Inseltagebuch – warten auf den Wahnsinn

Hinterlasse einen Kommentar

Vergangene Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Anfangs noch versuchte ich mich mittels putziger Lämmchen in den Schlaf zu zählen. Dann verlegte ich mich auf wunderbare Träume vom Sommer und sanftem, warmen Wind, der in meinen Haaren spielt, orangeroten Sonnenuntergängen und der dazu gehörenden Romantik. Es wiegte mich nicht in sanfte Träume und so  holte ich die Erinnerungen an den vergangenen Sommer aus der Schublade. Ich  liess Bilder von lachenden blauen Augen, schneeweissen Segeln, perfekten, kristallklaren Wellen, im Wind sich biegenden Bäumen und weiten Stränden mit der dazugehörenden Romantik vor meinem geistigen Auge auf und ab spazieren. Die Erinnerungen  regten mich auf. Ich schmiss das viel zu warme Federbett zurück und wechselte auf das Sofa. ‘Das Fernsehen wird es schon richten’ dachte ich mir. Schliesslich war ich müde. Müde und ein bisschen dem Wahnsinn nahe.

Die ganzen Tage sind derzeit angefüllt mit Telefonaten, Fragen, Recherche und nicht darüber nachdenken, das alles in 44 Tagen über die Bühne gebracht sein muss. Noch 44 Tage, dann steht der Möbelwagen vor der Tür und verschlingt mein Sofa und das Bett, den alten Kiefernschrank, die Waschmaschine, unzählige Bücher und Geschirr in seinem Bauch.

Freitag stand mein Chef in der Tür, drückte mir das offizielle ‘Sie werden nun entsandt’ Schreiben mit allen dazugehörigen Paragraphen, Titeln , Kostenträgern, Objektnummern und Formularen in die Hand, sagt ‘So ! Das wäre es dann. Fragen Sie die Kostenstelle in der Zentrale,wenn Sie nicht weiterkommen, die wissen Bescheid über jedes Problem’

‘Ja gut.’ ist meine Antwort, das Papier befremdlich in den Händen haltend, von allen Seiten argwöhnisch betrachtet ‘Ja gut- ich werde dann mal alles in die Wege leiten. ‘

All die Paragraphen auf dem schneeweissen Blatt Papier verwirren mich. Ich tauche ein in den Behördlichen Dienstweg und wieder Erwarten sind die Damen in der Kostenstelle über Gebühr freundlich, hilfsbereit und haben auf alle Fragen beruhigende Antworten. Am Tollsten und das rettet meinen Freitag ist ihr faszinierender Hang zur Unbürokratie.

Schicken Sie uns alle Unterlagen per Mail und per Fax, teilen Sie uns mit welche Rechnungen beglichen werden müssen. Wir kümmern uns darum. Machen Sie die Unterlagen rasch fertig. Am 09.Dezember ist bei den Behörden Kassenschluss, danach kommen Sie erst Mitte Januar wieder an Geld- das dürfte in ihrem Fall zu spät sein. Und Sie Arme, wer ist so grausam und schickt einen so jungen Menschen auf einen einsame Insel. Haben Sie sich das auch gut überlegt? So mitten im Winter?”

“Hmmm” lautet meine karge Antwort.

“Hmmm” denke ich auch bei mir. “Habe ich mir das gut überlegt? Momentan fühlt sich dieser ausflug, der ja eher eine Hochzeit ohne Scheidungsoption ist, noch an wie ein großes, anstrengendes Abenteuer, von welchem ich ahne das ich den einen ode randeren Morgen bereuen werde, das ich es einging”

Zum wievielten Male hinterfrage ich nun schon meine Entscheidung? Einen Tag bin ich euphorisch, den nächsten, wenn ich unten am Hamburger Hafen in das pulsierende Leben einer Metropole am Tor zur Welt eintauche traurig, melancholisch. Dann wieder bin ich so in all die zu bewältigen, logistischen Problemchen eingespannt,das ich nicht mehr nachdenken kann.

02.00 Nachts. Noch immer kann ich nicht schlafen. Mir ist heiss und eine innere Unruhe beschleicht mich. Die Reportage über Roald Amudsen im Fernsehen ist vorüber ‘Into the wild’ , eines der besten Roadmovies aller Zeiten beginnt. Warum senden die solch tolle Filme eigentlich immer dann, wenn die Nation von Formel 1 Weltmeistern und ihren Leistungen träumt? Ist es ihre Hommage an die Schlaflosen? Oder zahlen die Nachtdienstler in den Wachstuben und Leuchttürmen, den Wetterwarten extra für solch cineastische Leckerbissen?

Meine Gedanken fangen an zu wandern. Auf dem Schreiben, welches mir am Freitag in die Hand gedrückt wurde steht ein Datum. Dieses Datum ist augenscheinlich der Übeltäter meiner nächtlichen Unruhe. ‘ Bitte finden Sie sich am 03.Januar zum Dienstbeginn an der Wetterwarte ein’ 03. Januar – das ist das Datum an dem meine Sachen nach Fehmarn gebracht werden sollen, 03. Januar, der Tag an dem ich auch schon gleich arbeiten soll. Verdammt. Luxusproblem das fünfte. ‘ Werde ich es schaffen dem Umzugsunternehmer blind meinen Schlüssel in die Hand zu drücken und ihn arbeiten zu lassen? Werde ich es schaffen ihn alleine die für Fehmarn bestimmten Sachen in Hamburg einpacken zu lassen , und die , welche in der Bramfelder Wohnung  zurückbleiben sollen nicht anzurühren, den Weg nach Strukkamp zu finden und alles abzuladen ? Werde ich darauf vertrauen können  das das geliebte Maria Weiss Geschirr meiner Eltern keinen Schaden nimmt? Werde ich stark genug sein , nicht fünfundzwanzig Mal von unterwegs , dem Nervenzusammenbruch nahe, den Fahrer anzurufen und zu fragen ob alles läuft?Werde ich mich anstatt wie eine hysterische, alte Frau, benehmen können wie ein cooles , lachendes Surfermädchen? Ich weiss nicht- es muss ja noch gestrichen werden- denn Luxusproblem Nummer 6: Die Wände in Strukkamp strahlen weiss- mein Sofa und die Sideboards ebenfalls. So kann ich nicht wohnen- vor dem 03. Januar muss gestrichen werden! weiße Möbel mit weißen Wänden- das geht nicht einen halben Tag! Ich muß irgendwie einen Plan kreeiren das mein geliebtes Steinfarben vor dem 03. Januar 2011 die Wände um den Kamin in Strukkamp leuchten lassen’

03.30 und mein Herz rast- Gott! Das schaffe ich im Leben nicht.

Das schwarze Teufelchen auf meiner rechten Schulter unkt ‘Gott! wird Dir nicht helfen. Du hättest kämpfen sollen, um in Hamburg zu bleiben. Da auf der Insel- wie sagte dein Vater so schön- ist Notstandsgebiet in Sachen Männer, so toll es ist einsam zu leben- ab und an wirst Du doch mal kuscheln wollen?’

