei ist, bekomme ich den Tipp mich bei den Kämpf’s einzumieten.

Gisela und Bernd Kämpf betreiben seit ein paar Jahren das Hotel Villa Mar. Der erste Besuch auf der Homepage und ich bete, ich tu das nicht so oft wie ihr wisst, das ein Zimmer für mich frei ist. Eine alte Kapitänsvilla ist umgebaut worden, mit so viel Liebe zum Detail, das ich die frisch gewaschenen Kopfkissen im Designer Bett schon in Hamburg denke zu riechen. Früher wurden hier Pastoren bekocht und umsorgt. Heute beherbergt die Villa Mar Surfer, die nicht unbedingt auf dem Campingplatz schlafen wollen, sondern gerne ein bisschen Luxus genießen.

Zum Hotel gehört die Surfschule von Bernd Kämpf. Ein alter Hase. Ende der Siebziger einer der ersten Windsurflehrer auf Sylt, verbrachte er einige Winter unter den Fittichen Robby Naishs auf Hawai, gab sein Wissen auf Fuerteventura weiter, sogar mein heiß geliebtes Canyamel versorgte er mit einer Surfschule. In den 80igern kam er nach Makkum, verliebte sich und blieb.

Es ist trüb als ich mich auf den Weg mache, sehr trüb, um nicht zu sagen Novembergrau. Die ganzen letzten Tage schien es als ob der Herbst uns  milde lächelnd begleitet. Er hat heute Morgen einen Schwächeanfall- dafür soll es am Nachmittag Wind geben. Ich begebe mich auf den Weg in die einschläfernde Baustellenrundfahrt auf der A1- monotone 80 Stundenkilometer. Es scheint kaum ein Ende zu nehmen. Kaffeedurst wird ignoriert, Hunger ebenfalls. Wenn ich die Grenze hinter mir habe, dann werde ich einen schönen holländischen Kaffee trinken. Ein kleines Ritual, ein Spleen- das Erste in einem fremden Land- egal ob meine Ankunft  morgens oder kurz vor dem Zubett gehen ist –  ein Kaffee. Vorzugsweise natürlich in bezaubernder Umgebung irgendwo in den Altstädten dieser Welt, gezwungenermassen wird es häufig eine Bar am Flughafen, eine Raststätte, eine Tankstelle.

Nach drei Stunden – endlich die Grenze,  Holland! Aus dem Äther wird der NDR verbannt und weicht 100% NL, später dann, als 100% NL sehr  volkstümlich werden, supersky und die erste Tankstelle wird angesteuert. Gott! Es schifft und schifft und schifft ( @ orangefarbene Küsse… – es regnet sehr stark), ein schöner , heißer Kaffee wird bestellt. Ich setze an und erschrocken wieder ab- brrr- das Zeug schmeckt- Gott! Zum Schütteln schlecht. Eine Coke also. Weiter geht es.

Maps routet mich zuverlässig, ich verfahre  mich nur unwesentlich und der Umweg über Leeuwarden und Harlingen verschafft mir die Gewissheit das zumindest zwei kitende Kapitäne in der Nähe sind, die Thalassa und die Tolkien liegen friedlich in Harlingens Hafen. Sollte mir also nach Gesellschaft der Sinn stehen, dann könnte ich hier um Kitebegleitung betteln. Ich lasse Harlingen Hafen und die Leuchttürme hinter mir, ebenso die hunderte von Tallships. Nicht ahnend das  ich binnen einer Stunde tatsächlich wieder hier am Kai stehen werde und nach einer Starthilfe schreie.

Ein bisschen später als geplant fahre ich vor der Villa Mar vor. Gundrun empfängt mich , das Haus ist toller als auf den Bildern, ein heimeliger, mediterraner Duft strömt durch die Räume, überall Holzfussböden, weite Räume, klare Linien, keine Schnörkel. Welcome holidays. Villa Mar Du bist jeden Cent wert.

Dem Impuls mich ins Kaminzimmer zu setzen und zu schreiben unterdrücke ich, es schüttet zwar noch immer aus allen Kanälen, aber der Wind nimmt auch zu. Ich fahre an den Strand, egal ob es jetzt regnet- ich will aufs Wasser.

Zehn Minuten später bin ich ernüchtert- ein Traumspot, nur leider ist kein Kitesurfer zu entdecken. Nicht einer weit und breit. Würde da hinten nicht die Surfschule stehen , ich würde meinen, ich hätte mich verfahren- aber sie steht da ziemlich trotzig sogar- also ist dieses der Surfspot. Ja- naja. Was nun? Es gießt noch immer und es will einfach nicht aufhören. Tief und dunkel wälzen sich die Wolken über den Himmel.  Ich fahre nach Harlingen zurück, vielleicht hat ja einer der kitenden Kapitäne Lust mich zu begleiten oder zumindest Starthilfe zu spielen. Am Hafen angekommen fällt einer der beiden gleich schon aus. Majestätisch dampft die Thalassa aus dem Hafen. Schade. Mit dem Capitano  wäre ich gern eine Runde draußen auf dem Wasser gewesen. Mit dem Anderen  eigentlich auch- also klopfe ich an der Tolkien an. ‚Ja der Kapitän, hmm,’ der Stewart steht ein bisschen ratlos vor mir, „ja der Kapitän hmmm- das wüssten wir auch gerne wo der ist, hier jedenfalls nicht.“ Doof! Aber nicht zu ändern. Ich heize also wieder nach Makkum zurück, der Wind tönt inzwischen  satt in den Bäumen, der Regen wird weniger und ich rufe mir ‚Selbststarten’ ins Gedächtnis zurück. Am Beach angekommen, sind tatsächlich eine Handvoll Windsurfer auf dem Wasser. Ich baue auf, lasse mir von der Surfschule den Spot erklären und die Regeln fürs Kitesurfen hier, ich bekomme sogar eine nette Starthilfe. Makkum ist super bei Nordwest, Du kannst rauskreuzen so weit das Auge reicht  und überall kannst Du stehen, wenn Du lustig bist enterst Du Kornwerderzand und seine Bucht oder stattest dem Damm übers Ijselmeer einen Besuch ab- allerdings ist es dahin verdammt weit.

Alleine bist Du als Kitesurfer fast immer und das ist Luxus. In Workum, Hindeloopen und Mirns hauen sie sich gegenseitig die Köpfe ein. In Makkum wirst Du fürs Kiten noch bestaunt.

Der Abend zieht ins Land, die Wolken werden wieder dunkler- eine Regendusche jagt die nächste und ich entere die Sauna. Spät meldet sich mein Hunger. Leider ziemlich gewaltig, so dass ich das Essen nicht vermag vom Abend auf den Morgen zu verschieben. Es muss jetzt sein. Drei Küchen meiner Wahl haben schon geschlossen, da zeigt der Italiener am Platze ein Herz für durchgeregnete Mädels. In Windeseile steht der Chianti auf dem Tisch, kurz darauf eine Pasta so heiß das sie mir den Gaumen verbrennt. Gesättigt kann ich die Bar nebenan entern- der ‚Wilde Swan’. Billard wird hier gespielt und der Tisch ist ein bisschen schief- Hermann van Veen steigt in mir in den Sinn, sein  Billiardtisch war auch schief. Ein Plätzchen an der Bar- ein weiteres Glas Rotwein, mir ist warm, das Glas schnell leer – was ist mein Leben doch schön. Der Swan scheint auf eine lange Geschichte zurück zu blicken, dunkel die Tische und Stühle, dunkel die Bilder , alles ein wenig vergilbt aus den Zeiten in denen hier noch geraucht werden durfte. auch in Hermanns Café durfte nicht mehr geraucht werden und aller Charme ging flöten.

„Was möchtest Du trinken?“

„Wie bitte?“ ich tauche schwer aus meiner kleinen Gedankenspinnerei wieder auf.“ Meinst Du mich?“

„Ja Dich. Wir laden Dich ein“

„Na dann- ich trinke Rotwein.“ Schnell steht es vor mir, die Bedienung ist echt flott. Ich schnappe mir das Glas und lasse mich in der Herrenrunde nieder. Vorstellung auf Holländisch, Küsschen links und rechts und wieder links. Es ist der örtliche Fussballverein und wir haben echt viel Spaß. Leeren den Wein, ein paar Whiskey, einige Runden Billiard, Kitergarn wird gesponnen, ich mit Geschichten vom Ijselmeer versorgt.  Gegen zwölf stolpere ich beschwipst aus dem Swan in Richtung wohl duftende Kissen und erholsamen Schlaf. In meiner Tasche drei neue Telefonnummern und die Einladung am morgigen Lokalmatch im Dorfstadion als Gast und Zuschauer aufzuschlagen. Wie schön ist mein Leben. Fast hatte ich vergessen, alleine reisen macht so viel Spaß!

Der nächste Morgen startet mit Sonne, Sonne und Wind. Ein langes Frühstück im lichtdurchfluteten Salon, eine tolle Windvorhersage und meine Frage an Bernd. „Wo geh ich denn bei Nordost kiten?“

„Na bei uns“ ist die Antwort.

„Es ist sideoffshore hier bei Euch.“ Entgegne ich und es ist Herbst, da gehe ich das Risiko ungern ein mich umzubringen, irgendwo draußen auf dem Ijselmeer.

Geh bei uns kiten. Ich habe ein Beiboot. Dein Handy bekommt meine Nummer, es wird wasserdicht verpackt und wenn Du ein Problem draußen hast, dann lässt Du einmal klingeln und ich komme raus gefahren. Klar?“

„Klar.“

Vor dem Kiten steht Sightseeing an. Harlingens Hafen und die Innenstadt mit den kleinen, gebeugten Backsteinhäuschen ist so verlockend süß. Am Hafen findet Pannekoek mit Schokolade den Weg in meinen Bauch und wird herzlich empfangen.

Auf der Tolkien servieren sie mir  heißen Kaffee dazu und einen  kuscheligen Vormittagsplausch. Ich kann mich rühmen. In jedem Hafen kenne ich wenigstens einen Steward oder einen Kapitän. Der von der Tolkien ist aufgetaucht, hängt müde und blass in den Seilen. Unschöne Wahrheiten scheinen sich in sein Leben zu schleichen, so wird gemunkelt. Ich beneide ihn nicht darum. Als Kitebegleitung fällt er für heute aus. Kiten geht mit freiem Kopf und freier Seele, trübe Gedanken haben da nichts zu suchen.

Das Makkumer Fussballspiel mahnt mich zu Erscheinen. Der Wind orgelt über das Ijselmeeer. Zur Abwechslung bin ich einen Hauch zerrissen. Fussball oder kiten? Kiten oder Fußball?  Kiten, lautet der Entschluss, welcher via neumodischer Kommunikationsmittel verbreitet wird. „Ich gehe kiten. Wir treffen uns heute abend in der Bar wo geraucht werden darf“

Makkum beschert mir dann eine Session mit Lerneffekt. Der Wind ist so böig, so sehr, das ich nach 90 Minuten aufgebe. Genug für heute. Eine Sauna, Dusche, eine Pizza der Tag war toll. Später ein Gitarrenkonzert in der verrauchten Bar. Jelly B so cool und so jung und so blond und die Augen so blau. Um mich herum eine Horde spendabler Jungs. Es geht mir gut, ich koste vom Whiskey, vom Wein, von diesen  süßen orangefarbenen Küssen und verdrücke mich rechtzeitig.

Der letzte Tag  in Makkum. Die Kirchenglocken wecken mich, frech kitzeln Sonnenstrahlen meine Nase. Erfrischt und munter springe ich die wenigen Stufen in den Frühstücksraum.  Mein Vater würde sagen – ein Kaiserlicher Start. Es ist zwar kein Wind am Start, was ein verzeihbarer Makel an diesem wunderbaren Morgen ist. Gestern Nacht habe ich den Neoprenanzug vergessen ins Haus zu hängen. Im Herbst in einen noch nassen Neo schlüpfen – das passiert Dir nur, wenn eine wochenlange Schneepause im Kiten droht.

Was also steht an  einem solch herrlichen Tag auf dem Programm? Ich könnte nach Amsterdam auf den Markt fahren, eine Grachtenfahrt, ein Kaffee und langsam zurück Richtung Deutschland. Ich könnte erneut nach Harlingen fahren, den Hafen entlang schlendern , einen Kaffee trinken, dann weiter bis nach Lauwersmer an der Nordsee fahren, Westfriesland erkunden und dann nach Hamburg zurück.  Unschlüssig stehe ich am Strand von Makkum „Bernd, ich finde Du musst im kommenden Jahr unbedingt Stand up Paddle hier anbieten, dann hätte ich jetzt nicht das Problem, das ich mich nicht entscheiden kann wohin mich meine Wege heute führen“

„Du musst Dich nicht entscheiden. Ich sage Dir was Du heute in Angriff nimmst.“ Lautet die Antwort. „Du fährst über den Damm in Richtung Amsterdam, biegst rechts nach Den Helder ab und fährst nach Julianadoorp. Ißt am Strand einen Pannekoek, geniesst die Sonne und einen Kakao. Die Idee mit den Stand Up Paddle im kommenden Jahr behalte ich im Kopf. Ich wünsch Dir viel Spass und komm bald wieder.“

So bin ich also entlassen. Nun gut. Auf nach Julianadoorp.

Der Damm. Ein großartiges Bauwerk , ein Monument- Abschlussdeich genannt, Afsluitdijk. Im ausgehenden 19. Jahrhundert überlegten sich einige geschäftstüchtige Niederländer, das die grosse tiedenabhängige Meeresbucht Zuidersee viel besser und effektiver zu bewirtschaften wäre, wenn ständig Wasser da wäre. Ein Damm wurde geplant, der Bau des Abschlussdeich. 1932 fertig gestellt, trennt es seither das Ijselmeer  vom Wattenmeer.

Ich bin erstaunt- so viel Weite und Licht zu beiden Seiten. Nach dem Damm dann rechts in Richtung Den Helder. Weit ist dieses Land, weit und satt grün, fette Kühe stehen auf den Weiden, Fahrräder in rauhen Mengen, das flache Land laedt dazu ein, Kanäle durchziehen die Äcker, Deiche bevölkert von Schafen, friedlich ist es hier und dann Dünen vor meinem Auge. Dünen höher als in Dänemark, ein roter Leuchtturm, rot lockende Hagebutten, wärmende Sonne, ich stolpere an den Strand. Im Laufen werden die Stiefel von den Füssen geschoben, die Strümpfe heruntergerissen, die Jeans aufgekrempelt- ein langgezogenes Ah stiehlt sich aus meinem Mund als meine Zehen im Nordseewasser eintauchen. Herrlich- der Sommer, der Sommer, mein Sommer- für wenige Minuten ist er zurück, in meinem Herzen und vor den Augen, im Kopf. Hier vertrödele ich den ganzen Nachmittag, davon träumend, wie es wäre kehrte ich zurück bei Nordweststurm, die Wellen schlagen schon jetzt perfekt an den Strand. Ich wüsste zu gerne wie hoch und brachial sie bei Nordweststurm hier an den Strand poltern.

Es gibt einen Pfahlbau hier unten, ein weiterer leckerer Pannekoek entert meinen Bauch, ein heisser Kakao mit Sahne, Kinder lachen um mich herum, die Hunde tollen an der Wasserkante, barfuß im Sand schlendere ich gedankenverloren, träumend, mich auf , ja worauf eigentlich? , freuend- anders mich daran erfreuend das ich es genossen habe alleine ein wunderbares Fleckchen Erde zu entdecken.

Spät , ziemlich spät trete ich den Rückweg an. 100% NL wird solange im Äther belassen, bis das Rauschen die klaren Töne der Musiker übertönt. Dann erst stelle ich den NDR ein. In Deutschland ist alles beim Alten. 80 Stundenkilometer für das letzte Stück von Bremen nach Hamburg ziehen sich so zäh wie immer dahin.

Wunderbare, fröhliche, lustige, windreiche Tage liegen hinter mir. Ich sollte mir diese Fluchten bewahren.

Des Sommers Abschiedskonzert

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Freitagnachmittag sechzehn Uhr– mir raucht der Kopf von viel zu vielen Zahlen. entnervt seufze ich durch. Vor dem Fenster locken die, golden in der Sonne glänzenden, Blätter der Linden, der Himmel ist blassblau ein Hauch Sommer liegt in der Luft.

Die letzten Zeilen aus Wellenklang blitzen vor meinem Auge auf. Keine zehn Tage ist es her, das ich sie schrieb und gestern Nacht, ganz plötzlich,  waren sie real- so real das Angst mein Herz umfasste  und ich einfach weggelaufen bin . In meinen Ohren rauscht es, so wie die bunten Blätter vor dem Fenster- es rauscht und rauscht und rauscht, schwillt an und ebbt ab.  Ich mag  nicht mehr unterscheiden, ob es das Rauschen des Meeres, der Blätter in den Bäumen oder das dieser komischen Worte, die eine Entscheidung von mir verlangten und einfach nur durcheinanderwirbelten, ist. Wie gerne würde ich einfach raus fahren, den Fluss hinauf und Weite inhalieren. Vielleicht gäbe es mir einen Hauch Vernunft, die geforderte Entscheidung von allen Seiten und realistisch zu betrachten. Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist,  das ich arbeiten sollte! Denn leider türmen sich rechts und links von mir die Akten auf dem Schreibtisch auf. Kleine fordernde Papiertürme!

Von draußen ist ein leichtes Windaddagio zu vernehmen, zarter Trommelwirbel unterstützt die Streicher.  Fast scheint es mir- der Sommer 2010  bereut im Oktober dass er im August viel zu viel weinte, im September nicht nachließ damit  und im Juli die Blumen verdursten ließ. Das er nur unregelmäßig daran dachte den Ostwindmotor anzuschmeißen hatten wir ihm im Juni vorgeworfen, seiner Entschuldigung aber Glauben geschenkt und verziehen.

Jetzt im frühen Herbst erinnert er sich scheinbar an seine spürbaren Ausfälle und liefert nach. Erst die Sonne, dann ein Hauch Wärme und dieses Wochenende gar Ostwind.

Meine Gedanken fließen weg von den Zahlen hin zu den langen Nächten des Sommers, die Segeltörns – einer unbeschreiblicher, befreiender, verzaubernder als der andere.

Das Telefon schellt. „Können Sie mir bitte Ihre letzten Dokumentationen erklären? Ich werde daraus nicht schlau.“

Mist! Jetzt zitiert mich auch noch die ungeliebte zweite Hand der Führungsetage in ihr Büro. Ist heute Freitag der 13.? Eigentlich nicht. Lustlos steige ich die Treppen nach unten und hole mir den berechtigten Rüffel ab. Konzentration ist de facto anders definiert, als das, was ich heute in der Lage bin zu leisten.

