Vergangene Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Anfangs noch versuchte ich mich mittels putziger Lämmchen in den Schlaf zu zählen. Dann verlegte ich mich auf wunderbare Träume vom Sommer und sanftem, warmen Wind, der in meinen Haaren spielt, orangeroten Sonnenuntergängen und der dazu gehörenden Romantik. Es wiegte mich nicht in sanfte Träume und so holte ich die Erinnerungen an den vergangenen Sommer aus der Schublade. Ich liess Bilder von lachenden blauen Augen, schneeweissen Segeln, perfekten, kristallklaren Wellen, im Wind sich biegenden Bäumen und weiten Stränden mit der dazugehörenden Romantik vor meinem geistigen Auge auf und ab spazieren. Die Erinnerungen regten mich auf. Ich schmiss das viel zu warme Federbett zurück und wechselte auf das Sofa. ‘Das Fernsehen wird es schon richten’ dachte ich mir. Schliesslich war ich müde. Müde und ein bisschen dem Wahnsinn nahe.
Die ganzen Tage sind derzeit angefüllt mit Telefonaten, Fragen, Recherche und nicht darüber nachdenken, das alles in 44 Tagen über die Bühne gebracht sein muss. Noch 44 Tage, dann steht der Möbelwagen vor der Tür und verschlingt mein Sofa und das Bett, den alten Kiefernschrank, die Waschmaschine, unzählige Bücher und Geschirr in seinem Bauch.
Freitag stand mein Chef in der Tür, drückte mir das offizielle ‘Sie werden nun entsandt’ Schreiben mit allen dazugehörigen Paragraphen, Titeln , Kostenträgern, Objektnummern und Formularen in die Hand, sagt ‘So ! Das wäre es dann. Fragen Sie die Kostenstelle in der Zentrale,wenn Sie nicht weiterkommen, die wissen Bescheid über jedes Problem’
‘Ja gut.’ ist meine Antwort, das Papier befremdlich in den Händen haltend, von allen Seiten argwöhnisch betrachtet ‘Ja gut- ich werde dann mal alles in die Wege leiten. ‘
All die Paragraphen auf dem schneeweissen Blatt Papier verwirren mich. Ich tauche ein in den Behördlichen Dienstweg und wieder Erwarten sind die Damen in der Kostenstelle über Gebühr freundlich, hilfsbereit und haben auf alle Fragen beruhigende Antworten. Am Tollsten und das rettet meinen Freitag ist ihr faszinierender Hang zur Unbürokratie.
“Schicken Sie uns alle Unterlagen per Mail und per Fax, teilen Sie uns mit welche Rechnungen beglichen werden müssen. Wir kümmern uns darum. Machen Sie die Unterlagen rasch fertig. Am 09.Dezember ist bei den Behörden Kassenschluss, danach kommen Sie erst Mitte Januar wieder an Geld- das dürfte in ihrem Fall zu spät sein. Und Sie Arme, wer ist so grausam und schickt einen so jungen Menschen auf einen einsame Insel. Haben Sie sich das auch gut überlegt? So mitten im Winter?”
“Hmmm” lautet meine karge Antwort.
“Hmmm” denke ich auch bei mir. “Habe ich mir das gut überlegt? Momentan fühlt sich dieser ausflug, der ja eher eine Hochzeit ohne Scheidungsoption ist, noch an wie ein großes, anstrengendes Abenteuer, von welchem ich ahne das ich den einen ode randeren Morgen bereuen werde, das ich es einging”
Zum wievielten Male hinterfrage ich nun schon meine Entscheidung? Einen Tag bin ich euphorisch, den nächsten, wenn ich unten am Hamburger Hafen in das pulsierende Leben einer Metropole am Tor zur Welt eintauche traurig, melancholisch. Dann wieder bin ich so in all die zu bewältigen, logistischen Problemchen eingespannt,das ich nicht mehr nachdenken kann.
02.00 Nachts. Noch immer kann ich nicht schlafen. Mir ist heiss und eine innere Unruhe beschleicht mich. Die Reportage über Roald Amudsen im Fernsehen ist vorüber ‘Into the wild’ , eines der besten Roadmovies aller Zeiten beginnt. Warum senden die solch tolle Filme eigentlich immer dann, wenn die Nation von Formel 1 Weltmeistern und ihren Leistungen träumt? Ist es ihre Hommage an die Schlaflosen? Oder zahlen die Nachtdienstler in den Wachstuben und Leuchttürmen, den Wetterwarten extra für solch cineastische Leckerbissen?