Ich muss grinsen. Stimmt. Vor ein paar Tagen sprach ich mit meiner Kindergartenfreundin, die noch immer bei meinen Eltern um die Ecke wohnt. Sie erzählte mir , das sie meinen Vater beim Bäcker getroffen hatte und der hatte ihr sein Leid geklagt ‘ Die Insel da wäre doch totales Notstandsgebiet und er würde gerne noch Grossvater werden in diesem Leben’ Stimmt- ich lache.

Da meldet sich das weisse Teufelchen von links ‘Quatsch- jetzt hört mal auf. Über kurz oder lang wäre sie hier in der Stadt doch unglücklich geworden, rastlos ist sie ja schon. Sonst würde sie nicht genau jetzt hier sitzen und nicht schlafen können. Es ist genau richtig das sie dahin zieht, wo sie immer hin wollte, ans Meer, vielleicht nicht die schönste Ecke, aber immerhin eine Ecke am Meer und das Problemchen mit dem Notstand regeln die Touristen im Sommer schon. Im Winter hat sie dann ab und an Besuch und den Rest der Zeit Ruhe’

“Moment mal ” frage ich in das Streitgespräch, “wer von Euch ist jetzt gut und wer ist schlecht? Beide mit schmutzigen Gedanken- das ist doch nicht das Wichtigste auf der Welt- nun nicht so ganz das Wichtigste. Ausserdem bräuchte ich dafür noch ein Neues Bett. Schon vergessen? heute nachmittag beim Entrümpeln…?”

Jetzt lachen wir alle laut, just in dem Moment als der Held des Roadmovies seine Begegnung mit dem Braunbären in Alaska hat. Am Nachmittag entrümpelte ich das Schlafzimmer. Ich wollte schnell unter dem Bett einen Karton hervorholen und den Staub wegwischen. Praktischerweise gedachte ich dafür mal eben kurz das Bett hochkant zu stellen. Ich vergaß dass es eine Steckkonstruktion hat und hielt in sekundenschnelle nur noch die Seitenwand in der Hand. Kopf-, Fussteil und der Lattenrost rumsten laut auf die Dielen. Ich stand vor dem Trümmerhaufen und dachte nur ‘Super! Das Dein Bett zusammenkracht- dafür hattest Du Dir auch andere Situationen im Kopfkino ausgemalt. Die Szene das es passiert, wenn Du mal eben einen Karton hervorholen willst und den Staub wegwischen- die war irgendwie nicht dabei.’ Wie um diese Erkenntnis zu bekräftigen rutschte der Lattenrost aus meiner einen Hand auf den Zeigefinger der anderen. Da waren Sie dann präsent – die Tränen des beginnenden Wahnsinns. Vermischten sich mit aufsteigendem Lachen und Flüchen über den pochenden Zeigefinger. Ich stand vor dem Bettskelett, schüttelte den Kopf und begann zusammen zu bauen. Alleine ist das etwas schwierig, also klemmte ich mir erneut irgendwann den Finger. Zu diesem  Zeitpunkt hatte ich augenscheinlich die Schwelle zum Wahnsinn schon überschritten, denn ich regte mich nicht mehr auf. Vielmehr nahm ich diese Situation als Strafe dafür, dass ich den, sich für dieses Wochenende angekündigten Besuch, liebenswerten Besuch, einfach nicht habe nach Hamburg fahren lassen. Kleine Vergehen bestraft der Himmel sofort und sei es , wenn er Lattenroste auf Zeigefinger plumpsen lässt.

03.30 Alan Delon betritt die Bühne in Gestalt Casanovas. Der Film startet passend zu meiner Heulsusenverfassung sehr unanständig. Ich erinnere mich an den letzten Samstag und beginne zu begreifen, das es ja auch kein Wunder ist das ich heute nacht ruhelos auf dem Sofa verbringe. Am Freitag abend war ich lange im Sgroi, danach sass ich lange noch über einem Artikel und  schlief nur fünf Stunden um am Morgen ganz früh nach Fehmarn zu fahren. Die Wetterlage war verlockend, frühlingshaft mild und ohne Regen sollte der Tag beginnen. Die zehn Windstärken der vergangenen Tage machten erträglichen sechs bis sieben Platz. Ich hatte unglaubliche Lust meinen kleinen Kite und das weisse Prinzessinenboard zum Tanz auf dem Parkett in Gold zu bitten.Wir starteten mit  Jive, erhöhten das Tempo beim  Charleston, gefolgt von einem unfertigen Rock’nRoll- das eine Finne Opfer einer Reuse wurde, behob ich mit Stöckchen statt Schraube- die Konstruktion  hielt und ich konnte mit der Salsa fortfahren. Viel zu lange war ich auf dem Wasser, wieder auf dem letzten Drücker im Sgroi. Um 19.30 war das Restaurant voll. Wir haben zwar nur 38 Plätze, aber Anna kocht a minúte und ausgerechnet am Samstag hatte sie Lust auf ein neues Menü. Darüber setzte Anna uns um 18.45 in Kenntnis. Fünfzehn Minuten sind in Sizilien augenscheinlich völlig ausreichend zum Einprägen eines neuen Menü. Auf Sizilien sind aber wahrscheinlich nicht um 19.30 alle Plätze im Restaurant belegt- zeitgleich versteht sich. Es war hart- richtig hart.  Später als üblich konnte ich das Sgroi verlassen und ich war absolut platt!

Sonntagmorgens stand ich nicht wie geplant um 10.00 auf. Ich frönte einem totenähnlichen Schlaf bis in den Mittag hinein.

04.45 ‘Guten Morgen meine Damen und Herren die Nachrichten!’ Erschrocken setze ich mich auf- das Ende Casanovas habe ich verschlafen- ich bin tatsächlich noch  eingeschlafen. Endlich! Dann schnell ins Bett und den Rest der Nacht nutzen.

Wir schreiben Montag den 15.11.2010

Ich habe heute angefangen verstärkt nach einem Auto Ausschau zu halten. Meine lieben Freunde, die männlichen mit dem technischen Verstand, klären mich über alle Dinge auf, die wichtig sind. Wo der Rost sitzt, was ein öliger Motorraum bedeutet, das es besser ist einen ‘ich habe den Namen vergessen’ im Motor zu haben statt eines Keilriemens und das ein Keilriemen alle 60.000 Kilometer gewechselt werden muss. Ich entwickle mich noch zum Kenner in Sachen Gebrauchtwagen. Ich war sogar in der Lage heute um Hilfe bei der Besichtigung eines Autos zu bitten- erstaunlich das ich es tatsächlich schaffe zu fragen ‘Kannst Du mitkommen, wenn ich den Wagen anschaue?’ Scheint so, daß mein derzeitiges Abenteuer charakterliche Verbesserungen an mir vornimmt.

Meiner Vater rief mich n an und gab mir einen tollen Rat. Gleichzeitig versprach er mir, zusammen  mit meiner lieben Mum zu helfen. Möbel schleppen geht nicht, aber die Bohrmaschine schwingen und am Umzugstag ein zauberhaftes Menü aus dem Bratofen zaubern, das könnten Sie. Mir standen erneut die Tränen in den Augen, weniger aus Verzweiflung, denn vor Rührung. Meine liebe Familie! Papas Rat wurde  in die Tat umgesetzt. Das Problem um den 03.Januar 2011 ist abgehakt und gelöst. Der Umzugstermin ist festgelegt auf den 29.12.2010. Noch 44 Tage und  bitte, lieber Sandmann, 44 ruhige Nächte!