Wieder auf dem Bürostuhl klingelt erneut das Telefon

„M

„Hey ja- ich bin schon wieder zurück aus Dänemark und habe die 2011er Schirme im Auto. Ich fahre jetzt mit Frau und Kind raus an die Elbe, die Schirme für den Shop ablichten“

“Mensch hast Du das gut und weißt Du was? Ich verzapfe hier im Büro heute eh nur Mist. Ich bekomme nichts fertig und die Zahlen schwimmen und springen vor meinen Augen auf und ab. Ich komme einfach mit“

Zwanzig Minuten später sitzen wir im Kombi auf der Autobahn den Fluss hinauf. Weitere dreißig Minuten später liegen die nagelneuen Schirme vor uns am Elbstrand und wir fangen an zu pumpen. Fünf Schirme bauen wir auf, friedlich liegen sie im feinen Sand. Die Sonne senkt sich langsam und zaubert ein grandioses Farbspiel in den Oktoberhimmel. Mir geht’s gut, Ruhe umfängt mich, leise plätschern die Wellen an den Strand. Das Wasser ist braun und undurchsichtig vom vielen Schlamm den der Strom mit sich führt und im Meer weiter nördlich ablädt. Ozeanriesen ziehen vorbei auf dem Weg vom Hafen hinaus in die Welt, ein Dreimaster gleitet an uns vorbei. Wieder steigen diese süßen Erinnerungen auf.

 ‘Ist es wirklich erst zwei Monate her das ich im Schein des vollen Mondes auf der Ostsee wakeboarden war?’  Fast düngt es mir wie eine Episode aus einem anderen Leben. Ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht, verloren in den Erinnerungen streife ich die Schuhe von den Füssen und tanze im langsam kälter werden Sand. Träge zieht der Strom an mir vorbei, elbabwärts im Dunst die Anlagen von Airbus, die Kirchtürme der Stadt, der Fernsehturm, elbaufwärts der Duft des Meeres. Die Elbe singt eine kraftvolle Melodie, kraftvoll und entschleunigt zugleich. Friedlich scheint sie, trügerisch, denke ich, eine trügerische Friedfertigkeit versucht sie uns vorzuspielen. Schöne alte Dame. Beständig das Jahr hindurch fließt Du aus dem Gebirge durch das Land, ergießt Dich in Auen, sammelst Dich in Rückhaltebecken, schlenderst vorbei an wundervollen lauten Städten, hörst verschiedene Sprachen, bietest den Möwen und Schwänen ein Zuhause, dem Stindt und schießt Dich kraftvoll , nach Sauerstoff lechzend in die Nordsee.

Wir absolvieren unser Fotoshooting. Wenn diese neuen Kites so genial fliegen, wie sie ausschauen, dann werde ich wohl die Lager wechseln. Von Naish auf Liquid Force. Noch vor wenigen Monaten wäre eine solche Überlegung nur einen pikierten Lacher meinerseits wert gewesen. Heute aber sieht alles anders aus. So schnell kann es gehen. Ich bin auf der Suche nach neuem Stuff und das Angebot von Liquid Force ist verlockend, das dahinter stehende Konzept überzeugt mich, das Design der 2011er Range ebenfalls. So viel Liebe zum Detail habe ich zuletzt beim Princess Pro von Brunotti gesehen. Der Envy verzaubert mich  mit kleinen Nachtgespenstern , die durch Wellenkämme springen. Das Label ist mit einem Lederaufnäher eingearbeitet. Die Safety zuverlässig und funktionell, die Bar sehr übersichtlich ohne viel TammTamm.

Frau  Sonne verschwindet hinter dem Ufer. Schlagartig ist es empfindlich kalt. Herbst!  Noch ein paar Bilder mit Blitz gemacht und wir brechen auf Richtung Abendessen und Stadt. Ich bin entspannt, ruhig, gelassen, schläfrig. Zu Hause checke ich nur noch schnell ob die Vorhersagen für den morgigen Samstag geblieben sind. Es hat sich nichts geändert. So werde ich nicht sehr viel älter als mein gerade geleertes Glas Rotwein, stelle den Wecker auf sechs Uhr in der Frühe. Schnell lege ich noch die Klamotten für die morgen anstehende Hochzeit zurecht. Nach zwei Seiten im Frauenroman schlummere ich ein.

Der Wecker klingelt und es ist dunkel. Stockdunkel. ‚Grauenvoll!’ denke ich. ‘Herbst!’ Morgens um sechs hat die Nacht Mutter Erde noch fest umschlungen. Zumindest in Hamburg. Ich bin irgendwie noch müde. Aufstehen fällt schwer und meine heiße Dusche dauert länger als gewöhnlich. Mit der obligatorischen Verspätung von 10 Minuten picke ich meine heutige Kitebegleitung auf.

Langsam erwacht der Tag, der Himmel über uns strahlt in kräftigem Blau, die Autobahn ist verdammt voll für einen Samstag morgen.

„ Neunuhr, meine Damen und Herren, die Nachrichten.

Fehmarn/Kiel: Gegen Mitternacht kam es auf dem Oberdeck der litauischen Fähre “Lisco Gloria” zu einer Explosion. Nach Angaben des Havariekommandos in Cuxhaven war das Schiff von Kiel nach Klaipeda unterwegs. Es befand sich zu diesem Zeitpunkt nördlich der schleswig-holsteinischen Insel Fehmarn.

An Bord waren 236 Passagiere – unter ihnen auch viele Lkw-Fahrer und Besatzungsmitglieder…“

 Erstaunt geht mein Blick nach rechts. ‚Krass’ – das entspringt meinem Mund. Und noch einmal „Krass“ und dann „Ja klar, deswegen überholen  uns ständig irgendwelche Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, deswegen ist auf den Strassen hier die Hölle los.“

Keine zehn Minuten später habe ich die Schlagzeilen allerdings für Erste vergessen. Ich bin fasziniert von sich im Wind biegenden Bäumen, flatternde Fahnen, ein frisch gewaschener, blitzblanker Himmel. Wir versuchen uns am Wulfener Hals. Ostsüdost ist hier auf der Ostseeseite sideonshore und sicherer im Herbst als der leichte offshore Touch am Brink. Eine Karawane aus Bussen und Wohnmobilen quält sich die schmale Strasse zum Campingplatz. An der Einfahrt ein absolutes Durcheinander, Parkplätze , die noch belegbar wären, sind Fehlanzeige. Auf dem Tümpel ist morgens um 09.00 Rushhour angesagt. Herbstferien in Deutschland und der Wulfener Hals ist zugeparkt. Wenige Minuten überlegen wir und entscheiden  dass der Grüne Brink heute unser Spot ist. Laut Vorhersage soll der Wind über Mittag langsam auf Ost eindrehen, dann ist es da oben dann auch wieder  sicherer. Für den Fall also, das wir zwischen zehn  und zwölf ein Problemchen haben,  wird der drehende Wind uns ab dreizehn Uhr  behilflich sein dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Mit uns landen die Liquid Force Kites. Ich werde ein bisschen aufgeregt. Vorsichtig bin ich ebenfalls, der Wind scheint noch nicht bei der Vorspeise angekommen zu sein. Die dreizehn Knoten, die wir messen lassen ein Verweilen beim ersten Kaffee  vermuten. Vorsichtshalber schleppe ich also alle Bretter und den zehneinhalber Cult mit an den Strand. Baue trotzdem den neuner Envy auf. Schick ist er ja, so in Blau und türkis mit seinen lustigen Gespenstern. Die zappeln im Wind und locken mich mit Versprechungen von grandiosen Wellenritten noch heute. ‚Klar, ihr Spinner’, denke ich laut -,Wellenritte mit einem neuner bei angesagten fünfzehn Knoten. Ihr glaubt auch, das Eure säuselnden Worte mich glauben lassen das da draußen Leckerbissen auf mich warten. Einlullen wollt ihr mich und Euch dann die Hände reiben, wenn ich massiv Höhe verliere und im Naturschutzgebiet lande. Redet nur, wenn ich die Nase voll vom Leichtwind Kurbeln habe, baue ich den Cult auf und ihr könnt Eure Geistertänze am Beach absolvieren.’  Sie schimpfen mich Skeptiker und lachen dabei. Ich starte als Erste. Ungewöhnlich stark der Zug im Schirm, trotzdem zerrt er nicht übermäßig an mir. Ich spüre sanften Druck- Cool, Vielleicht muss ich doch nicht kurbeln. Auf geht es. Auf Elf Uhr lenken dann auf Eins und der Envy schiesst an den Windfensterrand. ‚Oh bitte Nein!’ Denke ich . ‚Nicht so einen Windfensterrandgeilen Core Verschnitt, der mich in einer Sekunde absaufen lässt’  Tut der Envy aber nicht, er geht weit an den Windfensterrand und entwickelt dort trotzdem noch genug Zug.

Meine Session startet und sie wird atemberaubend. Der Wind nimmt zu – ich habe Spass, so endlos viel Spaß. Der Wind dreht weiter auf Ost- mein Lachen wird breiter. Draußen an der Abbruchkante der Sandbank lässt Mr. Pustemann die Wellen großartig, massiv, langgezogen und  perfekt an der Insel vorbeirollen. Dass ich die Zeit anfange zu vergessen während ich da draußen mit den Juwelen der Ostsee spiele – bitte  verzeiht es mir.

Das ich keine Entscheidung traf, weil mein Kopf voll mit Glück und Leidenschaft aber leer von klaren Gedanken war-  bitte verzeih mir!

Der Wind nimmt weiter zu, der Envy macht mich glücklich. Weiter und weiter hinaus kreuze ich. Das Feuerwehrschiff, welches sich knallrot gegen den Horizont abzeichnet, die Rauchschwaden irgendwo da mitten auf dem Meer, holen mich kurz in die Gegenwart zurück und erinnern mich daran, das es nicht nur glückliche Momente auf dieser Welt gibt. Ein komisches Gefühl, ich genieße dieses einzigartige, rauchgetränkte Licht auf der Ostsee. Rauch, der vergangene Nacht Menschen in Panik versetzte. Ich schüttele die Gedanken ab, versenke sie hinter die Abbruchkante in den Tiefen der Ostsee. Keine Zeit für Grübeleien- ich muss, nein, ich will glücklich sein heute!

Fröhlich tanzen Envy’s  Nachtgespenster über mir und versprechen mir eine lange erfüllende Freundschaft.

‚Gekauft’ , denke ich, als ich  irgendwann völlig erschöpft vom Wasser komme.

Ein Blick auf die Uhr. ‚Au wei. Ich werde spät, aller Vorraussicht nach  zu spät auf der Hochzeit erscheinen.’

Schnell umgezogen, abgebaut, die Freunde ins Auto verfrachtet und die horrenden Spritpreise ignorierend das Gaspedal voll durchgetreten. Ausnahmsweise kein Stau in Richtung Hamburg.

Zu Hause angekommen, bleiben mir zwanzig Minuten zum Duschen, in die Festtagsrobe schmeißen, Mascara anlegen und das Parfüm. Ich schnappe das Geschenk, den Mantel, schnell noch die feinen Ballerinas. Gerade als das Glas auf das Brautpaar erhoben wird schieße ich in den Saal, quetsche mich in eine Ecke und nach der Laudatio neben meine Begleitung. Die rümpfende Nase, den prüfenden Blick, die nervös auf dem Tisch trommelnden Finger ignoriere ich. Statt dessen fälle ich die seit Tagen anstehende Entscheidung ‚Ich bin dagegen- absolut!’  Proste der fröhlichen Runde um mich herum zu, beglückwünsche das Brautpaar und entschwinde bis morgens um 06.00 auf der Tanzfläche. Lasse das verständnislose Kopfschütteln einfach am Tisch sitzen. ‘Ja! es tut mir leid- aber Ja! Ich bin dagegen!’

Was für eine Session am Morgen, welch fulminantes , perfektes Konzert. Den ganzen Mai hindurch warteten wir vergebens auf Ostwind, den Juni und Juli hindurch war Wind Mangelware, im August kam er mit Wucht und Regen- perfekte Tage gab es selten in diesem Sommer. Im September schickte er sich an Perfektion zu kredenzen. Jetzt im Oktober verabschiedet er sich mit Lust, so viel Lust und beschenkt uns mit diesen unvergesslichen Stunden, von denen wir im trüben November träumen und zehren werden.

Danke Sommer, das dieses Dein Abschiedskonzert eines der besten seit Jahren war.

Pics SabinChen

Verbotene Früchte schmecken am Besten, Mini Cabrios als Flirtgaranten und die Erkenntnis das in jedem SurferWeib auch der Hang zum Luxus schlummert

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Carry Shaw ist ein Luxusweib, wenn auch nicht nach Inkens  Geschmack, Angelina Jolie ist zumindest eine Luxusmutter, Heidi Klum ist ein charmantes Luxusweib, die Hiltongeschwister sind mindestens 11 Luxusweiber in einer Hülle, Iris Berben ist auch Luxusweib , aber so eines mit Klasse und Inken ? Bis Freitag dachte sie dass ihr Statussymbole, wie Cabriolets noch dazu welche aus den Bayrischen Motorenwerken, absolut egal sind. Zum Glücklichsein braucht Inken 6 Bft, eine saubere Welle, einen weiten Strand und Sonne. Ausgerechnet die Autovermietung belehrte sie nun eines Besseren.

„Inken , es tut uns wirklich leid- aber alle Kleinwagen sind gerade unterwegs. Wir haben nur ein Mini Cabrio auf dem Hof stehen. Würden Sie den auch nehmen am Wochenende? Das kostet Sie nicht mehr als sonst“ Die Filialleiterin der Autovermietung, wo Inken sich, nach dem so schmerzlichen und endgültigen Versagen ihres geliebten Käfer,  für ihre Wochenenden immer kostengünstig Autos mietet, kullert mit ihren großen Augen.  

„Ist das ihr Ernst?“ fragt Inken  zurück. Ihr sind die Preise für ein Cabriolet übers Wochenende durchaus bekannt. Mit 40 Euro kommt da niemand hin.

„Ja! Ich habe kein anderes Auto für Sie“

„Na  dann – habe ich nichts dagegen“ Hört sie sich  antworten und sitzt 10 Minuten später in einem schwarzen Luxusschnittchen. Die Sonne scheint zwar nicht- aber es ist warm und trocken. Also beginnt ihr Freitagmorgen mit einer ‚obenohne’ Fahrt ins Büro. Es ist mit einem Mal, als wäre sie jemand anderes. Offen fahren an einem Freitag um halb neun, wenn die Jungmanager in ihre Büros rasen,  in Hamburg als Mädchen, das ist eine Studie wert. Normalerweise hupen Sie Inken an, wenn sie nicht schnell genug an der auf grün umspringenden Ampel anfährt, Spurwechsel mit einem roten Matiz ist schwierig. In einem Mini Cabrio ist das kein Problem, sie bekommt sogar ein Lächeln. An der dritten Ampel hat sie so sehr Gefallen daran gefunden, da sie einen Umweg ins Büro fährt. Die Bürovorsteherin Frau Krause wird sich sowieso über ihr Zuspät kommen echauffieren, jetzt ist es egal ob sie fünf nach neun oder 15 nach neun an ihrem Schreibtisch sitzt.

 Die Stunden in den heiligen Hallen ziehen sich träger als sonst hin. Sie kann den Feierabend kaum erwarten, noch einmal flirten bitte am heutigen Abend.  Petrus hat was dagegen und als Inken endlich das Büro verlassen kann gießt es aus allen Schleusen im Himmel. So sehr das die City ein Einziges Verkehrchaos  offeriert. Kein Durchkommen zu ihrer Tanzstunde- auf halber Strecke kehrt sie  um. Lädt sich bei Freunden zu einer Kürbissuppe ein, checkt die Windvorhersagen für den Samstag in St. Peter Ording, schlürft ein bisschen Prosecco statt Bier am heutigen Abend und freut sich auf Sonne und offen fahren und ein bisschen kiten am Samstag. Es geht eine Veränderung mit Inken  vor. Bis vor 24 Stunden hätte sie alles für Hackwind am Samstag gegeben, seit heute morgen ist ihr Sonne wichtiger. Außerdem entdeckt sie  einen Hauch Zickengen an sich. Eigentlich ist sie schon im Bett- da steht Inken erneut auf und kramt die Longchamp (Anm. für die Herren, das sind sündhaft teure unnütze Täschchen eines französischen Edellabels ) aus dem Schrank. Man kann ja nie wissen denkt sie sich. Die Begegnung mit ihrem verschollen geglaubten Freund Hinrich vor wenigen Tagen hat Ihr ein bisschen das Gleichgewicht genommen. Wie er da so vor ihr stand, lang und schlacksig und ein wenig überfordert mit der Begegnung.

Ein Wochenende in eine andere Rolle schlüpfen, ein bisschen das Luxusweib heraushängen lassen wird ihre Verwirrung nicht aufheben aber erträglich gestalten. Und vielleicht wird die Verabredung am Samstag mit Hinrich ein schöner Tag.

Zwei Stunden nachdem Inken aus dem Restaurant gestürmt war, rief Hinrich an. „Lass uns treffen, lass uns zusammen kiten gehen und nichts sagen. So wie damals bevor ich einfach verschwand. Lass uns in der Weite von Böhl die Kräfte messen, den Robben hinterherjagen  und Wellen schlitzen. Bitte Inken“

Und Inken? Hin-und her gerissen war sie, einerseits hatte ihr der Freund und der Gefährte gefehlt, nur war Hinrich ein zweites Mal einfach auf und davon gegangen, um irgendein wichtiges Projekt jenseits der Ozeane zu betreuen. Ein weiteres Mal hatte Inken von seinen Plänen erfahren, als er schon längst im Flugzeug saß. Inken wollte Hinrich nie wieder treffen. Andererseits, schlichen sich die Erinnerungen an ihre gemeinsamen Ausflüge ans Meer immer wieder in ihren Kopf, sah sie die wunderbaren Bilder vor ihren Augen. Sie hatte Hinrich die Wellen erklärt, mit Hinrich konnte sie barfuss ums Lagerfeuer tanzen und im Regen, in den Dünen abhängen, nichts sagen oder solange die Nächte durch reden bis zu dem Moment wo die Nacht dem Morgengrauen die Hand reicht und der Sonne das Zepter überlässt. Die besten Tage auf dem Meer hatte sie mit Hinrich verbracht. Inken saß in der Zwickmühle- sagte zu und jetzt Freitagabend kurz bevor sie in ihre Träume abtauchte befand Inken, das das Cabrio und der neu entdeckte Hang zum Luxusweibchen ihr einen guten Schutz vor Hinrichs blauen Augen geben würde.

