Kite the Baltic Chicas unter sich

1 Kommentar

Was tun an einem Wochenende im Herbst. Am Freitag abend schon dehnt sich der leere Samstag vor Dir aus. An den Sonntag mag ich gar nicht denken. Kino klar- ins Kino könnte ich gehen, einen Museumsbesuch, die neue Ausstellung in der Kunsthalle, ich könnte mich unter die zig tausenden Shoppingfans in den Einkaufstempeln der Stadt mischen und hier ein neues Kleid, dort schicke Schuhe erwerben, vielleicht ein neues MakeUp? Ach Gott- nein. Ich will ans Meer hinaus in die Weite, Luft in die Lungen füllen, dem Sommer nachtrauern oder sein Comeback feiern.

Freitagabend in der Hamburger Innenstadt. Um den Bewohner der Millionenmetropole und seine Besucher zu ärgern hat der Senat, beziehungsweise die Verkehrsabteilung des Senates der Stadt, eine der wichtigsten Brücken in der Innenstadt gesperrt.

Ich bin zu einem Konzert verabredet, ein Soul Konzert mit einer BigBand, irgendwo in einer Werkstatt in Altona, am anderen Ende der City. Da es in Strömen giesst, so wie es sich für ein anständiges Oktoberende gehört, ziehe ich es vor Fridolin nicht noch mehr zu verdrecken, meiner Bronchitis ein bisschen Ruhe zu gönnen und fahre mit dem Auto los. Kurz vor dem Ziel ist Schluss- absoluter Stillstand, rechts und links von mir Blechkisten über Blechkisten, Stossstange an Stossstange es geht weder vorwärts noch rückwärts. Eine halbe Stunde lang versuche ich mich durch das Nadelöhr zu zwängen, gerade noch rechtzeitig erscheine ich am Treffpunkt, wild kurbelnd nach einem Parkplatz suchend. Keine Chance, ich stell mich auf den Behindertenparkplatz, mittlerweile ist mir dieser herzlose Zug total egal. Glücklicherweise muss ich nur wenige Minuten warten bis meine Begleitung erscheint. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche nach der Konzertlocation und einem Parkplatz. Ich fühle mich wie in Grönemeyer’s Song ‘Mambo’ Auch ich drehe gefühlte Ewigkeiten meine Runden auf der Suche nach einem freien Parkplatz und stosse in weniger als wenigen Sekunden an meine persönliche Grenze zum Ausrasten. Nervenaufreibend beginnt dieser Freitag. Endlich, gefühlte Ewigkeiten haben wir gesucht, ich bin dem Nervenzusammenbruch ziemlich nahe- eine freie Lücke in der Blechschlange. Die wird geentert und dann das Konzert. Ein kühles Alster rinnt meine Kehle hinab und ich gebe mich den 4 Bläsern, den zwei Vokalisten, dem Drummer , Keyboarder und den Bassisten hin. Ein tolles Konzert und solltet Ihr irgendwann einmal ein Plakat sehen auf dem die CosmicSoulDivers angekündigt werden, nehmt Euch die Musse und zieht Euch die Band rein.

Das Konzert geht lange, viel zu lange . Mitternacht ist verstrichen und die Musik spielt immer noch- ich bin müde und bettschwer, ziehe meine Begleitung in Richtung Ausgang und frage mit grossen Augen “Meinst Du es ist unhöflich, wenn wir jetzt gehen?”

“Nein, dass denke ich nicht” – lautet die Antwort, “Die Band spielt seit drei Stunden, wir beide sind keine zwanzig mehr, haben eine anstrengende Woche hinter uns, Du sogar eine Erkältung; ich denke es ist absolut legitim , wenn wir jetzt gehen. Da wird niemand böse sein.”

Die Strassen der Stadt liegen schwarz und schwer in der Nacht, das Licht der Strassenlaternen, lange Schatten, nass vom Regen der Beton.

Schnell nach Hause, ins Land der Träume, ein kurzer Windcheck zum Abschied an die Woche. Grün und gelb blinkt es vor meinem Auge, eine südliche Windrichtung, welche dafür Sorge tragen wird das gelb nicht mehr gelb bleibt, sondern real als grün daherspaziert, aber 4 bis 5 Bft. sind allemal ausreichend, um eine überstandene Bronchitis endgültig zu verabschieden.

Sonnenstrahlen kitzeln frech meine Nase, als ich erwache. Ausschlafen, Semiausschlafen steht auf dem Programm. Zur Abwechslung starten wir nicht morgens um 07.00 mit der Fahrt ans Meer, sondern aufgrund der guten Vorhersagen erst gegen zehn.  Der Himmel ist weit und klar und durch den herbstlich tiefen Stand der Sonne, zaubert Petrus ein warmes, weiches Farbfeuerwerk in die Bäume. Von rot über orange nach gelb,  blasses, sterbendes Grün ist auch dabei. Vom gestrigen Novembergrau und dem Regen ist nichts zu spüren und zu sehen. Der hat sich ganz weit weg verkrochen. Wir fahren nach Poel an die Ostsee. Ursprünglich war ein Ausflug nach St. Peter angedacht. Da ein Teil der Mädels vom zweiten Segeltörn mit der Loth Lorien aber aus Zeitgründen Poel angefahren hat, folgen wir ihrem Ruf.

Mädels unter sich- das ist toll, das hat ein besonderes Flair, diesen einzigartigen Charme, das versprechen von Wärme, ein bisschen Getratsche und Geplauder, viel Lachen und Sonne. Fünf Windstärken aus nahezu Südsüdwest lassen die Fahnen munter im Wind knattern, heruntergefallenes Laub tanzt fröhlich über die Wege und Strassen, wirbelt im Takt des Windes mal linksherum, herauf, dann rechts und wieder hinunter.

Unser Leihwagen hat nicht nur keine Scheibenwischflüssigkeit am Start, es gibt auch keine Antenne- ab Ahrensburg müssen wir unsere eigene Musik singen, das ist nicht gerade, genau genommen ist es extrem schräg- aber es macht Spass. Geschichten wechseln die Besitzer, wie so oft wird der einfache Mann und der Speziale natürlich auch  von allen Seiten betrachtet und versucht zu verstehen. Wie so oft kommen wir zu keinem befriedigenden Ergebnis und wie so oft lassen wir es einfach bleiben. Poel und Timmendorf sind erreicht, der Wind weht, singt, lockt, trällert, posaunt pianissimo. rausspringen aus dem Auto, reinspringen in den Neo, feststellen das es frühlingsmild heute ist, die Freundinnen begrüssen, sich umarmen lassen, freuen, feststellen das das Trapez in Hamburg liegen geblieben ist, sich keine Sorgen um Ersatz machen müssen (danke OnTop und Sarah aus Berlin) , den Schirm schnappen und hinaus. Einfach nur geradeaus, am Seezeichen vorbei und aufkreuzen, solange bis ich mit dem Leuchtturm von Timmendorf auf einer Höhe bin. Ich surfe lange, lange, viel zu lange. Die Oberschenkel brennen, die Hände mahnen eine Pause an, wenn sie keine Blasen schlagen sollen. Ich gehe vom Wasser. Fachsimpelei am Beach.Zwanzig unvernünftige Minuten steh ich im nassen Neo und plauder mit den Mädchen, dann wird mir kalt. Ganz plötzlich. Umziehen , in die Daunenweste einwickeln, Mütze, Schal und Handschuhe. Die Sonne senkt sich in Richtung Horizont, goldenes Licht ergiesst sich über den Strand. “Mädels! ich hätte jetzt Lust auf einen Glühwein, den ersten am Beach in diesem Herbst. Das Licht jetzt gerade lädt doch förmlich dazu ein.”

Kurzerhand begebe ich mich in Richtung Strandkiosk und siehe da ,der nette junge Mann, welcher mir im kühlen April meinen heissen Sanddornpunsch reichte, hat die Saison augenscheinlich fröhlich überlebt und offeriert am heutigen Herbstsamstag tatsächlich Glühwein.

Mensch! wir haben das gut. Wir können jedes Wochenende hinaus ans Meer fahren uns dort am Strand von der Sonne, dem Wind und der Weite verwöhnen lassen, wo wir das wollen und wenn es richtig gut läuft, dann trinken wir sogar Glühwein.

‘Prost!’

Langsam zieht die Dämmerung den Strand entlang. Wir packen zusammen, ein letzter Blick das Meer hinaus und wir kehren ihm den Rücken. Noch unschlüssig ob wir die Nacht auf der Insel verbringen und am kommenden Morgen einen Downwinder von Poel in Richtung Pepelow wagen wollen oder ob wir zurück nach Hamburg fahren, wo auf eine jede von uns ein gewisses Mass an Heimarbeit wartet- sei es das die Wohnung mal vom Strandsand befreit werden muss, sei es das Bewerbungen geschrieben werden müssen, sei es das Kosten und Nutzen Rechnungen Entscheidungen beeinflussen sollen, sei es das der malträtierte Körper nach Ruhe verlangt. Vernünftigerweise sollten wir nach Hamburg zurückfahren, unvernünftigerweise locken die Windvorhersagen. Wir fassen einen simplen Plan. In the case that we can find an appartement for one night, we’ll stay.

Gesagt getan. An sechs verschiedenen Ferienhäusern mit dem Schild ‘Ferienwohnung frei’ klingeln wir an. In einem brennt Licht und der Fernseher läuft. Nirgends wird uns geöffnet. Poel hat unser Geld augenscheinlich nicht nötig.

Gut! Eine Pizza für den Bauch und ab nach Hamburg. Schwarz und leer liegen die Strassen der grossen Stadt vor uns als wir die Grenze zum pulsierenden Leben überschreiten, das Licht der Strassenlampen wirft lange unheimliche Schatten- Geisterstunde und wir sind zurück mit einem breiten Lachen und Sonne in den Augen. Gewappnet und stark für die Neuigkeiten in der Woche, die uns erwartet.

Mädels ich danke Euch. Es war ein toller Tag!

Poffertjes, Pannekoek und Amstelbeer – (m) eine holländische Runde

Hinterlasse einen Kommentar

‚Warum bin ich so fröhlich, so fröhlich, so fröhlich. Ich bin so endlos fröhlich, so fröhlich war ich nie.’  Alfred Jodokus Kwaak- die lustige Ente aus dem Fernsehen, der Titelsong von Hermann van Veen.  Was für süße Erinnerungen an eine zickige zehnjährige mit zwei wilden Zöpfen, kurzen Hosen, die partout kein Fußball spielen wollte steigen bei dieser Melodie in mir auf.  Klein Sabine bestieg viel lieber  Klettergerüste,  quälte sich durch dickes Gestrüpp, brach sich gerne die Arme und war  definitiv sehr dickköpfig und eigen – sie ist es.Ich habe mich verändert mit den Jahren- aber nicht unbedingt im Charakter.  Dickköpfig bin ich, Fußball spielen mag ich immer noch nicht, das Abenteuer hingegen reizt mich so wie damals.

Abenteuer, Abenteuer, Abenteuer. Das Wort klingt nach, es hallt. ein wenig. ABENTEUER- wann habe ich eigentlich mein letztes richtiges Abenteuer in Angriff genommen? Es war diese merkwürdige Reise in den Norden Dänemarks. Mit Bus und Camping – alleine. Am Ende landete ich auf der Insel der Schönen und Reichen. Ich trank auf Romö eine Flasche guten Rotwein in den Dünen, enterte früh morgens die Fähre und ließ mich auf der anderen Seite erneut in den Dünen nieder.

Ein toller  Sommer schickte sich an  uns zu verwöhnen. Ich genoss die Wärme, den sanften Sommerwind, ja ich liebte auch die beständigen 4 Windstärken, ich küsste viel diesen Sommer- vorzugsweise, nein eigentlich ausschließlich die Landsleute der Herren  mit den orangen Trikots bei der Fußballweltmeisterschaft.  Versteckt hinter einem Bus auf dem Weg zum Flughafen, mitten auf dem Worldcup in St. Peter, im Vollmondschein auf der Ostsee. Mein  Sommer 2010 war sehr orange,  Toll orange. Nicht meine Farbe- aber orangefarbene Küsse – die schmecken! Fruchtig, Apfelsienig süß, frisch und fordernd wie eine Grapefruit, herb fordernd, ausdauernd…mandarienig intensiv.

Abenteuer klingt es in meinem Kopf…

Ich sollte die mit Paul geplanten ‚Wir haben uns alle lieb und sind total glücklich’ Tage absagen, die dazu gehörige Party ebenfalls und schauen ob Hollands Strände so liebreizend und süß schmecken, wie die Küsse seiner Jungs. 

Früher bin ich immer alleine auf Entdeckungsreise gegangen. Seit ein paar Jahren, genau genommen seitdem ich piratengleich geentert worden bin und verlor, habe ich immer Menschen um mich herum gescharrt. So als hätte ich Angst, alleine , erneut geentert und verletzt zu werden. Meine spontanen Ausflüge nach Mallorca sind schon gar nicht mehr wahr. Pedrito winkt jedes Mal im Chat des ‚Gesichtsbuch’ müde ab, wenn ich ihm verspreche ‚Ich buche diesen Winter einen Flug und ich komme nach Canyamel – versprochen!’ Der Schweizer öffnet die Mails gar nicht mehr in denen steht das ich via Hanoi nach Mui Ne reisen werde. Lange her- der Trip an die Algarve, die Überfahrten von Piräus nach Rethimnon, Venezuela verblasst, Südafrika- Mossel Bay, Bouldersbeach, Bluebergstrand, Canaren, Canyamel – es waren die besten Trips in meinem Leben und ich habe diese Art neue Horizonte zu entdecken fast vergessen.  Nur ein einziges mal in diesem Sommer wandelte ich alleine auf den Strassen und an den Stränden Nordeuropas.  Im Juni,  als ich meine Vorliebe für orangefarbene Küsse entdeckte.

Vor weniger als fünf Minuten schoss  Hermanns Liedzeile  in mein Köpfchen. Inzwischen bin ich am Planen. Scheveningen kenne ich ja schon- traumhafte Wellen. Am Ijselmeer soll es sehr hübsch sein und die beliebtesten Kitespots, Workum, Hindeloopen, Mirns, befinden sich dort auch. Schnell befrage ich Onkel Google, der spukt mir ein paar  Pensionen aus, einige nette Strandabschnitte.  Eine etwas mühsame Zimmersuche beginnt.  Ferienzeit- und der gemeine Ruhrpottbewohner entert Holland- seine Campingplätze, Strände, Pensionen, Restaurant und Hotels. Ich könnte ganz teuer buchen- das will ich aber nicht. Durch einen netten Hinweis, einer der Pensionen, in denen ich umsonst nach einem Zimmer frage, ob man mir nicht etwas empfehlen könnte wo unter Umständen noch ein Bettchen für mich frei ist, bekomme ich den Tipp mich bei den Kämpf’s einzumieten.

Gisela und Bernd Kämpf betreiben seit ein paar Jahren das Hotel Villa Mar. Der erste Besuch auf der Homepage und ich bete, ich tu das nicht so oft wie ihr wisst, das ein Zimmer für mich frei ist. Eine alte Kapitänsvilla ist umgebaut worden, mit so viel Liebe zum Detail, das ich die frisch gewaschenen Kopfkissen im Designer Bett schon in Hamburg denke zu riechen. Früher wurden hier Pastoren bekocht und umsorgt. Heute beherbergt die Villa Mar Surfer, die nicht unbedingt auf dem Campingplatz schlafen wollen, sondern gerne ein bisschen Luxus genießen.

Zum Hotel gehört die Surfschule von Bernd Kämpf. Ein alter Hase. Ende der Siebziger einer der ersten Windsurflehrer auf Sylt, verbrachte er einige Winter unter den Fittichen Robby Naishs auf Hawai, gab sein Wissen auf Fuerteventura weiter, sogar mein heiß geliebtes Canyamel versorgte er mit einer Surfschule. In den 80igern kam er nach Makkum, verliebte sich und blieb.

Es ist trüb als ich mich auf den Weg mache, sehr trüb, um nicht zu sagen Novembergrau. Die ganzen letzten Tage schien es als ob der Herbst uns  milde lächelnd begleitet. Er hat heute Morgen einen Schwächeanfall- dafür soll es am Nachmittag Wind geben. Ich begebe mich auf den Weg in die einschläfernde Baustellenrundfahrt auf der A1- monotone 80 Stundenkilometer. Es scheint kaum ein Ende zu nehmen. Kaffeedurst wird ignoriert, Hunger ebenfalls. Wenn ich die Grenze hinter mir habe, dann werde ich einen schönen holländischen Kaffee trinken. Ein kleines Ritual, ein Spleen- das Erste in einem fremden Land- egal ob meine Ankunft  morgens oder kurz vor dem Zubett gehen ist –  ein Kaffee. Vorzugsweise natürlich in bezaubernder Umgebung irgendwo in den Altstädten dieser Welt, gezwungenermassen wird es häufig eine Bar am Flughafen, eine Raststätte, eine Tankstelle.

Nach drei Stunden – endlich die Grenze,  Holland! Aus dem Äther wird der NDR verbannt und weicht 100% NL, später dann, als 100% NL sehr  volkstümlich werden, supersky und die erste Tankstelle wird angesteuert. Gott! Es schifft und schifft und schifft ( @ orangefarbene Küsse… – es regnet sehr stark), ein schöner , heißer Kaffee wird bestellt. Ich setze an und erschrocken wieder ab- brrr- das Zeug schmeckt- Gott! Zum Schütteln schlecht. Eine Coke also. Weiter geht es.

Maps routet mich zuverlässig, ich verfahre  mich nur unwesentlich und der Umweg über Leeuwarden und Harlingen verschafft mir die Gewissheit das zumindest zwei kitende Kapitäne in der Nähe sind, die Thalassa und die Tolkien liegen friedlich in Harlingens Hafen. Sollte mir also nach Gesellschaft der Sinn stehen, dann könnte ich hier um Kitebegleitung betteln. Ich lasse Harlingen Hafen und die Leuchttürme hinter mir, ebenso die hunderte von Tallships. Nicht ahnend das  ich binnen einer Stunde tatsächlich wieder hier am Kai stehen werde und nach einer Starthilfe schreie.