Bilder about pixel.de

Insel vs. Grossstadt

1 Kommentar

Es steht seit Monaten im Raum. Die Taktik des ‘Ich spreche das Thema in der Führungsetage nicht mehr an und es wird sich im Sande verlaufen’ hat nur scheinbar funktioniert. Am Montag wurde das Urteil gefällt, das Angebot weit erhöht und auf eine Antwort meinerseits gar nicht gewartet. Es wird vorrausgesetzt das ich umziehe auf die plattgedrückte Insel mit Brücke. Mir düngt das sich das hässliche Inselentlein heute für meine Spötteleien ueber seine landschaftliche Reizlosigkeit rächen will. Platt wie eine Flunder liegt Fehmarn am Ende der Lübecker Bucht, weit weg von Mecklenburgs sanften Hügeln, den imposanten Steilküsten, den weiten, feinsandigen Stränden, keine reetgedeckten Häuser, die Kraniche sammeln sich lieber woanders um ihren Flug in den Süden anzutreten, stattdessen Blechlawinen jeden Sommer, die Brücke hinauf und an der anderen Seite wieder hinunter. Ich gebe zu- möglicherweise war ich einwenig herzlos, möglicherweise einen Hauch überheblich – aber wie soll ich Fehmarn lieben, wenn meine Erinnerungen an Meer und Freiheit mit dem Darss, Warnemünde und Rügen verknüpft sind. Jedem dem ich erzähle das mich meine Firma auf die Insel schicken wird, beglückwünscht mich. Allmählich dämmert mir das etwas dran sein muss an den Sprüchen ‘Du Glückliche’, “Mensch SabinChen ein Sechser im Lotto- alles was Du dir immer gewünscht hast und bezahlt bekommst Du es auch noch.”

Letzte Nacht habe ich beschlossen das ich ab heute zwei Listen führen werde.

Eine auf der steht, was an Fehmarn liebreizend sein könnte. Und eine andere auf der ich verewigen werde, was ich in Hamburg noch unbedingt tun will bevor ich im Januar die Brücke auf der einen Seite hinauf und auf der anderen wieder hinunter fahren werde, mit dem Ziel zu bleiben.

Was ich in Hamburg noch unbedingt tun möchte:

Ich war noch niemals auf dem Fischmarkt nach einer Kieztour. Genau genommen war ich während der letzten zwölf Jahre nur zweimal auf dem Kiez.

Ich war nicht einmal auf dem Dom.

Birga und ihren Kamikazeflo , welcher NICHT Inga heisst, besuchen…

Eine Hafenrundfahrt- obwohl ich den Hafen gut kenne.

Labskaus essen und es überleben.

Einmal mit der Fähre bis nach Willkommhöft und zurück.

Noch einmal ins Planetarium.

Hagenbeck möchte ich noch einmal anschauen.

Planten und Bloomen Schlittschuh laufen mit ordentlich Glühwein.

Fernsehturm

Den Michel hinab steigen, oben drauf das kenne ich.

Erdbeeren mit Sahne auf dem Süllberg in Blankenese.

St. Pauli würde ich gerne noch einmal anschauen, an einem kalten Samstag nachmittag mit Apfelpunsch und einer heissen Waffel.

Ohne in der hanseatischen Sterneküche vorbei geschaut zu haben, verlasse ich diese Stadt eh nicht!

Fehmarns mögliche Vorteile:

ich habe viel Zeit zum Schreiben, die Unruhe und der Lärm der Stadt, die mich hier ab und an bremsen, werden das auf der Insel nicht mehr tun.

Mein Wunsch am Meer zu leben wird wahr.

Spots für alle Windrichtungen.

Fridolins 3-Gangschaltung ist vollkommen ausreichend, es gibt weder Anhöhen, noch Hügel und Berge.

Es gibt immer ein bisschen mehr Sonne als in Hamburg

Mit einem Begleitboot könnte ich bei Nordwest downwind nach Hause kiten.

Ich kann jeden Tag an dem es Wind hat kiten. Macht Herr Pustemann am Wochenende Pause und alle fluchen, dann lache ich, weil die Vorhersage für den Montag Klasse sein wird.

Hamburg wird mir fehlen und ich werde nicht wissen warum.

Die guten Wavespots sind nur eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt, das Hawai der Ostsee bei Südost ist mit dabei!

Jedes Wochenende habe ich Besuch.

An den speziellen Geruch vom Grünen Brink gewöhnt man sich sicherlich irgendwann. An die Chaoten da auch, aber die muss ich ja dann nicht mehr sehen, weil ich immer dann kiten kann, wenn die nicht kiten gehen können.

Im Sommer sind die Nächte fast hell.

Das Wasser in Gold ist manchmal wirklich karibisch türkis.

Der Latte Macchiato und der selbstgebackene Kuchen in Orth am Hafen sind durch nichts zu überbieten.

Kaum jemand dort fliegt Naish und/oder Liquid Force, ich bin ein kleiner Star mit den Geister Envy’s

Der Himmel ist immer sonnig gelb ( das ist ein klarer Nachteil) und Spiegeleier werde ich nicht mehr essen mögen (auch das ist ein klarer Nachteil)

Im Hafen gibt es frischen Fisch.

für meinen Hamburger Mietzins bekomme ich auf der Insel so grosse Wohnungen, das ich mich durch den anstehenden Möbelkauf fast ruinieren werde,

Es ist leise auf der Strasse, überhaupt wird mir das Grossstadtgehupe nicht fehlen.

Kreuzt Du von Gold auf in Richtung Orth- ich glaube da gibt es ein Haus das ist reetgedeckt,

Nach Hause von Fehmarn ist genauso weit , wie von Hamburg nach Hause (das ist ein riesiger Vorteil)

ich kann sogar mit der Bahn fahren, wenn ich will.

Viva con Agua wird seine Fehmarn Zelle bekommen,

Tallships kommen selten vorbei ( das ist schlecht),

Osterglocken blühen auch noch im April und im Mai,

Ostwind rockt auf der Insel- allemal.

Ab und an gibt es sogar ein gutes Konzert,

im Sommer hat Fehmarn etwas welterfahrenes, solange Burg und die Einkaufsschneise gemieden wird.

Da meine ProListe für die Insel schon sehr lang scheint, werde ich mich für’s Erste zurückziehen und nachdenken. Ich werde mich auf Fridolin schwingen, die Stadt hinunter an den Hafen fahren, die grossen Ozeanriesen beobachten, wie sie sich auf den Weg den Fluss hinauf in Richtung Meer begeben, werde den Möwen zuschauen, wenn sie sich um einen Stindt streiten und schauen was ich noch alles in Hamburg machen möchte, bevor ich die Brücke auf der einen Seite hinauf fahre und auf der anderen wieder hinunter mit dem Ziel zu bleiben.