 Ab Heide fährt sie offen, unter ihrem  Hintern ein Gefährt das alles alleine macht, das Tempo, die Scheinwerfer, das Verdeck- sie  muss sich  um wenig kümmern. Der Wind lässt die Fahnen fröhlich wehen, gute 5 Windstärken aus West hat es, die Sonne strahlt von einem frisch gewaschenen Himmel, Möwen ziehen ihre Kreise, die Sonne kitzelt Inkens Nase. Sie muss nach Husum. Hinrich ist auf einer großen Messe dort und hat sie gebeten sie abzuholen. Pünktlich fährt sie vor. Divengleich entsteigt sie dem Cabrio und lehnt sich ans Auto. Von Hinrich keine Spur. Nervosität macht sich breit, das kennt sie nicht. Wie gut das es die große Sonnenbrille gibt, welche suchende, hektische unsichere Blicke so gut verbergen kann. Klug ist wenn Du trotzdem lachst, hat ihr irgendwann einmal eine der Societyladys erklärt, für die Inken manchmal im Sommer auf deren Gartenpartys kellnert. Es war bedeckt an dem Tag. Die Kundin trug trotzdem Sonnenbrille. Irgendwann fragte Inken sie nach dem Warum. ‚Gut ist, wenn Du trotzdem lachst. Dein Lachen kann gemalt sein, Deinen unsicheren Blick kannst Du nicht manipulieren. Um das zu verbergen gibt es Sonnenbrillen.’

Hinrichs Locken tauchen am Ende der Strasse auf, sein schlacksiger Gang lässt ihn erkennen. Ein Lächeln umspielt seine Lippen, die letzten Schritte rennt er fast auf Inken zu.

„Entschuldige, die Verspätung ein Kunde!“

„Hmmm- wahrscheinlich sehr wichtig“ ist Inkens Antwort.

Wie er da so vor ihr steht, im Anzug, es ist, als ob nicht ein Tag vergangen wäre seit sie das letzte Mal gemeinsam aus den Büros ans Meer flüchteten.

„Lass uns fahren- der Wind soll abnehmen und ich will wenigstens eine Stunde auf dem Meer sein“ sie schiebt die Sonnenbrille auf der Nase zurecht, bedeutet Hinrich Platz zu nehmen und schon braust sie über die Schleuse in Richtung Böhl.

„Wo ist Dein geliebter Käfer hin?“ fragt Hinrich

„Er hat dein Verschwinden mit einem Motorschaden kommentiert“ erwiedert Inken. Schweigen breitet sich im Mini aus, Silje Nergard säuselt ‚Thousand true stories’ aus den Lautsprechern. Es stört beide nicht. Irgendwann fängt Hinrich an zu erzählen, über den Stress im Job, die Komplikationen, ein anstrengendes Leben. Inken hört zu.

An der Überfahrt zum Strand werden sie aufgehalten. „ Kann ihr Auto schwimmen?“

Hinrich und Inken schauen sich lachend an. Wenn der Mann am Kassenhäuschen so etwas sagt, bedeutet das in der Regel, dass der Vollmond und der Wind ein perfektes Duett gespielt und der Böhler Strand total überflutet ist. Inken gibt Gas. Schneller als sonst wird auf der Anhöhe geparkt, der Neo aus dem Kofferraum gezerrt, Kite und Brett von der Rückbank geschnappt. Ein trockenes Plätzchen zum Aufbauen gesucht. Das ganze dauert maximal 15 Minuten. Sie steht vor Hinrich, die Sonnenbrille auf der Nase lacht sie ihn an. Zurrt ihr Trapez fest. „Du Hinrich? Ich hasse es wenn Du einfach verschwindest und ich wollte nie wieder mit Dir zusammen kiten gehen und hmm, danke das Du mich heute hergebeten hast“ Setzt ihm einen Kuss mitten ins Gesicht, bemerkt wie gut das schmeckt, nimmt sich noch einen und startet den Schirm. Verbotene Früchte sind einfach die Besten, denkt sie später draußen irgendwo in Böhl links hinten um die Ecke herum.

Der Wind hält bis in den Sonnenuntergang, ein gemeinsames Bier am Strand, ein gutes Gespräch, satt vom Tag liefert Inken Hinrich wieder bei der Messe ab und lenkt das Cabrio in Richtung große Stadt. Was für ein Tag !

Der Sonntag weckt sie sehr früh mit Regentropfen, die draußen auf den Asphalt platschen. Gerne würde sie sich noch einmal umdrehen und weiterträumen. Aber der Windgott schickt Wellen aus Nordost und da am Nachmittag ein Termin wartet, wird sie ihre rasanten Surfträume für heute in den Schlummermodus legen und schnell an den Brink heizen. Inken hat das Bedürfniss nachzudenken. Es ist grau- so grau. Keine Spur vom gestrigen Sonnenschein. Auf den Strassen das Herbstlaub, angeklebt vom Regen. Kurz hinter Lübeck schüttet es derart, das sie einen Moment versucht ist umzukehren. Die Vorhersagen und das morgens noch studierte Radarbild sorgen dafür, das sie den Gedanken verwirft. In Oldenburg weicht der Regen Nebel- die Luftmassengrenze. Bis kurz vor den Sund kann sie kaum 100m weit schauen, dann lichtet sich das milchige grau in ein einfaches. Am Brink angekommen ist fast niemand dort. Zu zweit erkunden sie die sich an der Sandbank berechenden Wellen. Nordoststurm am Brink weit draußen bietet ein Bild wie Hvide Sande im Herbst- unglaublich. Den ganzen Vormittag spielt Inken mit den Wellen, lässt Luft in ihren Kopf, Freiheit in ihr Herz, spinnt Geschichten und freut sich auf die warme Dusche zu Hause. Es ist kalt geworden, der Herbst streckt seine kalten Finger nach ihr. ‚Heute wird das letzte Mal sein, dass ich barfuß kiten gehen kann. Ich sollte meine Neoprenschuhe suchen und die Sturmhaube, die Handschuhe…’

Spät am Abend sitzt Inken auf ihrem Sofa lässt die letzten Stunden revue passieren. Das Telefon klingelt.

„Inken hier!“

„Hier ist Hinrich.“

„Hey wie geht’s? Wie war es heute auf der Messe?“

„ Ja- ging. Inken ich habe ein Segelschiff gekauft, lass uns die Ozeane erkunden.“

Land der Regenbogen – Dänemark im Herbst 2009

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Land der Regenbogen – Dänemark im Herbst und Grenzgänge der besonderen Art

Aktive: 10 windhungrige Großstadtnasen und der allwissende Oskar

Special Thanks to: 1 Flasche Shiraz

Es ist kühl geworden. Der letzte milde Spätsommertag in St. Peter liegt erst wenige Stunden zurück und scheint doch schon so fern. Morgens schält sich die Sonne nur schwerfällig aus dem Nebel, am Nachmittag taucht sie die Stadt in mildes, milchiges, Sturmverkündendes Licht, abends verschwindet sie schnell unter dem Horizont und lässt den Mond die langen Nächte bewachen. Oskar und meine Abende auf dem Balkon mit dem guten Rotwein, einem Happen Käse und endlosen Geschichten sind vorbei. Wir sitzen drinnen um die Kerzen, lauschen den Klängen der Salsa, Rumba und dem Tango – hängen unseren Gedanken nach und seufzen allenfalls hier und dort einmal in die herbstliche Stille hinein. Oskar rührt sich zuerst „Schätzelein! Weißt Du überhaupt das dieses Wochenende schon Dänemark ins Haus steht?“ Verdutzt hebe ich den Kopf hoch und lass die Finger ihre Arbeit an der Tastatur des Laptop unterbrechen „Du machst Witze! Dieses Wochenende schon? Ist es denn schon so weit im Jahr? Der Sommer schon zu Ende? Mit seinen warmen Morgen an denen ich früh um sechs barfuss über den Strand rennen konnte, dem Meer entgegen, die Wellen begrüßend, mit Dir zusammen leicht, frei und lachend über Stunden auf dem Ozean kreuzen?“

Oskar klappert herbstliche Trägheit aus dem Schnabel, prüft seine Krallen , schüttelt seine Federn und springt auf die Sofalehne. „ Ja, mein Herz- Sommer ist vorbei- Herbst steht ins Haus und der erste Sturm, der erste wirklich schwere Sturm rollt heran und es ist mal wieder Dänemark im Kalender angestrichen. So wie jedes Jahr im Oktober- ein langes Wochenende da im Norden, im Land der tausenden Regenbogen, der flachen, eng an die Dünen gedrängten Häuschen, der blonden, immerfort lachenden Menschen, frischem Fisch, Kaminen und Wind, der täglichen Wahl zwischen FlachwasserFjord und Nordseewelle. Und glaub mir, meine Liebe in diesem Jahr wirst Du Dein Wunder erleben und ich bin sicher die eine oder andere Grenze verdammt weit fassen! Und da Du dafür alle Kraft brauchst, die Dir dieses Jahr manchmal abhanden schien klappst Du bitte diesen Laptop da auf dem Tisch zu, lässt den Artikel der geschrieben werden muss einfach mal sein und konzentrierst Dich auf wirklich wichtige Dinge!“

„Die da wären?“ „Kalorien inhalieren bis Du nicht mehr kannst, die Einkaufsliste schreiben, lachen und sich freuen, dicke Winterpullis einpacken, die Neoschuhe raussuchen, noch mehr lachen und sich freuen, das Melkfett für die Hände, definitiv keine Angst vor den Wetterkarten haben, der 8er verkaufen und einen Sturmkite besorgen- keine Ahnung wie Du das anstellen willst- aber Du hast dafür noch genau drei Tage Zeit! Ach und vergiss das Lachen nicht“

„Eye Sir höre ich mich sagen und muss grinsen. Ich mag meinen Oskar, diese altkluge, immer das letzte Wort haben wollende Möwe, die Rechtbehaltende, sich selten irrende, Zigarre rauchende, nach Bier verlangende, verrückte und so verlässliche…

Ich klappe den Kalender auf- in der Tat. Dänemark springt mich an. Jedes Jahr Ende September/Anfang Oktober genehmige ich mir mit windhungrigen Seelenverwandten ein paar Tage Auszeit und fahre an den Ringkjobing Fjord. Dieser Fjord ist das grösste gewässer des kleinen Königreiches und wird nur durch einen schmalen Streifen Land von der Nordsee getrennt. In Hvide Sande ist der Fjord mit dem Meer verbunden- ein flaches , stehtiefes Gewässer- so weit wie ein Meer und prädestiniert dafür Kiter und Windsurfer zum Üben neuer Tricks zu verführen. Es ist so weit im Jahr- Dänemark steht ins Haus. Also wird das Auto bestellt, die Sachen gewaschen, die Vorhersagen gecheckt, der über Jahre und so geliebte 8er verkauft, ein Sturmkite besorgt, überlegt was ich kochen will, der aufkommende Respekt gegenüber dem sich über Großbritannien bildenden schweren Sturmtief mit Rotwein besänftigt und dem Vertrauen darin, das Oskar schon weiß wann er seine Krallen in meine Schulter hauen wird dann, um mich zur Rückkehr vom Wasser zu bewegen.

Donnerstagmorgen! Es ist kalt und es brezelt in Hvide Sande schon viel früher als berechnet mit 30 Knoten und mehr- aus Nordwest, eigentlich perfekte Bedingungen um in die Welle dort zu gehen. Wenn man einen Kite hätte dem man blind vertrauen kann, dann oK. Mit dem Sonic und 10 Kilo mehr auf den Rippen kein Problem- aber die Murmel, die mir gestern mit den Worten ‚Bitte pass auf Dich auf- es ist ein spezieller Schirm’ in die Hand gedrückt wurde, die eignet sich wohl nicht dazu. Es ist ein bisschen chaotisch heute morgen und mit ein einiger Verspätung ist die Karawane der Windsüchtigen endlich auf der Autobahn. Die mir in diesem Sommer so lieb gewordenen Kitekumpel und natürlich Oskar sind bei mir an Board. Wir checken diverse Radiosender, singen laut und falsch mit und philosophieren mal wieder über Gott, die Welt und den neuen Tarantino Film, tingeln im Sonnenschein übers Land und nähern uns langsam aber beständig dem Ringkjöbing Fjord, das die Bäume sich bedrohlich biegen, gar die Fahnenmasten am Straßenrand von links nach rechts wanken ignorieren wir fürs Erste einfach. Oskar schmatzt uns genüsslich die Madalenas weg, wölbt eine Augenbraue und gibt bekannt „ Naja, Welle wohl nicht heute- aber Fjord da geht heut abends was“

„ Alter! Jetzt lass uns mal ankommen da oben, die Hütte beziehen, dann werde ich mich über die Düne quälen- wie immer- und dann gebe ich Dir bekannt, wofür ich mich entscheide! Penn einfach ein bisschen und mal den Teufel nicht an die Wand. Ich geh heut noch aufs Wasser- und wenn ich zwei Kinderschirmchen mit meinem Tape zum neuen Sturmkite zusammen basteln muss. Ich fahr doch nicht 400 Kilometer in den Norden um wegen zuviel Wind nicht aufs Wasser zu können.“ Später als erwartet landen wir auf dem Campingplatz. In Dänemark ticken die Uhren einen Schlag langsamer als bei uns und das tut verdammt gut. Es brezelt noch immer. Gevatter Pustemann lässt heute nicht so recht ab vom Oratorium. Der Weg über die Düne ist beschwerlich, Böen peitschen den Sand ins Gesicht. Die feinen Körner setzen sich hinter den Kontaktlinsen fest und lassen die Augen tränen. Die Welle ist hoch, verdammt hoch und läuft auch nicht sauber. Es fällt mir schwer Sets zu erkennen, Lücken zu finden. Oskar erkundet die Situation weiter draussen, kommt ziemlich japsend zurück und schüttelt den Kopf. „Keine Chance heute. Naja also- schon eine Chance, aber Spaß ist was anderes- da draußen ist soviel Weißwasser, die Welle läuft nicht sauber und die Strömung ist gigantisch. Fahrt an den Fjord, rockt da noch ne Stunde, haut Euch dann in die Sauna und die Bäuche mit dem Risotto, den Pfifferlingen und dem Schweinefilet voll, trinkt noch ein gutes Glas Rotwein und geht schlafen. Morgen früh wird es hier besser und sanfter sein. Wenn ihr um 07.00 aufsteht dann bekommt ihr noch was mit vom Wind morgen“

Wir schauen uns an, etwas unschlüssig. Eine Freundin meldet sich in unsere Unentschlossenheit aus Bork Havn- die Entscheidung steht und die Karawane fährt an den Fjord. Bork Havn liegt auf der Ostseite des Fjordes. Kitebar sind fast alle Richtungen des Windes ohne Südanteil. Der Parkplatz liegt direkt hinter der Wiese zum Aufbauen. Ein schmaler Streifen Baumbewuchs verwirbelt gerade Wind aus Südwest, so dass es ratsam ist sowohl im Wasser zu starten und auch wieder zu landen um den Luvstau zu umgehen. Wie alle Spots am Fjord ist Bork Havn weit stehtief.

Zu zweit mit der Murmel, der Rest mit nem 7er haben wir nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten mit Gipsy dann tatsächlich noch eine grandiose Session bis kurz vor dem Dunkelwerden. Es ist kalt, so verdammt kalt das ich aufgeben muss, weil meine Finger taub und gefühllos sind und ich die Bar nicht mehr greifen kann. Abgebaut und Sauna. Das einzig Richtige nach einer solchen Teufelsfahrt. Wir haben 30 Knoten im Schnitt gemessen mit fiesen Löchern nach oben und unten, grenzwertig, stets die Schauerwolken interpretierend, in ständiger Bereitschaft neuerlicher Böen. Ich bin froh dass sowohl am Strand, als auch im Wasser Menschen sind, die mich nicht aus den Augen lassen.

Abends sitzen wir dann gemütlich in der warmen Hütte und diskutieren darüber, ob es sehr verrückt ist in den freien Tagen sich morgens um sieben aus den Träumen zu lösen und kiten zugehen.

Von jetzt auf gleich ist bei mir dann die Luft raus- ich fall einfach nur noch aufs Sofa und bin nach zwei Seiten Lesen im mitgebrachten Urlaubsschmöker irgendwo in der karibischen Sonne, Wellen schlitzend, warmen, gut riechenden Sommerwind um die Nase und ein helles Lachen nach irgendwohin schickend. Dänemark hat mir gefehlt und ich weiß gar nicht, warum es mir so schwer fiel hierher zu fahren in diesem Jahr. Immer schob ich Termine vor, das es nicht ging, verkrümelte mich in den Osten, setzte andere Prioritäten und vernachlässigte ein bisschen meine Leidenschaft für dieses sanfte Fleckchen in den Dünen zwischen Fjord und Nordsee. Mir fällt wieder ein, was ich in diesem Jahr alles vor gehabt habe hier zu erkunden- bis ganz in den Norden wollte ich fahren. Einen lieben langen Sommer lang und getan habe ich es nicht. Komisches Leben manchmal.

Als ich aufwache setzt gerade erst die Dämmerung ein. Herbst! Denke ich- jetzt ist es morgens noch dunkel, wenn ich meinen Tag starten will. Der Sturm hat nachgelassen und Gevatter Wind scheint sich eine Pause zu gönnen. Sanft säuselt er seine lockende Melodie um die Hütte. Ich schlurfe Richtung Wasserkocher und mache einen Kaffee. Bei den Jungs rührt sich als erster der Junior. Gemeinsam entern wir die Düne. Klare, weiche Luft strömt in unsere Lungen, die Blicke weit prüfen wir den Wind und die Welle. Oskar stolpert hinterher und schimpft, dass auf ihn nicht gewartet wurde „Verdammt! Ihr wisst doch, das ich ohne Kaffee nicht bewegungsfähig bin“

„Kaffee war fertig- mein Freund“ entgegne ich.