Ein bisschen später als geplant fahre ich vor der Villa Mar vor. Gundrun empfängt mich , das Haus ist toller als auf den Bildern, ein heimeliger, mediterraner Duft strömt durch die Räume, überall Holzfussböden, weite Räume, klare Linien, keine Schnörkel. Welcome holidays. Villa Mar Du bist jeden Cent wert.

Dem Impuls mich ins Kaminzimmer zu setzen und zu schreiben unterdrücke ich, es schüttet zwar noch immer aus allen Kanälen, aber der Wind nimmt auch zu. Ich fahre an den Strand, egal ob es jetzt regnet- ich will aufs Wasser.

Zehn Minuten später bin ich ernüchtert- ein Traumspot, nur leider ist kein Kitesurfer zu entdecken. Nicht einer weit und breit. Würde da hinten nicht die Surfschule stehen , ich würde meinen, ich hätte mich verfahren- aber sie steht da ziemlich trotzig sogar- also ist dieses der Surfspot. Ja- naja. Was nun? Es gießt noch immer und es will einfach nicht aufhören. Tief und dunkel wälzen sich die Wolken über den Himmel.  Ich fahre nach Harlingen zurück, vielleicht hat ja einer der kitenden Kapitäne Lust mich zu begleiten oder zumindest Starthilfe zu spielen. Am Hafen angekommen fällt einer der beiden gleich schon aus. Majestätisch dampft die Thalassa aus dem Hafen. Schade. Mit dem Capitano  wäre ich gern eine Runde draußen auf dem Wasser gewesen. Mit dem Anderen  eigentlich auch- also klopfe ich an der Tolkien an. ‚Ja der Kapitän, hmm,’ der Stewart steht ein bisschen ratlos vor mir, „ja der Kapitän hmmm- das wüssten wir auch gerne wo der ist, hier jedenfalls nicht.“ Doof! Aber nicht zu ändern. Ich heize also wieder nach Makkum zurück, der Wind tönt inzwischen  satt in den Bäumen, der Regen wird weniger und ich rufe mir ‚Selbststarten’ ins Gedächtnis zurück. Am Beach angekommen, sind tatsächlich eine Handvoll Windsurfer auf dem Wasser. Ich baue auf, lasse mir von der Surfschule den Spot erklären und die Regeln fürs Kitesurfen hier, ich bekomme sogar eine nette Starthilfe. Makkum ist super bei Nordwest, Du kannst rauskreuzen so weit das Auge reicht  und überall kannst Du stehen, wenn Du lustig bist enterst Du Kornwerderzand und seine Bucht oder stattest dem Damm übers Ijselmeer einen Besuch ab- allerdings ist es dahin verdammt weit.

Alleine bist Du als Kitesurfer fast immer und das ist Luxus. In Workum, Hindeloopen und Mirns hauen sie sich gegenseitig die Köpfe ein. In Makkum wirst Du fürs Kiten noch bestaunt.

Der Abend zieht ins Land, die Wolken werden wieder dunkler- eine Regendusche jagt die nächste und ich entere die Sauna. Spät meldet sich mein Hunger. Leider ziemlich gewaltig, so dass ich das Essen nicht vermag vom Abend auf den Morgen zu verschieben. Es muss jetzt sein. Drei Küchen meiner Wahl haben schon geschlossen, da zeigt der Italiener am Platze ein Herz für durchgeregnete Mädels. In Windeseile steht der Chianti auf dem Tisch, kurz darauf eine Pasta so heiß das sie mir den Gaumen verbrennt. Gesättigt kann ich die Bar nebenan entern- der ‚Wilde Swan’. Billard wird hier gespielt und der Tisch ist ein bisschen schief- Hermann van Veen steigt in mir in den Sinn, sein  Billiardtisch war auch schief. Ein Plätzchen an der Bar- ein weiteres Glas Rotwein, mir ist warm, das Glas schnell leer – was ist mein Leben doch schön. Der Swan scheint auf eine lange Geschichte zurück zu blicken, dunkel die Tische und Stühle, dunkel die Bilder , alles ein wenig vergilbt aus den Zeiten in denen hier noch geraucht werden durfte. auch in Hermanns Café durfte nicht mehr geraucht werden und aller Charme ging flöten.

„Was möchtest Du trinken?“

„Wie bitte?“ ich tauche schwer aus meiner kleinen Gedankenspinnerei wieder auf.“ Meinst Du mich?“

„Ja Dich. Wir laden Dich ein“

„Na dann- ich trinke Rotwein.“ Schnell steht es vor mir, die Bedienung ist echt flott. Ich schnappe mir das Glas und lasse mich in der Herrenrunde nieder. Vorstellung auf Holländisch, Küsschen links und rechts und wieder links. Es ist der örtliche Fussballverein und wir haben echt viel Spaß. Leeren den Wein, ein paar Whiskey, einige Runden Billiard, Kitergarn wird gesponnen, ich mit Geschichten vom Ijselmeer versorgt.  Gegen zwölf stolpere ich beschwipst aus dem Swan in Richtung wohl duftende Kissen und erholsamen Schlaf. In meiner Tasche drei neue Telefonnummern und die Einladung am morgigen Lokalmatch im Dorfstadion als Gast und Zuschauer aufzuschlagen. Wie schön ist mein Leben. Fast hatte ich vergessen, alleine reisen macht so viel Spaß!

Der nächste Morgen startet mit Sonne, Sonne und Wind. Ein langes Frühstück im lichtdurchfluteten Salon, eine tolle Windvorhersage und meine Frage an Bernd. „Wo geh ich denn bei Nordost kiten?“

„Na bei uns“ ist die Antwort.

„Es ist sideoffshore hier bei Euch.“ Entgegne ich und es ist Herbst, da gehe ich das Risiko ungern ein mich umzubringen, irgendwo draußen auf dem Ijselmeer.

Geh bei uns kiten. Ich habe ein Beiboot. Dein Handy bekommt meine Nummer, es wird wasserdicht verpackt und wenn Du ein Problem draußen hast, dann lässt Du einmal klingeln und ich komme raus gefahren. Klar?“

„Klar.“

Vor dem Kiten steht Sightseeing an. Harlingens Hafen und die Innenstadt mit den kleinen, gebeugten Backsteinhäuschen ist so verlockend süß. Am Hafen findet Pannekoek mit Schokolade den Weg in meinen Bauch und wird herzlich empfangen.

Auf der Tolkien servieren sie mir  heißen Kaffee dazu und einen  kuscheligen Vormittagsplausch. Ich kann mich rühmen. In jedem Hafen kenne ich wenigstens einen Steward oder einen Kapitän. Der von der Tolkien ist aufgetaucht, hängt müde und blass in den Seilen. Unschöne Wahrheiten scheinen sich in sein Leben zu schleichen, so wird gemunkelt. Ich beneide ihn nicht darum. Als Kitebegleitung fällt er für heute aus. Kiten geht mit freiem Kopf und freier Seele, trübe Gedanken haben da nichts zu suchen.

Das Makkumer Fussballspiel mahnt mich zu Erscheinen. Der Wind orgelt über das Ijselmeeer. Zur Abwechslung bin ich einen Hauch zerrissen. Fussball oder kiten? Kiten oder Fußball?  Kiten, lautet der Entschluss, welcher via neumodischer Kommunikationsmittel verbreitet wird. „Ich gehe kiten. Wir treffen uns heute abend in der Bar wo geraucht werden darf“

Makkum beschert mir dann eine Session mit Lerneffekt. Der Wind ist so böig, so sehr, das ich nach 90 Minuten aufgebe. Genug für heute. Eine Sauna, Dusche, eine Pizza der Tag war toll. Später ein Gitarrenkonzert in der verrauchten Bar. Jelly B so cool und so jung und so blond und die Augen so blau. Um mich herum eine Horde spendabler Jungs. Es geht mir gut, ich koste vom Whiskey, vom Wein, von diesen  süßen orangefarbenen Küssen und verdrücke mich rechtzeitig.

Der letzte Tag  in Makkum. Die Kirchenglocken wecken mich, frech kitzeln Sonnenstrahlen meine Nase. Erfrischt und munter springe ich die wenigen Stufen in den Frühstücksraum.  Mein Vater würde sagen – ein Kaiserlicher Start. Es ist zwar kein Wind am Start, was ein verzeihbarer Makel an diesem wunderbaren Morgen ist. Gestern Nacht habe ich den Neoprenanzug vergessen ins Haus zu hängen. Im Herbst in einen noch nassen Neo schlüpfen – das passiert Dir nur, wenn eine wochenlange Schneepause im Kiten droht.

Was also steht an  einem solch herrlichen Tag auf dem Programm? Ich könnte nach Amsterdam auf den Markt fahren, eine Grachtenfahrt, ein Kaffee und langsam zurück Richtung Deutschland. Ich könnte erneut nach Harlingen fahren, den Hafen entlang schlendern , einen Kaffee trinken, dann weiter bis nach Lauwersmer an der Nordsee fahren, Westfriesland erkunden und dann nach Hamburg zurück.  Unschlüssig stehe ich am Strand von Makkum „Bernd, ich finde Du musst im kommenden Jahr unbedingt Stand up Paddle hier anbieten, dann hätte ich jetzt nicht das Problem, das ich mich nicht entscheiden kann wohin mich meine Wege heute führen“

„Du musst Dich nicht entscheiden. Ich sage Dir was Du heute in Angriff nimmst.“ Lautet die Antwort. „Du fährst über den Damm in Richtung Amsterdam, biegst rechts nach Den Helder ab und fährst nach Julianadoorp. Ißt am Strand einen Pannekoek, geniesst die Sonne und einen Kakao. Die Idee mit den Stand Up Paddle im kommenden Jahr behalte ich im Kopf. Ich wünsch Dir viel Spass und komm bald wieder.“

So bin ich also entlassen. Nun gut. Auf nach Julianadoorp.

Der Damm. Ein großartiges Bauwerk , ein Monument- Abschlussdeich genannt, Afsluitdijk. Im ausgehenden 19. Jahrhundert überlegten sich einige geschäftstüchtige Niederländer, das die grosse tiedenabhängige Meeresbucht Zuidersee viel besser und effektiver zu bewirtschaften wäre, wenn ständig Wasser da wäre. Ein Damm wurde geplant, der Bau des Abschlussdeich. 1932 fertig gestellt, trennt es seither das Ijselmeer  vom Wattenmeer.

Ich bin erstaunt- so viel Weite und Licht zu beiden Seiten. Nach dem Damm dann rechts in Richtung Den Helder. Weit ist dieses Land, weit und satt grün, fette Kühe stehen auf den Weiden, Fahrräder in rauhen Mengen, das flache Land laedt dazu ein, Kanäle durchziehen die Äcker, Deiche bevölkert von Schafen, friedlich ist es hier und dann Dünen vor meinem Auge. Dünen höher als in Dänemark, ein roter Leuchtturm, rot lockende Hagebutten, wärmende Sonne, ich stolpere an den Strand. Im Laufen werden die Stiefel von den Füssen geschoben, die Strümpfe heruntergerissen, die Jeans aufgekrempelt- ein langgezogenes Ah stiehlt sich aus meinem Mund als meine Zehen im Nordseewasser eintauchen. Herrlich- der Sommer, der Sommer, mein Sommer- für wenige Minuten ist er zurück, in meinem Herzen und vor den Augen, im Kopf. Hier vertrödele ich den ganzen Nachmittag, davon träumend, wie es wäre kehrte ich zurück bei Nordweststurm, die Wellen schlagen schon jetzt perfekt an den Strand. Ich wüsste zu gerne wie hoch und brachial sie bei Nordweststurm hier an den Strand poltern.

Es gibt einen Pfahlbau hier unten, ein weiterer leckerer Pannekoek entert meinen Bauch, ein heisser Kakao mit Sahne, Kinder lachen um mich herum, die Hunde tollen an der Wasserkante, barfuß im Sand schlendere ich gedankenverloren, träumend, mich auf , ja worauf eigentlich? , freuend- anders mich daran erfreuend das ich es genossen habe alleine ein wunderbares Fleckchen Erde zu entdecken.

Spät , ziemlich spät trete ich den Rückweg an. 100% NL wird solange im Äther belassen, bis das Rauschen die klaren Töne der Musiker übertönt. Dann erst stelle ich den NDR ein. In Deutschland ist alles beim Alten. 80 Stundenkilometer für das letzte Stück von Bremen nach Hamburg ziehen sich so zäh wie immer dahin.

Wunderbare, fröhliche, lustige, windreiche Tage liegen hinter mir. Ich sollte mir diese Fluchten bewahren.

Des Sommers Abschiedskonzert

Hinterlasse einen Kommentar

Freitagnachmittag sechzehn Uhr– mir raucht der Kopf von viel zu vielen Zahlen. entnervt seufze ich durch. Vor dem Fenster locken die, golden in der Sonne glänzenden, Blätter der Linden, der Himmel ist blassblau ein Hauch Sommer liegt in der Luft.

Die letzten Zeilen aus Wellenklang blitzen vor meinem Auge auf. Keine zehn Tage ist es her, das ich sie schrieb und gestern Nacht, ganz plötzlich,  waren sie real- so real das Angst mein Herz umfasste  und ich einfach weggelaufen bin . In meinen Ohren rauscht es, so wie die bunten Blätter vor dem Fenster- es rauscht und rauscht und rauscht, schwillt an und ebbt ab.  Ich mag  nicht mehr unterscheiden, ob es das Rauschen des Meeres, der Blätter in den Bäumen oder das dieser komischen Worte, die eine Entscheidung von mir verlangten und einfach nur durcheinanderwirbelten, ist. Wie gerne würde ich einfach raus fahren, den Fluss hinauf und Weite inhalieren. Vielleicht gäbe es mir einen Hauch Vernunft, die geforderte Entscheidung von allen Seiten und realistisch zu betrachten. Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist,  das ich arbeiten sollte! Denn leider türmen sich rechts und links von mir die Akten auf dem Schreibtisch auf. Kleine fordernde Papiertürme!

Von draußen ist ein leichtes Windaddagio zu vernehmen, zarter Trommelwirbel unterstützt die Streicher.  Fast scheint es mir- der Sommer 2010  bereut im Oktober dass er im August viel zu viel weinte, im September nicht nachließ damit  und im Juli die Blumen verdursten ließ. Das er nur unregelmäßig daran dachte den Ostwindmotor anzuschmeißen hatten wir ihm im Juni vorgeworfen, seiner Entschuldigung aber Glauben geschenkt und verziehen.

Jetzt im frühen Herbst erinnert er sich scheinbar an seine spürbaren Ausfälle und liefert nach. Erst die Sonne, dann ein Hauch Wärme und dieses Wochenende gar Ostwind.

Meine Gedanken fließen weg von den Zahlen hin zu den langen Nächten des Sommers, die Segeltörns – einer unbeschreiblicher, befreiender, verzaubernder als der andere.

Das Telefon schellt. „Können Sie mir bitte Ihre letzten Dokumentationen erklären? Ich werde daraus nicht schlau.“

Mist! Jetzt zitiert mich auch noch die ungeliebte zweite Hand der Führungsetage in ihr Büro. Ist heute Freitag der 13.? Eigentlich nicht. Lustlos steige ich die Treppen nach unten und hole mir den berechtigten Rüffel ab. Konzentration ist de facto anders definiert, als das, was ich heute in der Lage bin zu leisten.

Wieder auf dem Bürostuhl klingelt erneut das Telefon

„M

„Hey ja- ich bin schon wieder zurück aus Dänemark und habe die 2011er Schirme im Auto. Ich fahre jetzt mit Frau und Kind raus an die Elbe, die Schirme für den Shop ablichten“

“Mensch hast Du das gut und weißt Du was? Ich verzapfe hier im Büro heute eh nur Mist. Ich bekomme nichts fertig und die Zahlen schwimmen und springen vor meinen Augen auf und ab. Ich komme einfach mit“

Zwanzig Minuten später sitzen wir im Kombi auf der Autobahn den Fluss hinauf. Weitere dreißig Minuten später liegen die nagelneuen Schirme vor uns am Elbstrand und wir fangen an zu pumpen. Fünf Schirme bauen wir auf, friedlich liegen sie im feinen Sand. Die Sonne senkt sich langsam und zaubert ein grandioses Farbspiel in den Oktoberhimmel. Mir geht’s gut, Ruhe umfängt mich, leise plätschern die Wellen an den Strand. Das Wasser ist braun und undurchsichtig vom vielen Schlamm den der Strom mit sich führt und im Meer weiter nördlich ablädt. Ozeanriesen ziehen vorbei auf dem Weg vom Hafen hinaus in die Welt, ein Dreimaster gleitet an uns vorbei. Wieder steigen diese süßen Erinnerungen auf.

 ‘Ist es wirklich erst zwei Monate her das ich im Schein des vollen Mondes auf der Ostsee wakeboarden war?’  Fast düngt es mir wie eine Episode aus einem anderen Leben. Ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht, verloren in den Erinnerungen streife ich die Schuhe von den Füssen und tanze im langsam kälter werden Sand. Träge zieht der Strom an mir vorbei, elbabwärts im Dunst die Anlagen von Airbus, die Kirchtürme der Stadt, der Fernsehturm, elbaufwärts der Duft des Meeres. Die Elbe singt eine kraftvolle Melodie, kraftvoll und entschleunigt zugleich. Friedlich scheint sie, trügerisch, denke ich, eine trügerische Friedfertigkeit versucht sie uns vorzuspielen. Schöne alte Dame. Beständig das Jahr hindurch fließt Du aus dem Gebirge durch das Land, ergießt Dich in Auen, sammelst Dich in Rückhaltebecken, schlenderst vorbei an wundervollen lauten Städten, hörst verschiedene Sprachen, bietest den Möwen und Schwänen ein Zuhause, dem Stindt und schießt Dich kraftvoll , nach Sauerstoff lechzend in die Nordsee.