Es scheint nur das ich melancholisch bin- ein Wochenende voll Lachen mit der Gulden Leeuw

1 Kommentar

Meine lieben Freunde. Die folgenden Zeilen muten vielleicht melancholisch an. Seit sicher- ich lache und bin sehr fröhlich- auch im Herbst!

 ”Achtung auf Gleis 14 erhält Einfahrt der Intercity 2311 aus Westerland auf seiner Fahrt nach Bremen. Die Wagen der ersten Klasse….“ Die Lautsprecherstimme schnorrt monoton ihr Programm ab. Ein normaler Freitagnachmittag am Hamburger Hauptbahnhof. Der Oktober startet golden und mild- als ob er das Bedürfnis hat uns für den verregneten Septemberausklang entschädigen zu wollen. Morgens überzieht erster Reif die Wiese vor dem Haus, der Atem ist in der klaren, kalten Luft zu sehen. Ich sehne mich nach  Handschuhen auf dem Weg zur Arbeit. Schon mittags habe ich die morgendliche Frische auf dem Rad vergessen und springe im TShirt umher.

Menschen laufen rechts und links an mir vorbei, hektisch werden die Koffer gezogen, eine gestresste Mutter nimmt ihren schreienden Jungen kurzerhand auf den Arm und verfrachtet ihn einen Hauch zu rabiat in den wartenden Zug, eine ältere Frau sieht sich hilfesuchend um, ihr Koffer ist fast so groß wie sie selbst und sieht schwer aus. Ein junger Mann lächelt sie an und ist ihr behilflich. Neben mir ein Pärchen, welches sich herzzerreißend verabschiedet, ein langer Kuss, ein noch längerer folgt. Mir scheint als ob Er Sie mit in das Abteil ziehen möchte. Auf der anderen Bahnsteigseite fährt ein Zug ein, Begrüssungsarien und wieder Pärchen die sich in die Arme fallen und küssen. Ich wende mich ab- das ist mir einen Hauch zuviel Romantik am hellen Tage und starte meine Suche nach einem freien Sitzplatz.

Bahnfahren in Deutschland ist nicht sehr preiswert. Das  habe ich beim Kauf des Tickets feststellen müssen und mir die zusätzlichen 2,50€ für eine Reservierung gespart. Den eklatenten Fauxpax lässt mich der brechend volle Intercity mit einer Sitzplatzsuche bezahlen. Gedankenverloren und lustlos steige ich über Koffer und Taschen, zwänge mich an Gitarren und Posaunen vorbei. Musiker reisen also auch auf dem Gang. Irgendwann quetsche ich mich in ein Abteil und versuche dem fröhlichen Geplapper der Damen mir gegenüber mit Musik auf den Ohren zu entkommen.

Ich befinde mich auf dem Weg nach Wilhelmshaven. Dort findet zum Neunten Mal der Jade Weser Port Cup statt, eine Regatta von, ich glaube, 15 Traditionsseglern. Als ich vor wenigen Tagen mit den Eignern der von mir im Mai, für den Spendensegeltörn, gecharterten Hendrika Bartelds telefonierte, bemerkte ich am Ende des Gespräches wie traurig mich der scheidende Sommer stimmt, wie melancholisch ich zuweilen bin, wie sehr in den Ereignissen der letzten Monate gefangen, wie groß die Sehnsucht nach dem Meer und wie lange mir die Zeit bis zum nächsten Segeltörn noch scheint. Meine Jammerei wurde unterbrochen mit den Worten ‚Komm nach Wilhelmshaven, hilf uns an Bord bei der Regatta. Wir brauchen noch jemanden und Du bist uns herzlich willkommen.’

Einen Tag habe ich darüber nachgedacht, dann die Verabredung zum Kiten mit den Freunden abgesagt, wie schon zuvor den über Jahre liebgewonnenen Herbstauftakt in Hvide Sande.

Jetzt, wo ich hier im Zug sitze, draußen die Bäume vorbeifliegen, den Blick auf die Weite der Maarschen versperrend, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob meine Idee nur zu segeln und nicht zu kiten eine gute Idee ist.  Und wie um zu bestätigen, dass ich mich auf dem Weg viel zu nah an frische Narben begebe, trübt sich der Himmel ein. In Bremen ist es kühl, als ich auf den Anschlusszug warte, in Delmenhorst beginnt es zu regnen. Die letzten fünfundvierzig Minuten muss ich stehen, die Luft wird knapp und in Wilhelmshaven katapultiere ich mich geradezu aus der Bahn. Schnell, bloß ganz schnell ans Wasser und Luft in die Lungen lassen.

Mein Zuhause für die kommenden zwei Tage ist die stolze Gulden Leeuw. Sie wurde im vergangenen Winter umgebaut und ist diese Saison das erste Jahr als Segelschiff unterwegs gewesen. Als einziges Schiff liegt sie jetzt am Bontekai. Die anderen Segler fahren eine Regatta mit Junioren. Langsam entspanne ich mich, die Nähe zum Meer ist eine verlässliche Beruhigungspille für mich.

Ein großes „Hallo“ empfängt mich, als ich an Bord komme. Ich habe die Eigner lange nicht gesehen. Der Nachwuchs ist auf dem Weg den Windeln zu entwachsen und stürmt mit einiger Energie  über die Planken.

Ich entere die mir zugewiesene Koje und begebe mich auf Erkundungstour. Ein großes Schiff, soviel größer als die Loth oder die Hendrika, stolzer, edler- neuer auch. Klar!

Lange kann ich nicht herumstromern, das Abendessen steht an- Gäste werden erwartet, Klar Schiff muss gemacht werden. Es ist ein lustiger Abend mit lauter zufriedenen, lachenden Menschen. Meinen Alltag habe ich schon nach weniger als 20 Minuten vergessen und bin komplett abgetaucht in die Welt der Kapitäne, Klabautermänner, Störtebeckers und Meerjungfrauen.

Der DJ ist so schlecht, es geht bal nicht schlechter- es juckt mich nicht! Spät am Abend ein gutes Glas Rotwein mit der Crew, noch eines und nach dem dritten gehen wir schlafen.

In sechs Stunden ist Wecken und dann werden wir viele Stunden auf dem Wasser sein.

„Verdammt! Es reicht. Du musst hier keine Show abziehen vor allen und Deinen Status mir gegenüber herausposaunen. Das hast Du überhaupt nicht nötig, es ist eine billige Show und Du gehst mir auf die Nerven damit! Deine Eifersucht steht Dir nicht zu Gesicht und ob sie  berechtigt ist?- das ist eine Frage, die Du nur alleine für Dich beantworten kannst. Ich habe niemandem etwas weggenommen, ich habe es mir nicht ausgesucht und ich stehe Dir weder hier noch irgend wo anders  im Weg!“

 Erschrocken werde ich wach. Was für ein komischer Traum, so real und wirklich und so als hätte ich die Dinge , die ich seit Wochen denke und mich nicht traue auszusprechen, endlich den Mut gehabt weiter zu geben.