„Stimmt- aber der war so dünne, davon wird noch nicht einmal ein bettflüchtiger Pensionär wach! Ich musste mir selbst was brauen und ihr hättet warten können“ Ich grinse in die aufgehende Sonne . „Hmmmm- gute Laune gibt es bestimmt beim Bäcker nachher zu kaufen. Sag mir jetzt mal , was Du vom Wind heute hältst!“

Geschäftig stolziert Oskar die Düne auf und ab, wichtig hält er die Flügelspitzen nach oben, legt den Kopf schief, schnalzt mit dem Schnabel, legt die Stirn in Falten und meint: „Grenzwertig- jetzt aufbauen und versuchen gegen die Strömung ein bisschen zu fahren. Dann Frühstück und schauen ob es auf dem Fjord noch reicht. Heute ist ein Tag für Euren mitgebrachten Kitenachwuchs.“

Hvide Sande ist ein besonderer Spot. Hier wird an der Mole die Nordsee gerockt oder aber auf dem Fjord. Die Entfernung zwischen beiden Spots beträgt keine 5 Autominuten. Je nach Könnerstufe kannst Du wählen zwischen Welle oder Flachwasser. Die Nordsee bei Hvide Sande zaubert gigantische Wellen. Die vorgelagerte Mole sorgt zudem dafür das die Wellen gerade bei Nordwestwind nahezu perfekt brechen. Weht der Wind auf Südwest wechselt man an den etwas unbequemeren nördlichen Teil hinter der Mole- da laufen dort die Wellen sauberer. Nach Süden zu schliessen sich an Hvide Sande unzählige Feriensiedlungen. Wer hier ein Häuschen für seinen Urlaub mietet hat alles richtig gemacht. Morgens stiefelt er über die Düne checkt den Wind und wenn dieser richtig steht kann er direkt aufbauen und kiten gehen. Die Strömung ist manchmal sehr anstrengend, gerade bei wind aus nördlichen Richtungen und die mitunter sehr hochreichenden Dünen sorgen für Abdeckung, so dass damit gerechnet werden muss auf dem offenen Meer 5 Knoten mehr Druck im Schirm zu haben, als noch am Strand. In Dänemark gelten wie überall sonst auch die allgemeingültigen Verhaltensregeln beim Kiten, da es bis heute aber noch nicht zu der in Deutshland hinlänglich bekannten und verfluchten Überfüllung der Strände mit Kitesurfern gekommen ist, sind die Beschränkungen auch noch nicht so stark. In jedem Fall sollte auf Badegäste, spielende und im Wasser planschende Kinder geachtet werden. Hvide Sande ist kitebar bei Süd bis Nordwind, wobei Westwind sehr schwer zu bezwingen ist, da dieser voll auflandig weht und die Welle nicht sauber laufen lässt. Da gehört viel Erfahrung dazu.

Wir fügen uns den Prophezeihungen des Altmeisters. Schleppen den Kram über die Düne, bauen auf und versuchen unser Glück. Ein paar Schläge sind uns tatsächlich vergönnt- auch wenn wir immer und immer wieder am Strand die Höhe laufen müssen. Die Jungs haben ein bisschen Spass- ich selbst bin auf der Suche nach einem vernünftigen Rhythmus und finde ihn nicht. Erinnerungen steigen auf- das gab es schon einmal hier, aber damals war ich nicht diejenige die verbissen immer und immer wieder startete um mit der Strömung nach Süden gezogen zu werden. Oskar schiesst vor mir ins Meer und taucht mit einem in der Morgensonne silbrig glänzenden Fisch im Schnabel wieder auf. „ Schätzchen- schieb Deine Gedanken beiseite- essen fassen und danach schnellstens an den Fjord“ Ein bisschen schwermütig und den Gedanken nachhängend pack ich meinen Stuff zusammen, die Jungs haben schon längst aufgegeben, stehen wissend am Strand und warten geduldig das ich meinen aussichtslosen Kampf gegen die Strömung beende und sie vom Hunger befreie. Wir besorgen uns frische Brötchen, mümmeln das Müsli weg, schmieren Proviant für den Tag, schmeißen uns in die fahrbaren Untersätze und folgen den anderen an den Fjord nach Skaven. Unterwegs klugscheisst Oskar vom Feinsten- erzählt einen Wolf von irgendwelchen Sturmsucher Aktionen in seiner Jugend und das bestimmt heute noch was geht. Ich schau über den Rand meiner Sonnenbrille auf den sich selbstbeweihräuchernden Geschichtenerzähler, grinse ihn an- zeig auf die matt in der Sonne hängenden Fahnen und sage nichts. Wird schon! Wenn Oskar meint- dann meint er. Irren tut er sich am Ende selten denk ich bei mir. Und wenn schon- ich war heute morgen auf und in meinem Meer- bin fürs Erste zufrieden. Als wir nach Skaven einbiegen sehen wir nur einen Haufen Kites am Strand liegen. Skaven wartet mit zwei Strandabschnitten zum Aufbau und Start auf. Zum einen direkt am Hafen mit einem ausreichend breiten Gras-/Sandgemisch und zum anderen ein bisschen abseits mit einer Wiese zum Aufbau und dem Startbereich unten am Strand. Gerade am kleineren der beiden Spots gereicht es von Vorteil, wenn der Schirm an der Wasserkante gestartet wird und nicht auf der Wiese. Die Parkzone ist gefährlich nah und umliegende Bäume sorgen für Verwirbelungen und Abdeckungen des Windes. Skaven kann bei allen Winden mit Westanteil befahren werden ist scheinbar endlos stehtief und selten überlaufen.

Es Scheint wirklich nicht viel zu gehen und das obwohl Schaumkronen am Horizont zu erkennen sind. Ich nehme den Kitenachwuchs zur Seite. „Egal! Wir versuchen es“

Zum zweiten Mal an diesem Tag werden die Kites aufgepumpt, Leinen ausgelegt, gecheckt und als wir fertig sind da hat es Wind- Wind für zwei klägliche Schläge. Ein dummer Versuch, denke ich mir. Jetzt dümpele ich hier im Fjord vor mich hin- erfolglos, kurbelnd und wäre doch lieber drüben am Meer. Irgendwo in den Dünen, das Buch vor der Nase, Geschichten spinnend, chillend, die Welt vergessend. Wir geben auf, sind etwas ratlos und schauen Oskar fragend an. Der steht in der Mitte und holt sein berüchtigtes „Eins, zwei, drei- pffff „ raus. Nach drei Anläufen pfeift es fröhlich um unsere Ohren- so viel das es reicht lange Schläge zu fahren, ein, zweimal was zu üben, auf die Nase zu fallen- zu jubeln. Dann ist es für eine Weile wieder vorbei. So geht das den ganzen Nachmittag und wir finden irgendwann Spass daran startbereit an der Bar zu stehen, die Schaumkronen zu inspizieren und Oskar sein „Zwei Minuten noch die Herrrrschaften!“ nachzumachen, welches er als Ankündigung durch die Runde schallen lässt das alsbald wieder einige Minuten auf dem Wasser anstehen. Zweimal fällt mir der Schirm vom Himmel in den Fjord. Zweimal schlepp ich den Rastaroo an Land zurück, als ich mich anschicke ein drittes Mal ihn mit Süßwasser zu spülen mault er und ich lasse ihm seinen Willen. Vom ewigen Kurbeln bin ich auch platt und Verdammt! Mir tun die Arme so was von weh. Genug für heute- wir packen ein. Zurück in unserer Hütte Ratlosigkeit ob der Vorhersagen für den Sonnabend. Die ganze Woche wurde dieses Sturmtief gerechnet und vorhergesagt. Sehr beständig und mit stetig steigenden Windwerten. Ungewöhnlich weit im Norden Grossbritanniens ist es über die Insel geplumst und nimmt statt einer Bahn nach Südost in Richtung Deutsche Bucht ausgerechnet am morgigen Samstag Kurs auf den Skagerak, wo es gedenkt in der darauffolgenden Nach seine Luftpakete durch die Meerenge zu schieben um sie dann mit Paukenschlägen ins Balticum sich ergiessen zu lassen. Morgen wird es Sturm geben überall und es ist müssig jetzt zu überlegen, ob wir an die Ostsee fahren sollten. Bis Mittag liegen die Werte noch unter dreißig Knoten, danach soll es kontinuierlich zunehmen. Schauer soll es geben und Gewitter- ich zweifele, ob ich an diesem Wochenende noch mal aufs Wasser komme. Denn auch der mitgebrachte Schirm ist für derartigen Wind und mein Gewicht nicht wirklich ausgelegt. Nach Sauna, gegrilltem, einem guten Bier beschließen wir erneut früh das Bett zu verlassen und einfach zu schauen, ob die Nordsee morgen mit uns reden will. Kurz bevor ich in meine Wellenträume abdrifte seufze ich noch in Richtung schon längst von vergangenen Abenteuern träumenden Oskar „ Du! Mein Lieber! Mach doch das ich morgen entweder den Sturm knacke, wenn er denn dann so heftig hereinbricht, egal ob auf dem Fjord oder der Nordsee oder aber das der Sturm abdreht, wie so häufig und ich den Rhythmus der Wellen da hinter der Düne auch in diesem Jahr finde. Egal was- aber mach bitte, das morgen irgendwas geht und ich weder Angst habe vor dem das mich erwartet- noch meine Grenzen überschreite!“ Dreh mich um und reite die ich weiß nicht wievielte sich perfekt im Sonnenlicht brechende Welle.

Nachts werde ich wach, weil der Mann an den Turbinen da oben sich anschickt den Schlaf mit Arien zu stören. Es zerrt und poltert am Haus, das Holz knackt, auf der Terrasse fällt der Wäscheständer um, die Stühle pustet es auf den Rasen. Verdutzt setze ich mich auf und schlurfe raus ‚Ordnung machen des nächtens, Neos einsammeln, die Schuhe, Stühle festzurren und nicht darüber nachdenken, das Petrus den Regen gerade quer über den Platz fegen lässt. Wird schön. Irgendwann dämmert der Tag und erneut stapfe ich schweigsam mit dem Junior über die Düne. Wir kommen kaum voran, Schwaden von Sand werden auf unseren Nasen abgeladen. Peeling für lau. „Gut gegen Deine Lachfalten“ frotzelt Oskar. Oben angekommen stehe ich etwas ratlos. Der Wind ist voll onshore, Weisswasser soweit das Auge reicht, langgezogene perfekte Wellen -Fehlanzeige, riesige Brecher bäumen sich auf und rollen zerschossen in Richtung Strand. Ich seufze, klemm mir die Möwe unter den Arm, dreh mich um und nehm Oskar die Worte aus dem Mund. „ Kloster- wir fahren nach Kloster, schnell frühstücken und Abmarsch. Ich verzichte darauf in der Waschmaschine da unten einen Rhythmus finden zu wollen- ich knacke den Sturm heute Nachmittag und zwar in Kloster. Einer meiner favorisierten Spots am Fjord, wenn auch der Einstieg recht schmal ist und ich deswegen gerne weiter hinauslaufe zum Starten, so ist draussen in der Weite des Fjordes soviel Platz das man vergisst nicht auf dem Meer zu sein. Kaum Reusen im Wasser, wenig Schiffsverkehr und noch weniger Windsurfer. Kloster scheint ein reiner Kitespot und geht bei fast allen Winden mit Südanteil im Gepäck. Mitunter baut sich weiter draussen eine kleine Kabbelwelle auf.

Oskar rollt die Augen, schweigt still und schüttelt fast unsichtbar den Kopf. Ich drück ihn enger an mich. „Mach Dir keine Sorgen- ich gehe an die Grenzen heute, ich will das und ich brauche das- aber ich werde vorsichtiger sein und sensibler als sonst auf alles achten, das da oben an den Turbinen gegeigt wird. Vertrau mir Oskar“ Schnell werden die Brötchen besorgt, der Kaffee eingeworfen und im Handumdrehen ist die Karawane der sturmhungrigen Meute auf dem Weg nach Kloster. Dort angekommen sehen wir gerade den Achter der Jungspunde ausgelöst im Wasser zappeln. Die Jungs kommen an den Strand und sagen einfach nur „Grenzwertig!“ Jetzt werde ich doch unsicher. Reicht meine Erfahrung, reicht der Mut? Der Windmesser schwankt und pendelt im Mittel um 30 Knoten- Böen von 35 Knoten sind dabei- leider auch das eine oder andere Loch nach unten.Keine leichten Bedingungen. Wir bauen die Murmel auf und beschließen auf jeden Fall zu zweit am Start zu sein. Einer als Sicherung, der andere fährt. Im Moment des Startens schaltet der Turbinenmann einen Gang runter. Juchhe…und ich will geradde zurück zum Strand um dort auf meinen Auftritt zu warten, da wird mir einfach ein 5m² in die Hand gedrückt. Ob ich will? – und ob ich will! Kurze Einweisung, ein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter und ich werde entlassen mit den Worten „Mach Dir keine Sorgen, ich steh hier am Strand und passe auf!“ Zwei Schläge brauch ich um mich an den 5er Waroo zu gewöhnen, dann hab ich es im Griff und ziehe meine Bahnen. Inzwischen peitscht es wieder aus allen Kanälen – ein Konzert unglaublich polternder Tonfolgen ergießt sich über das Wasser, so sehr das auch hier Wellen schlagen. So aufgewühlt habe ich es hier noch nie gesehen. Der Himmel über mir ist schwer und grau wie Blei. Ab und an habe ich das Gefühl das Blau der Freiheit über mir blitzen zu sehen. Ich täusche mich. Nach endlosen Runden da draußen, will ich eine Pause machen und mich ausruhen da zwingt mich unerwartet eine wirklich heftige Bö dazu erstmals ein bisschen die Hosen voll zu haben. Oskar ist wie aus dem Nichts neben mir aufgetaucht und schreit mir ins Ohr. „Schirm Richtung Wasser! An den Windfensterrand und aussitzen!“ Ich bin erschrocken, die Hand an der Safety tu ich automatisch, wie der Herr befiehlt und siehe da, der Waroo setzt sich auf den Tipp und die Bö aus. Ich lach Oskar an, der zufrieden sich wieder aufschwingt um sich seinen Nachmittagsimbiss zu organisieren. Kurz darauf wird mir der Schirm abgenommen. Es orgelt aus allen Pfeifen inzwischen, sämtliche Tonfolgen werden im Himmel gespielt. Manchmal weiß ich nicht mehr ob Arie, Ballade oder Rocksong. Kein sanfter Reggaeton dabei. Schade seufze ich. Hörte ich was Sanftes heraus dann würde ich mich doch noch wieder an die Murmel hängen heute Nachmittag. Es ist mir nicht vergönnt. Zufrieden pell ich mich wenig später in wärmende Klamotten, fotografiere die hitzigen Jungspunde, höre Sätze wie „Das sind echt coole Säue da draußen“ Und freu mich- das auch ich dazu gehöre!

Plötzlich bricht sich die Sonne Bahn und die Meute beschließt an die Mole in Hvide Sande zu fahren um den Wellen zu zuschauen. Auf dem Weg dorthin machen wir im örtlichen Surfshop halt und kommen in Versuchung. Es wird ein Sturmkite offeriert, der im Preis fast nicht zu schlagen ist. Da der potentielle Käufer aber noch nie diesen Schirm fuhr, pulen wir einen der Meute gehörenden aus dem Bus und wollen ihn ausprobieren. Wir stehen in Hvide Sande am Spot- ablandig kommt der Wind hier. Wir überlegen, ob testen jetzt wirklich klug ist. Schauerböen fegen über unsere Köpfe hinweg. Oskar schimpft auf uns leichtsinnige Jugend, wettert und zetert. Wir halten im den Schnabel zu und entgegnen in die Tiraden hinein. „Der Tester ist ein erfahrener Kiter. Hier ist es überall flach. Im schlimmsten Fall kommt er halt zu Fuß zurück.“

Wir Mädels fangen schon mal an den Schirm aufzubauen. Drei Mädels für nen Typen. Ein wahrlich amüsantes Bild für die umstehenden Windsurfer. Wir selbst müssen über diese skuriele Situation laut lachen. Die Bar wird erklärt und gestartet. Das Vergnügen dauert genau zwei Schläge, dann liegt der Evo im Wasser und eine der Leinen hat sich um eine Boje gewickelt. Zeternd steht Oskar am Strand und mault“ Ich habe es Euch gesagt. Es ist zu böig hier, zu gefährlich und viel zu abgedeckt als das der Typ hier nen Schirm testet. Ihr seit leichtsinnig- verdammt! Ich bin sauer auf Euch! Achselzuckend schauen wir uns an , ziehen die Köpfe ein, bauen ab und wechseln zurück nach Kloster. Dort angekommen messen wir dann aber im Mittel 35 Knoten. Test ist gegessen für heute- das geht jetzt wirklich nicht mehr. Also zurück zur Hütte. Inzwischen sind wir alle so durchgefroren, das wir nur noch einen heissen Tee trinken wollen und Kekse essen. Beschlossene Sache und nach der Vesper finden wir uns am Strand wieder und lauschen dem grossartigen Konzert das die Wellen uns inzwischen bieten. So einen Krach, so ein beruhigendes, dumpfes Grollen habe ich selten zuvor gehört. Ich werde nicht satt vom Anblick dieser Kulisse, überwältigt von dieser Naturgewalt falle ich staunend auf den Hintern, stütze das Kinn auf und lasse all diese Grossartigkeit über meine Augen mitten in mein Herz fliessen. Wie gerne würde ich da jetzt draussen sein, hoch und runter die Wellenberge, in den Swich und wieder raus, Kicker suchen, mich fallen lassen, hingeben, ergeben. Da kommen tatsächlich noch zwei Typen an den Strand und schicken sich an kiten zu gehen. Neid flammt auf- purer Neid und Ehrfurcht. Bei 40 Knoten in die Nordsee. Wahnsinn- die sind total verrückt und gut- verdammt gut. Ich sitze da in den Dünen und denke bei mir…nehmt mich mit, nehmt mich einfach nur auf einer klitzekleinen Welle genau jetzt mit.

Klappt natürlich nicht- Oskar knappert an meinem Ohrläppchen, kuschelt sich in meinen Kragen und säuselt mir zu „Du warst heute großartig da auf dem Fjord, furchtlos und unerschrocken – Deine Wellentage kommen wieder. Heute ist einfach mal ein Abend für schwere Jungs!“ Langsam trenne ich mich von der Szene- als ich die Düne rauf laufe begrüßt mich der goldene staunende Mond. Wat schön seufze ich, lächle, schnapp mir mein Handtuch und verkrümle mich vor der leckeren Pasta und dem noch leckereren Shiraz in die Sauna. Spät am Abend entert unsere Karawane die Party, trinkt noch mehr Wein, philosophiert über Wind, Wellen , Wetter und die TingTings, warum geheime Spots nie lange geheim bleiben, wie Pianos funktionieren, den neuen Tarantino und die Tatsache das Murmel wirklich zickig zu sein scheint. Spät verlassen wir die Lokalität- es heult so sehr da draußen, das Mützen festgehalten, werden, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Wir gehen noch mal über die Düne. Ich kann nur noch rückwärts gehen. Mit dem Gesicht in den Wind kann ich nichts sehen, weil ich alles zuhalten muss da der peitschende Sand meine Wangen malträtiert, als ob jemand zeitgleich tausende Stecknadelspitzen unter die Haut fahren lässt. Das Meer ist gigantisch, atemberaubend und einzigartig. Der volle Mond schickt silbriges Licht in die Nacht und ehe wir es uns versehen hat der Verrückteste unter uns sich die Sachen vom Leib gerissen und verschwindet im Meer. Zweimal taucht er kurz unter dann kommt er mit schelmischen Grinsen im Gesicht zurück, schmeißt sich fröhlich plappernd in die Jeans- barfuss machen wir uns auf den Weg in die Hütte. Oskar verdrückt sich dort sofort in seine Ecke, stopft den Kopf unter den Flügel, murmelt „Gute Nacht“ und entschwebt in seine Träume. Ich schicke mich ebenfalls an meinen Träumen zu frönen, da habe ich plötzlich so ein Gefühl. „Ich muss noch mal los“ höre ich mich sagen und renn aus dem Haus. Wie und warum, ich weiss es nicht – nur das ich es muss- spüre ich. Komisches Leben manchmal. Ich stosse zu unserem Pärchen, zieh meine Schuhe aus und tanze über den Teppichboden- einfach mal so, an einem Sonntagmorgen im Oktober mit einer fulminaten Windprognose für die kommenden Stunden im Kopf und dem Wissen, das ich gerne weiter meine Grenzen austesten würde. Keine Ahnung wie früh oder spät es ist als ich mich schlafen lege. Ich träume nichts in dieser Nacht- ich lausche nicht dem Jammern des Windes, dem Rollen des Meeres. Ich schlafe tief und fest und ganz befreit. Heute habe ich Grenzen getestet, meine Kraft gemessen mit dem Pustemann und gewonnen. Morgen werden wir sehen.