Wir absolvieren unser Fotoshooting. Wenn diese neuen Kites so genial fliegen, wie sie ausschauen, dann werde ich wohl die Lager wechseln. Von Naish auf Liquid Force. Noch vor wenigen Monaten wäre eine solche Überlegung nur einen pikierten Lacher meinerseits wert gewesen. Heute aber sieht alles anders aus. So schnell kann es gehen. Ich bin auf der Suche nach neuem Stuff und das Angebot von Liquid Force ist verlockend, das dahinter stehende Konzept überzeugt mich, das Design der 2011er Range ebenfalls. So viel Liebe zum Detail habe ich zuletzt beim Princess Pro von Brunotti gesehen. Der Envy verzaubert mich  mit kleinen Nachtgespenstern , die durch Wellenkämme springen. Das Label ist mit einem Lederaufnäher eingearbeitet. Die Safety zuverlässig und funktionell, die Bar sehr übersichtlich ohne viel TammTamm.

Frau  Sonne verschwindet hinter dem Ufer. Schlagartig ist es empfindlich kalt. Herbst!  Noch ein paar Bilder mit Blitz gemacht und wir brechen auf Richtung Abendessen und Stadt. Ich bin entspannt, ruhig, gelassen, schläfrig. Zu Hause checke ich nur noch schnell ob die Vorhersagen für den morgigen Samstag geblieben sind. Es hat sich nichts geändert. So werde ich nicht sehr viel älter als mein gerade geleertes Glas Rotwein, stelle den Wecker auf sechs Uhr in der Frühe. Schnell lege ich noch die Klamotten für die morgen anstehende Hochzeit zurecht. Nach zwei Seiten im Frauenroman schlummere ich ein.

Der Wecker klingelt und es ist dunkel. Stockdunkel. ‚Grauenvoll!’ denke ich. ‘Herbst!’ Morgens um sechs hat die Nacht Mutter Erde noch fest umschlungen. Zumindest in Hamburg. Ich bin irgendwie noch müde. Aufstehen fällt schwer und meine heiße Dusche dauert länger als gewöhnlich. Mit der obligatorischen Verspätung von 10 Minuten picke ich meine heutige Kitebegleitung auf.

Langsam erwacht der Tag, der Himmel über uns strahlt in kräftigem Blau, die Autobahn ist verdammt voll für einen Samstag morgen.

„ Neunuhr, meine Damen und Herren, die Nachrichten.

Fehmarn/Kiel: Gegen Mitternacht kam es auf dem Oberdeck der litauischen Fähre “Lisco Gloria” zu einer Explosion. Nach Angaben des Havariekommandos in Cuxhaven war das Schiff von Kiel nach Klaipeda unterwegs. Es befand sich zu diesem Zeitpunkt nördlich der schleswig-holsteinischen Insel Fehmarn.

An Bord waren 236 Passagiere – unter ihnen auch viele Lkw-Fahrer und Besatzungsmitglieder…“

 Erstaunt geht mein Blick nach rechts. ‚Krass’ – das entspringt meinem Mund. Und noch einmal „Krass“ und dann „Ja klar, deswegen überholen  uns ständig irgendwelche Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, deswegen ist auf den Strassen hier die Hölle los.“

Keine zehn Minuten später habe ich die Schlagzeilen allerdings für Erste vergessen. Ich bin fasziniert von sich im Wind biegenden Bäumen, flatternde Fahnen, ein frisch gewaschener, blitzblanker Himmel. Wir versuchen uns am Wulfener Hals. Ostsüdost ist hier auf der Ostseeseite sideonshore und sicherer im Herbst als der leichte offshore Touch am Brink. Eine Karawane aus Bussen und Wohnmobilen quält sich die schmale Strasse zum Campingplatz. An der Einfahrt ein absolutes Durcheinander, Parkplätze , die noch belegbar wären, sind Fehlanzeige. Auf dem Tümpel ist morgens um 09.00 Rushhour angesagt. Herbstferien in Deutschland und der Wulfener Hals ist zugeparkt. Wenige Minuten überlegen wir und entscheiden  dass der Grüne Brink heute unser Spot ist. Laut Vorhersage soll der Wind über Mittag langsam auf Ost eindrehen, dann ist es da oben dann auch wieder  sicherer. Für den Fall also, das wir zwischen zehn  und zwölf ein Problemchen haben,  wird der drehende Wind uns ab dreizehn Uhr  behilflich sein dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Mit uns landen die Liquid Force Kites. Ich werde ein bisschen aufgeregt. Vorsichtig bin ich ebenfalls, der Wind scheint noch nicht bei der Vorspeise angekommen zu sein. Die dreizehn Knoten, die wir messen lassen ein Verweilen beim ersten Kaffee  vermuten. Vorsichtshalber schleppe ich also alle Bretter und den zehneinhalber Cult mit an den Strand. Baue trotzdem den neuner Envy auf. Schick ist er ja, so in Blau und türkis mit seinen lustigen Gespenstern. Die zappeln im Wind und locken mich mit Versprechungen von grandiosen Wellenritten noch heute. ‚Klar, ihr Spinner’, denke ich laut -,Wellenritte mit einem neuner bei angesagten fünfzehn Knoten. Ihr glaubt auch, das Eure säuselnden Worte mich glauben lassen das da draußen Leckerbissen auf mich warten. Einlullen wollt ihr mich und Euch dann die Hände reiben, wenn ich massiv Höhe verliere und im Naturschutzgebiet lande. Redet nur, wenn ich die Nase voll vom Leichtwind Kurbeln habe, baue ich den Cult auf und ihr könnt Eure Geistertänze am Beach absolvieren.’  Sie schimpfen mich Skeptiker und lachen dabei. Ich starte als Erste. Ungewöhnlich stark der Zug im Schirm, trotzdem zerrt er nicht übermäßig an mir. Ich spüre sanften Druck- Cool, Vielleicht muss ich doch nicht kurbeln. Auf geht es. Auf Elf Uhr lenken dann auf Eins und der Envy schiesst an den Windfensterrand. ‚Oh bitte Nein!’ Denke ich . ‚Nicht so einen Windfensterrandgeilen Core Verschnitt, der mich in einer Sekunde absaufen lässt’  Tut der Envy aber nicht, er geht weit an den Windfensterrand und entwickelt dort trotzdem noch genug Zug.

Meine Session startet und sie wird atemberaubend. Der Wind nimmt zu – ich habe Spass, so endlos viel Spaß. Der Wind dreht weiter auf Ost- mein Lachen wird breiter. Draußen an der Abbruchkante der Sandbank lässt Mr. Pustemann die Wellen großartig, massiv, langgezogen und  perfekt an der Insel vorbeirollen. Dass ich die Zeit anfange zu vergessen während ich da draußen mit den Juwelen der Ostsee spiele – bitte  verzeiht es mir.

Das ich keine Entscheidung traf, weil mein Kopf voll mit Glück und Leidenschaft aber leer von klaren Gedanken war-  bitte verzeih mir!

Der Wind nimmt weiter zu, der Envy macht mich glücklich. Weiter und weiter hinaus kreuze ich. Das Feuerwehrschiff, welches sich knallrot gegen den Horizont abzeichnet, die Rauchschwaden irgendwo da mitten auf dem Meer, holen mich kurz in die Gegenwart zurück und erinnern mich daran, das es nicht nur glückliche Momente auf dieser Welt gibt. Ein komisches Gefühl, ich genieße dieses einzigartige, rauchgetränkte Licht auf der Ostsee. Rauch, der vergangene Nacht Menschen in Panik versetzte. Ich schüttele die Gedanken ab, versenke sie hinter die Abbruchkante in den Tiefen der Ostsee. Keine Zeit für Grübeleien- ich muss, nein, ich will glücklich sein heute!

Fröhlich tanzen Envy’s  Nachtgespenster über mir und versprechen mir eine lange erfüllende Freundschaft.

‚Gekauft’ , denke ich, als ich  irgendwann völlig erschöpft vom Wasser komme.

Ein Blick auf die Uhr. ‚Au wei. Ich werde spät, aller Vorraussicht nach  zu spät auf der Hochzeit erscheinen.’

Schnell umgezogen, abgebaut, die Freunde ins Auto verfrachtet und die horrenden Spritpreise ignorierend das Gaspedal voll durchgetreten. Ausnahmsweise kein Stau in Richtung Hamburg.

Zu Hause angekommen, bleiben mir zwanzig Minuten zum Duschen, in die Festtagsrobe schmeißen, Mascara anlegen und das Parfüm. Ich schnappe das Geschenk, den Mantel, schnell noch die feinen Ballerinas. Gerade als das Glas auf das Brautpaar erhoben wird schieße ich in den Saal, quetsche mich in eine Ecke und nach der Laudatio neben meine Begleitung. Die rümpfende Nase, den prüfenden Blick, die nervös auf dem Tisch trommelnden Finger ignoriere ich. Statt dessen fälle ich die seit Tagen anstehende Entscheidung ‚Ich bin dagegen- absolut!’  Proste der fröhlichen Runde um mich herum zu, beglückwünsche das Brautpaar und entschwinde bis morgens um 06.00 auf der Tanzfläche. Lasse das verständnislose Kopfschütteln einfach am Tisch sitzen. ‘Ja! es tut mir leid- aber Ja! Ich bin dagegen!’

Was für eine Session am Morgen, welch fulminantes , perfektes Konzert. Den ganzen Mai hindurch warteten wir vergebens auf Ostwind, den Juni und Juli hindurch war Wind Mangelware, im August kam er mit Wucht und Regen- perfekte Tage gab es selten in diesem Sommer. Im September schickte er sich an Perfektion zu kredenzen. Jetzt im Oktober verabschiedet er sich mit Lust, so viel Lust und beschenkt uns mit diesen unvergesslichen Stunden, von denen wir im trüben November träumen und zehren werden.

Danke Sommer, das dieses Dein Abschiedskonzert eines der besten seit Jahren war.

Pics SabinChen

Land der Regenbogen – Dänemark im Herbst 2009

Hinterlasse einen Kommentar

Land der Regenbogen – Dänemark im Herbst und Grenzgänge der besonderen Art

Aktive: 10 windhungrige Großstadtnasen und der allwissende Oskar

Special Thanks to: 1 Flasche Shiraz

Es ist kühl geworden. Der letzte milde Spätsommertag in St. Peter liegt erst wenige Stunden zurück und scheint doch schon so fern. Morgens schält sich die Sonne nur schwerfällig aus dem Nebel, am Nachmittag taucht sie die Stadt in mildes, milchiges, Sturmverkündendes Licht, abends verschwindet sie schnell unter dem Horizont und lässt den Mond die langen Nächte bewachen. Oskar und meine Abende auf dem Balkon mit dem guten Rotwein, einem Happen Käse und endlosen Geschichten sind vorbei. Wir sitzen drinnen um die Kerzen, lauschen den Klängen der Salsa, Rumba und dem Tango – hängen unseren Gedanken nach und seufzen allenfalls hier und dort einmal in die herbstliche Stille hinein. Oskar rührt sich zuerst „Schätzelein! Weißt Du überhaupt das dieses Wochenende schon Dänemark ins Haus steht?“ Verdutzt hebe ich den Kopf hoch und lass die Finger ihre Arbeit an der Tastatur des Laptop unterbrechen „Du machst Witze! Dieses Wochenende schon? Ist es denn schon so weit im Jahr? Der Sommer schon zu Ende? Mit seinen warmen Morgen an denen ich früh um sechs barfuss über den Strand rennen konnte, dem Meer entgegen, die Wellen begrüßend, mit Dir zusammen leicht, frei und lachend über Stunden auf dem Ozean kreuzen?“

Oskar klappert herbstliche Trägheit aus dem Schnabel, prüft seine Krallen , schüttelt seine Federn und springt auf die Sofalehne. „ Ja, mein Herz- Sommer ist vorbei- Herbst steht ins Haus und der erste Sturm, der erste wirklich schwere Sturm rollt heran und es ist mal wieder Dänemark im Kalender angestrichen. So wie jedes Jahr im Oktober- ein langes Wochenende da im Norden, im Land der tausenden Regenbogen, der flachen, eng an die Dünen gedrängten Häuschen, der blonden, immerfort lachenden Menschen, frischem Fisch, Kaminen und Wind, der täglichen Wahl zwischen FlachwasserFjord und Nordseewelle. Und glaub mir, meine Liebe in diesem Jahr wirst Du Dein Wunder erleben und ich bin sicher die eine oder andere Grenze verdammt weit fassen! Und da Du dafür alle Kraft brauchst, die Dir dieses Jahr manchmal abhanden schien klappst Du bitte diesen Laptop da auf dem Tisch zu, lässt den Artikel der geschrieben werden muss einfach mal sein und konzentrierst Dich auf wirklich wichtige Dinge!“

„Die da wären?“ „Kalorien inhalieren bis Du nicht mehr kannst, die Einkaufsliste schreiben, lachen und sich freuen, dicke Winterpullis einpacken, die Neoschuhe raussuchen, noch mehr lachen und sich freuen, das Melkfett für die Hände, definitiv keine Angst vor den Wetterkarten haben, der 8er verkaufen und einen Sturmkite besorgen- keine Ahnung wie Du das anstellen willst- aber Du hast dafür noch genau drei Tage Zeit! Ach und vergiss das Lachen nicht“

„Eye Sir höre ich mich sagen und muss grinsen. Ich mag meinen Oskar, diese altkluge, immer das letzte Wort haben wollende Möwe, die Rechtbehaltende, sich selten irrende, Zigarre rauchende, nach Bier verlangende, verrückte und so verlässliche…

Ich klappe den Kalender auf- in der Tat. Dänemark springt mich an. Jedes Jahr Ende September/Anfang Oktober genehmige ich mir mit windhungrigen Seelenverwandten ein paar Tage Auszeit und fahre an den Ringkjobing Fjord. Dieser Fjord ist das grösste gewässer des kleinen Königreiches und wird nur durch einen schmalen Streifen Land von der Nordsee getrennt. In Hvide Sande ist der Fjord mit dem Meer verbunden- ein flaches , stehtiefes Gewässer- so weit wie ein Meer und prädestiniert dafür Kiter und Windsurfer zum Üben neuer Tricks zu verführen. Es ist so weit im Jahr- Dänemark steht ins Haus. Also wird das Auto bestellt, die Sachen gewaschen, die Vorhersagen gecheckt, der über Jahre und so geliebte 8er verkauft, ein Sturmkite besorgt, überlegt was ich kochen will, der aufkommende Respekt gegenüber dem sich über Großbritannien bildenden schweren Sturmtief mit Rotwein besänftigt und dem Vertrauen darin, das Oskar schon weiß wann er seine Krallen in meine Schulter hauen wird dann, um mich zur Rückkehr vom Wasser zu bewegen.

Donnerstagmorgen! Es ist kalt und es brezelt in Hvide Sande schon viel früher als berechnet mit 30 Knoten und mehr- aus Nordwest, eigentlich perfekte Bedingungen um in die Welle dort zu gehen. Wenn man einen Kite hätte dem man blind vertrauen kann, dann oK. Mit dem Sonic und 10 Kilo mehr auf den Rippen kein Problem- aber die Murmel, die mir gestern mit den Worten ‚Bitte pass auf Dich auf- es ist ein spezieller Schirm’ in die Hand gedrückt wurde, die eignet sich wohl nicht dazu. Es ist ein bisschen chaotisch heute morgen und mit ein einiger Verspätung ist die Karawane der Windsüchtigen endlich auf der Autobahn. Die mir in diesem Sommer so lieb gewordenen Kitekumpel und natürlich Oskar sind bei mir an Board. Wir checken diverse Radiosender, singen laut und falsch mit und philosophieren mal wieder über Gott, die Welt und den neuen Tarantino Film, tingeln im Sonnenschein übers Land und nähern uns langsam aber beständig dem Ringkjöbing Fjord, das die Bäume sich bedrohlich biegen, gar die Fahnenmasten am Straßenrand von links nach rechts wanken ignorieren wir fürs Erste einfach. Oskar schmatzt uns genüsslich die Madalenas weg, wölbt eine Augenbraue und gibt bekannt „ Naja, Welle wohl nicht heute- aber Fjord da geht heut abends was“

„ Alter! Jetzt lass uns mal ankommen da oben, die Hütte beziehen, dann werde ich mich über die Düne quälen- wie immer- und dann gebe ich Dir bekannt, wofür ich mich entscheide! Penn einfach ein bisschen und mal den Teufel nicht an die Wand. Ich geh heut noch aufs Wasser- und wenn ich zwei Kinderschirmchen mit meinem Tape zum neuen Sturmkite zusammen basteln muss. Ich fahr doch nicht 400 Kilometer in den Norden um wegen zuviel Wind nicht aufs Wasser zu können.“ Später als erwartet landen wir auf dem Campingplatz. In Dänemark ticken die Uhren einen Schlag langsamer als bei uns und das tut verdammt gut. Es brezelt noch immer. Gevatter Pustemann lässt heute nicht so recht ab vom Oratorium. Der Weg über die Düne ist beschwerlich, Böen peitschen den Sand ins Gesicht. Die feinen Körner setzen sich hinter den Kontaktlinsen fest und lassen die Augen tränen. Die Welle ist hoch, verdammt hoch und läuft auch nicht sauber. Es fällt mir schwer Sets zu erkennen, Lücken zu finden. Oskar erkundet die Situation weiter draussen, kommt ziemlich japsend zurück und schüttelt den Kopf. „Keine Chance heute. Naja also- schon eine Chance, aber Spaß ist was anderes- da draußen ist soviel Weißwasser, die Welle läuft nicht sauber und die Strömung ist gigantisch. Fahrt an den Fjord, rockt da noch ne Stunde, haut Euch dann in die Sauna und die Bäuche mit dem Risotto, den Pfifferlingen und dem Schweinefilet voll, trinkt noch ein gutes Glas Rotwein und geht schlafen. Morgen früh wird es hier besser und sanfter sein. Wenn ihr um 07.00 aufsteht dann bekommt ihr noch was mit vom Wind morgen“

Wir schauen uns an, etwas unschlüssig. Eine Freundin meldet sich in unsere Unentschlossenheit aus Bork Havn- die Entscheidung steht und die Karawane fährt an den Fjord. Bork Havn liegt auf der Ostseite des Fjordes. Kitebar sind fast alle Richtungen des Windes ohne Südanteil. Der Parkplatz liegt direkt hinter der Wiese zum Aufbauen. Ein schmaler Streifen Baumbewuchs verwirbelt gerade Wind aus Südwest, so dass es ratsam ist sowohl im Wasser zu starten und auch wieder zu landen um den Luvstau zu umgehen. Wie alle Spots am Fjord ist Bork Havn weit stehtief.