Habe ich natürlich  nicht, so ein plötzlicher Mut ist meinem Wesen untypisch.  Stattdessen pocht meine Schläfe- ich habe mir beim Hochschrecken den Kopf gestoßen. Ein kurzer Blick aufs Handy , 06.30 leuchtet es mich aus dem Display an. Iim Prinzip kann ich jetzt auch schon aufstehen. In einer halben Stunde wird die Crew an der Dusche Schlange stehen. Bis dahin sitze ich achtern und genieße mit einem dampfenden Kaffee den Morgen. Mein Traum steckt mir in den Knochen. Meine Gedanken wische ich  beiseite- keine Lust auf Trübsal. Ich will lachend und frei den heitigen Tag verbringen. 07.00 wir verholen, 08.00 die Guestcrew kommt an Bord. 130 trinkfeste Wirtschaftsmenschen, Vertreter von Bund und Ländern, eine Mischung verschiedenster Industriegurus, Manager, Projektleiter- lauter wichtige Typen heute samt Weib und/oder Freundin am Start. Das wird spannend. 10.15 startet die Regatta. Wir haben alle Hände voll zu tun. Segel setzen, einholen, brassen, fieren halsen, das Schiff seefest machen über und unter die Gänge stolpern, Bier reichen, lachen- ich bin weg aus dieser Welt und ganz tief drinnen im Piratenteil meiner Seele. Wie herrlich, der Wind in den Tauen spielt einen leichten Charleston, ganz dem 30iger Jahre Stil der Gulden Leeuw angepasst. Es stört mich nicht das es immer wieder anfängt zu regnen, ich habe den Wind um die Nase, meine Weste wärmt, die Hände sind warm  vom Brassen und fieren, meine Waden schicken ein leichtes Ziehen an meine Großhirnrinde ‚Pass mal bisschen auf, auf uns, wenn Du immer so flink die Treppen hier auf dem Schiff hinauf und hinunterhopst. Es dauert nicht mehr lange und wir fangen an  zuviel Säure zu bilden’

Viel zu schnell vergeht dieser Tag. Die Gulden Leeuw erkämpft eine gute Platzierung. Die abschließende Einlaufparade ist eine der Kleinsten der über den Sommer in Deutschlands Norden stattfindenden Sails- aber ich glaube die netteste. Jedes Schiff wird einzeln vorgestellt mit der dazu gehörenden Geschichte. Wir legen an und eigentlich auch fast schon wieder ab. Dieses Mal befinde ich mich nicht in Richtung Meer, sondern am Kai entlang direkt ins Festzelt. Tausend geladene Gäste, die Crews und ein paar Kids verteilen sich an den Tischen. Wein und Bier wird gereicht, die Schlange am Buffett ist enorm, wir warten und warten und warten- ein Bierchen auf die Hand vertreibt nicht den Hunger aber die Unsicherheit. Ich weiß nicht mehr wie oft ich heute den Blick senkte, weil ich dem entgegenkommenden nicht begegnen wollte. Ich weiß nicht wie oft ich heute über das merkwürdige Verhalten einer Enddreissigerin meines Kalibers geschmunzelt habe. Ich weiß nicht wie oft ich heute in den Tauen hing und die Absurdität der Gesamtsituation, meiner emotionalen Gesamtsituation, von allen Seiten versuchte intelligent zu betrachten. Zu einem Ergebnis bin ich nicht gekommen. Ich habe mich noch nicht einmal umgezogen für die Abendveranstaltung. Ich glaube es war beim Großsegel setzen, da war es mir egal einfach egal, ob am heutigen Abend eine Dame, oder zwei, böse schauen werden, wenn sie mich sehen. Ich glaube bei den Klüvern kam mir dann ein Spruch in den Sinn, den ich vor wenigen Monaten am Ende einer Geschichte, der anderen Seite widmete. „Ich bin stark, klug und schön. Und ich glaube an mich und an genau diese Attribute. Und ich finde es toll dass ich daran glauben kann!“

Das Buffett ist abgefertigt, das Leckerste war die Mousse au Chocolate. Der Jägermeister macht die Runde, wir hätten gerne Havanna gehabt- aber das ist nicht vorgesehen. Schade. Die Siegerehrung zieht sich in die Länge, wir wollen tanzen. Die Band, die aufspielt sieht sehr speziell aus in ihren Mozartkostümen, Falcos Amadeus kommt nicht überzeugend daher. Wir haben den Jägermeister und mit dem werden schiefe Töne gerade gerückt und die halbvolle Stimme der Frontfrau der Tina Turners angeglichen. So einfach ist das und schon tanzen wir. 21.00 mitten in Norddeutschland bebt das Festzelt. Wir frönen dem Wein und dem Bier, ich treffe einen alten Bekannten. Kitegeschichten werden gesponnen. Ich erinnere mich dass meine Segelleidenschaft durch ihn und die Geburt der Idee, das Segeln mit dem Kiten zu verbinden, ihm zu verdanken ist, ihm und einem gesprächintensiven Törn während der Kieler Woche im vorletzten Sommer.

Wir frönen weiter dem Wein, der Alkoholpegel steigt- ich ignoriere meine jammernden Waden und erlebe mich zu Jon Bon Jovi rocken. Beim Rocken kannst Du wunderbar aus dem Weg hotten quasi, Du kannst die imaginäre, eingebildete Matte schütteln, den Blick auf den Boden geheftet, Deiner Umwelt suggerierend das dieses Dein absoluter Lieblingsrocksong ist.

Dann ereilt sie mich, die Begegnung, welche es zu vermeiden galt und es wiederholte sich der Traum der vergangenen Nacht. Leider endet er bevor ich meine Worte sagen kann. Statt mich zu wehren, meinem aufkommenden Ärger Luft zu machen, drehe ich mich um und fordere irgendwen – ich weiß gar nicht mehr wen, zum Tanz. Mitternacht- die Band macht Feierabend. Das ist gut so, ich würde bis 05.00 morgens durchtanzen und das wäre nur förderlich für unschöne Augenringe.

Am folgenden Morgen werde ich von alleine wach. Tief und fest und traumlos habe ich meine Kräfte gesammelt.

Ich schleiche mich nach oben, setze den Kaffee auf und genieße das Gefühl barfuss über die Planken zu tanzen. Langsam schält sich die Sonne aus den Wolken. Schmerzlich vermisst, wird sie uns den heutigen Sonntag versüßen. Sanftes Morgenlicht ergießt sich über den Jadebusen, leicht schaukeln die Schiffe, Außer den Möwen, die ihre Geschichten erzählen höre ich  wenig. Noch immer knattern die Fahnen im Wind, er hat ein wenig nachgelassen. Ein herrlicher Kitetag wäre das heute. Hätte ich meinen Schirm und ein Board mit hierher genommen, dann bräuchte ich nur über die Brücke hinüber an die See zu laufen und vor dem Frühstück eine Runde auf dem Wasser drehen. Mein Blick schweift über den Hafen. Am Strand stehen tatsächlich ein paar Schirme am Himmel. Ach was, ob nun heute oder heute nicht- ich häng mich ins Klüvernetz und chille. Um 10.00 haben wir einen Gottesdienst an Board, später kann jeder die Gulden Leeuw besichtigen. Die Wilhelmshavener machen davon rege Gebrauch. Begierig saugen sie unsere Geschichten auf, es macht Spaß ihnen das Schiff mit allen seinen liebevollen Details zu zeigen. Begierig wollen sie wissen, wie es sich auf einem Schiff lebt- für diesen heutigen Sonntag genehmige ich mir den Luxus in ein anderes Leben zu schlüpfen, ein bisschen zu flunkern. Die Augen der Omis und Opis strahlen so sehr, wenn sie mir zuhören- ich bringe es nicht übers Herz ihnen zu berichten das ich morgen früh um sieben Uhr wieder in Hamburg in meinem Neon beleuchteten Büro sitze.