Helllichter Tag ist es als ich wach werde. Die anderen haben schon den ersten Kaffee getrunken und ich sehe Stirnrunzelnde Gesichter. Der Wind hat weiter zugenommen, unermüdlich schickt er die Sandschwaden über die Düne, feiner Nebel so scheint es. Wir frühstücken, räumen die Hütte aus, beladen die Autos, entern ein letztes Mal die Düne, bestaunen die tosende See, sehnen uns nach Meer und Weite und Freiheit, checken aus und fahren zur Mole. Satt und gigantisch, laufen hier die Wellen rein, Arien schreien uns an, ein Gejaule in den Tauen der Segelschiffe- Himmel! Was für eine Gewalt. Entspannt schlendern wir durch den Hafen- Hunger meldet sich und da wir am Nachmittag noch wieder kiten wollen, bei abnehmendem Wind beschliessen wir unsere Mägen mit frischem Fisch zu füllen. Ein liebliches Restaurant, die Sonne, eine geschützte Ecke, 10 lachende Nasen und das zarteste und frischeste Fischfilet seit ewigen Zeiten. Wir schauen dem Wasser im Hafenbecken zu, wie die Wellen immer und immer wieder über den Rand schlagen- irgendwann läuft es über und wir fragen uns wie weit die Nordsee noch gedenkt heute in Richtung Fjord ihre Wellen zu schicken.

Wir fahren weiter nach Ringkjöbing. Ein Stück hinter dem ausgeschilderten Windsurfspot gibt es einen weiteren Strandzugang der nicht so sehr von Bäumen umgeben ist und daher viel weniger Verwirbelungen parat hat als der weiter in Richtung Stadt gelegene Spot für die Windsurfer. Ringköbing ist fahrbar bei östlichen bis südwestlichen Winden. Wind. Nimmt der Noranteil überhand wird der Wind ablandig und Skaven oder Bork Havn eignen sich besser zum kiten.

Wir biegen rechts ab und fahren den kleinen Feldweg an den Strand. Einsam schaukelt ein Boot im Sturm- ein Klappstuhl lädt zum Verweilen ein, die Hagebutten leuchten rot und prall im Licht des Nachmittages. Bis auf das Konzert aus dem Himmel hören wir nichts. Gevatter Wind hat fürs erste mit den Paukenschlägen an Böen ausgesetzt. 7er und 5er werden aufgebaut, die Murmel…ich entscheide mich dann gegen kiten. Heute bin ich müde und erinnerungsschwer, heute ist ein Tag an dem werden Grenzen nicht ausgetestet, sondern überschritten- Heute gehe ich nicht aufs Wasser- heute bin ich vernünftig! Stattdessen sicher ich am Strand, frierend im Neo mit heissem Pfefferminztee versorgt. Die Session der beiden Mutigen ist auch schnell vorbei- dunkle Graupelschwere Wolken wälzen sich über den Horizont. Zeternd holt Oskar die beiden Unerschrockenen vom Wasser wohlwissend und zu recht. Auch wenn er erst auf Unverständnis stösst, nach Öffnen der Schleusen im Himmel sind sie dankbar. Die Sonne senkt sich langsam zum Schlaf, mit ihren letzten Straheln zaubert sie den , ich weiss nicht wievielten , Regenbogen an diesem Sonntag an den Himmel, der satte Vollmond steigt auf. Es ist kalt geworden und spät und wir begeben uns auf die lange Fahrt in die grosse Stadt zurück. Schweigam, melancholisch hängt jeder seinen Gedanken nach und doch haben wir alle dieses satte, von Glück und Weite , Wind und Freiheit kündende Lachen um die Nasen.

Entscheidungen und ihre Folgen, das Meer und Oskar Weisheiten…

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„Und nur, weil ich so anders bin, als die drei  oder elf  anderen wichtigen  Menschen in Deinem Leben , rechtfertigt es noch immer und immer wieder  nicht, Dein derzeitiges Verhalten, vor allem das mir gegenüber, welches Du Spinner gerade an den Tag legst. Es ist besser Du gehst jetzt!“

Rrrrrrrrummms- die Tür, meine Wohnungstür, knallt ins Schloss. Oskar und ich auf der einen Seite.

Ein bedröppeltes Wesen auf der Anderen. Ich höre die Schritte im Treppenflur. Sie entfernen sich. Hmmm! Erschöpft lehne ich meine Stirn an die kühle Wand, Oskar in seiner Ecke tut so als ob er nichts sieht und nichts hört. Maniküre der Flügelspitzen einer Möwe. Hmmm- seufze ich erneut. Oskar verzieht keine Miene, unterbricht seine Arbeit nicht. „Hmmm- Oskar! Und nu?“

„Schätzelein, ich denke kiten gehen und ans Meer fahren.” Ohne mit seiner Maniküre aufzuhören kommt die Antwort “Passend zur schlechten Gesamtsituation brauen sich auf der Nordsee gerade ein paar Windstärken jenseits der 5 zusammen. Ach und bevor Du,  mein Herz, mir ins Wort fällst- Ja! Sie tun es auch auf der Ostsee. Schatje;  der Windmann hat ein Einsehen mit Deinem  kleinen angebrochenen Herzchen .Lass uns das tun, was wir immer tun, wenn wir unfreiwilligerweise mal wieder dazu verdonnert wurden unsere Pfade alleine zu zweit entlangzuwandeln. Eine gute Session, ein besserer Rotwein in der sich hinter den Horizont zur Ruhe begebenden Sonne, ein excellentes Risotto von den vorhin auf dem Markt gekauften frischen Steinpilzen und Du wirst sehen, wir werden drüber lachen “

„Punkt 1 mein Freund- dieses Schat (Gott ich kann das einfach noch immer nicht aussprechen) je Gedöns ist gestorben, seit genau…“ ich werfe einen belustigten Blick auf meine Uhr „seit genau 7,5 Minuten. Diese komische Sprache kommt mir wenigstens die nächsten drei Monate  nicht über die Türschwelle. Punkt 2, mein herzallerliebster treuester Freund- lass uns Paul anrufen, der tröstet noch immer am Besten. Punkt 3 , klar wir sollten kiten gehen- morgen abend, vorher haben wir allerdings  eine Verabredung in der Hafencity. Schon vergessen? SUP Worldcup und nicht genug das die Schulter einen Hauch zu schwach ist, der Magen noch so einen Wimpernschlag rumpelt, jetzt tut die linke Brust auch noch weh. Super Vorraussetzungen um an einem Worldcup maximalen Spass zu haben. Oskar wir können noch nicht kiten gehen. Punkt 4- wir kommen zu spät, wenn wir uns nicht beeilen. Also los- unterwegs haben wir genug Zeit um Trübsal zu blasen und uns unserer/meiner Melancholie hinzugeben.”

Dieser Satz ‚wir können noch nicht’ bewirkt bei meinem Freund in der Tat eine Reaktion, zumindestens meine ich seine rechte Augenbraue in die Höhe ziehen zu sehen.

„Ui…die beste Medizin darf heute nicht angewandt werden. Schatj….Schätzchen das ist blöde, die einzig wahre Medizin kommt erst morgen zum Einsatz? Tja- dann stell doch schon mal den 43er kalt und  Rum und so. Ich glaube ohne geht’s nicht. Weil Punkt 1- Stand Up Paddeln ist weniger Gedankenspinnen und nicht Loslassen können resistent wie kiten. Punkt 2 Paul anrufen geht nicht- weil Schat….jzchen der schon in Shanghai sitzt und da ist es jetzt mitten in der Nacht. Ich meine ruf Paul an- ich denke nur Inga wird das weniger toll finden, wie Paul und sich nicht so wie Paul darüber freuen, das sie mitten in der Nacht Deine Stimme hört.

Stell den Rum kalt- empfehlung meinerseits.Spätestens heute abend nämlich meine liebe kleine Kitermaus, wirst Du sehen das diese so wunderbar weissgetünchte Tür, nicht so schnell ins Schloss hätte fallen sollen. Zumindest nicht, mit Dir hier und der anderen Seite im Treppenhaus.“

„Quatsch mit Sosse Oskar, Du bist ne Möwe und kein Seelenklempner. In den vergangenen 30 Jahren hat mich nur einer veralbert, da muss jetzt nicht noch ein zweiter daherkommen. Und ich habe es in den vergangenen 30 Jahren gerne konservativ gehalten, so diese zwischenmenschlichen Geschichten. Ich fange doch nicht jetzt an, mich von irgendwelchen pubertär veranlagten  Hühnern in eine Quasisoap bugsieren zu lassen. Mir ist egal wer mit wem , wann, was und wer wem, wie, etwas , wohin, warum mitteilte.  Wer mir was zu sagen hat, kann das tun. Wer mich mag kann das auch tun. Und wer meint mich stellen ‚Ich bin kein schlechter Mensch ‚ Aussagen zufrieden , ohne das mir das bewiesen wird- Oskar…wenn ich jetzt nicht gehe, dann habe ich die nächsten zehn Jahre kaputte linke Brüste!

So! Und jetzt satteln wir Fridolin, schmeissen uns die Regenjacken über und entern das Staffelrennen im Stand Up Paddel Worldcup.”

10 Minuten später schiebe ich das Fahrrad, Fridolin das Fahhrad, auf den Hof. Vom Himmel regnet es Bindfäden, es ist grauer als Novembergrau. Die Stadt rumort freitäglich gestresst vor sich hin. Wie um meine Melancholie noch zu forcieren, hat sich irgendwo über Norddeutschland ein Monstertief eingenistet und schickt Regenmengen ungeahnten Ausmasses in Richtung Erde. Völlig durchnässt komme ich an der Hafencity an. Mechanisch spule ich mein Programm ab, Einschreiben, sortieren, Presse koordinieren, hier ein Lächeln, da für einen Artikel was erzählen, wieder lächeln , paddeln, alle Wut in die Elbe ablassen, das hilft und sorgt zumindest dafür das die Viva con Agua de St. Pauli Staffel nicht als letzte Staffel ins Ziel trudelt, noch einmal lächeln, noch wieder die Presse- irgendwann ein Bier, endlich ein Bier. Es regnet noch immer und es regnet einfach noch viel schlimmer als vorhin. Boardshorts, FlipFlops und die Regenjacke – bei soviel Nass von oben ist das die beste Kleidung.  Mechanisch trete ich die Padale nach Hause. Ich habe weder Lust auf Schokoladeneinkäufe, noch Lust ‚IchMussMichBetäubenShoppen’ zu veranstalten, Kino- Gott! Nein. Ich habe einzig  Lust in Boardshorts an Regenjacke und FlipFlops monoton kräftig in die Pedale zu treten. Urplötzlich zeigt der Himmel eine scharfe Kante. Wie zum Dank das ich noch nicht angefangen habe mit meinen Tränen das Nass des Himmels anzureichern, schält sich die Sonne dahinter hervor. Als hätte es den halben Weltuntergang nicht gegeben hört der Regen auf, macht lustigen Sonnenstrahlen Platz, die meine Nase kitzeln.

So geht es das ganze Wochenende weiter, gefangen zwischen der Gewissheit ganz recht entschieden zu haben und dem Wunsch das ich hätte nicht entscheiden müssen bzw. dem Begehren diese Entscheidung vielleicht zurückzunehmen- verbringe ich das Wochenende. Erneut entscheide ich mich gegen Einsamkeit für Party und für Trubel. Oskar stelzt wutentbrannt zwischen Wohnzimmer und Küche  hin und her. Liest mir die Leviten , von wegen ‚ich solle zur Ruhe kommen, mich auf die wahren Werte besinnen, NonStop Party  hilft Dir auch nicht auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Erst als ich ihm androhe den Schnabel zuzubinden, zieht er sich maulend in die Ecke zurück. Verkriecht sich hinter seinem Sessel und schmollt. Verdammt Oskar- Du hast recht. Ich weiss, aber ich will jetzt noch nicht nachdenken und so. Dazu habe ich im Herbst Zeit- vielleicht.

Und weil ich nicht auf Oskar hörte, bin ich dann am Samstag auch nicht mit meinem Kopf zu einhundert Prozent beim Stand Up Paddeln. Pro Heat kommen drei Damen ins Finale, ich habe einen super Start, ich bin  schnell und wieder Erwarten fit, dann kommt die Boje und die Wende- ein Lachen stiehlt  sich in meinen Kopf, eines dieser klaren Lachen, eine Sekunde bin  ich abgelenkt und plumpse ins Wasser. Danach kann ich nur noch aufholen und um ein ganzes Feld von hinten aufzurollen dafür reicht dann die Kraft am Ende nicht mehr aus. Ich ärgere mich selten , Samstag hole ich das ausgiebig nachgeholt.

Ein weiteres Mal trete ich wütend in die Pedalen auf dem Heimweg. Heute nicht wegen eines fehlenden X-Chromosoms namens Hinrich, sondern…naja, eigentlich schon deswegen- weil sich doch sein klares Lachen in meinen Kopf stahl, just in dem Moment, in welchem ich hochkonzentriert zur Sache sprich in die Wende hätte gehen müssen.  

Daheim packe ich meine Sachen und schmeiss den Polo auf den Weg nach Norden- Oskar inzwischen einen Hauch weniger verschmollt im Fond des Autos.  

Mensch Oskar- jetzt rede halt wieder mit mir. Oder sing  asbach uralte Schlager; erzähle mir schlechte Witze- aber rede wieder mit mir’

„Grmmmphhh – wer kann solch Betteleien schon wiederstehen, also gut. Ich glaube Du musst Dich gar nicht beeilen um ans Meer zu kommen“

„Hähhh- warum das denn nicht“

„Weiss nicht – ein Gefühl“

Zwei Stunden später, das Meer, endlos und weit , klar und rein empfängt es mich. Die Wellen schlagen an den Strand, schwarz der Horizont, weiss die Schaumkämme. Schnell umziehen und ab auf aufs Wasser. Inzwischen habe auch ich das Gefühl das was nicht stimmt.

Auf halben Weg zum Strand, dann ein Fehltritt, ein scharfer Schmerz im grossen Zeh, Blut, ein abgerissener Nagel, noch mehr Schmerzen, bester Havana als Desinfektionsmittel und SabinChen die sich wieder in die Jeans schmeisst. Nix mit kiten an diesem Wochenende, stattdessen Zuschauer und kleiner Terrorist. Immer und immer wieder erwische ich mich dabei, mir ein schnelles, brachiales Ende des windes zu wünschen- ich kann so schlecht gönnen, wenn mir die Freiheit auf dem Wasser nicht gegönnt ist. Manchmal kann ich es schlecht. Besonders dann nicht, wenn kiten zum Ventil gerreichen muss.

So schnell, zwei Augenblicke  an einem Wochenende so unvorsichtig und folgenschwer. Der eine verhindert den Finaleinzug, der andere das Frustkiten wegen irgendwelcher komischer Männer und ihrer Hühner und dem verpassten Finaleinzug.

Ich schau Oskar mitten ins Möwengesicht und muss grinsen.

„Alter – Du hast so recht! Wir absolvieren jetzt noch die Party auf die wir geladen sind und ab morgen Abend- versprochen- sind wieder nur wir zwei uns wichtig. Und ich nehme Tempo aus meinem Leben. Ab morgen Abend für die kommenden Wochen gibt es Dich und mich, das Meer, den Wind, die Wellen und die Weite- Versprochen…Schatje.“ Grinse ihn an, dreh mich um und tauche in die letzte Party für einige Wochen ein.

Wie sollte es anders sein, sie endet im Morgengrauen. Ich bin müde und platt- auch wie so oft diesen Sommer und ich bin es überdrüssig- das allerdings das erste Mal diesen Sommer.