Zu zweit mit der Murmel, der Rest mit nem 7er haben wir nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten mit Gipsy dann tatsächlich noch eine grandiose Session bis kurz vor dem Dunkelwerden. Es ist kalt, so verdammt kalt das ich aufgeben muss, weil meine Finger taub und gefühllos sind und ich die Bar nicht mehr greifen kann. Abgebaut und Sauna. Das einzig Richtige nach einer solchen Teufelsfahrt. Wir haben 30 Knoten im Schnitt gemessen mit fiesen Löchern nach oben und unten, grenzwertig, stets die Schauerwolken interpretierend, in ständiger Bereitschaft neuerlicher Böen. Ich bin froh dass sowohl am Strand, als auch im Wasser Menschen sind, die mich nicht aus den Augen lassen.

Abends sitzen wir dann gemütlich in der warmen Hütte und diskutieren darüber, ob es sehr verrückt ist in den freien Tagen sich morgens um sieben aus den Träumen zu lösen und kiten zugehen.

Von jetzt auf gleich ist bei mir dann die Luft raus- ich fall einfach nur noch aufs Sofa und bin nach zwei Seiten Lesen im mitgebrachten Urlaubsschmöker irgendwo in der karibischen Sonne, Wellen schlitzend, warmen, gut riechenden Sommerwind um die Nase und ein helles Lachen nach irgendwohin schickend. Dänemark hat mir gefehlt und ich weiß gar nicht, warum es mir so schwer fiel hierher zu fahren in diesem Jahr. Immer schob ich Termine vor, das es nicht ging, verkrümelte mich in den Osten, setzte andere Prioritäten und vernachlässigte ein bisschen meine Leidenschaft für dieses sanfte Fleckchen in den Dünen zwischen Fjord und Nordsee. Mir fällt wieder ein, was ich in diesem Jahr alles vor gehabt habe hier zu erkunden- bis ganz in den Norden wollte ich fahren. Einen lieben langen Sommer lang und getan habe ich es nicht. Komisches Leben manchmal.

Als ich aufwache setzt gerade erst die Dämmerung ein. Herbst! Denke ich- jetzt ist es morgens noch dunkel, wenn ich meinen Tag starten will. Der Sturm hat nachgelassen und Gevatter Wind scheint sich eine Pause zu gönnen. Sanft säuselt er seine lockende Melodie um die Hütte. Ich schlurfe Richtung Wasserkocher und mache einen Kaffee. Bei den Jungs rührt sich als erster der Junior. Gemeinsam entern wir die Düne. Klare, weiche Luft strömt in unsere Lungen, die Blicke weit prüfen wir den Wind und die Welle. Oskar stolpert hinterher und schimpft, dass auf ihn nicht gewartet wurde „Verdammt! Ihr wisst doch, das ich ohne Kaffee nicht bewegungsfähig bin“

„Kaffee war fertig- mein Freund“ entgegne ich.

„Stimmt- aber der war so dünne, davon wird noch nicht einmal ein bettflüchtiger Pensionär wach! Ich musste mir selbst was brauen und ihr hättet warten können“ Ich grinse in die aufgehende Sonne . „Hmmmm- gute Laune gibt es bestimmt beim Bäcker nachher zu kaufen. Sag mir jetzt mal , was Du vom Wind heute hältst!“

Geschäftig stolziert Oskar die Düne auf und ab, wichtig hält er die Flügelspitzen nach oben, legt den Kopf schief, schnalzt mit dem Schnabel, legt die Stirn in Falten und meint: „Grenzwertig- jetzt aufbauen und versuchen gegen die Strömung ein bisschen zu fahren. Dann Frühstück und schauen ob es auf dem Fjord noch reicht. Heute ist ein Tag für Euren mitgebrachten Kitenachwuchs.“

Hvide Sande ist ein besonderer Spot. Hier wird an der Mole die Nordsee gerockt oder aber auf dem Fjord. Die Entfernung zwischen beiden Spots beträgt keine 5 Autominuten. Je nach Könnerstufe kannst Du wählen zwischen Welle oder Flachwasser. Die Nordsee bei Hvide Sande zaubert gigantische Wellen. Die vorgelagerte Mole sorgt zudem dafür das die Wellen gerade bei Nordwestwind nahezu perfekt brechen. Weht der Wind auf Südwest wechselt man an den etwas unbequemeren nördlichen Teil hinter der Mole- da laufen dort die Wellen sauberer. Nach Süden zu schliessen sich an Hvide Sande unzählige Feriensiedlungen. Wer hier ein Häuschen für seinen Urlaub mietet hat alles richtig gemacht. Morgens stiefelt er über die Düne checkt den Wind und wenn dieser richtig steht kann er direkt aufbauen und kiten gehen. Die Strömung ist manchmal sehr anstrengend, gerade bei wind aus nördlichen Richtungen und die mitunter sehr hochreichenden Dünen sorgen für Abdeckung, so dass damit gerechnet werden muss auf dem offenen Meer 5 Knoten mehr Druck im Schirm zu haben, als noch am Strand. In Dänemark gelten wie überall sonst auch die allgemeingültigen Verhaltensregeln beim Kiten, da es bis heute aber noch nicht zu der in Deutshland hinlänglich bekannten und verfluchten Überfüllung der Strände mit Kitesurfern gekommen ist, sind die Beschränkungen auch noch nicht so stark. In jedem Fall sollte auf Badegäste, spielende und im Wasser planschende Kinder geachtet werden. Hvide Sande ist kitebar bei Süd bis Nordwind, wobei Westwind sehr schwer zu bezwingen ist, da dieser voll auflandig weht und die Welle nicht sauber laufen lässt. Da gehört viel Erfahrung dazu.

Wir fügen uns den Prophezeihungen des Altmeisters. Schleppen den Kram über die Düne, bauen auf und versuchen unser Glück. Ein paar Schläge sind uns tatsächlich vergönnt- auch wenn wir immer und immer wieder am Strand die Höhe laufen müssen. Die Jungs haben ein bisschen Spass- ich selbst bin auf der Suche nach einem vernünftigen Rhythmus und finde ihn nicht. Erinnerungen steigen auf- das gab es schon einmal hier, aber damals war ich nicht diejenige die verbissen immer und immer wieder startete um mit der Strömung nach Süden gezogen zu werden. Oskar schiesst vor mir ins Meer und taucht mit einem in der Morgensonne silbrig glänzenden Fisch im Schnabel wieder auf. „ Schätzchen- schieb Deine Gedanken beiseite- essen fassen und danach schnellstens an den Fjord“ Ein bisschen schwermütig und den Gedanken nachhängend pack ich meinen Stuff zusammen, die Jungs haben schon längst aufgegeben, stehen wissend am Strand und warten geduldig das ich meinen aussichtslosen Kampf gegen die Strömung beende und sie vom Hunger befreie. Wir besorgen uns frische Brötchen, mümmeln das Müsli weg, schmieren Proviant für den Tag, schmeißen uns in die fahrbaren Untersätze und folgen den anderen an den Fjord nach Skaven. Unterwegs klugscheisst Oskar vom Feinsten- erzählt einen Wolf von irgendwelchen Sturmsucher Aktionen in seiner Jugend und das bestimmt heute noch was geht. Ich schau über den Rand meiner Sonnenbrille auf den sich selbstbeweihräuchernden Geschichtenerzähler, grinse ihn an- zeig auf die matt in der Sonne hängenden Fahnen und sage nichts. Wird schon! Wenn Oskar meint- dann meint er. Irren tut er sich am Ende selten denk ich bei mir. Und wenn schon- ich war heute morgen auf und in meinem Meer- bin fürs Erste zufrieden. Als wir nach Skaven einbiegen sehen wir nur einen Haufen Kites am Strand liegen. Skaven wartet mit zwei Strandabschnitten zum Aufbau und Start auf. Zum einen direkt am Hafen mit einem ausreichend breiten Gras-/Sandgemisch und zum anderen ein bisschen abseits mit einer Wiese zum Aufbau und dem Startbereich unten am Strand. Gerade am kleineren der beiden Spots gereicht es von Vorteil, wenn der Schirm an der Wasserkante gestartet wird und nicht auf der Wiese. Die Parkzone ist gefährlich nah und umliegende Bäume sorgen für Verwirbelungen und Abdeckungen des Windes. Skaven kann bei allen Winden mit Westanteil befahren werden ist scheinbar endlos stehtief und selten überlaufen.

Es Scheint wirklich nicht viel zu gehen und das obwohl Schaumkronen am Horizont zu erkennen sind. Ich nehme den Kitenachwuchs zur Seite. „Egal! Wir versuchen es“

Zum zweiten Mal an diesem Tag werden die Kites aufgepumpt, Leinen ausgelegt, gecheckt und als wir fertig sind da hat es Wind- Wind für zwei klägliche Schläge. Ein dummer Versuch, denke ich mir. Jetzt dümpele ich hier im Fjord vor mich hin- erfolglos, kurbelnd und wäre doch lieber drüben am Meer. Irgendwo in den Dünen, das Buch vor der Nase, Geschichten spinnend, chillend, die Welt vergessend. Wir geben auf, sind etwas ratlos und schauen Oskar fragend an. Der steht in der Mitte und holt sein berüchtigtes „Eins, zwei, drei- pffff „ raus. Nach drei Anläufen pfeift es fröhlich um unsere Ohren- so viel das es reicht lange Schläge zu fahren, ein, zweimal was zu üben, auf die Nase zu fallen- zu jubeln. Dann ist es für eine Weile wieder vorbei. So geht das den ganzen Nachmittag und wir finden irgendwann Spass daran startbereit an der Bar zu stehen, die Schaumkronen zu inspizieren und Oskar sein „Zwei Minuten noch die Herrrrschaften!“ nachzumachen, welches er als Ankündigung durch die Runde schallen lässt das alsbald wieder einige Minuten auf dem Wasser anstehen. Zweimal fällt mir der Schirm vom Himmel in den Fjord. Zweimal schlepp ich den Rastaroo an Land zurück, als ich mich anschicke ein drittes Mal ihn mit Süßwasser zu spülen mault er und ich lasse ihm seinen Willen. Vom ewigen Kurbeln bin ich auch platt und Verdammt! Mir tun die Arme so was von weh. Genug für heute- wir packen ein. Zurück in unserer Hütte Ratlosigkeit ob der Vorhersagen für den Sonnabend. Die ganze Woche wurde dieses Sturmtief gerechnet und vorhergesagt. Sehr beständig und mit stetig steigenden Windwerten. Ungewöhnlich weit im Norden Grossbritanniens ist es über die Insel geplumst und nimmt statt einer Bahn nach Südost in Richtung Deutsche Bucht ausgerechnet am morgigen Samstag Kurs auf den Skagerak, wo es gedenkt in der darauffolgenden Nach seine Luftpakete durch die Meerenge zu schieben um sie dann mit Paukenschlägen ins Balticum sich ergiessen zu lassen. Morgen wird es Sturm geben überall und es ist müssig jetzt zu überlegen, ob wir an die Ostsee fahren sollten. Bis Mittag liegen die Werte noch unter dreißig Knoten, danach soll es kontinuierlich zunehmen. Schauer soll es geben und Gewitter- ich zweifele, ob ich an diesem Wochenende noch mal aufs Wasser komme. Denn auch der mitgebrachte Schirm ist für derartigen Wind und mein Gewicht nicht wirklich ausgelegt. Nach Sauna, gegrilltem, einem guten Bier beschließen wir erneut früh das Bett zu verlassen und einfach zu schauen, ob die Nordsee morgen mit uns reden will. Kurz bevor ich in meine Wellenträume abdrifte seufze ich noch in Richtung schon längst von vergangenen Abenteuern träumenden Oskar „ Du! Mein Lieber! Mach doch das ich morgen entweder den Sturm knacke, wenn er denn dann so heftig hereinbricht, egal ob auf dem Fjord oder der Nordsee oder aber das der Sturm abdreht, wie so häufig und ich den Rhythmus der Wellen da hinter der Düne auch in diesem Jahr finde. Egal was- aber mach bitte, das morgen irgendwas geht und ich weder Angst habe vor dem das mich erwartet- noch meine Grenzen überschreite!“ Dreh mich um und reite die ich weiß nicht wievielte sich perfekt im Sonnenlicht brechende Welle.

Nachts werde ich wach, weil der Mann an den Turbinen da oben sich anschickt den Schlaf mit Arien zu stören. Es zerrt und poltert am Haus, das Holz knackt, auf der Terrasse fällt der Wäscheständer um, die Stühle pustet es auf den Rasen. Verdutzt setze ich mich auf und schlurfe raus ‚Ordnung machen des nächtens, Neos einsammeln, die Schuhe, Stühle festzurren und nicht darüber nachdenken, das Petrus den Regen gerade quer über den Platz fegen lässt. Wird schön. Irgendwann dämmert der Tag und erneut stapfe ich schweigsam mit dem Junior über die Düne. Wir kommen kaum voran, Schwaden von Sand werden auf unseren Nasen abgeladen. Peeling für lau. „Gut gegen Deine Lachfalten“ frotzelt Oskar. Oben angekommen stehe ich etwas ratlos. Der Wind ist voll onshore, Weisswasser soweit das Auge reicht, langgezogene perfekte Wellen -Fehlanzeige, riesige Brecher bäumen sich auf und rollen zerschossen in Richtung Strand. Ich seufze, klemm mir die Möwe unter den Arm, dreh mich um und nehm Oskar die Worte aus dem Mund. „ Kloster- wir fahren nach Kloster, schnell frühstücken und Abmarsch. Ich verzichte darauf in der Waschmaschine da unten einen Rhythmus finden zu wollen- ich knacke den Sturm heute Nachmittag und zwar in Kloster. Einer meiner favorisierten Spots am Fjord, wenn auch der Einstieg recht schmal ist und ich deswegen gerne weiter hinauslaufe zum Starten, so ist draussen in der Weite des Fjordes soviel Platz das man vergisst nicht auf dem Meer zu sein. Kaum Reusen im Wasser, wenig Schiffsverkehr und noch weniger Windsurfer. Kloster scheint ein reiner Kitespot und geht bei fast allen Winden mit Südanteil im Gepäck. Mitunter baut sich weiter draussen eine kleine Kabbelwelle auf.

Oskar rollt die Augen, schweigt still und schüttelt fast unsichtbar den Kopf. Ich drück ihn enger an mich. „Mach Dir keine Sorgen- ich gehe an die Grenzen heute, ich will das und ich brauche das- aber ich werde vorsichtiger sein und sensibler als sonst auf alles achten, das da oben an den Turbinen gegeigt wird. Vertrau mir Oskar“ Schnell werden die Brötchen besorgt, der Kaffee eingeworfen und im Handumdrehen ist die Karawane der sturmhungrigen Meute auf dem Weg nach Kloster. Dort angekommen sehen wir gerade den Achter der Jungspunde ausgelöst im Wasser zappeln. Die Jungs kommen an den Strand und sagen einfach nur „Grenzwertig!“ Jetzt werde ich doch unsicher. Reicht meine Erfahrung, reicht der Mut? Der Windmesser schwankt und pendelt im Mittel um 30 Knoten- Böen von 35 Knoten sind dabei- leider auch das eine oder andere Loch nach unten.Keine leichten Bedingungen. Wir bauen die Murmel auf und beschließen auf jeden Fall zu zweit am Start zu sein. Einer als Sicherung, der andere fährt. Im Moment des Startens schaltet der Turbinenmann einen Gang runter. Juchhe…und ich will geradde zurück zum Strand um dort auf meinen Auftritt zu warten, da wird mir einfach ein 5m² in die Hand gedrückt. Ob ich will? – und ob ich will! Kurze Einweisung, ein freundschaftlicher Klaps auf die Schulter und ich werde entlassen mit den Worten „Mach Dir keine Sorgen, ich steh hier am Strand und passe auf!“ Zwei Schläge brauch ich um mich an den 5er Waroo zu gewöhnen, dann hab ich es im Griff und ziehe meine Bahnen. Inzwischen peitscht es wieder aus allen Kanälen – ein Konzert unglaublich polternder Tonfolgen ergießt sich über das Wasser, so sehr das auch hier Wellen schlagen. So aufgewühlt habe ich es hier noch nie gesehen. Der Himmel über mir ist schwer und grau wie Blei. Ab und an habe ich das Gefühl das Blau der Freiheit über mir blitzen zu sehen. Ich täusche mich. Nach endlosen Runden da draußen, will ich eine Pause machen und mich ausruhen da zwingt mich unerwartet eine wirklich heftige Bö dazu erstmals ein bisschen die Hosen voll zu haben. Oskar ist wie aus dem Nichts neben mir aufgetaucht und schreit mir ins Ohr. „Schirm Richtung Wasser! An den Windfensterrand und aussitzen!“ Ich bin erschrocken, die Hand an der Safety tu ich automatisch, wie der Herr befiehlt und siehe da, der Waroo setzt sich auf den Tipp und die Bö aus. Ich lach Oskar an, der zufrieden sich wieder aufschwingt um sich seinen Nachmittagsimbiss zu organisieren. Kurz darauf wird mir der Schirm abgenommen. Es orgelt aus allen Pfeifen inzwischen, sämtliche Tonfolgen werden im Himmel gespielt. Manchmal weiß ich nicht mehr ob Arie, Ballade oder Rocksong. Kein sanfter Reggaeton dabei. Schade seufze ich. Hörte ich was Sanftes heraus dann würde ich mich doch noch wieder an die Murmel hängen heute Nachmittag. Es ist mir nicht vergönnt. Zufrieden pell ich mich wenig später in wärmende Klamotten, fotografiere die hitzigen Jungspunde, höre Sätze wie „Das sind echt coole Säue da draußen“ Und freu mich- das auch ich dazu gehöre!