Ein goldener, warmer Herbsttag an Deck. Wir genießen die Sonne, lachen, faulenzen, geben unser Seemannsgarn zum Besten. Ein schöner Tag – auch ohne Kiten. Ein schönes Wochenende, ich bin entschleunigt, wie immer, wenn ich auf dem Meer war- kostbare Fluchten aus meinem Alltag, unbezahlbar.

18.00 meine Abschiedsrunde steht an. Es ist die letzte Sail der Saison und viele der Crewmitglieder werde ich vor dem kommenden Frühjahr nicht mehr sehen. Schnell Tschüss, bei einigen lieber gar nicht- ich will nach Hause und Abschiede sind- eine komische Institution, es wird einem immer so eng ums Herz dann und so glasig um die Augen. Abschiede sind nicht mein Ding. So besteige ich in Windeseile den Zug nach Hause. Wieder stromere ich meinen Gedanken nachhängend durch die Waggons auf der Suche nach einem freien Sitzplatz.

Das nächste Mal nehme ich das Auto, meinen Kite mit an Board und das Brett und dann werde ich selbst gesehen haben  ob der Kitenachwuchs wirklich seine ersten 50 Meter auf der Jade zurücklegte. Und ich werde nicht, so wie am gestrigen Sonntag, versucht sein diese 50 Meter stark zu reduzieren bzw. ganz in die Seemannsgarnkiste zu verfrachten.

Hamburgs Zauber im September, Entschleunigungen und Fragen an unsere Gesellschaft

1 Kommentar

Als ich am Sonntag  in den Bahnhof von Hamburg einfahre, da erschlägt mich die Lautstärke, die Aggressivität, die Rastlosigkeit dieser Stadt so sehr, das ich mir den Luxus eines Taxis nach Hause gönne. Durch die offenen Wagenfenster dringt warme samtene Septemberluft, das Atlantik zieht an mir vorbei, auf der Alster hunderte weisser Segel im Wind, der Verkehr auf dem Ring 2 rauscht vorbei- meine Gedanken laufen zurück. Die Stille auf dem Meer, die Sonne, das Kristall der Wellen, mein gestriger Cutback, die Stunden da draussen auf der Ostsee, der elterliche Garten angefüllt mit dem Duft der leuchtenden Dahlien, der schweren Rosenköpfe, rote Äpfel locken im Baum, Amseln singen, irgendwo gurrt eine Taube, leichter Herbstwind rauscht in den Blättern, die Pflaumen werden reif, mein Vater pfeift ein Lied, das Meer ist gleich hinten links um die Ecke, einen Steinwurf weit- wo sind sie nur, wo kann ich solch liebliche Melodien in dieser Millionenmetropole finden?

Zu Hause schmeisse ich die Tasche in die Ecke, schnappe mir Fridolin das Fahhrad und fahre einfach los. Den Ring 2 hinunter, dann rechts um die Alster herum finde ich mich kurze Zeit später am Hafen wieder, ein Segelschiff liegt da und ich spüre schon wieder dieses sanfte , lockende Säuseln ‘Komm! lass alles hinter Dir! Entere mich und erkunde die Weltmeere, solange bis Du satt bist von Einsamkeit, Wellenrauschen, rollenden Stürmen, Wind der in den Tauen zerrt, an den Ohren nagt, sich in Dein Gehirn brennt, so sehr das Du seiner überdrüssig wirst, spüre das Salz auf Deiner Haut, verkrustete Lippen, sonnenverbrannt das Gesicht, Schwielen an den Händen, von den Tauen die Du jeden Tag durch die Finger laufen lässt, fieren, ziehen, brassen, trimmen, belegen. Komm! probiere es aus – ich werde Dir zeigen wie kostbar die Flucht sein kann, so kostbar , wie sie manch einem irgenwann zum Fluch wird!’ Mein Blick schweift die Elbe hinauf, diesen grossen trägen Fluss, der sich dort oben, wo der Himmel den Sand küsst, ins Meer ergiesst. Ich fahre weiter mit Fridolin flussaufwärts, warmer Septemberwind zupft an den Haaren, Erinnerungen steigen auf, Kinderlachen, warmer Sand, Unbeschwertheit, Arme die mich umfassen und durch die Luft wirbeln. Ich biege rechts ab auf den Ring 2 in Richtung Sofa und Kamin- Nein! heute nehme ich nicht reissaus, die Zeit ist noch nicht reif. Ich werde mir den Zauber der Stadt suchen. Er hat sich nur ein bisschen unsichtbar gemacht. Wenn ich geduldig die Elbe entlang radele, die Werft bestaune, Alsterfleete erkunde, mir ein lauschiges Plätzchen am Elbstrand suche, das warme Septemberlicht in mein Herz lasse und die Ozeanriesen auf ihrem Weg die Elbe hinauf verabschiede, dann werde ich ihn schon finden.

Ich habe gerade sehr viel Zeit dafür. Kein Büro ruft, kein anstrengender Charityevent steht an, die Freunde sind weit weg. Ich darf mich gerade nur um mich und um mich kümmern.  Und dieses um mich kümmern schärft die Sinne für die Umgebung. Heute mittag beim Neurologen, da sass ich inmitten lauter alter Menschen, denen die Sorge um die bevorstehende Diagnose ihrer Gedächtnislücken ins Gesicht geschrieben stand. ‘Ich habe es gut!’ denke ich…’mir schläft nur der Arm jede Nacht ein und am Computer, wenn ich zu lange schreibe. Die Ursache ist gefunden. ein paar Wochen Ruhe, Diktiergerät, Physiotherapie und reichlich Yoga werden das richten. Ein Hauch mehr Selbstdisziplin, laufen lassen, nehmen und geniessen, nicht zu viel wollen- dann ist bei mir alles in Ordnung’ Aber dieser arme Mann dort vorne, der an zwei Stöcken sich mühsam Richtung Tür bewegt, der wird nie wieder springen, laufen , surfen können. Und trotzdem lächelt er mich an als ich ihm Tür öffne und sagt zu mir

“Ich bin viel zu langsam. Bitte warten Sie nicht auf mich.”

“Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe alle Zeit der Welt um auf Sie zu warten”

Der Mann müht sich wirklich. Hinter ihm drängen die Menschen aus der Tür. Warum sieht niemand von denen das ein wenig warten, den armen Kerl viel weniger unter Druck setzen würde? Sie haben alle keine Zeit. Schnell müssen sie die Praxis verlassen, auf dem Weg zum nächsten wichtigen Termin. Eine besonders dicke Frau schnauft hörbar, ich lächle Sie an.