PS: Ähnlichkeiten sind manchmal gewollt, meistens jedoch nicht. Vieles ist an den Haaren herbeigezogen, der wesentliche Teil enthält einen Hauch Wahrheit. Es ist eine Geschichte, wie es viele auf dieser Welt gibt- eine Geschichte mit einem Funken….Wahrheit und einem Augenzwinkern

4 Länder, drei Tage, zwei perfekte Spots, ein wunderbares Wochenende

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Freitag- Evi und die Schweiz Ein Abend mit Herrn D. und Nelson

Alle paar Monate weilt meine liebe Bekannte Effi aus Locarno in ihrer Hamburger Gästewohnung. Und immer, wenn Effi  in Hamburg weilt, dann tankt sie neben ausreichend Kultur, Weltstadtflair, Meernähe auch Familie und Freunde. Und lädt sehr gerne zum Dinner ein. Ich habe Evi vor Jahren kennengelernt. Damals lebte Ihr Mann noch und sie bewohnten dieses riesige Anwesen in der Schweiz. Heute ist der Palast verkauft und eingetauscht in eine Altersresigenz am Lago Maggiore. Seit meinem ersten Besuch in Effi’s Hamburger Domizil greift sie immer wieder auf meine Dienste zurück, wenn sie zum Dinner einlädt. Effi ist toll, so herzlich und nett und Effi hat genaue Vorstellungen welches Steak zubereitet werden soll, wie lange abgehangen, welchen Wein und Champagner und welches Geschirr. Genau darum glaube ich, kehre ich immer wieder gerne in ihre vier Wände zurück, um ihr bei den Dinnern unter die Arme zu greifen. So finde ich mich an diesem Freitagnachmittag also am Alsterlauf mit Herrn D. in Gestalt des Koches wieder. Wie immer hat Evi entgegen aller meiner Ratschläge, den Tisch eingedeckt, das Silber poliert, die Platzteller verziert und die Blumendeko aufgestellt. Außer mit Ihr zu Plaudern habe ich erst einmal nicht viel zu tun. Ich schaue Herrn D. bei seinen Vorbereitungen über die Schulter. Lasse mir das Menü erklären, wie Flusskrebsschwänze gesäubert werden, wo es die besten Steinpilze zu kaufen gibt, was ein Pastinakenstampf ist. Pünktlich um 19.00 kann ich den ersten Gästen aus den Jacken helfen, die mitgebrachten Blumen in Vasen verteilen, den Damen Cremont servieren und den Herren Champagner. Dabei muss ich über Nelson klettern, der Labrador von Effis Sohn Karl, welcher sich mit Eintreffen in der Küchentür postiert hat, um eventuell ein bisschen zu naschen, vom Stubenküken, dem Steak oder der Seezunge. Nelson ist super- immer an meinem Schürzenzipfel habe ich zumindest heute abend eine treue, nicht widersprechende, anderen Frauen hinterher schauende, mich absolut rücksichtsvoll und korrekt behandelnde Begleitung. Das finde ich super- dieser Abend kann nur toll werden. Cremont nachgeschenkt, Effi die Uhrzeit angezeigt und darauf gepocht das Platz genommen wird. Herr D. und ich haben einen Deal, welcher lautet noch vor 00.00 im Bett zu liegen- naja zumindest die Wohnungstür aufgeschlossen zu haben. Amuse Gueule wird angereicht- eine Frühlingsrolle mit Stubenküken gefüllt, etwas gebratener Spargel, ein Hauch Jus vom Hauptgang. Ah’s und Oh’s aus dem Esszimmer, während wir in der Küche die Vorspeise, Flusskrebse mit Hummersauce, ein bisschen Seezunge auf gebratenem Spargel und Steinpilzen anrichten. Schnell noch ein wenig Deep Blue von Tesch nachgeschenkt, die Tellerchen ausgehoben und die Vorspeise vorgesetzt, Schön von links, auf die Schultern der Gäste achtend und Nelson der um meine Füsse streicht, dieser Hund ist unersättlich, scheint ewig Hunger zu haben. Draußen auf dem Alsterfleet spielt die sinkende Sonne mit den Nasen der trainierenden Stand Up Paddler und dem Laub der Eichen im Garten. 20.30 und wir haben die Vorspeise abgearbeitet. Herr D. hat die Portionen großzügig bemessen. Ich beschließe meinen Gästen eine Pause zu gönnen um die Mägen sich erholen zu lassen. Versorge Nelson mit Wasser- der Fisch war für einen Labrador recht gut gewürzt, probiere das Pastinakenstampf ( ein edles Kartoffelpü) , beschließe das es außerordentlich gut mundet. Spüle Teller und Silberbesteck, wechsle den Wein am Tisch aus in Spätburgunder und schon richten wir den Hauptgang an. Mächtig sind die Scheiben vom Filet Wellington auf den Tellern, ich würde jetzt beginnen zu streiken. Nicht das ich kein Steak mag, ich könnte einfach jetzt nicht einen Bissen mehr Bohnen, Vichykarotten, Kartoffeln, geschweige denn proteinreiches, zartestes Filet in meinem Bauch versenken. Nelson kann und so denkt Herr D. dann auch, das mir sein Steak so gut schmeckte, dass ich es in Windeseile verschlang. Nelson drückt mir seine Zuneigung schon den ganzen Abend über aus, nach dem Hauptgang jetzt bin ich gewiss, dass er mich beim nächsten Dinner bei Effi überschwänglich begrüßen wird. 22.30 – auch das Dessert ist serviert und selbst davon hat Nelson gekostet. Für mein Empfinden schmeckt ihm das Bitterschokoladenparfait am besten. Effis Gäste loben Herrn D.’s Kochkünste in den höchsten Tönen, Effi erzählt derweil, wie sie mich kennenlernte, ich lausche während ich den Espresso serviere und die Petit fours auf den Tisch stelle , der sanften Unterhaltung. Draußen im Garten ist es still und friedlich, der Mond schält sich hinter den Wolken hervor , um zu schauen ob da unten an der Alster alles rechtens ist. 23.00 – die Küche ist gewienert und geputzt. Herrn D.’s Kisten im Auto versenkt, Effi herzt und umarmt mich. ‚Bis zum nächsten Mal meine Liebe. Ich freue mich darauf und bis dahin passen Sie bitte auf sich auf.’ Effi ist immer ein bisschen besorgt um mein seelisches Gleichgewicht, welches sich ihr, warum auch immer, zu offenbaren scheint, wie ein Buch. So sehr ich versucht und bemüht bin, meine Stimmungen vor ihrem wachsamen Auge zu verbergen, so sehr merkt sie ganz genau, wie es hinter meinem Lachen gerade um die Seele bestellt ist. ‚Klar! Effi! Mache ich. Wir sehen uns im Oktober!’ Schon bin ich auf dem Ring 2 Richtung Wohnungstür. Um zwölf sperre ich auf, mich empfängt Stille und Einsamkeit, Ruhe. Noch ein Glas Rotwein vor dem Zubettgehen, den Wecker gestellt und erfreut darüber, das mein Auto schon fertig gepackt unter der Linde vor dem Haus steht, versuche ich das Maximum an Schlaf auf den kommenden zweieinhalb Stunden zu holen.

Samstag – die Entdeckung eines Traumspots Sandbank mit Robben

02.55 blinkt es auf dem grell erleuchteten Display des Weckers, 02.55 an einem Samstagmorgen. Jeder Vernünftige hart arbeitende Büromensch schläft an diesen Tagen aus. Ich schüttele den Kopf, ob meiner Verrücktheit. Ein leichtes Grinsen stiehlt sich in mein Gesicht. Ich bin müde, bleiern hängt der Schlaf in meinen Knochen. Kaffee wird doppelt stark angerichtet, Dusche heißer als normal eingestellt, kurz vor Schluss schnell auf eiskalt gedreht und im Handumdrehen bin ich putzmunter. 03.15 lasse ich den Motor an und biege auf die Hauptstrasse zur Autobahn, hinauf ans Meer ein. Thousand True Stories begleiten mich, ich lasse Gedanken fliegen, gestern Nacht die Schweiz, heute Daenemark, morgen die Heimat und am Montag Holland. Für Aussenstehende muss ich verrückt und durchgeknallt erscheinen. Ich persönlich freue mich gerade über all die Turbulenzen in meinem Leben. 06.00 – ich habe die Fähre pünktlich geschafft. Die Sonne geht auf, postkartengleich, entsteigt sie den Warnowwiesen und schickt sanftes , milchiges Licht über das Meer vor Markgrafenheide, golden spiegelt sie sich in den Fenstern des weißen Hotels am Meer.

Sonnenstrahlen auf der Nase. Sie bahnen sich ihren Weg über meine geschlossenen Augen mitten ins Herz. Um 09.00 bin ich vis a vis der Heimatstadt am Strand und freu mich über weiße Schaumkronen. Schnell aufgebaut und ab aufs Meer. Denke ich bei mir, pfeife eine leichte Melodie, während ich die Bar abwickle. Am Ende stelle ich mit Erschrecken fest, das zwei der Leinenverlängerungen fehlen. Oh Mist! Die hängen am 7einhalber und schlummern wahrscheinlich friedlich irgendwo auf dem Darss. Mist! Wird es wohl schwer werden die Sandbank draußen zu erreichen. Ein paar Versuche starte ich trotzdem- es reicht nicht. Leider. Der Wind nimmt ab- ich versuche 13,5 m² – irgendwie komm ich mit der Größe nicht so gut zurecht, wie ich es gewohnt bin. Egal- es ist Sommer, es ist warm und wenn ich nicht kitend zur Sandbank komme, dann eben schwimmend. Schnell habe ich die Fahrrinne durchpflückt und begebe mich auf der Sandbank auf Entdeckungstour. Ich laufe und laufe und laufe, immer geradeaus- eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, die Sandbank nimmt kein Ende. Maximal knietief, glasklar, feinster Sand, kaum Muscheln- Karibik ist nichts gegen die atemberaubende Weite, Klarheit und Stille die mich langsam einhüllt und verschlingt. Weiter immer weiter. Irgendwann komme ich am Ende an. Ich bleibe stehen, staunend ob der Mächtigkeit mit der sich die Ostsee am Rand der Sandbank bricht. Robben liegen hier faul in der Sonne, Möwen und Kormorane dazwischen. Am Horizont ein Windpark, der Strand mit den Freunden und unseren Kites ist klein wie ein Stecknadelkopf. Ich bin erschöpft, sehr erschöpft. Traue mich allerdings nicht, mich mitten zwischen den Robben im warmen Sand auszustrecken und ein bisschen auszuruhen. Ein wenig Bedenken habe ich, das sie mich misstrauisch beäugen werden und aus Furcht vor mir Mensch, in die Fluten der Ostsee abtauchen. Also trete ich den langen Rückweg an, schimpfe mich unvorsichtig, denn die Beine sind müde vom Marsch im Wasser. Langsam, Schritt für Schritt nähere ich mich der Fahrrinne.

Der Wind nimmt wieder zu, ein Kite wird hochgeschmissen. Und ich werde fröhlich umrundet- ein Spaß der Extraklasse. Am Strand wieder zurück, könnte ich es theoretisch auch noch mal mit dem 10enhalber Schirm versuchen, der Wind reicht jetzt aus. Ich könnte, wenn die schwammigen Oberschenkel nicht wären. Bei mir ist Ende des Programms heute. Ermattet lasse ich mich in den Sand fallen und schlafe den gerechten Schlaf der Meermädchen. In mein Unterbewusstsein und die Träume dringen die Gespräche der Freunde, die sich mit Kitetheorie, Schirm Auf- und abbauen, Leinenknüpfen, Sprüngen und der Schönheit dieses Tages beschäftigen. Ich tauche wieder auf, als Worte an mein Ohr dringen ’Was spielen wir jetzt? SabinChen bist Du wach? Komm wir spielen!’ An meinen Füssen wird gezerrt, meine Nase mit Gras gekitzelt. Die Siesta ist beendet. Am Horizont taucht die Fähre auf, schneidet majestätisch die Wasser, schickt saubere Wellen an den Strand. Wir packen unseren Kram, schicken einen letzten Blick in Richtung Sandbank und Robben und beschließen ‚Dieser Tag war genau richtig!’ Ab auf die Fähre, heimwärts und dann auf den Darss zum Rest der Meute den Sonnenuntergang inhalieren, Zelte aufbauen, Grillen, Rum die Kehlen hinunterlaufen lassen und Kitergarn spinnen. Irgendwann in dieser Nacht falle ich auf den Gästeplatz im Zelt und schlafe tief, traumlos und so fest, wie es die kaputte Luftmatratze zulässt.

Sonntag – endlich mal wieder den Darss gerockt Suedwestwind und der Bodden sind zwei nicht zusammenpassende Komponenten

Du schau mal, die Sonne geht auf!’ Gott! Es ist erst 06.00 am Morgen. Ich schicke einen kurzen Blick aus dem Zelt in Richtung orangeroter Feuerball, rolle von der unbequemen Luftmatratze und gebe mich auf dem nackten Zeltboden noch einen Moment meinen Träumen hin. Um 08.00 ist Aufstehen angesagt, die Wetterdienste prophezeiten gestern abend satten Südwestwind. Wir vertrauen darauf und sind noch optimistisch, Nutellabrötchen verschwinden in unseren Bäuchen, wir jammern dass es keinen heißen Kaffee gibt. Niemand allerdings mag die Szene verlassen um im Nachbarort das schwarze, belebende Gesöff zu besorgen. Es könnte der Beginn des Windoratoriums verpasst werden. Es räuspert sich jemand im Orchester, dabei bleibt es auch. Optimistisch werden Kites aufgebaut, ein paar schwache versuche. 10.00 wir postieren uns in Stühlen am Strand, beratschlagen, messen Wind, sehnen uns Wind herbei. Eine halbe Stunde später wird ein Entschluss gefasst und zwar der Entschluss das drüben auf der Meerseite bestimmt was geht. Also bauen wir ab, packen zusammen, springen im Neo ins Auto und versuchen unser Glück. 12.00 – wir liegen in Neuhaus am Strand und warten auf Wind. Immerhin hat es die Sonne wieder geschafft den Himmel blank zu putzen und wärmt mit ihren Auguststrahlen unsere Herzen und Nasen. 13.30 – weiße Schaumkronen in hundertfacher Anzahl am Horizont, setzen sie ihren Weg in unsere Richtung immer weiter fort. Die präparierten Schirme werden gestartet und wir vergnügen uns ein Stündchen in den Wellen vor Neuhaus. So plötzlich wie er kam, ist der Wind auch schon wieder weg. Ich warte bis um drei, dann gebe ich auf. Wohlwissend das mich auf dem Heimweg wahrscheinlich biegende Bäume und knatternde Fahnen daran erinnern werden, das Warten noch immer belohnt wird. Leider fehlt mir die Zeit. Bevor ich mich auf den Rückweg nach Hamburg mache, möchte ich den Eltern einen Besuch abstatten. Auf halber Strecke nach Rostock fangen die Bäume an sich im Rhythmus des Südwest zu biegen, die Fahnen stehen stolz im Wind. Ich ignoriere diesen Umstand tapfer, geniesse den frischen Dorsch im Garten meiner Eltern und eh ich mich versehe steh ich auch schon im sonntäglichen Rückreisestau der A1. Spät komme ich daheim an, das Auto entrümpeln, die Tasche umpacken, schnell eine Ladung Klamotten durch die waschmaschine jagen. Die Zugtickets für morgen früh ausdrucken, einen Gute Nacht Rotwein, ein paar Fotos bearbeitet, schlafe ich über meinem Buch ein. Erschöpft, ermattet , platt und voll mit Eindrücken, weiß ich noch nicht, wie ich den Montag überstehen soll.

Montag – Traumspot Nummer zwei Von Hamburg nach Den Haag und zurück

„Sehr geehrte Reisende, in wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Enschede. Ihre nächsten Anschlussverbindungen sind…“ Monoton dringt die Stimme des Zugbegleiters in mein Ohr. Ich tauche aus meinem Traum auf. Wie so oft ritt ich perfekte Wellen ab, hoch und wieder herunter, den Kite im Auge, das Waveboard fest mit den Füssen verschmolzen, die Klarheit des Meeres inhalierend, lachend. Ein Blick aus dem Zugfenster holt mich in die Realität zurück, graue Wolkenschleier ziehen am Himmel entlang, Regen klatscht gegen die Fenster, novembergrau mitten im August. Vorgestern Dänemark, gestern der Darß und heute Holland. ‚Schmidt! Du bist komplett durchgeknallt!’ schimpfe ich mich. Schüttele die Müdigkeit aus den Gliedern, fülle dampfenden Kaffee aus der Thermoskanne nach, hebe das von meinem Schoss gerutschte Buch auf und klappe es zu. Ich habe einen Termin für ein Magazin in Scheveningen angenommen, geheim und verschwiegen, aufregend und spannend werden die kommenden Stunden. Gedankenverloren wechsle ich die Züge. Auf dem Nachbargleis steht ein ICE nach Amsterdam- den würde ich zu gerne entern und einen Umweg für einen Kaffee und einen kleinen Plausch über Lebensphilosophien, Lachen, Träume und das Meer in der Hauptstadt in Kauf nehmen. Geht nicht, der Termin drückt, vielleicht ist es ja auch viel zu unpassend, einen Hauch zu abenteuerlich und so besteige ich die niedrigere Zugklasse weiter in Richtung Nordwesten. Den Haag – ich war noch nie in Den Haag und als ob die Stadt wollte, dass ich nicht zum Wiederholungstäter werde begrüßt sie mich mit Nebelsuppe an Sprühregen. Meine Laune sinkt, der Hang zur Melancholie nimmt zu. Bevor ich in Tränen ausbreche, das ich einsam und verloren am Bahnsteig stehe, das Leben so trüb und verregnet am Montag dahergeschlendert kommt, wechsle ich die Musik im Ipod auf knallharten Rock- das hat noch immer geholfen. Ein Coffeeshop wird beschlagnahmt, das WLan mit dem Anschluss an mein soziales Umfeld ausreichend genutzt und eine Stunde später schon ist mein Leiden vergessen. Endstation Scheveningen Strand. Es regnet noch immer, der Wind hat zugenommen, Kiteschirmchen und Board sind für mich schon präpariert. Grandios so hofiert zu werden. Ich bin wichtig, denke ich bei mir. Unverhofft einfach mal wichtig. Eigentlich kann ich mit so was nicht umgehen, meine Melancholie beschliesst heute allerdings eine Ausnahme zu machen und ich lasse mit mir machen. Ein weiter, endlos langer Sandstrand erwartet mich, Wellen rollen hier herein, lang, sauber brechend, mächtig rollen sie an den Strand. Der Neopren wird aus der Tasche gepult und auf den Körper geschmissen, ein Trapez ausgesucht- auf geht die Reise. Scheveningen- warum eigentlich bin ich noch nie auf die Idee gekommen, statt der 5 Stunden nach Hvide Sande in Dänemark , die nur eine Stunde längere Fahrt nach Holland anzutreten? Ein Kleinod, eine Traumkulisse, weites endloses Meer, ein Leuchtturm, eine Mole, ein Strand so breit und sauber und feinsandig, ein perfekter Spot bereiten mir eine der erlesenen, unvergesslichen Stunden meiner Kitekarriere. Die Welle hier lässt sich gut lesen, abreiten ist total easy. Klar musst Du aufpassen und dich dem Rhythmus anpassen, ein wenig verschmelzen mit den Sets. Trotzdem ist es nicht schwer. Ich schnappe mir eines dieser Monster nach dem nächsten, das Himmelsorchester setzt zum Finale an, die Windstärke schrammt die 7er Marke, mein Schirm wird bald zu groß. Noch einen Schlag raus und auf einer Welle trudele ich wieder an den Strand. Traumspot Nummer 2 innerhalb von 48 Stunden. Europa- Du bist ein Paradies für Surfer jeglicher Coleurs. Lachend begebe ich mich in das konspirative Geheimtreffen- bin ehrlich gespannt was mich erwartet. Verlasse die Location wenig später, lehne die Einladung zum BBQ dankend ab und verbringe die Zeit bis der Zug wieder in Richtung Hamburg startet am Strand, dem Schauspiel der Nordsee staunend zuschauend, mich darauf freuend das ich bald wieder hierher kommen werde, mit Freunden ein langes Wochenende im Wellenparadies Scheveningen. Die Sonne hat am Ende heute den Kampf gewonnen, weiße Schaumkronen am Horizont, das Blau des August über mir, der Strand karibisch leuchtend, endlose Weite und ein wenig abseits Stille, Einsamkeit, Freiheit. Möwen kreischen, irgendwo in der Ferne Kinderlachen. 17.00 – der Zug rollt aus dem Bahnhof Den Haag Central, mir gegenüber hat es sich eine Oma auf dem Weg zu den Enkelkindern gemütlich gemacht. In ihrem, für mich so seicht und warm im Ohr klingenden niederländischen Akzent, erzählt sie von den Mädchen und dem Jungen, allesamt natürlich die hübschesten und aufgewecktesten Enkelkinder der Welt…. Später dann, Enschede ein zweites Mal an diesem Montag. Ich verstehe nicht was die Stimme aus dem Lautsprecher mir erzählt, sie erwähnt Amsterdam…Amsterdam! Ich könnte einen Umweg…. Denke es, verwerfe es und steige in den Zug nach Münster. Die Sonne senkt sich langsam hinter den Horizont. Noch ein paar Stunden dann liege ich endlich wieder in meinem Bett in Hamburg, kann meinen Träumen frönen und mich auf den Rest der Woche freuen.