Meine Gedanken fangen an zu wandern. Auf dem Schreiben, welches mir am Freitag in die Hand gedrückt wurde steht ein Datum. Dieses Datum ist augenscheinlich der Übeltäter meiner nächtlichen Unruhe. ‘ Bitte finden Sie sich am 03.Januar zum Dienstbeginn an der Wetterwarte ein’ 03. Januar – das ist das Datum an dem meine Sachen nach Fehmarn gebracht werden sollen, 03. Januar, der Tag an dem ich auch schon gleich arbeiten soll. Verdammt. Luxusproblem das fünfte. ‘ Werde ich es schaffen dem Umzugsunternehmer blind meinen Schlüssel in die Hand zu drücken und ihn arbeiten zu lassen? Werde ich es schaffen ihn alleine die für Fehmarn bestimmten Sachen in Hamburg einpacken zu lassen , und die , welche in der Bramfelder Wohnung zurückbleiben sollen nicht anzurühren, den Weg nach Strukkamp zu finden und alles abzuladen ? Werde ich darauf vertrauen können das das geliebte Maria Weiss Geschirr meiner Eltern keinen Schaden nimmt? Werde ich stark genug sein , nicht fünfundzwanzig Mal von unterwegs , dem Nervenzusammenbruch nahe, den Fahrer anzurufen und zu fragen ob alles läuft?Werde ich mich anstatt wie eine hysterische, alte Frau, benehmen können wie ein cooles , lachendes Surfermädchen? Ich weiss nicht- es muss ja noch gestrichen werden- denn Luxusproblem Nummer 6: Die Wände in Strukkamp strahlen weiss- mein Sofa und die Sideboards ebenfalls. So kann ich nicht wohnen- vor dem 03. Januar muss gestrichen werden! weiße Möbel mit weißen Wänden- das geht nicht einen halben Tag! Ich muß irgendwie einen Plan kreeiren das mein geliebtes Steinfarben vor dem 03. Januar 2011 die Wände um den Kamin in Strukkamp leuchten lassen’
03.30 und mein Herz rast- Gott! Das schaffe ich im Leben nicht.
Das schwarze Teufelchen auf meiner rechten Schulter unkt ‘Gott! wird Dir nicht helfen. Du hättest kämpfen sollen, um in Hamburg zu bleiben. Da auf der Insel- wie sagte dein Vater so schön- ist Notstandsgebiet in Sachen Männer, so toll es ist einsam zu leben- ab und an wirst Du doch mal kuscheln wollen?’
Ich muss grinsen. Stimmt. Vor ein paar Tagen sprach ich mit meiner Kindergartenfreundin, die noch immer bei meinen Eltern um die Ecke wohnt. Sie erzählte mir , das sie meinen Vater beim Bäcker getroffen hatte und der hatte ihr sein Leid geklagt ‘ Die Insel da wäre doch totales Notstandsgebiet und er würde gerne noch Grossvater werden in diesem Leben’ Stimmt- ich lache.
Da meldet sich das weisse Teufelchen von links ‘Quatsch- jetzt hört mal auf. Über kurz oder lang wäre sie hier in der Stadt doch unglücklich geworden, rastlos ist sie ja schon. Sonst würde sie nicht genau jetzt hier sitzen und nicht schlafen können. Es ist genau richtig das sie dahin zieht, wo sie immer hin wollte, ans Meer, vielleicht nicht die schönste Ecke, aber immerhin eine Ecke am Meer und das Problemchen mit dem Notstand regeln die Touristen im Sommer schon. Im Winter hat sie dann ab und an Besuch und den Rest der Zeit Ruhe’
“Moment mal ” frage ich in das Streitgespräch, “wer von Euch ist jetzt gut und wer ist schlecht? Beide mit schmutzigen Gedanken- das ist doch nicht das Wichtigste auf der Welt- nun nicht so ganz das Wichtigste. Ausserdem bräuchte ich dafür noch ein Neues Bett. Schon vergessen? heute nachmittag beim Entrümpeln…?”
Jetzt lachen wir alle laut, just in dem Moment als der Held des Roadmovies seine Begegnung mit dem Braunbären in Alaska hat. Am Nachmittag entrümpelte ich das Schlafzimmer. Ich wollte schnell unter dem Bett einen Karton hervorholen und den Staub wegwischen. Praktischerweise gedachte ich dafür mal eben kurz das Bett hochkant zu stellen. Ich vergaß dass es eine Steckkonstruktion hat und hielt in sekundenschnelle nur noch die Seitenwand in der Hand. Kopf-, Fussteil und der Lattenrost rumsten laut auf die Dielen. Ich stand vor dem Trümmerhaufen und dachte nur ‘Super! Das Dein Bett zusammenkracht- dafür hattest Du Dir auch andere Situationen im Kopfkino ausgemalt. Die Szene das es passiert, wenn Du mal eben einen Karton hervorholen willst und den Staub wegwischen- die war irgendwie nicht dabei.’ Wie um diese Erkenntnis zu bekräftigen rutschte der Lattenrost aus meiner einen Hand auf den Zeigefinger der anderen. Da waren Sie dann präsent – die Tränen des beginnenden Wahnsinns. Vermischten sich mit aufsteigendem Lachen und Flüchen über den pochenden Zeigefinger. Ich stand vor dem Bettskelett, schüttelte den Kopf und begann zusammen zu bauen. Alleine ist das etwas schwierig, also klemmte ich mir erneut irgendwann den Finger. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich augenscheinlich die Schwelle zum Wahnsinn schon überschritten, denn ich regte mich nicht mehr auf. Vielmehr nahm ich diese Situation als Strafe dafür, dass ich den, sich für dieses Wochenende angekündigten Besuch, liebenswerten Besuch, einfach nicht habe nach Hamburg fahren lassen. Kleine Vergehen bestraft der Himmel sofort und sei es , wenn er Lattenroste auf Zeigefinger plumpsen lässt.