Gemeinsam hole ich mit dem Herrn, welcher einen Anzug trägt, den Schlips akkurat gebunden und tapfer einen Stock vor den anderen setzt, den gelähmten Körper hinterher ziehend, den Fahrstuhl. Wir kommen ins Gespräch. Er fragt mich was ich in meinem Alter schon beim Neurologen mache. Ich erzähle von meinen, an seinem Leid gemessenen, kleinen Wehwehchen und das ich wissen wollte warum ich die Beschwerden habe und unendlich froh bin, das endlich jemand eine Erklärung gefunden hat und das Rezept mit Disziplin und Selbstkontrolle wirklich ein gutes sein könnte. Ich erfahre das er eine Firma hat und einer seiner Mitarbeiter auch kitet, aber derzeit nicht dazu kommt, weil so viel zu tun ist. Ich entgegne das ich wohl viel zu viel Zeit mit surfen und der Suche nach dem Kick verbringe und meine Nerven, wegen dem persönlichen Zwiespalt zwischen Ausbrechen wollen und den nötigen Mut dafür nicht finden, mit einer Rebellion der besonderen Art kommentieren. Wir sind im Erdgeschoss angekommen.  Ich frage den Mann wie er in die Firma zurückkommt. “Müssen Sie jetzt zur UBahn oder haben Sie einen Fahrdienst?”

“Ich nehme mir am Neuen Wall ein Taxi”

“Aber da ist doch alles gesperrt, da werden Sie keines bekommen.”

“Ich weiss”  ist seine Antwort  “Ich laufe sonst rüber zum Rathausmarkt, da ist ein Taxistand”

“Aber dafür brauchen Sie mindestens eine halbe Stunde, wenn nicht länger.”

“Ich weiss”

“Nein, das geht nicht. Ich fahre schnell mit meinem Fahrrad dorthin und schicke Ihnen ein Taxi hierher. Sie gehen jetzt schon mal zur Strasse und wenn Sie dort angekommen sind, ist auch Taxi da”

“Nein! Bitte! Das müssen Sie nicht tun. Sie haben bestimmt keine Zeit”

“Doch. Ich habe alle Zeit heute. Und will das tun. Bis gleich!” Ich schliesse Fridolin ab und bin eine Minute später am Taxipoint. Eine lange Schlange steht dort. Der erste Fahrer sieht nett aus. So ein OpaTyp mit Schiebermütze.

“Können Sie bitte an den neuen Wall 25 fahren. Dort ist zwar alles gesperrt, aber Sie kommen fast bis ganz ran. Dort wartet ein stark gehbehinderter Mann auf Sie. Der braucht ein Taxi” Schiebermützenopa schaut mich ungläubig an.
“Ja klar und wenn ich dort ankomme steht dort niemand. “

“Glauben Sie mir, der Mann wartet dort auf Sie. Ohne Sie kommt er gar nicht weg dort.” SchiebermützenOpas Blick wird spöttisch. “Hören Sie, ich gebe ihnen 10 Euro, holen Sie bitte den Mann dort ab”

Ein kurzes Zögern, ein erfreuter Blick auf meinen Geldschein, ein weiteres Zögern, der Schiebermützenmann nimmt den Geldschein, steigt in sein Taxi und macht sich auf den Weg. Eigentlich könnte ich nun fahren- aber ich trau SchiebermützenOpa nicht, kreuze erneut den Rathausplatz und sehe am Neuen Wall angekommen , wie mein Freund für diesen Vormittag sich durch Passanten, Fahhraeder und Baugeländer quält. Die Menschen strömen rechts und links an ihm vorbei. Niemand hilft, allenfalls ein mitleidiger Seitenblick verweilt auf ihm. Ich bin beschämt- verdammt habe ich es gut, lediglich ein kaputtes Nervchen in meinem Ellenbogen, vielleicht ein kurzer Schnitt im Arm, möglicherweise drei Wochen Gips- was ist das schon gemessen an dem Mut, den dieser Mann aufbringen muss um in der Öffentlichkeit zu bestehen, gemessen an der Kraft die erforderlich ist, diese langen Gehstöcker zu koordinieren, sich fortzubewegen. Ich parke Fridolin und greife dem Mann unter die Arme, der lacht mich an. “Was machen Sie denn schon wieder hier?”

“Ihr Taxi kommt gleich. Und wissen Sie was? Die Welt ist manchmal schlecht. Der Taxifahrer denkt ich veralbere ihn!” Ich laufe den Wall hinauf dem Taxi entgegen, wo ist es nur? Hat der Schiebermützenmann meine 10 Euro genommen und macht jetzt eine Kaffeepause damit? Nein! es biegt tatsächlich um die Ecke, wartet ein paar Autos ab, die in der Sackgasse umdrehen müssen und fährt, ich glaubs ja nicht mit Warnblinklicht vor. Augenscheinlich hat er die Behinderung meines Vormittagsfreundes gesehen und erkannt. Hat er. Er senkt den Blick, als er das Auto verlässt. Gut so- schäm Dich ruhig Du Depp. Ich nehm die Hand meines Vormittagsfreundes. “Machen Sie es gut. ich wünsche alles Gute, von Herzen und ich habe mich gefreut Sie zu treffen”

“Mensch Mädchen. So was wie heute, das ist so selten in unserer Gesellschaft geworden. Ich danke Ihnen und ich wünsche Ihnen alles Gute und werden Sie schnell gesund, damit Sie noch lange Jahre über die Meere jagen können. Es ist manchmal so schnell vorbei mit der Beweglichkeit.”

Ein Kloss stiehlt sich meine Kehle hinauf.

“Ich weiss und ich weiss es ist selten in unserer Gesellscaft geworden. Jeder denkt erst an sich und gaukelt Mitgefühl, aber es gibt sie die Menschen, die helfen und die das gerne tun. Und habs gerne getan. Sie zeigen mir, das egal was passiert, es weiter geht- dafür danke ich Ihnen. Machen Sie es gut. Tschüss”

Ich dreh mich um , schnappe mir Fridolin, die Sonne scheint auf die Sandsteinbauten hier an der Alster.  Geschäftigkeit um mich herum, Büroangestellte hetzen in die Mittagspause, Teenager stürmen die Einkaufstempel, Hausfrauen jagen den Wall hinauf auf der Suche nach dem Outfit für den Stehempfang des ehrenwerten Gatten am Samstag, Autos hupen. Ich radele Richtung Alster, hole mir was vom Inder und mache es mir unter einer der alten Trauerweisen bequem. Septemberwind bauscht die weissen Segel, eine Amsel singt, der Grossstadtverkehr rauscht gedämpft an mir vorbei. Es ist September in der Stadt, das Licht ist golden und weich, die Luft samten, draussen auf der Elbe wälzen sich die Ozeanriesen nach Norden, ein Segelschiff tanzt munter zwischen ihnen hindurch, fröhlich auf seinem Weg. Ich muss lachen, wie leicht das Leben sein kann, wenn Du nimmst und einfach nur noch geniesst.