Fehmarnsche Idyllen, Grenzgänge der besonderen Art oder wie Oskar und Silje meine Entscheidungen zerpflücken

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‚There’s no tender way to say it’s the end’ Silje Nergaard haucht zum xten Male ihren Song, meinen Lieblingssong für wolkenverhangene Novembersonntage auf dem Sofa, in den Augustabend. Schwerer  Sommerregen rauscht durch die  Blätter der alten Linden hinter dem Haus. Grell durchzucken Blitze den schwarzen Himmel. Feuchte, regengetränkte, weiche, samtene, mich sanft umhüllende  Luft, der abendliche Grossstadtverkehr klingt weit entfernt, gedämpft durch das Konzert der Natur. Kein Vogel singt, keine Amsel lockt, kein Spatz verkündet Neuigkeiten vom Dach, keine Schritte auf dem Kies vor dem Haus, kein Klingeln vom Telefon, kein facebookChat klopft an.  Stille – unendliche Stille. Ich weiß nicht seit wie vielen Stunden ich hier auf dem Balkon sitze, die Zeit ist stehen geblieben, Gedanken haben aufgehört sich im Kreis zu drehen, wohlige Erschöpfung macht sich breit, gemischt mit einem Teelöffel Melancholie an einer Prise Lethargie, Enthusiasmus und Entschlossenheit konnte ich vorhin nicht finden. Mein heiß geliebtes Steinpilzrisotto musste ohne sie schmecken.  Lediglich ein guter Schluck Rotwein – kräftiger barriquegereifter Merlot- Spitzenjahrgang 2005, fand sich im Weinregal.

“I don’t want to see you cry” Silje –  Du hast so recht. Ich mich auch nicht. Beginnende Saxonphone, weiche Percussion und wie recht Du hast Silje! ‚Let me be the loser and you win!’

Eine Entscheidung musste her- eine pro oder contra, für oder wieder, Vor- und Nachtteile auflistende, Grübeleien beendende Entscheidung. Eine ganze Nacht habe ich Listen geschrieben, alle Möglichkeiten gesucht auszuloten, abgeschätzt, berechnet, bemüht Worte zu finden, Erklärungen, habe Fragen gestellt, den kläglichen Versuch des sich im Netz ‚schlaulesens’ schnell aufgegeben, am Ende dem Bauchgefühl vertraut. Ein paar Zeilen flüchtig dahingeworfen – ‚Theres no tender way’ – das Couvert sorgfältig verschlossen und die Zeilen der Welt anvertraut unwiederbringlich, unumkehrbar- endgültig.

Oskar, mein lieber Freund Oskar,  nippt an seinem Rum, spreizt die Flügelspitzen, gähnt, schmatzt genüsslich, greift nach seiner Zigarrenkiste.

Noch immer peitschen Blitze über den Himmel, erleuchten für einen kurzen Moment den Garten, gespenstisch, stumm strecken die Linden ihre Zweige in die Nacht.

Das Rotweinglas in den Händen drehend, den Blick im samtenen Rot versunken, die leichten Wellen, die der gute Tropfen an den Glasrand schlägt verfolgend, so als ob ich die Antwort am Grund des Glases finden könnte.

Zigarrenduft schleicht sich in meine Nase, Oskar hat sein Dessert entzündet, gleich wird er sich im Sessel zurücklehnen, die Möwenbeine übereinanderschlagen, das Whiskeyglas an den Schnabel führen einen genießerischen Schluck nehmen, einmal zum Vergnügen schnalzen und das Ganze mit einem tiefen Zug aus der Zigarre veredeln.

„Oskar?!“ frage ich in das Donnergrollen über der Stadt.

„Hmmm“ lautet die Antwort

„Oskar! Was denkst Du, war meine Entscheidung richtig? Ist meine Entscheidung richtig?“

„Welche Entscheidung meinst Du?“

„Na meine. Die, die mich eine Nacht kostbaren Schlaf gekostet hat“

„ Diese undurchsichtige Erklärung? Diese PseudoAussage, welche verpackt in Worte, die jede Art von Interpretation zulassen, Dir alle Hintertürchen offen hält? Kind – ich glaube Du brauchst dringend Luft. Nee Luft nicht, einen Sturm und ein bisschen eine Herausforderung. ‚Entscheidung – Ich habe eine Entscheidung getroffen’ flötet Oskar ins verblassende Donnergrollen, meinen Wortlaut nachäffend.

„Großartige Entscheidung die Du getroffen hast. Nicht den Hauch davon hast Du. Ich sag Dir was, meine Liebe! Bevor Du hier anfängst Trübsal zu blasen und zu jammern, packst Du bitte das Auto, stellst den Wecker auf morgen früh um sechs und gehst schlafen. Von mir aus trink gerne Deinen Wein noch aus, verfluche mich und meine Altklugheit eine weitere Stunde- aber lasse Dir von mir gesagt sein. Das Einzige was Du entschieden hast, ist- das Dir jemand die Entscheidung abnehmen soll. Weil Dir der Mut fehlt mutig genug zu sein. Du hast eine scheinheilige Entscheidung getroffen, eine die Dir alle Hintertüren offenhält, das entspricht nicht Deinem Naturell, das solltest Du revidieren und die Erkenntnis das ich recht habe wird Dir der Nordoststurm morgen schon beibiegen.“

Wie um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, bäumt sich das Gewitter mit einem lauten Krachen erneut auf. Ich zucke zusammen, nehme einen weiteren Schluck vom Merlot. Schwer und voll verteilt sich der satte Geschmack auf meiner Zunge, rinnt der Tropfen die Kehle hinunter, wärmt meinen Bauch. Ein leises Ziehen. Meinen Blick wieder im Brombeere des Glases versunken, lasse ich die Gedanken ein paar Tage zurücklaufen, Lachen, Unbeschwertheit, ein kurzer Moment, graue Wolken, Stirnrunzeln, Unverständnis und das Gefühl nicht zu wollen. Ein Ja aus meinem Mund, welches kein ehrliches wahr, ein getarntes ‚Ja’. Vielleicht hat Oskar recht, möglicherweise ist es manchmal nicht gut, keinen Mut zu haben, zu resignieren, sich zu verstecken. Eventuell wäre Nachdrücklichkeit, das Pochen auf Erklärungen, Entschlossenheit, mee(h)r Mut, Risikobereitschaft jetzt die schmerzhafte, gewinnbringende Variante neue Wege zu beschreiten.

‚Theres no tender way’- wie zur Bestätigung setzt Silje erneut an. Das Saxophon gesellt sivh dazu, wie ich die Wehmütigkeit manchmal hasse, so sehr wie ich das Seufzen des Instrumentes liebe.

Während ich anfange den Kopf zu schütteln, sich ein Lachen auf meine Nase stiehlt, hebe ich den Blick, der Rotwein schwankt sanft im Glas genau auf Augenhöhe. Durch das samtene Violett des Weines kann ich direkt in Oskars fragenden Blick sehen.

„Also gut, mein Freund. Lassen wir den Nordoststurm morgen meine Gedanken ordnen.“

 Sonnenstrahlen kitzeln meine Nase. Lachend entere ich den sich brechenden Kamm einer wunderbar türkis schimmernden Welle, den Kite im rechten Moment zurückgelenkt, um ja nicht zu schnell zu werden, ein bisschen mit der Boardkante abgebremst, sause ich dem Weißwasser hinterher. An meinem großen Zeh leckt das salzige Wasser des Ozeans. Gott! Das kitzelt….

Und wie das kitzelt. Nicht das Ozeanwasser leckt an meinen Füssen, eine aufgeregte Möwe wandert am Bettende hin und her. „Schätzelein, jetzt mach endlich. Es ist Wochenende, die Sonne lacht und die Insel mit der Brücke erwartet Deinen Besuch“

„Gott! Du alte Nervensäge. Wenn Du mich nur ein Mal diesen Wellentraum zu Ende träumen lassen würdest, aber nein- wir müssen ja aufstehen.“

Oskar lacht mich aus, hält mir eine dampfende Tasse Kaffee unter die Nase „ Hier Schätzelein, damit Du einen Gang weniger meckerst und den Weg unter die Dusche findest“ Ein freudiger Blick auf die Windcharts für den Tag lassen meine Laune steigen. Ich pfeife auf den angekündigten Regen, Oskar hat Recht, der Nordost wird satt und kräftig an den Brink rollen und ich in ihm. Fünf Minuten auf der Autobahn und die Ernüchterung. Es ist Bettenwechsel auf der Insel und wir stecken im Stau. Während meine Finger nervös auf das Lenkrad trommeln, summt Oskar irgendwelche Schlager vor sich hin. Möwe scheint entspannt- das Windproblem, also das Problem das der Wind sich verabschiedet, scheint nicht akut zu sein“

Fenster runterkurbeln, Sommersanfte Luft hereinlassen, Charaktere im Nachbargefährt analysieren, mit Oskar Wortspielchen veranstalten- so ein Stau ins Wochenende hat durchaus positive Seiten. Selten lache ich so viel über griesgrämige, sich streitende Hausfrauen auf dem Weg zum Picknick, die ihre auf dem Hintersitz des Opel Kombis herumturnenden  Kinder versuchen unter Kontrolle zu bringen und nebenbei dem Ehemann Rede und Antwort stehen, warum der Kreditrahmen auch in diesem Monat voll ausgeschöpft worden ist.

Irgendwann am Mittag haben wir die Brücke überquert, fädeln uns in die Autoschlange gen Norden ein, der Himmel ist novembergrau, ich habe mal wieder Silje Nergaard aufgelegt – ein Winterblues mitten im August. Ritsch,ritsch bewegen sich die Scheibenwischer im Takt der Percussion und des Pianos. Wir biegen auf den Parkplatz ein, der Regen wird stärker, der Wind scheint verdutzt darüber und säuselt noch ein bisschen verhalten über den Deich. Ich sage nichts zu Oskars Fehlprognose. Selbiger schaut betreten zu Boden, scharrt ein wenig mit den Möwenfüssen im Sand und gluckst ein „Ich bin dann mal weg und schau ob ich was Essbares finde“ in den Regen. Meine Möwe schwingt sich in den von fliegenden Wolkenfetzen überzogenen Himmel und ich stehe da, auf dem Parkplatz, der Regen rinnt über die Stirn, die Nase hinunter, tropft fröhlich auf den Kragen meiner Jacke. Nun gut, denke ich bei mir.

Versuch macht klug, ich schmeiße 10,5m² über die Schulter, sattle beide Boards und begebe mich zu den am Strand wartenden Freunden. Schagabtausch unten am Beach. Ob der Vorhersagen werden kleine Kitegrössen aufgebaut, ein kurzer versuch- reicht nicht ganz. Die grösseren Brüder kommen an den Start. Geschichten der gestrigen Nacht umgarnen mich, der Rum floss reichlich, das Parkett der zum Club auserkorenen Autowiese wurde gerockt, spät endete die Nacht, quas mit dem am Morgen einsetzenden Regen. Statt schwere Gedanken zu wälzen hätte ich mich der Partymeute anschließen sollen. Ich lache ob der Geschichten über Tänze auf dem Autodach, mitternächtliche Grillbuffets und verlorene Hundedecken. Mein Kite knattert fordernd im Wind. Ich geh raus aufs  Wasser und fasse einen Plan. Es ist so voll hier am Brink, ich werde dem Rat eines Freundes folgen und mich vor der Mole abfallen lassen, ein bisschen downwind. Statt dann einsam  nah am Strand zu spielen, werde ich aufkreuzen, um hinter der Mole weit draussen auf der Ostsee Wind und Klarheit in meinen Kopf fliessen zu lassen. Ein mutiger Plan. Lange Schläge , ich laufe gut Höhe, ein Stocken im Oratorium vom Himmelsorchester und ich verliere, dann wieder satte Tonfolgen, lupßenrein, Höhe gewonnen, ein neuerliches windloch, dagegen ankämpfen- keine zeit für Geschichten spinnen und Klarheit erfahren, Konzentration, absolute Konzentration. Nach und nach schmeiße ich meinen Ballast in das weite flaschengrüne Meer. Stunden dauert es. Irgendwann ist es geschafft. Noch ein Schlag, zur Sicherheit, damit ich am Ende nicht doch in den mächtigen Steinen der Mole mir einen Knochen breche, sehe ich den Strand in weiter Ferne. An seinem Ufer tummeln sich unzählige Kiteschirme und ich? Ich bin alleine- kann meine Geschichten spinnen, mit Oskar um die Wette cruisen, meine geliebte Spielwiese draußen an der Sandbank, wo die wellen sich chaotisch zwar, aber irgendwo grandios brechen entern. Traum- unbeschreiblich schön und das trotzdem die Sonne fehlt. Inzwischen regnet es so stark, da sich nicht mehr weiss woher das Wasser in meinem Gesicht kommt. Von oben? Von der gerade geschnittenen Welle? Die Oberschenkel brennen, der Wind hat zugenommen, eigentlich bin ich fast überpowert, es ist egal, denn diese Weite bringt Klarheit in meinen Geist. Ich weiß nicht wie viele Halsen into swich ich fahre, wie oft ich zum Sprung ansetze, irgendwann verlässt mich die Kraft- endgültig. Ich pfeife nach Oskar, der ist zur Stelle. „Ok, mein Freund. Du hast Recht. Entscheidungen die Hintertüren offenlassen sind nonsens. Ich werde morgen Mittag nach Hause fahren und versuchen eine vernünftige Lösung zu finden. Du hast Recht, mein Freund. Pauschal ‚Ja’ sagen, ohne zu kämpfen ist absolut schwach!“

Oskar grinst. Antworten kann er nicht, ein fetter hering glänzt silbrig in seinem Schnabel. Müde, glücklich, entspannt, vollkommen entkräftet komme ich vom Wasser. Baue ab- sage schnell tschüss und fahre auf kürzestem Weg in die von den Mädels organisierte Ferienwohnung. Mitten im Nirgendwo auf dieser Insel, präsentiert sich uns ländliche Idylle. Fette Gänse watscheln um den teich, Ponys stehen im Gatter, ein riesiges Gehöft, alte Geschichten erzählende Bäume, keine Spur vom Meer, eine unglaubliche alles verzaubernde Stille. Fehmarn hat durchaus reizvolle Seiten, stelle ich fest, als ich auf die lange Auffahrt einbiege. Einen Moment verschnaufen, Bilder wirken lassen, eine heisse Dusche, eine Seelenverwandte später wird der erste Rum dieses Abends die kehlen hinuntergeschickt. Gott! Tut das gut. Bevor keiner mehr hinter das Steuer des Autos darf, verlassen wir die Einsamkeit und gesellen uns zu den anderen Verrückten, entzünden den Grill, speisen fürstlich zu Abend. Ich bin müde , tot müde. Die trüben Gedanken, die Stunden auf dem Meer, die Kraft die Aufkreuzen kostet, der Regen, meine erinnerungen fordern Tribut. Ein Blick, wenige Worte und zwei Mädchen entscheiden langweilig zu sein in dieser Partyschweren Samstagnacht. Zurück in die Stille, mittig der Insel, fahren wir, schweigsam, jeder seinen Gedanken nachhängend, bauen wir uns kurz darauf ein Sofa, mixen den Rum an, schalten einen Film ein und geben uns unserer ‚Langeweile’ hin. Grandios, nach Wochen ständiger Party ein Abend mit einem seichten Thriller, einem guten Cuba Libre und intensiven Gesprächen- unbezahlbar. Oskar schnarcht in der Ecke, den Kopf unter seinem  Flügel versteckt, Träumen vom Meer, Lachen und der Weite hinterherjagend. Wir schlafen auch ein – irgendwann, völlig ermattet von diesem Tag da draußen auf dem Meer.

„Magst a Kaffee?“ Lissis Worte reißen mich aus einem ausnahmsweise traumlosen, erholsamen Schlaf. Ich recke mich, schaue verschlafen in den Sonntag. „Ja!“ Mensch Lissi- Du bist echt perfekt. Kaffee am Bett. Luxus  pur! Langsam werden wir wach. Langsam meldet sich der Hunger. Entspannt beginnt die Suche nach einem schönen Frühstückslokal. Fehmarn entfaltet einen nicht gekannten Zauber. Wir fahren nach Orth an den Hafen. Unter alten Bäumen sitzen wir, essen frische Lachsbrötchen, genießen frischen Obstsalat, Müsli, Latte Macchiato. Geschichten wechseln die Besitzer, Erinnerungen werden ausgegraben, Zukunftsmusik gesponnen. Später wandern wir zu zweit an den Leuchtturm nach Püttsee, die Erinnerungen tun heute nicht mehr weh. Vielmehr zaubern sie ein Lachen um meine Nase. Möglicherweise war meine Entscheidung übereilt und dumm- ich weiß das heute nicht. Morgen, übermorgen, in Wochen, vielleicht in Monaten wird es sich zeigen. Alles wird gut. Wir stoßen am Mittag zum Rest der Meute, Zelte werden abgebaut, Episoden der vergangenen Nacht schleichen sich an mein Ohr. Spät- viel zu spät bin ich wieder auf der Autobahn im Stau in Richtung große Stadt. Mich erwartet ein Sommergewitter, ein neuerliches, ein guter Schluck Rotwein und ein sanfter Traum. Was für ein Sommer- dieser Sommer 2010! Und er birgt noch soviele Überraschungen, dessen bin ich gewiss. eine Beachparty, ein Worldcup, eine Bootstour, einmal Dänemark im Sturm, ein bisschen Kenny Rogers vielleicht- wer weiss das schon. ich freu mich auf alle diese Dinge- einfach so.

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Ein Sommernachtstraum- Das Logbuch der Loth Lorien 26.- 30.07.2010

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Tag 7:  Hamburg

Sicherlich fragt Ihr Euch “Warum beginnt sie am Ende der Reise mit dem Schreiben?” Diese Frage ist berechtigt.  Im Mai verliessen wir die Hendrika Bartelds nach 8 unvergesslichen Tagen mit dem Gedanken ‘Brennt diese Woche fest ein in Euer Gedächtnis, es wird niemals wieder so schön werden wie auf der ersten Reise. Im Volksmund heisst es das unvergleichliche Ereignisse nie wieder kommen. Ich sitze hier in Hamburg. Ein köstliches Glas Rotwein steht vor mir auf dem Tisch, Hermann van Veen säuselt mir seine Weisheiten ins Ohr und ich? Ich suche seit Stunden nach Worten um diese vor einem Tag zu Ende gegangene Reise in Worte zu fassen. Schwer fällt es mir, so atemberaubend, so unwirklich und real zugleich waren die 5 Tage auf der Ostsee. Wir badeten im vom Wind verlassenen Meer, kristallklar das Wasser,  bestaunten Schweinswale und Tümmler, schauten verträumt den Möwen hinterher, wakeboardeten neben dem Schiff, reparierten Generatoren und Beiboote, wagten uns im Mondschein auf eine Wakesession, trotzten dem Sturm und setzen die Segel bei 6 Windstärken, liessen uns von den rollenden Wellen verzaubern, tranken den Rum und chillten im Klüvernetz. Wie kann ein Schreiber all diese Erlebnisse in Worte fassen, ohne dabei langweilig und prophan zu wirken? Ich will es versuchen und beginne nun mit dem ersten Tag!