Plötzlich bricht sich die Sonne Bahn und die Meute beschließt an die Mole in Hvide Sande zu fahren um den Wellen zu zuschauen. Auf dem Weg dorthin machen wir im örtlichen Surfshop halt und kommen in Versuchung. Es wird ein Sturmkite offeriert, der im Preis fast nicht zu schlagen ist. Da der potentielle Käufer aber noch nie diesen Schirm fuhr, pulen wir einen der Meute gehörenden aus dem Bus und wollen ihn ausprobieren. Wir stehen in Hvide Sande am Spot- ablandig kommt der Wind hier. Wir überlegen, ob testen jetzt wirklich klug ist. Schauerböen fegen über unsere Köpfe hinweg. Oskar schimpft auf uns leichtsinnige Jugend, wettert und zetert. Wir halten im den Schnabel zu und entgegnen in die Tiraden hinein. „Der Tester ist ein erfahrener Kiter. Hier ist es überall flach. Im schlimmsten Fall kommt er halt zu Fuß zurück.“

Wir Mädels fangen schon mal an den Schirm aufzubauen. Drei Mädels für nen Typen. Ein wahrlich amüsantes Bild für die umstehenden Windsurfer. Wir selbst müssen über diese skuriele Situation laut lachen. Die Bar wird erklärt und gestartet. Das Vergnügen dauert genau zwei Schläge, dann liegt der Evo im Wasser und eine der Leinen hat sich um eine Boje gewickelt. Zeternd steht Oskar am Strand und mault“ Ich habe es Euch gesagt. Es ist zu böig hier, zu gefährlich und viel zu abgedeckt als das der Typ hier nen Schirm testet. Ihr seit leichtsinnig- verdammt! Ich bin sauer auf Euch! Achselzuckend schauen wir uns an , ziehen die Köpfe ein, bauen ab und wechseln zurück nach Kloster. Dort angekommen messen wir dann aber im Mittel 35 Knoten. Test ist gegessen für heute- das geht jetzt wirklich nicht mehr. Also zurück zur Hütte. Inzwischen sind wir alle so durchgefroren, das wir nur noch einen heissen Tee trinken wollen und Kekse essen. Beschlossene Sache und nach der Vesper finden wir uns am Strand wieder und lauschen dem grossartigen Konzert das die Wellen uns inzwischen bieten. So einen Krach, so ein beruhigendes, dumpfes Grollen habe ich selten zuvor gehört. Ich werde nicht satt vom Anblick dieser Kulisse, überwältigt von dieser Naturgewalt falle ich staunend auf den Hintern, stütze das Kinn auf und lasse all diese Grossartigkeit über meine Augen mitten in mein Herz fliessen. Wie gerne würde ich da jetzt draussen sein, hoch und runter die Wellenberge, in den Swich und wieder raus, Kicker suchen, mich fallen lassen, hingeben, ergeben. Da kommen tatsächlich noch zwei Typen an den Strand und schicken sich an kiten zu gehen. Neid flammt auf- purer Neid und Ehrfurcht. Bei 40 Knoten in die Nordsee. Wahnsinn- die sind total verrückt und gut- verdammt gut. Ich sitze da in den Dünen und denke bei mir…nehmt mich mit, nehmt mich einfach nur auf einer klitzekleinen Welle genau jetzt mit.

Klappt natürlich nicht- Oskar knappert an meinem Ohrläppchen, kuschelt sich in meinen Kragen und säuselt mir zu „Du warst heute großartig da auf dem Fjord, furchtlos und unerschrocken – Deine Wellentage kommen wieder. Heute ist einfach mal ein Abend für schwere Jungs!“ Langsam trenne ich mich von der Szene- als ich die Düne rauf laufe begrüßt mich der goldene staunende Mond. Wat schön seufze ich, lächle, schnapp mir mein Handtuch und verkrümle mich vor der leckeren Pasta und dem noch leckereren Shiraz in die Sauna. Spät am Abend entert unsere Karawane die Party, trinkt noch mehr Wein, philosophiert über Wind, Wellen , Wetter und die TingTings, warum geheime Spots nie lange geheim bleiben, wie Pianos funktionieren, den neuen Tarantino und die Tatsache das Murmel wirklich zickig zu sein scheint. Spät verlassen wir die Lokalität- es heult so sehr da draußen, das Mützen festgehalten, werden, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Wir gehen noch mal über die Düne. Ich kann nur noch rückwärts gehen. Mit dem Gesicht in den Wind kann ich nichts sehen, weil ich alles zuhalten muss da der peitschende Sand meine Wangen malträtiert, als ob jemand zeitgleich tausende Stecknadelspitzen unter die Haut fahren lässt. Das Meer ist gigantisch, atemberaubend und einzigartig. Der volle Mond schickt silbriges Licht in die Nacht und ehe wir es uns versehen hat der Verrückteste unter uns sich die Sachen vom Leib gerissen und verschwindet im Meer. Zweimal taucht er kurz unter dann kommt er mit schelmischen Grinsen im Gesicht zurück, schmeißt sich fröhlich plappernd in die Jeans- barfuss machen wir uns auf den Weg in die Hütte. Oskar verdrückt sich dort sofort in seine Ecke, stopft den Kopf unter den Flügel, murmelt „Gute Nacht“ und entschwebt in seine Träume. Ich schicke mich ebenfalls an meinen Träumen zu frönen, da habe ich plötzlich so ein Gefühl. „Ich muss noch mal los“ höre ich mich sagen und renn aus dem Haus. Wie und warum, ich weiss es nicht – nur das ich es muss- spüre ich. Komisches Leben manchmal. Ich stosse zu unserem Pärchen, zieh meine Schuhe aus und tanze über den Teppichboden- einfach mal so, an einem Sonntagmorgen im Oktober mit einer fulminaten Windprognose für die kommenden Stunden im Kopf und dem Wissen, das ich gerne weiter meine Grenzen austesten würde. Keine Ahnung wie früh oder spät es ist als ich mich schlafen lege. Ich träume nichts in dieser Nacht- ich lausche nicht dem Jammern des Windes, dem Rollen des Meeres. Ich schlafe tief und fest und ganz befreit. Heute habe ich Grenzen getestet, meine Kraft gemessen mit dem Pustemann und gewonnen. Morgen werden wir sehen.

Helllichter Tag ist es als ich wach werde. Die anderen haben schon den ersten Kaffee getrunken und ich sehe Stirnrunzelnde Gesichter. Der Wind hat weiter zugenommen, unermüdlich schickt er die Sandschwaden über die Düne, feiner Nebel so scheint es. Wir frühstücken, räumen die Hütte aus, beladen die Autos, entern ein letztes Mal die Düne, bestaunen die tosende See, sehnen uns nach Meer und Weite und Freiheit, checken aus und fahren zur Mole. Satt und gigantisch, laufen hier die Wellen rein, Arien schreien uns an, ein Gejaule in den Tauen der Segelschiffe- Himmel! Was für eine Gewalt. Entspannt schlendern wir durch den Hafen- Hunger meldet sich und da wir am Nachmittag noch wieder kiten wollen, bei abnehmendem Wind beschliessen wir unsere Mägen mit frischem Fisch zu füllen. Ein liebliches Restaurant, die Sonne, eine geschützte Ecke, 10 lachende Nasen und das zarteste und frischeste Fischfilet seit ewigen Zeiten. Wir schauen dem Wasser im Hafenbecken zu, wie die Wellen immer und immer wieder über den Rand schlagen- irgendwann läuft es über und wir fragen uns wie weit die Nordsee noch gedenkt heute in Richtung Fjord ihre Wellen zu schicken.

Wir fahren weiter nach Ringkjöbing. Ein Stück hinter dem ausgeschilderten Windsurfspot gibt es einen weiteren Strandzugang der nicht so sehr von Bäumen umgeben ist und daher viel weniger Verwirbelungen parat hat als der weiter in Richtung Stadt gelegene Spot für die Windsurfer. Ringköbing ist fahrbar bei östlichen bis südwestlichen Winden. Wind. Nimmt der Noranteil überhand wird der Wind ablandig und Skaven oder Bork Havn eignen sich besser zum kiten.

Wir biegen rechts ab und fahren den kleinen Feldweg an den Strand. Einsam schaukelt ein Boot im Sturm- ein Klappstuhl lädt zum Verweilen ein, die Hagebutten leuchten rot und prall im Licht des Nachmittages. Bis auf das Konzert aus dem Himmel hören wir nichts. Gevatter Wind hat fürs erste mit den Paukenschlägen an Böen ausgesetzt. 7er und 5er werden aufgebaut, die Murmel…ich entscheide mich dann gegen kiten. Heute bin ich müde und erinnerungsschwer, heute ist ein Tag an dem werden Grenzen nicht ausgetestet, sondern überschritten- Heute gehe ich nicht aufs Wasser- heute bin ich vernünftig! Stattdessen sicher ich am Strand, frierend im Neo mit heissem Pfefferminztee versorgt. Die Session der beiden Mutigen ist auch schnell vorbei- dunkle Graupelschwere Wolken wälzen sich über den Horizont. Zeternd holt Oskar die beiden Unerschrockenen vom Wasser wohlwissend und zu recht. Auch wenn er erst auf Unverständnis stösst, nach Öffnen der Schleusen im Himmel sind sie dankbar. Die Sonne senkt sich langsam zum Schlaf, mit ihren letzten Straheln zaubert sie den , ich weiss nicht wievielten , Regenbogen an diesem Sonntag an den Himmel, der satte Vollmond steigt auf. Es ist kalt geworden und spät und wir begeben uns auf die lange Fahrt in die grosse Stadt zurück. Schweigam, melancholisch hängt jeder seinen Gedanken nach und doch haben wir alle dieses satte, von Glück und Weite , Wind und Freiheit kündende Lachen um die Nasen.

4 Länder, drei Tage, zwei perfekte Spots, ein wunderbares Wochenende

3 Kommentare

Freitag- Evi und die Schweiz Ein Abend mit Herrn D. und Nelson

Alle paar Monate weilt meine liebe Bekannte Effi aus Locarno in ihrer Hamburger Gästewohnung. Und immer, wenn Effi  in Hamburg weilt, dann tankt sie neben ausreichend Kultur, Weltstadtflair, Meernähe auch Familie und Freunde. Und lädt sehr gerne zum Dinner ein. Ich habe Evi vor Jahren kennengelernt. Damals lebte Ihr Mann noch und sie bewohnten dieses riesige Anwesen in der Schweiz. Heute ist der Palast verkauft und eingetauscht in eine Altersresigenz am Lago Maggiore. Seit meinem ersten Besuch in Effi’s Hamburger Domizil greift sie immer wieder auf meine Dienste zurück, wenn sie zum Dinner einlädt. Effi ist toll, so herzlich und nett und Effi hat genaue Vorstellungen welches Steak zubereitet werden soll, wie lange abgehangen, welchen Wein und Champagner und welches Geschirr. Genau darum glaube ich, kehre ich immer wieder gerne in ihre vier Wände zurück, um ihr bei den Dinnern unter die Arme zu greifen. So finde ich mich an diesem Freitagnachmittag also am Alsterlauf mit Herrn D. in Gestalt des Koches wieder. Wie immer hat Evi entgegen aller meiner Ratschläge, den Tisch eingedeckt, das Silber poliert, die Platzteller verziert und die Blumendeko aufgestellt. Außer mit Ihr zu Plaudern habe ich erst einmal nicht viel zu tun. Ich schaue Herrn D. bei seinen Vorbereitungen über die Schulter. Lasse mir das Menü erklären, wie Flusskrebsschwänze gesäubert werden, wo es die besten Steinpilze zu kaufen gibt, was ein Pastinakenstampf ist. Pünktlich um 19.00 kann ich den ersten Gästen aus den Jacken helfen, die mitgebrachten Blumen in Vasen verteilen, den Damen Cremont servieren und den Herren Champagner. Dabei muss ich über Nelson klettern, der Labrador von Effis Sohn Karl, welcher sich mit Eintreffen in der Küchentür postiert hat, um eventuell ein bisschen zu naschen, vom Stubenküken, dem Steak oder der Seezunge. Nelson ist super- immer an meinem Schürzenzipfel habe ich zumindest heute abend eine treue, nicht widersprechende, anderen Frauen hinterher schauende, mich absolut rücksichtsvoll und korrekt behandelnde Begleitung. Das finde ich super- dieser Abend kann nur toll werden. Cremont nachgeschenkt, Effi die Uhrzeit angezeigt und darauf gepocht das Platz genommen wird. Herr D. und ich haben einen Deal, welcher lautet noch vor 00.00 im Bett zu liegen- naja zumindest die Wohnungstür aufgeschlossen zu haben. Amuse Gueule wird angereicht- eine Frühlingsrolle mit Stubenküken gefüllt, etwas gebratener Spargel, ein Hauch Jus vom Hauptgang. Ah’s und Oh’s aus dem Esszimmer, während wir in der Küche die Vorspeise, Flusskrebse mit Hummersauce, ein bisschen Seezunge auf gebratenem Spargel und Steinpilzen anrichten. Schnell noch ein wenig Deep Blue von Tesch nachgeschenkt, die Tellerchen ausgehoben und die Vorspeise vorgesetzt, Schön von links, auf die Schultern der Gäste achtend und Nelson der um meine Füsse streicht, dieser Hund ist unersättlich, scheint ewig Hunger zu haben. Draußen auf dem Alsterfleet spielt die sinkende Sonne mit den Nasen der trainierenden Stand Up Paddler und dem Laub der Eichen im Garten. 20.30 und wir haben die Vorspeise abgearbeitet. Herr D. hat die Portionen großzügig bemessen. Ich beschließe meinen Gästen eine Pause zu gönnen um die Mägen sich erholen zu lassen. Versorge Nelson mit Wasser- der Fisch war für einen Labrador recht gut gewürzt, probiere das Pastinakenstampf ( ein edles Kartoffelpü) , beschließe das es außerordentlich gut mundet. Spüle Teller und Silberbesteck, wechsle den Wein am Tisch aus in Spätburgunder und schon richten wir den Hauptgang an. Mächtig sind die Scheiben vom Filet Wellington auf den Tellern, ich würde jetzt beginnen zu streiken. Nicht das ich kein Steak mag, ich könnte einfach jetzt nicht einen Bissen mehr Bohnen, Vichykarotten, Kartoffeln, geschweige denn proteinreiches, zartestes Filet in meinem Bauch versenken. Nelson kann und so denkt Herr D. dann auch, das mir sein Steak so gut schmeckte, dass ich es in Windeseile verschlang. Nelson drückt mir seine Zuneigung schon den ganzen Abend über aus, nach dem Hauptgang jetzt bin ich gewiss, dass er mich beim nächsten Dinner bei Effi überschwänglich begrüßen wird. 22.30 – auch das Dessert ist serviert und selbst davon hat Nelson gekostet. Für mein Empfinden schmeckt ihm das Bitterschokoladenparfait am besten. Effis Gäste loben Herrn D.’s Kochkünste in den höchsten Tönen, Effi erzählt derweil, wie sie mich kennenlernte, ich lausche während ich den Espresso serviere und die Petit fours auf den Tisch stelle , der sanften Unterhaltung. Draußen im Garten ist es still und friedlich, der Mond schält sich hinter den Wolken hervor , um zu schauen ob da unten an der Alster alles rechtens ist. 23.00 – die Küche ist gewienert und geputzt. Herrn D.’s Kisten im Auto versenkt, Effi herzt und umarmt mich. ‚Bis zum nächsten Mal meine Liebe. Ich freue mich darauf und bis dahin passen Sie bitte auf sich auf.’ Effi ist immer ein bisschen besorgt um mein seelisches Gleichgewicht, welches sich ihr, warum auch immer, zu offenbaren scheint, wie ein Buch. So sehr ich versucht und bemüht bin, meine Stimmungen vor ihrem wachsamen Auge zu verbergen, so sehr merkt sie ganz genau, wie es hinter meinem Lachen gerade um die Seele bestellt ist. ‚Klar! Effi! Mache ich. Wir sehen uns im Oktober!’ Schon bin ich auf dem Ring 2 Richtung Wohnungstür. Um zwölf sperre ich auf, mich empfängt Stille und Einsamkeit, Ruhe. Noch ein Glas Rotwein vor dem Zubettgehen, den Wecker gestellt und erfreut darüber, das mein Auto schon fertig gepackt unter der Linde vor dem Haus steht, versuche ich das Maximum an Schlaf auf den kommenden zweieinhalb Stunden zu holen.