03.30 Alan Delon betritt die Bühne in Gestalt Casanovas. Der Film startet passend zu meiner Heulsusenverfassung sehr unanständig. Ich erinnere mich an den letzten Samstag und beginne zu begreifen, das es ja auch kein Wunder ist das ich heute nacht ruhelos auf dem Sofa verbringe. Am Freitag abend war ich lange im Sgroi, danach sass ich lange noch über einem Artikel und schlief nur fünf Stunden um am Morgen ganz früh nach Fehmarn zu fahren. Die Wetterlage war verlockend, frühlingshaft mild und ohne Regen sollte der Tag beginnen. Die zehn Windstärken der vergangenen Tage machten erträglichen sechs bis sieben Platz. Ich hatte unglaubliche Lust meinen kleinen Kite und das weisse Prinzessinenboard zum Tanz auf dem Parkett in Gold zu bitten.Wir starteten mit Jive, erhöhten das Tempo beim Charleston, gefolgt von einem unfertigen Rock’nRoll- das eine Finne Opfer einer Reuse wurde, behob ich mit Stöckchen statt Schraube- die Konstruktion hielt und ich konnte mit der Salsa fortfahren. Viel zu lange war ich auf dem Wasser, wieder auf dem letzten Drücker im Sgroi. Um 19.30 war das Restaurant voll. Wir haben zwar nur 38 Plätze, aber Anna kocht a minúte und ausgerechnet am Samstag hatte sie Lust auf ein neues Menü. Darüber setzte Anna uns um 18.45 in Kenntnis. Fünfzehn Minuten sind in Sizilien augenscheinlich völlig ausreichend zum Einprägen eines neuen Menü. Auf Sizilien sind aber wahrscheinlich nicht um 19.30 alle Plätze im Restaurant belegt- zeitgleich versteht sich. Es war hart- richtig hart. Später als üblich konnte ich das Sgroi verlassen und ich war absolut platt!
Sonntagmorgens stand ich nicht wie geplant um 10.00 auf. Ich frönte einem totenähnlichen Schlaf bis in den Mittag hinein.
04.45 ‘Guten Morgen meine Damen und Herren die Nachrichten!’ Erschrocken setze ich mich auf- das Ende Casanovas habe ich verschlafen- ich bin tatsächlich noch eingeschlafen. Endlich! Dann schnell ins Bett und den Rest der Nacht nutzen.
Wir schreiben Montag den 15.11.2010
Ich habe heute angefangen verstärkt nach einem Auto Ausschau zu halten. Meine lieben Freunde, die männlichen mit dem technischen Verstand, klären mich über alle Dinge auf, die wichtig sind. Wo der Rost sitzt, was ein öliger Motorraum bedeutet, das es besser ist einen ‘ich habe den Namen vergessen’ im Motor zu haben statt eines Keilriemens und das ein Keilriemen alle 60.000 Kilometer gewechselt werden muss. Ich entwickle mich noch zum Kenner in Sachen Gebrauchtwagen. Ich war sogar in der Lage heute um Hilfe bei der Besichtigung eines Autos zu bitten- erstaunlich das ich es tatsächlich schaffe zu fragen ‘Kannst Du mitkommen, wenn ich den Wagen anschaue?’ Scheint so, daß mein derzeitiges Abenteuer charakterliche Verbesserungen an mir vornimmt.
Meiner Vater rief mich n an und gab mir einen tollen Rat. Gleichzeitig versprach er mir, zusammen mit meiner lieben Mum zu helfen. Möbel schleppen geht nicht, aber die Bohrmaschine schwingen und am Umzugstag ein zauberhaftes Menü aus dem Bratofen zaubern, das könnten Sie. Mir standen erneut die Tränen in den Augen, weniger aus Verzweiflung, denn vor Rührung. Meine liebe Familie! Papas Rat wurde in die Tat umgesetzt. Das Problem um den 03.Januar 2011 ist abgehakt und gelöst. Der Umzugstermin ist festgelegt auf den 29.12.2010. Noch 44 Tage und bitte, lieber Sandmann, 44 ruhige Nächte!
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