Tag 1: Hamburg- Kiel- Bagenkop

Der Wecker schreit so unermüdlich an diesem grauen Morgen in Hamburg. 07.00 ist zu früh für mich. Habe ich doch bis spät in die Nacht den Worldcup in Sankt Peter aufbereitet, drei Artikel verfasst und alles mit einem immer wieder abstürzenden Laptop. Es ist 07.00 Uhr- der Wecker spielt zum dritten Mal dieses grauenhafte Gedudel. Der Wunsch sich einfach umzudrehen und weiter zu schlafen ist übermächtig. Es geht nicht. In 2 Stunden stehen 31 abenteuerlustige Kitesurfer, ein Koch und seine Familie in Kiel am Thiessenkai und warten auf mich. So rolle ich mich mit gebremster Geschwindigkeit aus dem Bett, schleppe mich in die Dusche und lasse heisse Nadeln meinen Körper erwachen. Gott sei Dank! Es hilft. Mit wenig Verspätung hol ich Jess ab und wir machen uns auf den Weg. 5 Tage Kiten und Segeln liegen vor uns. Der Himmel ist noch immer etwas bedrückt. Wir geben die Hoffnung auf Sonne nicht auf. Irgendwo zwischen Hamburg und Kiel fällt uns auf , das wir weder Navi an Bord haben, noch einen Stadtplan, geschweige denn Routenplan mitgenommen haben. Nach einer ersten Schrecksekunde vertrauen wir darauf das der Kai ausgeschildert sein wird. Wir passieren das Ortseingangsschild von Kiel und fahren drauflos. Schnell merken wir das es so nicht geht. Kurzerhand wird die Apotherkerfrau interviewt, wo wir lagfahren müssen. Zu dumm, das diese so überhaupt gar keinen Plan hat. Prompt finden wir uns irgendwo im nirgendwo an der Kiellinie wieder. ‘Verdammt! Die Zeit rast voran und wir haben keinen Schimmer, wo die Loth am Kai auf uns wartet’. Hektische Telefonate mit bereits am Ziel angekommenen Freunden. Ungefähr Acht U-Turns in der montäglichen Rushhour später, haben wir den Liegeplatz dann auch erreicht. Die Meute erwartet uns bereits. Der Koch ebenfalls, ziemlich nervös, weil der Grossist noch nicht am Start ist. Mein Schlafmangel der vergangenen Wochen verhindert ein Aufwallen der Emotionen. Ich bleibe gelassen.  Da wir eh noch nicht an Bord können , hat alles noch ein bisschen Zeit.

Plötzlich geht dann doch alles sehr schnell. Die Kites und Boards und Taschen werden an Deck geschafft. Ich bin dankbar um die Erfahrungen vom Maitrip. Boards bleiben an Deck und werden fixiert. Der Rest findet seinen Platz in den Kajüten und im Salon. Ich weiss gar nicht ob die Loth nun wirklich viel kleiner als die Hendrika ist oder nicht. Auf jeden Fall sehr viel anders.  Das beginnt eigentlich schon mit der Kabinenverteilung. Sporadischer, nicht weniger gemütlich- so eine sechser- Kajüte inclusive Gepäck verströmt einen aussergewöhnlichen Duft an Gemütlichkeit.  Ich bin noch immer in einem Status zwischen wachwerden wollen und weiterschlafen können. Hannes stellt sich vor. ich begrüsse ihn fröhlich, drehe mich um und frage meinen Kopf ‘Hannes? Hannes? Haben wir Hannes auf der Liste?’ ‘Nö- antwortet meine linke Gehirnhälfte, haben wir nicht.’  ‘ Hmmm- na da bin ich mal gespannt, was ich verpeilt und vergessen habe’ Meine Müdigkeit verhindert aufsteigende Panik. einen Vieterlstunde später entpuppt sich Hannes in Johannes und alles läuft wieder nach Plan. Die Crew der Loth steht breit grinsend im Steuerhaus, während wir ihr Schiff mit all unserem Equipment entern. Sie bleiben gelassen. Ein gutes Zeichen. Um zwölf legen wir ab. Kurzer Schlagabtausch mit dem Skipper und wir peilen aufgrund der Windprognosen( können Flauten eigentlich als Prognosen betitelt werden?) Bagenkop an. Kurs ist Nordost, wir setzen Segel und werden auf der Hälfte der Strecke von der Flaute im wahrsten Sinne des Wortes erlegt. Segel einholen, Motoren an und weiter gehts.  32 Trainees chillen an Bord, pennen im Klüvernetz, schwatzen ein bisschen und geniessen den Sommer. Nach der Suppe am frühen Nachmittag ein Badestopp inmitten auf der Ostsee, das Beiboot wird gewassert, wir kramen die Boards raus und starten eine wakesession. Am frühen Abend erreichen wir Bagenkop. Malerisches Örtchen an der Südspitze Langelands. Ausgezeichnetes Badewasser, sanftes Licht, ein alles überragender Kirchturm erwarten uns. Wir schlendern durchs Dorf in den Abend hinein. Abendessen und nochmal kurz die Wakeboards an die Füsse. Nicht kiten und nicht segeln, chillen und plaudern, die Kurzweiligkeit sind super- aber Abendsport in den Sonnenuntergang hat ebenso seinen Reiz.

Ein fast voller  Mond steigt am Himmel empor und  schaut mit erstauntem Gesicht auf uns herab. Der Rum entert die Tische und wir geniessen den Sommer. Der Klang  leise den Bug umspielender Wellen schleicht sich in unsere Herzen. es wird Nacht. Morgen ist ein neuer Tag.

Logbuch Tag 2 Bagenkop – Faborg

Morgens um halb acht. Das Schiff schläft noch. Ich habe eine Verabredung zum Morgenbad im Meer. Noch bettwarm gebe ich mich der Ostsee hin. Klarer können Wasser nicht sein. Eine unwirkliche Stille umgibt mich, nur unterbrochen vom Geräusch unserer Arme, wenn wir das Wasser durchpflügen. Ein spätes Frühstück, begeben wir uns in Richtung Aero. Wie gerne würden wir segeln und diesen ewig tuckernden Motor ausschalten.  irgendwie finde ich mich ständig wieder in der Nähe des Skippers. Mit fragenden Augen steh ich vor ihm ‘Wo ist der Wind hin? Was können wir tun , um ihn aus Lethargie zu befreien?’ ‘ Achselzucken ist die Antwort, ein Grinsen “Hmmm- wir könnten wakeboarden. Nicht mit dem Beiboot, sondern mit dem Segelschiff.”  “Echt? Wie geht das  denn?” ” Ich laufe mit 10 Knoten, dann passt das. ” Ganz kann ich es nicht  glauben. Die Unbekümmerheit unseres Kapitäns überzeugt mich  und ich schicke den nachmittäglichen Schlachtruf in die Runde.

Die Meute ist extremst gechillt. Der Andrang am Seil, welches wir am Mast befestigt haben ist anfangs eher verhalten. Nach und nach aber stehen sie Schlange am Seil. Plötzlich entdecke ich Schaumkronen am Horizont, mehr und mehr und mee(h)r werden sie. Ich stürme ins Steuerhaus und entscheide atemlos. ”So schnell es geht nach Faborg. Damit die Piraten heute noch kiten können” Mein ‘Bitte’ schiebe ich fünf später nach!  Wir legen in Faborg an, diesem so niedlichen Städtchem am Südzipfel Fyn’s. Das Dingi wird beladen und wir setzen über zum Beach. Was auf den Seekarten weniger auszumachen war, ernüchtert die Piraten rasch. Luvstau, schnell abfallendes Wasser, der Einstieg mit Kite und Bord ist nur über einen Badesteg möglich. Die Erfahrenen Kiter versuchen es trotzdem, der Rest von der Loth will auch an den Strand. Da macht das Beiboot schlapp. Zweimal müssen wir paddeln.

Aller Stuff liegt nun am Strand von Bagenkop, das Beiboot gibt keinen Laut mehr von sich. Mehrfaches Ziehen an der Startleine, beantwortet der Motor mit launischem Grunzen. Es hilft nichts. Wir brauchen Hilfe und  begeben uns per pedes in Richtung Hafen zurück, vorbei an liebevoll gepflegten Gärten, herrschaftlichen Häusern, Menschen die nach dem Bürotag noch einen Spaziergang am Meer absolvieren. ‘Was hat der Motor nur?’ fragen wir uns.  Fehlt ihm Luft, hat er sich an den Wassern der Ostsee verschluckt, waren wir ihm gar zu schwer?’ Skipper Frank ist traurig. Den ganzen Tag hat er mit grossem Vergnügen registriert , das wir Spass am wakeboarden auf dem Meer hatten. Abends wollte er sich seine private Wakesession nach Feierabend gönnen. Stattdessen muss er dafür sorgen das seine zahlenden Gäste ein funktionierendes Dingi an Bord haben.  Ich verspreche ihm, wenn das Beiboot wieder flott ist am heutigen Tag, dann geh ich noch einmal mit ihm wakeboarden.  Nicht ahnend das mein Versprechen mit dem Erstrahlen des Vollmondes über der dänischen Südsee eingeklagt wird. Es wird eines dieser unvergesslichen Erlebnisse. Nachts um Zwölf tuckert das Dingi wieder sanft vor sich hin. Wir ziehen uns um, Markus wird zum Steuermann auserkoren, still, stolz, erhaben und ein bisschen staunend steht der Mond am Himmel, als wir zu zweit die von ihm gestreuten Lichtseen durchpflügen. Eine lange Nacht folgt, irgendwann im Morgengrauen schlafe ich ein mit dem Wissen das morgen mein siebeneinhalber am Start sein wird.

Tag 3 Faborg- Lyo

Noch ist der Wind verhalten, als ich uns den Kaffee mixe und das Porridge geniesse. Wir starten morgens in Faborg und nehmen Kurs auf das nahe gelegene Lyo. Die Vorhersagen der Wetterdienste versprechen Sturm. Wir vertrauen darauf,  segeln um Lyo herum, reservieren uns einen Platz am schmalen Steg. Einem kurzen Segeltörn folgt ein Kitenachmittag der Extraklasse. Meine Wenigkeit ist inzwischen so gechillt, das Kiten auf den Abend verschoben wird. Ich penne einfach mal ein paar Stunden und verleihe meinen Stuff für die Zeit. Das hat natürlich den extremen Vorteil das ich nichts aufbauen muss, als ich zwei Stunden vor dem Abendessen den Beach betrete. Lyo ist ein Traumspot, fernab jeglicher Autobahnanbindug finden sich hier auch in der jetzt herrschenden Hochsaison keine Kiter.  Wir entern den Beach und liefern den herbeieilenden, staunenden Sommergästen einen kurzweiligen Abend. Von Schlamm- über Flaschengrün hin zu türkis schimmert das Meer. Die Wasser werden geschnitten. Ich kreuze auf zur Loth und cruise wild winkend an Salon und Steuerhaus vorbei.  Diese unglaubliche Kulisse. Tief fliegende Wolken, aufgewühlte See und die Loth knarzend und schwankend am Kai. Irgendwann schmeisse ich mich mit lahmen Armen an den Tisch , genehmige mir eine kurze gedankliche Pause und tauche ein in den abendlichen Plausch auf der Loth Lorien. Sanfte Klänge schallen über die Ostseee, der Duft von Minze kokettiert mit dem des Rums.  Heute gehen wir alle früh schlafen, wollen wir doch am morgigen Tag , morgens noch wieder kiten gehen. Als ich die Weiten meiner Träume entere hat der Wind den Startschuss zum Sommeroratorium gegeben. In den Tauen und Seilen der Loth zerrt, singt und geigt es zugleich. Grandios so einzuschlafen, geborgen , umarmt , behütet.

Tag 4 Lyo – Kappeln

Das Konzert des Windes hat die ganze Nacht gehalten. Um sieben bin ich am Start und werde mit einer Morgenballade vom Himmelsorchster  begrüsst. Noch immer hängen die Wolken tief und wälzen sich über die meerenge zwischen Lyo und Fyn. Die Sicht ist besser und der Regen hat aufgehört.‘Gut!’ denke ich bei mir. Statt 7,5 heute der grosse Bruder. Am Horizont , irgendwo da hinten an der Spitze Lyo sehe ich einsam ein paar Kites ihre Bahnen ziehe. Die Inselumrunder sind also schon unterwegs. Bis zum Frühstück genehmige ich mir meinen Spass, wärme mich anschliessend einen kurzen, unvergesslichen Moment, verschlinge das Frühstück und finde mich später mit der Crew in der Stille vor Lyo wieder, zum Kiten lernen. Sie sind gespannt, gelehrig und so verschieden. Der eine will vor dem Fahren Springen können , der andere ist eher an Safety und Drachen beherrschen interessiert. Ein Gewitter  postiert sich am Horizont und klaut den Wind. Die Unterrichtseinheit wird abgebrochen und verschoben. Eine Stunde später brüllt Gevatter wieder aus allen Kanälen. Wir legen ab und nehmen Kurs auf Kappeln an der Schlei. Petrus schickt ein Hauch von Herbst über die See.

Sechs Windstärken schütteln uns, der Skipper lässt die Segeln setzen. Das ist so unglaublich anstrengend, wie spannend, faszinierend, atemberaubend. Während ich mich im Steuerhaus erhole,träumend den Wellenberge hinterher schaue, in meine eigenen Geschichten, erinnerungen und Gedanken eintauche, von dieser Welt wegrücke, stehen die Nachwuchspiraten an der Reling und bejubeln jede Welle. Hier fehlen mir in der Tat die Worte. Rollende , brummedne See und die Loth Lorien mittendrin. In Schräglage werden die Wasser der Ostsee durchpflückt.Wie gut das wir alles seefest vertäut, geschnürt und weggeräumt haben.  Spät am Abend erreichen wir Maasholm und die Schleimündung. Endlich kann der Koch wieder anfangen zu zaubern. Der Jacuzzi wird angeschmissen und als wir Kappeln erreichen, sprudeln aus unseren Mündern Worte wie ‘ marvelous’ ‘ Incredible’- unglaublich. Der letze Abend an Bord beginnt und wird erst früh am Morgen enden. Wir sind gestoked. Voll mit Adrenalin und Freude, erwarten wir den letzten Tag unseres Abenteuers.

Tag 5 Kappeln – Kiel

Um 07.00 ist diese kurze Nacht vorbei. Die Loth Lorien muss einem Frachter mit Kalk an Bord Platz machen. Alles läuft reibungslos, die Generatoren, der Skipper und wir. Nur der Schleusenwärter hat verpeilt, das neben dem Frachter, welcher einläuft, die Loth den Hafen gerne verlassen würde. Just in dem Moment, als wir Kurs auf die Schleuse nehmen, schliesst sie sich wieder. Die lapidaren Worte des Schleusenwärters ‘Das wusste ich nicht, das Ihr noch rausfahren wollt’ finden wir weniger witzig. Der Generator gibt zum Protest auch noch den Geist auf. Mit zweistündiger Verspätung nehmen wir Kurs auf Kiel und müssen unseren ursprünglichen Plan vor Laboe zu ankern und dort zu kiten verwerfen. Der Wind ist flott am Start. Wir setzen die Segln, entern das Klüvernetz, bestaunen das Spiel der Wellen.

Nachmittags erreichen wir alle völlig ermattet den Thiessenkai in Kiel. Schnell machen wir klar Schiff, zumindest versuchen wir das zu tun, was man tun kann, wenn das Wasser nicht mehr geht und der Generator streikt.

Fünf traumhafte Tage neigen sich dem Ende, ein jeder wird melancholisch und hängt seinen Gedanken nach. Wir verabschieden uns und während wir unsere Lobeshymnen auf den Trip anstimmen, wird eine Idee geboren.

“Nächsten Sommer wieder” ist der meistgehörte Satz zum Abschied!

Tag 7 : Hamburg

28 Stunden bin ich jetzt wieder in der Zivilisation. Es fällt mir schwer anzukommen, ich stromere durch die Stadt, unwirsche Gesichter tangieren mich nicht, unhöfliche Worte überhöre ich. Ich habe heute Morgen Reissaus ans Meer genommen und während ich vier Stunden dort oben dem Mee(hr)verlangen nachgab beschlossen. ‘ Natürlich wird es einen zweiten Sommernachtstraum geben’ Diese Tage dort draussen, bestimmt vom Wind, den Wellen, der Sonne und unserem Lachen müssen wiederholt werden. Es sind unbezahlbare, ewig sich in unsere herzen einbrennende Erinnerungen.  Keine Verantwortung und kein Organisationsstress auf dieser Welt können so gross sein, das dieses Abenteuer nicht ein weiteres Mal bestritten werden sollte.

Ich danke allen meinen lieben Mitpiraten, ohne Euch wäre auch dieser Törn niemals das geworden, was er schlussendlich war- ATEMBERAUBEND schön.

Ich danke Dominik dem Koch, der nicht ein einziges Mal gemault hat, als der Strom zum Kochen wieder fehlte und unter widrigen Umständen Sternemenüs zauberte. Ich danke Frederik für seine Unbekümmerheit, Ben und Hendrik- ihr habt uns gezeigt das die Jugend einfach Klasse ist! Alicia für ihr Lachen. Ich danke Maaike und Laura, dem Skipper Frank- Ihr wart sooo unglaublich und habt uns einfach ertragen. Ich danke meinen Freunden Maren, Mirko, Henning, Jess, Iven. Ich danke Marcel und Holger, Patrick und Maik für die Whirlpoolaction und das Safetytrainig. Ich danke all denen die ich vorher gar nicht kannte und die mich mit echten Charakteren überraschten.

Abschliessend möchte ich mit den Worten des Skippers ‘ Ich habe noch immer eine Gänsehaut, wenn ich an Euch und diesen Trip denke’ verabschieden.  Eigentlich hätte es für das Logbuch nicht mehr Worte bedurft.

Wir sehen uns 2011 , wenn es heisst Kite the Baltic- ein Sommernachtstraum mit der Loth Lorien.

Pics: Danke Mirko Bennetz

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