Samstag – die Entdeckung eines Traumspots Sandbank mit Robben

02.55 blinkt es auf dem grell erleuchteten Display des Weckers, 02.55 an einem Samstagmorgen. Jeder Vernünftige hart arbeitende Büromensch schläft an diesen Tagen aus. Ich schüttele den Kopf, ob meiner Verrücktheit. Ein leichtes Grinsen stiehlt sich in mein Gesicht. Ich bin müde, bleiern hängt der Schlaf in meinen Knochen. Kaffee wird doppelt stark angerichtet, Dusche heißer als normal eingestellt, kurz vor Schluss schnell auf eiskalt gedreht und im Handumdrehen bin ich putzmunter. 03.15 lasse ich den Motor an und biege auf die Hauptstrasse zur Autobahn, hinauf ans Meer ein. Thousand True Stories begleiten mich, ich lasse Gedanken fliegen, gestern Nacht die Schweiz, heute Daenemark, morgen die Heimat und am Montag Holland. Für Aussenstehende muss ich verrückt und durchgeknallt erscheinen. Ich persönlich freue mich gerade über all die Turbulenzen in meinem Leben. 06.00 – ich habe die Fähre pünktlich geschafft. Die Sonne geht auf, postkartengleich, entsteigt sie den Warnowwiesen und schickt sanftes , milchiges Licht über das Meer vor Markgrafenheide, golden spiegelt sie sich in den Fenstern des weißen Hotels am Meer.

Sonnenstrahlen auf der Nase. Sie bahnen sich ihren Weg über meine geschlossenen Augen mitten ins Herz. Um 09.00 bin ich vis a vis der Heimatstadt am Strand und freu mich über weiße Schaumkronen. Schnell aufgebaut und ab aufs Meer. Denke ich bei mir, pfeife eine leichte Melodie, während ich die Bar abwickle. Am Ende stelle ich mit Erschrecken fest, das zwei der Leinenverlängerungen fehlen. Oh Mist! Die hängen am 7einhalber und schlummern wahrscheinlich friedlich irgendwo auf dem Darss. Mist! Wird es wohl schwer werden die Sandbank draußen zu erreichen. Ein paar Versuche starte ich trotzdem- es reicht nicht. Leider. Der Wind nimmt ab- ich versuche 13,5 m² – irgendwie komm ich mit der Größe nicht so gut zurecht, wie ich es gewohnt bin. Egal- es ist Sommer, es ist warm und wenn ich nicht kitend zur Sandbank komme, dann eben schwimmend. Schnell habe ich die Fahrrinne durchpflückt und begebe mich auf der Sandbank auf Entdeckungstour. Ich laufe und laufe und laufe, immer geradeaus- eine halbe Stunde, eine ganze Stunde, die Sandbank nimmt kein Ende. Maximal knietief, glasklar, feinster Sand, kaum Muscheln- Karibik ist nichts gegen die atemberaubende Weite, Klarheit und Stille die mich langsam einhüllt und verschlingt. Weiter immer weiter. Irgendwann komme ich am Ende an. Ich bleibe stehen, staunend ob der Mächtigkeit mit der sich die Ostsee am Rand der Sandbank bricht. Robben liegen hier faul in der Sonne, Möwen und Kormorane dazwischen. Am Horizont ein Windpark, der Strand mit den Freunden und unseren Kites ist klein wie ein Stecknadelkopf. Ich bin erschöpft, sehr erschöpft. Traue mich allerdings nicht, mich mitten zwischen den Robben im warmen Sand auszustrecken und ein bisschen auszuruhen. Ein wenig Bedenken habe ich, das sie mich misstrauisch beäugen werden und aus Furcht vor mir Mensch, in die Fluten der Ostsee abtauchen. Also trete ich den langen Rückweg an, schimpfe mich unvorsichtig, denn die Beine sind müde vom Marsch im Wasser. Langsam, Schritt für Schritt nähere ich mich der Fahrrinne.

Der Wind nimmt wieder zu, ein Kite wird hochgeschmissen. Und ich werde fröhlich umrundet- ein Spaß der Extraklasse. Am Strand wieder zurück, könnte ich es theoretisch auch noch mal mit dem 10enhalber Schirm versuchen, der Wind reicht jetzt aus. Ich könnte, wenn die schwammigen Oberschenkel nicht wären. Bei mir ist Ende des Programms heute. Ermattet lasse ich mich in den Sand fallen und schlafe den gerechten Schlaf der Meermädchen. In mein Unterbewusstsein und die Träume dringen die Gespräche der Freunde, die sich mit Kitetheorie, Schirm Auf- und abbauen, Leinenknüpfen, Sprüngen und der Schönheit dieses Tages beschäftigen. Ich tauche wieder auf, als Worte an mein Ohr dringen ’Was spielen wir jetzt? SabinChen bist Du wach? Komm wir spielen!’ An meinen Füssen wird gezerrt, meine Nase mit Gras gekitzelt. Die Siesta ist beendet. Am Horizont taucht die Fähre auf, schneidet majestätisch die Wasser, schickt saubere Wellen an den Strand. Wir packen unseren Kram, schicken einen letzten Blick in Richtung Sandbank und Robben und beschließen ‚Dieser Tag war genau richtig!’ Ab auf die Fähre, heimwärts und dann auf den Darss zum Rest der Meute den Sonnenuntergang inhalieren, Zelte aufbauen, Grillen, Rum die Kehlen hinunterlaufen lassen und Kitergarn spinnen. Irgendwann in dieser Nacht falle ich auf den Gästeplatz im Zelt und schlafe tief, traumlos und so fest, wie es die kaputte Luftmatratze zulässt.

Sonntag – endlich mal wieder den Darss gerockt Suedwestwind und der Bodden sind zwei nicht zusammenpassende Komponenten

Du schau mal, die Sonne geht auf!’ Gott! Es ist erst 06.00 am Morgen. Ich schicke einen kurzen Blick aus dem Zelt in Richtung orangeroter Feuerball, rolle von der unbequemen Luftmatratze und gebe mich auf dem nackten Zeltboden noch einen Moment meinen Träumen hin. Um 08.00 ist Aufstehen angesagt, die Wetterdienste prophezeiten gestern abend satten Südwestwind. Wir vertrauen darauf und sind noch optimistisch, Nutellabrötchen verschwinden in unseren Bäuchen, wir jammern dass es keinen heißen Kaffee gibt. Niemand allerdings mag die Szene verlassen um im Nachbarort das schwarze, belebende Gesöff zu besorgen. Es könnte der Beginn des Windoratoriums verpasst werden. Es räuspert sich jemand im Orchester, dabei bleibt es auch. Optimistisch werden Kites aufgebaut, ein paar schwache versuche. 10.00 wir postieren uns in Stühlen am Strand, beratschlagen, messen Wind, sehnen uns Wind herbei. Eine halbe Stunde später wird ein Entschluss gefasst und zwar der Entschluss das drüben auf der Meerseite bestimmt was geht. Also bauen wir ab, packen zusammen, springen im Neo ins Auto und versuchen unser Glück. 12.00 – wir liegen in Neuhaus am Strand und warten auf Wind. Immerhin hat es die Sonne wieder geschafft den Himmel blank zu putzen und wärmt mit ihren Auguststrahlen unsere Herzen und Nasen. 13.30 – weiße Schaumkronen in hundertfacher Anzahl am Horizont, setzen sie ihren Weg in unsere Richtung immer weiter fort. Die präparierten Schirme werden gestartet und wir vergnügen uns ein Stündchen in den Wellen vor Neuhaus. So plötzlich wie er kam, ist der Wind auch schon wieder weg. Ich warte bis um drei, dann gebe ich auf. Wohlwissend das mich auf dem Heimweg wahrscheinlich biegende Bäume und knatternde Fahnen daran erinnern werden, das Warten noch immer belohnt wird. Leider fehlt mir die Zeit. Bevor ich mich auf den Rückweg nach Hamburg mache, möchte ich den Eltern einen Besuch abstatten. Auf halber Strecke nach Rostock fangen die Bäume an sich im Rhythmus des Südwest zu biegen, die Fahnen stehen stolz im Wind. Ich ignoriere diesen Umstand tapfer, geniesse den frischen Dorsch im Garten meiner Eltern und eh ich mich versehe steh ich auch schon im sonntäglichen Rückreisestau der A1. Spät komme ich daheim an, das Auto entrümpeln, die Tasche umpacken, schnell eine Ladung Klamotten durch die waschmaschine jagen. Die Zugtickets für morgen früh ausdrucken, einen Gute Nacht Rotwein, ein paar Fotos bearbeitet, schlafe ich über meinem Buch ein. Erschöpft, ermattet , platt und voll mit Eindrücken, weiß ich noch nicht, wie ich den Montag überstehen soll.

Montag – Traumspot Nummer zwei Von Hamburg nach Den Haag und zurück

„Sehr geehrte Reisende, in wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Enschede. Ihre nächsten Anschlussverbindungen sind…“ Monoton dringt die Stimme des Zugbegleiters in mein Ohr. Ich tauche aus meinem Traum auf. Wie so oft ritt ich perfekte Wellen ab, hoch und wieder herunter, den Kite im Auge, das Waveboard fest mit den Füssen verschmolzen, die Klarheit des Meeres inhalierend, lachend. Ein Blick aus dem Zugfenster holt mich in die Realität zurück, graue Wolkenschleier ziehen am Himmel entlang, Regen klatscht gegen die Fenster, novembergrau mitten im August. Vorgestern Dänemark, gestern der Darß und heute Holland. ‚Schmidt! Du bist komplett durchgeknallt!’ schimpfe ich mich. Schüttele die Müdigkeit aus den Gliedern, fülle dampfenden Kaffee aus der Thermoskanne nach, hebe das von meinem Schoss gerutschte Buch auf und klappe es zu. Ich habe einen Termin für ein Magazin in Scheveningen angenommen, geheim und verschwiegen, aufregend und spannend werden die kommenden Stunden. Gedankenverloren wechsle ich die Züge. Auf dem Nachbargleis steht ein ICE nach Amsterdam- den würde ich zu gerne entern und einen Umweg für einen Kaffee und einen kleinen Plausch über Lebensphilosophien, Lachen, Träume und das Meer in der Hauptstadt in Kauf nehmen. Geht nicht, der Termin drückt, vielleicht ist es ja auch viel zu unpassend, einen Hauch zu abenteuerlich und so besteige ich die niedrigere Zugklasse weiter in Richtung Nordwesten. Den Haag – ich war noch nie in Den Haag und als ob die Stadt wollte, dass ich nicht zum Wiederholungstäter werde begrüßt sie mich mit Nebelsuppe an Sprühregen. Meine Laune sinkt, der Hang zur Melancholie nimmt zu. Bevor ich in Tränen ausbreche, das ich einsam und verloren am Bahnsteig stehe, das Leben so trüb und verregnet am Montag dahergeschlendert kommt, wechsle ich die Musik im Ipod auf knallharten Rock- das hat noch immer geholfen. Ein Coffeeshop wird beschlagnahmt, das WLan mit dem Anschluss an mein soziales Umfeld ausreichend genutzt und eine Stunde später schon ist mein Leiden vergessen. Endstation Scheveningen Strand. Es regnet noch immer, der Wind hat zugenommen, Kiteschirmchen und Board sind für mich schon präpariert. Grandios so hofiert zu werden. Ich bin wichtig, denke ich bei mir. Unverhofft einfach mal wichtig. Eigentlich kann ich mit so was nicht umgehen, meine Melancholie beschliesst heute allerdings eine Ausnahme zu machen und ich lasse mit mir machen. Ein weiter, endlos langer Sandstrand erwartet mich, Wellen rollen hier herein, lang, sauber brechend, mächtig rollen sie an den Strand. Der Neopren wird aus der Tasche gepult und auf den Körper geschmissen, ein Trapez ausgesucht- auf geht die Reise. Scheveningen- warum eigentlich bin ich noch nie auf die Idee gekommen, statt der 5 Stunden nach Hvide Sande in Dänemark , die nur eine Stunde längere Fahrt nach Holland anzutreten? Ein Kleinod, eine Traumkulisse, weites endloses Meer, ein Leuchtturm, eine Mole, ein Strand so breit und sauber und feinsandig, ein perfekter Spot bereiten mir eine der erlesenen, unvergesslichen Stunden meiner Kitekarriere. Die Welle hier lässt sich gut lesen, abreiten ist total easy. Klar musst Du aufpassen und dich dem Rhythmus anpassen, ein wenig verschmelzen mit den Sets. Trotzdem ist es nicht schwer. Ich schnappe mir eines dieser Monster nach dem nächsten, das Himmelsorchester setzt zum Finale an, die Windstärke schrammt die 7er Marke, mein Schirm wird bald zu groß. Noch einen Schlag raus und auf einer Welle trudele ich wieder an den Strand. Traumspot Nummer 2 innerhalb von 48 Stunden. Europa- Du bist ein Paradies für Surfer jeglicher Coleurs. Lachend begebe ich mich in das konspirative Geheimtreffen- bin ehrlich gespannt was mich erwartet. Verlasse die Location wenig später, lehne die Einladung zum BBQ dankend ab und verbringe die Zeit bis der Zug wieder in Richtung Hamburg startet am Strand, dem Schauspiel der Nordsee staunend zuschauend, mich darauf freuend das ich bald wieder hierher kommen werde, mit Freunden ein langes Wochenende im Wellenparadies Scheveningen. Die Sonne hat am Ende heute den Kampf gewonnen, weiße Schaumkronen am Horizont, das Blau des August über mir, der Strand karibisch leuchtend, endlose Weite und ein wenig abseits Stille, Einsamkeit, Freiheit. Möwen kreischen, irgendwo in der Ferne Kinderlachen. 17.00 – der Zug rollt aus dem Bahnhof Den Haag Central, mir gegenüber hat es sich eine Oma auf dem Weg zu den Enkelkindern gemütlich gemacht. In ihrem, für mich so seicht und warm im Ohr klingenden niederländischen Akzent, erzählt sie von den Mädchen und dem Jungen, allesamt natürlich die hübschesten und aufgewecktesten Enkelkinder der Welt…. Später dann, Enschede ein zweites Mal an diesem Montag. Ich verstehe nicht was die Stimme aus dem Lautsprecher mir erzählt, sie erwähnt Amsterdam…Amsterdam! Ich könnte einen Umweg…. Denke es, verwerfe es und steige in den Zug nach Münster. Die Sonne senkt sich langsam hinter den Horizont. Noch ein paar Stunden dann liege ich endlich wieder in meinem Bett in Hamburg, kann meinen Träumen frönen und mich auf den Rest der Woche freuen.

Vier Worte umrahmt von einem Lachen

Hinterlasse einen Kommentar

„Du bist stark und klug und schön. Pass auf Dich auf“

Den Blick im Horizont verankert, die Weite inhalierend, sanfte Sommerluft um meine Nase  steh ich auf der Fähre und die Insel wird kleiner und kleiner und kleiner. „Pass auf Dich auf“

Heißt das nun ich soll nicht mehr als einmal im Monat 40 Knoten rocken, die zu bezwingenden Wellenberge in Kategorie 1( lässiger Kabbel) , 2 ( sanfter Brummbär in 2 meter hoch  ) , 3 ( respekteinflössender Feger in 3 Metern ) , Kategorie 4 (schmerzverursachende Betonwand ab 4 Meter) einteilen, heisst es ich soll meinen Weg gehen, Einparken von Bussen mit langen Radständen üben oder soll ich weiterziehen? Zu letzterem hätte ich gerade jetzt nicht übel Lust. Weiterziehen, einfach weiterziehen, nach Norden wo die Tage scheinbar nicht enden wollen im Sommer, die Wellen höher werden, der Wind beständiger, weg von der Stadt und ihrem Lärm, den klappernden Tastaturen im Büro, dem Klingeln der Telefone, weg von den Klimaanlagen, drückender, unerträglicher Hitze.

Tage so unbeschwert, klar und nur mit dem Rauschen von Wind und Welle im Ohr liegen hinter mir. Ich durchstriff Dänemarks Nordwesten, oberhalb von Hvide Sande schlug ich mein Basislager auf um die Spots bis hoch nach Klitmöller abzufahren. Hängen geblieben bin ich am Nissumfjord auf einem einsamen Campingplatz. Ließ mich vom Sturm beuteln, focht Kämpfe mit meinem kleinen Schirm aus, behandelte das Signiture wie einen Rohdiamanten, was dazu führte, das er nicht oft auf den knöcheltiefen Fjord zum Training mit durfte, gab mich dem nächtlichen Trommelkonzert von Millionen Regentropfen hin, saß nachts um 12.00 im Dämmerlicht am Strand um zu warten das es dunkel wird, wie immer auf der Suche nach Antworten auf meine Fragen.  Es wurde nicht dunkel, das wird es nicht Im Juni im Norden Dänemarks. Die ganze Nacht ein einziger, weichgezeichneter Dämmerzustand. Wellenspots, ähnlich schön wie Hvide Sande, an der Mole, lernte ich kennen, stellte erneut fest das Dänemarks Menschen einfach so einfach entspannt und unglaublich freundlich sind. Hier steht die Zeit still, sie scheint still zustehen. Auf der Hälfte der Zeit hatte ich vergessen ob Mittwoch oder Donnerstag war. Arbeiten? Keine Lust und auch keine Chance, Dänemarks WLan Versorgung sorgt dafür, dass an Arbeiten nicht zu denken ist. Das weite Meer, die Dünen, die Einsamkeit an den Stränden ergriffen Besitz von mir und durchströmten Körper, Seele und Geist mit einer ungeahnten Ruhe und Ausgeglichenheit.  Nach dem ersten Sturm, striff mich ein Hauch Sommer. Endlich FlipFlops und Rock am Tage, vom Wind geschützt war es gar brütend heiß. Lesen, träumen, Geschichten spinnen, Dänemarks Zauber entzauberte meine Schreibblockade.

Vormittags Training auf dem Fjord, nachmittags Eiscafé in Lemvigs Hafen, der im Sonnenschein, vom Hügel hinunter aus betrachtet, wahres Mittelmeerfeeling versprüht. Hier ein Haus besitzen, in die Veranda einen  Schreibtisch und darauf einen Laptop (mit Rechtsschreibprogramm) mehr bräuchte ich nicht – ein Traum. Morgens kiten, ein Frühstück, Schreiben, ein Spaziergang am Meer, weiter schreiben und abends in den Sonnenuntergang surfen.

„Pass auf Dich auf“

Eine Robbe schaut verdutzt aus dem Wasser hoch zu mir, wie ich da träumend an der Reling stehe, ein Lächeln auf den Lippen und der ersten Hälfte dieses Sommers nachschmeckend. Die Insel wird kleiner und kleiner und kleiner. Jetzt ist sie nur noch ein Strich am Horizont, der im Dunst verblasst.

Dänemarks Norden wurde erneut von einem Sturm heimgesucht. Langsam schlich er sich heran, war in den Karten nicht als das Ungetüm ausgewiesen, als welches er dann die Bühne betrat. Früh am Morgen begann der Wind mit leichtem Addagio, perfekt um in die Welle zu gehen. Innerhalb von zwei Stunden konnte ich weder den Schirm noch das Board gefahrlos kontrollieren. Erstmals in meinem Leben hatte ich gehörigen Respekt alleine auf dem Meer da draußen. Niemand war mir gefolgt zu dieser frühen Stunde, ich wechselte auf den Fjord, baute 7m² auf und wollte raus „Meinst Du dass Du jetzt kiten solltest. Der Typ, der da gerade vom Wasser kommt wiegt 90 kg, fährt auch einen 7m² Schirm und sieht unentspannt aus“. „Ich gehe jetzt kiten“ höre ich die Antwort aus meinem Mund“. Respekt ist am Start, Respekt und Wachsamkeit. Es folgen die atemberaubensten Stunden meiner Kitekarriere. Wind, Sturm – Orkan, ein Oratorium der Extraklasse. Brachial ballern die Böen in den Schirm, gleißendes, messerscharfes Sonnenlicht, Gischt in meinem Gesicht, Salz in den Augen, brennende Arme, klappt eine Halse into swich nach der anderen. Ich reiße ein Feuerwerk ab, kehre erschöpft an den Strand zurück und werde empfangen mit dem Satz „Gerade haben wir 40 Knoten gemessen“.

„Pass auf Dich auf“

Ist es dass, was mir die Worte sagen wollen, nicht ständig auf der Suche zu sein, gesteckte Grenzen zu überschreiten?

Der Sturm ist kalt und grausam, er dreht auf und erreicht nie gehörte Klangfolgen. Nachts kann ich nicht schlafen so sehr wird der Bus hin- und hergeschüttelt. Am Morgen ist der Spuk vorbei so schnell wie er begann. Ich mache mich auf den Weg nach Süden- Römö mit seinen weiten Stränden. Stehst Du in Lakolk hast Du das Gefühl am Horizont küsst der Strand den Himmel und ein Meer gibt nicht. Abends gesellt sich Ralf der Däne zu mir und meiner Flasche Wein. Ich höre spannende Geschichten, wir lauschen den Lärchen und stoßen auf die kürzeste Nacht des Jahres an. Früh um 05.00 setze ich über auf die Insel, tauche ein in die Welt des Profizirkus. Es wird lauter. Wie gut das Manni in den Dünen fernab vom Zirkus steht. Morgens ein Bad im Meer, ein Gruß an den Tag, eine Dusche, die eine und andere Session in der Morgendämmerung, weit bevor die anderen den Strand bevölkern. Sonne den ganzen Tag, Hitze, noch immer FlipFlops und kurze Röcke, die eisigen regengepeitschten, sturmdurchdrungenen Tage Dänemarks verblassen in der Erinnerung.  Ein Lachen das  verzaubert, ungewollt, Hände, Geschichten, die ich nie hören wollte, ein kurzer Moment der Enttäuschung, des Schmerzes, Verstehen.

Ich schüttele Hände, begrüße Menschen, halte Smalltalk und meine Gedanken sind entweder in den einsamen Dünen oder weit draußen auf dem Meer. Ich spule das Programm ab, so viele Eindrücke dass ich das Gefühl habe betrunken zu sein. Wellenreiten am Abend, zum xten Male eine Pasta gekocht und den Rückweg angetreten.

„Pass auf Dich auf“ klingt es in mir nach. Die Robbe neben der Fähre verschwindet im Priel, ein kurzes Klatschen in die Flossen, ich bin auf dem Weg zurück in die Stadt und ich bin befreit. Auf der Hälfte des Sommers 2010- ein Satz, vier Worte, ein Lachen hinter einer Sonnenbrille ein kurzer Gruß zum Abschied- so wichtig.

Jetzt sitze ich auf meinem Balkon, Oskar hat sich zu mir gesellt, nippt an seinem Rotwein, probiert den Hüttenkäse, den ich uns mitgebracht habe, knackt eine Weintraube, dreht seinen Kopf zu mir herüber und wie er so die Augenbraue hochzieht, seine Krallen begutachtet und den Kopf schief legt, weiß ich was er sagen wird: „Das war verdammt überfällig meine Liebe!“ Fast klingen wir im Chor und lachend schenke ich uns vom guten Shiraz nach.

Bilder Luckyloops / SabinChe

Kite the Baltic – das Logbuch Tag: – 8!

1 Kommentar

Heute in 288 Stunden bin ich hoffentlich so entspannt wie genau jetzt!

Ich gestehe! Die Hendrika Bartelds ist nicht die Queen Mary 2 und auch nicht “Mein Schiff” der TuiCruises auf dem vor weniger als 2 Stunden noch Jan Delay rockte.

Ich gestehe! Die Hendrika neben der Queen ist ein winziger Zwerg, ein stolzer Zwerg, mit seinen drei Masten, den weissen Segeln, der blankgewienerte Teakholztisch auf dem Vordeck, das Sonnendeck, die gemütlichen Kojen- ein schöner stolzer Zwerg. Wer braucht schon modernen Luxus, wenn er in die Gemütlichkeit vergangener Jahrzehnte abtauchen kann. Einmal ein Pirat sein, Herrscher über die Meere, einsam  in der Weite, unendlich der Horizont.

Ich gestehe! es ist kalt. Viel zu kalt für einen Mai. Und viel zu trüb. Deshalb werde ich ab heute täglich das Orakel befragen, welches alle 6 Stunden vom amerikanischen Wetterdienst in die Welt geschickt wird.

Ich gestehe! Mir macht der Wind sehr viel weniger Sorgen, die aktuelle Flaute wurde mir vom Orchester berichtet, ist eine vom Dirigenten verordnete Zwangspause, damit 7 Tage durchgeorgelt werden kann.

Ich gestehe! Jeden Abend Filetsteak ist nicht drin im Budget. Dafür habe ich meinen alten Herrn beauftragt einen zusätzlichen Dorschfang nur für uns zu absolvieren. Da er dafür eine mindestens zwei Tage herrschende Windflaute auf der Ostsee benötigt, bitte ich meine Rostocker Freunde um Milde und Nachsicht!

Ich gestehe! Ich musste ein Tränchen wegdrücken heute abend, als ich da so auf dem Sailing Cup in der Hafencity stand und sowohl die Hendrika Bartelds als auch  die Loth Lorien in trauter Zweisamkeit an mir vorbeiflanierten. Ein grosser, lauter Trip in 8 Tagen und der sanfte Sommertörn im Juli. Eine  verrückte undso wunderbare Idee, denn was gibt es schöneres als volle laute norddeutsche Strände einfach hinter sich zu lassen und für schmales Geld sein eigenes kleines Paradies zu suchen.

Vergangene Woche gab es ein bisschen Verwiirung und auch Stress. Der NDR hat unseren Trip komplett verpeilt und als ich am Freitag dort anrief um nachzuhaken , wann das Team denn nun Bord möchte, gab es grosses Raunen im Raum und ein’ Oh mein Gott, das haben wir vergessen und der Sendeplan steht schon für die kommende Woche! Wie lange seit ihr noch unterwegs? Eine Woche? Gut dann schieben wir das irgendwie da mit rein!”  Mir rutschte das Herz ein Stockwerk tiefer, denn viele Meilenpaten verlassen sich auf die mediale Präsenz. Trotzdem bleib ich Optimist und höre mich sagen “Gut! dann die Woche drauf. Wir werden versuchen von unterwegs schon Material zu überspielen.”  Der Plan Handy und Internet während der Woche für mich zu nichtexistierenden Dingen mutieren zu lassen, wurde damit dann auch endgültig begraben.

Ich habe noch immer kein Bier für den ersten Abend an Bord, die Köchin hatte mich missverstanden. Derzeit muss sie nun  ihre gesamte Planung neu erstellen, der Kamerassi fiel aus , der letzte Platz konnte nicht mehr an den Mann/die Frau gebracht werden- was angesichts der zu erwartenden Materialflut vielleicht zum Vorteil gereicht. Ich war ein bisschen leichtsinnig und habe neben der schon geplanten Reportage über unseren Törn in der Kiteboarding gleich noch einen Artikel in Auftrag genommen, dessen Deadline dummerweise dasselbe Datum aufweist wie die für den  Segelbericht. Also muss der Laptop auch  mit ins Gepäck.

Ich gestehe! folgende Koordinaten möchte ich morgens kurz nach Sonnenaufgang rocken 55.132015,10.108423 .

Und danach ein dampfender Kaffee mit mehr Milch auf dem Sonnendeck der Hendrika.

Nur noch 8 Tage, die Meilenpaten stehen, das Schiff freut sich auf uns, die Fahrgemeinschaften formieren sich, das Testmaterial steht bereit,  ich arbeite an einer Versteigerung am Ende des Törns und daran das die Ostsee vielleicht doch schon 10 Grad warm ist. Mir fehlt die Zeit einen neuen Neo zu kaufen. Nun es gäbe Neos in Hülle und Fülle- aber der zum Trapez passende ist natürlich nicht verfügbar und muss bestellt werden. Also wird mein Alter morgen mit ordentlich viel Neoprenkleber versorgt und muss halten. Windflaute sei dank, habe ich dazu jede Menge Zeit.

Ich gestehe! Ich kann es eigentlich noch immer nicht glauben das dieser im vergangenen Jahr entstandene Traum nun Wirklichkeit wird.

„Ich werde am folgenden Morgen von alleine wach. Tief und fest und traumlos habe ich meine Kräfte gesammelt.

Ich schleiche mich nach oben, setze den Kaffee auf und genieße das Gefühl barfuss über die Planken zu tanzen. Langsam schält sich auch die Sonne aus den Wolken. Sanftes Morgenlicht ergießt sich über die Förde, leicht schaukeln die Schiffe, die StenaLine läuft ein. Majestätisch schneidet Ihr Bug die Wasser. Außer den Möwen, die ihre Geschichten erzählen hört man wenig. Noch immer knattern die Fahnen im Wind, aber er hat deutlich nachgelassen. Also, auf in den Tag.“

Ein Jahr planen , aquirieren, recherchieren, gefasste Entschlüsse umschmeissen, erneut aufgreifen, nicht aufgeben- all das liegt hinter mir. Ich nehme einen letzten Schluck Kaffee, sammle meinen Stuff zusammen, bedeute dem Kapitän und dem Bootsmann das wir das Beiboot runterlassen und zu dritt fahren wir raus in den Fjord, ich starte meinen Schirm und cruise der Sonne entgegen. Breit grinsend steige ich eine Stunde später wieder an Bord, der Rest der Truppe ist erwacht und fröhlich plappernd planen wir bei Porrigde und Rührei mit Speck den Tag.

Ich gestehe! Es wird toll!

Seit zwei Stunden hat der Kameramann auch wieder seinen Assi und ich muss mich nicht zweiteilen zwischen Kombüse und  Filmdrehutensilien anreichen. Ich kann mich ganz meiner Leidenschaft Köchen über die Schulter zu schauen, Tricks zu lernen, Gemüse zu schnippeln, Gewürze grosszügig unter Gerichte zu mischen widmen- neben der Leidenschaft dem Wind hinterherzujagen versteht sich von selbst.

Also entlasse ich euch abschliessend mit einem ersten Ausblick auf die allgemeine Grosswetterlage und die Stimmung der Symphoniker – der da lautet:  reichlich Tiefdruckgebiete auf räumlicher Enge- Isobaren die sich aneinander kuscheln wollen und ein forderndes Intro hinlegen, aus Nordwest was den ersten Tag für alle viel Segelunterricht bedeuten wird und am Abend eine nette Sunddownsession.

Nur noch 8 Tage!

Es ist noch ein Platz zu vergeben! 16. – 23.05.2010 Starthafen Kiel – Ziel dänische Südsee Hendrika Bartelds

freie Plätze für den Sommertörn: 26. – 30.07.2010 Starthafen Kiel – Ziel dänische Südsee Loth Lorien




Ein Sommer(nachts)traum in der dänischen Südsee

2 Kommentare

Von Kiel in die  dänische Südsee

Leise klatschen die Wellen an den Bug, sanft bauscht sich das Vorsegel und in den Tauen spielt der Wind eine erfrischende Morgenouvertüre. Du bist auf der Ostsee, umgeben von tiefem , klaren, blauen Wasser, Möwen umkreisen die Masten, Kaffeeduft lockt dich an den Tisch und Du gesellst Dich zu Freunden um mit ihnen darüber zu beratschlagen, welche Bucht heute angelaufen wird um kiten zu gehen.

Du wolltest schon immer Deine Leidenschaft für das Meer, deinen Sport und das Segeln verbinden?

Dann komme an Board und fahre mit uns 5 Tage von Kiel in die dänische Südsee. Wir steuern die schönsten Inseln an, seichte Buchten, wir segeln mit dem Wind und gehen kiten wo es leer, ruhig und seicht ist.

Dieser Törn ist für sowohl Anfänger als auch für Cracks  geeignet, da es nicht unser Bestreben ist nur auf dem offenen Meer zu kiten. Wir werden unsere Tagesziele Deinem Level anpassen damit Du dich voll ganz auf Dein Können und das verbessern Deines Kitelevels konzentrieren kannst.

Gemeinsam kiten, chillen, segeln, neue Ufer entdecken, Urlaub machen.

Fünf Tage von Kiel in die Südsee.

Dein Zuhause ist die Loth Lorien., ein moderner 3 Master von gut 37 Meter Länge. Das Schiff bietet Übernachtungsmöglichkeiten für Gruppen bis zu 34 Personen mit Vollpension. Die “Loth Lorien” bietet viel Platz und Komfort. Sie verfügt über einen großen Kampagne-Salon und eine voll ausgerüstete Kombüse. Der Schiffsführer: Jaap van der Rest ist ein erfahrener Segler, verdammt guter Surfer und für jeden Spaß zu haben.

Anmeldungen über  kite_sail@schmidtsabine.de oder 0176 206 375 50 .

Kosten für den Törn: € 310 inclusive Verpflegung.

Willkommen an Bord

Zwischen Meer und Bodden- Land der Windflüchter

2 Kommentare

 
Wie der Zeigefinger der Hexe aus einem Grimm Märchen, so scheint die Halbinsel vor der Küste Mecklenburgs zu liegen und nach dem Meer zu greifen. Zumindest schaut es auf der Karte so aus. 200 Kilometer nach Osten. Herzhaft beiße ich in meinen Apfel, lasse den Wagen an und fahr vom Hof. Das Radio wird auf die Urlaubswelle gestellt und ich düse ab in den Sonnenuntergang.

Ostern 2009 und ich begebe mich auf die Suche nach dem Frühling. Nicht nur den Frühling, den Wind und die Sonne gleich mit. Das ich mir dafür ausgerechnet den Norden Mecklenburgs ausgesucht habe ist vielleicht ein bisschen unverständlich, noch dazu weil ich plane im Bus zu übernachten und nicht in einer kuscheligen, warm geheizten Pension oder Ferienwohnung, angesichts der durch nichts zu bestechenden Windstatistiken aber nicht ganz von der Hand zu weisen, beziehungsweise aus der Planung zu streichen.

Fischland – Darss; ein 45 km langer, schmaler Küstenstreifen zwischen Rostock und Stralsund, entstanden durch jahrhundertelange Sandanspülungen und Aufschüttungen. Früher prägten drei Inseln die Landschaft, Fischland, Darss und Zingst. Nach dem Ostseesturmhochwasser 1872 versandete der Prerower Strom, 1874 wurde der Deich aufgeschüttet und seitdem ist auch Zingst eine Halbinsel.

‚verlassen Sie die Autobahn und biegen rechts in Richtung Ribnitz- Damgarten ab. Folgen Sie der B105 für lange Zeit’ Dank der A20 ist Mecklenburg fast komplett an den Autoreiseverkehr aus dem Süden angeschlossen. Von Hamburg aus ist man in 90 Minuten an der Abfahrt zum Fischland. Inzwischen regnet es in Strömen und ich werde ein bisschen unruhig. Eine Nacht im Regen ist in Ordnung, ein ganzes langes Wochenende nicht wirklich. Die Landschaft draußen wirft dunkle Schatten. Einsam ist es hier. Nur wenige Autos kommen mir entgegen. Meine erste Anlaufstation soll das Surfcenter in Wustrow sein. Hier will ich auf dem Parkplatz übernachten. Als ich ankomme ist allerdings die Schranke verschlossen. Super! Mein erster Urlaub im Bus und als Einstieg ne Pleite. Ich fahre weiter in Richtung Ahrenshoop und stelle mich einfach auf den ersten Parkplatz, welcher gerade noch durch eine Düne vom Meer getrennt ist. Ein Glas nach Johannisbeere und Schokolade duftendem Shiraz in der einen Hand, den Laptop auf dem Schoss checke ich mit der anderen die Vorhersagen für den Karfreitag. Nicht perfekt-aber immerhin , Nordwest mit 4 Windstärken wird für das Meer nicht wirklich reichen, aber eine Flachwassersession auf der Boddenseite könnte ich mir nach dem Frühstück genehmigen. Ich werde eine Runde über den Darss drehen und dann über die Meiningenbrücke nach Saal fahren. Da tu ich nebenher auch gleich was für den Abschnitt Sightseeing. Ein guter Plan! Die Regentropfen trommeln auf das Dach, ein beruhigender, heimeliger Rhythmus, vom Wind ist nichts zu vernehmen. Er zieht es vor zu schweigen, träge hängen die Fahnen im Licht der Strassenlaterne. Ich lese noch ein bisschen, lausche in die Nacht und lasse mich vom Regen in den Schlaf trommeln.

Der Morgen empfängt mich mit Sonnenschein, einige weiße Wölkchen ziehen am Horizont entlang, das Dünengras wiegt sich sanft im Wind, von Regen keine Spur . Es riecht nach Meer und noch me(h)er Meer, Sommer und Ferien, die Luft schmeckt nach Salz. Mit meinem Kaffee in der Hand laufe ich an den Strand hinunter. Schade, dass es für barfuss zumindest jetzt am Morgen, noch zu kalt ist. Barfuss im Sand wird warten müssen bis die Sonne im Zenit steht. Wind zupft an den Haaren und Sonnenstrahlen tanzen um die Nase, auf den Buhnen verrichten die Möwen ihre Morgentoilette, sorgfältig wird das Federkleid auf Vordermann gebracht. Das Wetter hat komplett umgeschlagen. Die drückende Feuchtigkeit der vergangenen Tage ist weggewischt. Entschlossen schiebt der Wind die Wellen an. Das sind mehr als 4 Windstärken, auf jeden Fall mehr als 4. Bis unter den Horizont kann ich weiße Schaumkronen entdecken. Ich entscheide mich heute Morgen also vorerst gegen den Bodden und steuere Prerow an. Einst war Prerow ein Fischer – und Seefahrerdorf, nach der Flut im 19. Jahrhundert schlief die Seefahrerei ein und die Einwohner verdienen seither ihr Geld mit Urlaubern und Badegästen. Hübsch und sauber, mit bunten Blumen geschmückte Vorgärten, Strandkörbe hier und da, so präsentieren sich die Ferienhäuser, Appartements und Hotels dem Besucher. Fünf Kilometer weicher feinsandiger, karibisch weisser Strand locken die Badegäste aus allen Ecken des Landes an. Jetzt im Frühjahr ist es noch beschaulich, in zwei Monaten wird bei schönem Wetter jeder Zentimeter am Strand umkämpft sein. Für alle Wassersportler gibt es daher sehr strenge Regeln. Du darfst nur an der Surfschule aufbauen und starten und musst den Startbereich über die Ausfahrtschneise schnellstmöglich verlassen. Am Ende der Bucht beginnt die Kernzone des Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft. Hier hineinzukreuzen ist strengstens verboten. Prerow ist ein Wellenspot, ein traumhaft schöner dazu, das Ufer fällt flach ab und vorgelagerte Sandbänke sorgen dafür das die Welle gleichmäßig bricht. Bei Nordost am allerbesten, der heutige Nordwest lässt sie etwas unsortierter an den Strand schlagen. Viel Platz zum Aufbauen habe ich jetzt in der Vorsaison, im Juli und August wird es enger. Der Zugang erfolgt über den Campingplatz, welcher sich bis in die Dünen hinein erstreckt. Einmal hier angekommen kann der Urlauber jeden Morgen vom Zelt aus die Wind- und Wellenlage checken. Leider kostet dieser Luxus ein wenig mehr, als auf den Campingplätzen der Boddenseite. Für Pärchen ist der Campingplatz in Prerow ideal, Familien mit Kindern und einem surfenden Familienmitglied kommen gerne wieder hierher. Während die Kids in den windgeschützten Dünen Sandburgen bauen, die Frau ungestört und nahtlos sich bräunen kann, erobert das Familienoberhaupt den ganzen Tag die Weite des Meeres. Der Wind hat weiter zugenommen, jetzt werde ich doch unruhig. Schnell den Bus parken, dem netten Parkplatzwächter fünf Euro in die Hand drücken und den Weg zum Camp antreten. Da ich nicht weiß ob ich die Nacht hier verbringen möchte, muss ich wohl oder übel den Fußmarsch vom öffentlichen Parkplatz in Richtung Surfschule antreten. Ich nehme nur den 7,5 er Schirm und ein breites Board mit an den Strand. Da ich bereits umgezogen bin hält sich die Schlepperei in Grenzen. Die Sonne krabbelt den Himmel empor, schaut freundlich lächelnd auf mich herab, freut sich am Spiel mit den Wellen und grüsst mich ab und an freundlich, türkis blitzend, wenn sich ihre Strahlen in brechenden Wellen fangen. Mittags lege ich ein Päuschen ein, genehmige mir ein Fischbrötchen, schlendere durch den Ort, vorbei an sonntagsgeputzten Schaufenstern, beobachte im Kaffee am Platze die flanierenden Menschen und entscheide mich für ein Schläfchen in den Dünen. Spät am Nachmittag steige ich in den noch nicht ganz trockenen Neoprenanzug und lasse mich erneut vom Wind und der untergehenden Sonne aufs Meer entführen. So kann Ostern weitergehen. Abends im Bus über einem dampfenden Teller Pasta mit einer himmlisch mundenden Sandornsosse, den täglichen Windcheck auf dem Bildschirm, schmecke ich dem Tag nach. Der Wetterdienst offeriert für den kommenden Samstag anhaltenden mehr auf West drehenden Wind perfekt um einen Tag im Flachwasser des Boddens zu trainieren. Keine drei Seiten schaffe ich zu lesen in meinem Urlaubsschmöker, da hat das sanfte Raunen des Windes um meinen Bus schon dafür gesorgt das ich in me(h)er Träume abgestiegen bin.

Ein neuer Morgen, ein Morgen mit frischem Wind, lachender Sonne und einem ersten mutigen ‚bis an die Wade’ Bad am Morgen in der Ostsee. Toll, wie schnell der hektische Alltag sich hier abstreifen lässt, ein bisschen am Strand die gestern strapazierten Muskeln gelockert, viel Luft in die Lungen fließen lassen, Augen schließen, Arme breit dem Meer entgegen fallen in den Sand. Beim Bäcker gibt es frische, köstlich und lockend duftende Croissants, ein Latte Machhiato dazu sitze ich im Sonnenschein und begrüsse den Tag. Ich werde über die Meiningenbrücke auf das Festland zurückfahren nach Saal. Ein Flachwasserspot der von vielen Kiteschulen genutzt wird und den Locals , wenn sie trainieren wollen ohne sich auf Wellenberge konzentrieren zu müssen. Flachwasser so weit das Auge reicht vis a vis des Darss. Ein pfiffiger Bauer hat hier verhindern können dass der Spot für das Surfen gesperrt wird. Seine Wiese wird seit zwei Jahren im Sommer kurzerhand zum Bezahlparkplatz umfunktioniert, mit Dixiklo und Spoteinweisung der ansässigen Surfschule. Windsurfer und Kiter teilen sich den engen Platz zum Aufbauen, der Einstieg ist ebenfalls sehr schmal. Draußen hat der Surfer dann aber ein kleines Binnenmeer zur Verfügung. Hier in Saal sind die strengen Reglementierungen des Nationalparks ein wenig gelockert. Trotzdem solltest Du auf jeden Fall den Hinweisen der Locals folgen und dem Schilfgürtel mit mindestens zwei Längen Leinenabstand Respekt zollen. Im Schilf leben viele seltene Vogelarten, die empfindlich gestört werden, wenn permanent ein Kiteschirm über ihren Köpfen für Unruhe sorgt oder gar auf die Nester fällt.

Der Bus und ich rumpeln auf die Wiese. Der Wind ist flott unterwegs, Nordwest und passend für 7,5 m². Ich hätte in Prerow bleiben können und einen weiteren Tag Wellen schlitzen, bin aber auch neugierig wie legendär der viel zitierte und so Hochgelobte Spot Saal sich mir präsentiert. Trotzdem noch Vorsaison ist haben einige Wassersportler den Weg hierher gefunden. Ein lustiger, bunter Haufen Kiteschirme und Windsurfsegel liegt auf dem kleinen Platz. Von weitem anzuschauen, wie ein kunterbuntes Knäuel feinster Wolle.

Endloser Platz zum Aufbauen- Fehlanzeige. Konzentration ist gefragt. Zum Starten suche ich mir dann auch einen Kiter der mit mir ins Wasser geht. So nah an der Wagenburg starten möchte ich mir bei den Bedingungen heute nicht zumuten. Die Stimmung am Strand ist ausgesprochen gut, alle sind freundlich und meine Fragen zu den Besonderheiten hier am Bodden werden gerne beantwortet. Da fühle ich mich doch aufgehoben und rundum versorgt. Ich entschwinde auf das Wasser. Der Bodden ist durch nichts mit dem Wasser der Ostsee zu vergleichen. Grünlich schimmert der Spray hinter mir, undurchsichtig ist das Wasser, keine Ahnung was so alles unter mir herum schwimmt, viel wärmer als die Ostsee. Als über Mittag der Wind empfindlich zulegt und ich mit dem kleineren Board unterwegs bin bildet sich weiter draußen eine durchaus anstrengende Kabbelwelle. Es ist noch immer stehtief, egal wo ich hinkreuze, das Wasser geht mir maximal an die Brust. Eine Spielwiese der besonderen Art – der Bodden bittet zum Tanz und ich nehme die Einladung an, trainiere bis die Sonne sich anschickt den Tag zu entlassen. Mit brennenden Armen und weichen Oberschenkeln komme ich vom Wasser. Jetzt eine Dusche- ich gäbe viel dafür. Doch woher nehmen? Scheinbar bin ich im Nirgendwo gelandet. Eine Pension suchen? Campingplatz ansteuern? Ich pelle mich aus dem Neo und tauche ab in warmes Fleece, interviewe Google und entschließe mich beim Anblick der untergehenden Sonne und dem lockenden Duft des nebenan angeschmissenen Grills für ein Lodderleben und Katzenwäsche aus dem Brauchwasserkanister. Kurzerhand nehme ich die Einladung zu Folienkartoffel und frisch gegrilltem Fisch meiner Parkplatznachbarn an und weine der heißen Dusche nicht eine Träne nach. Es gibt nichts auf dieser Welt, was mir mehr Freude bereitet als ein einfaches Abendessen mit einem guten Bier unter dem sich zur Nacht begebenden Frühlingshimmel. Langsam klettert der Mond am Himmel empor, Stille breitet sich aus, der Wind schaltet einen Gang zurück und wir sitzen hier um das Feuer und beschließen einen wunderbaren Tag.

Es ist früh am Morgen, nackte Füße ins treffen auf nasses Gras. In der Nacht hat es geregnet, der Wind hat wieder mehr in Richtung Nord gedreht und er hat kühle Luft mitgebracht. Die Sonne ist gerade damit beschäftigt energisch die Wolken auseinander zujagen. Ein paar Schwäne ziehen über den Bodden in Richtung Meer. Ich werde Euch folgen und weitere Strände auf dem Darss entdecken. Ich lasse Saal und den Bodden rechterhand liegen, fahre durch kleine Dörfer, vorbei an Kindern , die im elterlichen Garten auf der Suche nach den Schokoladen Hasen sind. Dank der Bäderregelung hat der Supermarkt samt Bäcker am Tor zum Fischland auch Ostern geöffnet. Gewohnheitstier das ich bin starten Tage mit einem Latte Macchiato irgendwie immer einen Hauch strahlender und frischer, als Tage mit Pulverkaffee. Es sollte jemand geboren werden, der die mobile Espressomaschine samt integriertem Milchschäumer erfindet. Den ersten Käufer hat er schon heute! Der Tag verspricht strahlend schön zu werden, der Wind hat gegenüber dem gestrigen Abend etwas nachgelassen. Laut Vorhersage soll er wieder auf NordNordwest zurückdrehen. Ein Tag um den großen Bruder ins Rennen zu schicken und ein Tag für perfekte Wellen in Neuhaus. Neuhaus ist das erste Dorf auf dem Fischland. Nordwind bringt hier  recht ordentlich sortierte Wellen und er bremst die starke Strömung aus.

Ich quartiere mich auf dem Campingplatz ein, gleich neben dem Duschhaus. Der Weg zum Strand ist kurz, keine zwei Minuten über die Düne. Gerade einmal drei Kiter sind auf dem Wasser zu sehen. Ein Traum! Also nicht zögern und ab auf das Wasser. Die Welle ist nicht sehr hoch und sie bricht recht sauber. Ab und an kommt ein wenig der Trotz hoch, wenn der Wind böiger wird, aber prinzipiell ist die Welle von Neuhaus auch Wellenprincipanten zu empfehlen. Ich kreuze weit hinaus, viel weiter als gesund und genieße das Gefühl Herr(in) der Ostsee zu sein, türkis, tiefblau, aquamarin sind die Farben die den heutigen Tag begleiten. Klares Wasser, tiefes Wasser, kaltes Wasser, unendliches Wasser – manchmal scheint es schwarz unter mir, dann wieder ist es flaschengrün durchzogen. Die Sonne brennt auf mein Gesicht, das Salz in meinen Augen, die Muskeln schmerzen und fordern ihr Recht ein- ich kann nicht mehr und kehre an den Strand zurück. Am schönsten ist es hier vormittags oder abends, wenn es leerer wird. Im Hochsommer ist der Strand mit Urlaubern gefüllt und es sollte ausschließlich in den Stunden gekitet werden, in denen die Urlauber noch oder schon wieder am gedeckten Tisch sitzen und speisen. Das erzählen mir die Locals später am Strand. Auch hier werde ich, wie gestern in Saal begrüßt als ob ich seit Jahren am Spot einkehre und mich jeder kennt. Arme lahm, Beine weich, Kopf leer – die geplante Sundownsession heute abend werde ich canceln, denke ich. Und als ob er mir beipflichten will, das Erholung gut tut, stellt der Wind die Maschine ab. Eben noch röhrte es aus allen Kanälen und jetzt wispert es nur noch leise im Schilf. Ich bin erstaunt und mir wird erklärt dass der Nordwind diese Angewohnheit hat. Er geht einfach mal eine Pause machen. Das macht ihn gefährlich und ich bin froh heil von meinem Ausritt aufs Meer hinaus zurückgekommen zu sein. Nicht auszudenken wäre mir das vor einer Stunde da hinten am Horizont passiert. Ich schicke ein Dankeschön in Richtung Windmaschine, schlurfe auf den Campingplatz zurück, wasche mir das Salz von der Haut und aus den Haaren und überlege während tausend heiße Wasserstrahlen auf meinen Rücken prasseln, was ich mit dem angebrochenen Abend anfange. Ich könnte die neuerliche Grilleinladung annehmen, aber meine Lust auf Konversation und laute Kommunikation hält sich nach einem Höllenritt wie dem heutigen in Grenzen. Stattdessen gondel ich hinauf in Richtung Ahrenshoop.

Das erste Örtchen auf dem Darss, genau genommen ist es der Vordarss. Rechts Pferdekoppeln, satte Weiden, dahinter ein reetgedecktes Haus schöner und prachtvoller als das nächste präsentiert sich das mondäne Ahrenshoop. Das Örtchen hat eine lange Geschichte zu erzählen, einst gab es hier eine Burg, später kamen die Seefahrer und im 19. Jahrhundert entdeckten die Künstler den Ort für sich. Inspiriert von der atemberaubenden Kulisse am lang gezogenen Strand, der Weite und dem unvergleichlichen Licht entstanden und entstehen hier wahre Meisterwerke. Die zahlreichen Windflüchter, Bäume die mit dem Wind wachsen, quasi vor dem Sturm flüchten sind beliebtes Motiv für Maler, Grafiker und Fotografen. Eine Galerie reiht sich an die nächste, zwischendrin ein paar Kunsthandwerker, Kaffees und Manufakturen- Ahrenshoop ist ein Künstlerdorf der besonderen Art. Ich lasse mich vom Flair verführen, setzte mich auf die Terasse des Café Namenlos, lasse mir eine warme Decke reichen und ein sündhaft teures und exquisites Zanderfilet mit einem Cassoulet der Extraklasse servieren (cassoulet ist eine Art Eintopf, den Zander begleitet es mit einem Hauch Brombeere). Im Westen verneigt sich ein letztes Mal die Sonne, weist mit ihren Strahlen weit über das Meer und zeichnet sanfte Farben in den Himmel. Das Leben kann so einfach sein an einem Ostersonntag auf dem Darss.

Da mir für meinen morgigen letzten Urlaubstag nochmals Wind versprochen wird, gehe ich früh schlafen und gönne meinen müden Muskeln die verdiente Ruhe.

Ich werde durch leises Klopfen an der Tür wach. Verdutzt schiebe ich den Vorhang zur Seite, einer der Locals von gestern steht vor dem Bus und er hat, wow! Kaffeebecher in der Hand mit Milchschaumhauben drauf. Och- hier bleib ich länger! Ich spring in den Morgen und dem Kaffee entgegen, ein kurzer Plausch und die Einladung ihn zu einer Morgensession auf dem Meer zu begleiten nehme ich gerne an. Nordostwind noch immer. Das ist ein guter Plan. Bevor ich mich auf den Rückweg gen Westen mache noch zwei Stunden hier draussen die Welle rocken. Der Wind ist einen Tick schwächer als gestern Vormittag und ich nehme die Warnung der Einheimischen ernst, fahre keine langen Schläge und bleibe in Ufernähe, nur um feststellen zu dürfen, das diese kleinen , blauen Brillianten hier vorne verdammt viel Spass bringen. Ein spätes Frühstück, eine kurze Pause in der Sonne bin ich dann auf dem Weg zur Autobahn. Natürlich habe ich versprochen im Herbst auf einen neuen Besuch zurück zukehren. Ich glaube dieses Mal schaffe ich das sogar. Denn ich habe weder ein weiteres Mal Prerow besucht , noch den Zingst gesehen, ich bin mit keinem der stolzen Zeesboote gefahren und die Kraniche waren auch schon weiter gezogen.

 Danke Falk für ein paar Bilder!

Handlung frei erfunden! Spotdetails real!

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.