Entscheidungen und ihre Folgen, das Meer und Oskar Weisheiten…

Hinterlasse einen Kommentar

„Und nur, weil ich so anders bin, als die drei  oder elf  anderen wichtigen  Menschen in Deinem Leben , rechtfertigt es noch immer und immer wieder  nicht, Dein derzeitiges Verhalten, vor allem das mir gegenüber, welches Du Spinner gerade an den Tag legst. Es ist besser Du gehst jetzt!“

Rrrrrrrrummms- die Tür, meine Wohnungstür, knallt ins Schloss. Oskar und ich auf der einen Seite.

Ein bedröppeltes Wesen auf der Anderen. Ich höre die Schritte im Treppenflur. Sie entfernen sich. Hmmm! Erschöpft lehne ich meine Stirn an die kühle Wand, Oskar in seiner Ecke tut so als ob er nichts sieht und nichts hört. Maniküre der Flügelspitzen einer Möwe. Hmmm- seufze ich erneut. Oskar verzieht keine Miene, unterbricht seine Arbeit nicht. „Hmmm- Oskar! Und nu?“

„Schätzelein, ich denke kiten gehen und ans Meer fahren.” Ohne mit seiner Maniküre aufzuhören kommt die Antwort “Passend zur schlechten Gesamtsituation brauen sich auf der Nordsee gerade ein paar Windstärken jenseits der 5 zusammen. Ach und bevor Du,  mein Herz, mir ins Wort fällst- Ja! Sie tun es auch auf der Ostsee. Schatje;  der Windmann hat ein Einsehen mit Deinem  kleinen angebrochenen Herzchen .Lass uns das tun, was wir immer tun, wenn wir unfreiwilligerweise mal wieder dazu verdonnert wurden unsere Pfade alleine zu zweit entlangzuwandeln. Eine gute Session, ein besserer Rotwein in der sich hinter den Horizont zur Ruhe begebenden Sonne, ein excellentes Risotto von den vorhin auf dem Markt gekauften frischen Steinpilzen und Du wirst sehen, wir werden drüber lachen “

„Punkt 1 mein Freund- dieses Schat (Gott ich kann das einfach noch immer nicht aussprechen) je Gedöns ist gestorben, seit genau…“ ich werfe einen belustigten Blick auf meine Uhr „seit genau 7,5 Minuten. Diese komische Sprache kommt mir wenigstens die nächsten drei Monate  nicht über die Türschwelle. Punkt 2, mein herzallerliebster treuester Freund- lass uns Paul anrufen, der tröstet noch immer am Besten. Punkt 3 , klar wir sollten kiten gehen- morgen abend, vorher haben wir allerdings  eine Verabredung in der Hafencity. Schon vergessen? SUP Worldcup und nicht genug das die Schulter einen Hauch zu schwach ist, der Magen noch so einen Wimpernschlag rumpelt, jetzt tut die linke Brust auch noch weh. Super Vorraussetzungen um an einem Worldcup maximalen Spass zu haben. Oskar wir können noch nicht kiten gehen. Punkt 4- wir kommen zu spät, wenn wir uns nicht beeilen. Also los- unterwegs haben wir genug Zeit um Trübsal zu blasen und uns unserer/meiner Melancholie hinzugeben.”

Dieser Satz ‚wir können noch nicht’ bewirkt bei meinem Freund in der Tat eine Reaktion, zumindestens meine ich seine rechte Augenbraue in die Höhe ziehen zu sehen.

„Ui…die beste Medizin darf heute nicht angewandt werden. Schatj….Schätzchen das ist blöde, die einzig wahre Medizin kommt erst morgen zum Einsatz? Tja- dann stell doch schon mal den 43er kalt und  Rum und so. Ich glaube ohne geht’s nicht. Weil Punkt 1- Stand Up Paddeln ist weniger Gedankenspinnen und nicht Loslassen können resistent wie kiten. Punkt 2 Paul anrufen geht nicht- weil Schat….jzchen der schon in Shanghai sitzt und da ist es jetzt mitten in der Nacht. Ich meine ruf Paul an- ich denke nur Inga wird das weniger toll finden, wie Paul und sich nicht so wie Paul darüber freuen, das sie mitten in der Nacht Deine Stimme hört.

Stell den Rum kalt- empfehlung meinerseits.Spätestens heute abend nämlich meine liebe kleine Kitermaus, wirst Du sehen das diese so wunderbar weissgetünchte Tür, nicht so schnell ins Schloss hätte fallen sollen. Zumindest nicht, mit Dir hier und der anderen Seite im Treppenhaus.“

„Quatsch mit Sosse Oskar, Du bist ne Möwe und kein Seelenklempner. In den vergangenen 30 Jahren hat mich nur einer veralbert, da muss jetzt nicht noch ein zweiter daherkommen. Und ich habe es in den vergangenen 30 Jahren gerne konservativ gehalten, so diese zwischenmenschlichen Geschichten. Ich fange doch nicht jetzt an, mich von irgendwelchen pubertär veranlagten  Hühnern in eine Quasisoap bugsieren zu lassen. Mir ist egal wer mit wem , wann, was und wer wem, wie, etwas , wohin, warum mitteilte.  Wer mir was zu sagen hat, kann das tun. Wer mich mag kann das auch tun. Und wer meint mich stellen ‚Ich bin kein schlechter Mensch ‚ Aussagen zufrieden , ohne das mir das bewiesen wird- Oskar…wenn ich jetzt nicht gehe, dann habe ich die nächsten zehn Jahre kaputte linke Brüste!

So! Und jetzt satteln wir Fridolin, schmeissen uns die Regenjacken über und entern das Staffelrennen im Stand Up Paddel Worldcup.”

10 Minuten später schiebe ich das Fahrrad, Fridolin das Fahhrad, auf den Hof. Vom Himmel regnet es Bindfäden, es ist grauer als Novembergrau. Die Stadt rumort freitäglich gestresst vor sich hin. Wie um meine Melancholie noch zu forcieren, hat sich irgendwo über Norddeutschland ein Monstertief eingenistet und schickt Regenmengen ungeahnten Ausmasses in Richtung Erde. Völlig durchnässt komme ich an der Hafencity an. Mechanisch spule ich mein Programm ab, Einschreiben, sortieren, Presse koordinieren, hier ein Lächeln, da für einen Artikel was erzählen, wieder lächeln , paddeln, alle Wut in die Elbe ablassen, das hilft und sorgt zumindest dafür das die Viva con Agua de St. Pauli Staffel nicht als letzte Staffel ins Ziel trudelt, noch einmal lächeln, noch wieder die Presse- irgendwann ein Bier, endlich ein Bier. Es regnet noch immer und es regnet einfach noch viel schlimmer als vorhin. Boardshorts, FlipFlops und die Regenjacke – bei soviel Nass von oben ist das die beste Kleidung.  Mechanisch trete ich die Padale nach Hause. Ich habe weder Lust auf Schokoladeneinkäufe, noch Lust ‚IchMussMichBetäubenShoppen’ zu veranstalten, Kino- Gott! Nein. Ich habe einzig  Lust in Boardshorts an Regenjacke und FlipFlops monoton kräftig in die Pedale zu treten. Urplötzlich zeigt der Himmel eine scharfe Kante. Wie zum Dank das ich noch nicht angefangen habe mit meinen Tränen das Nass des Himmels anzureichern, schält sich die Sonne dahinter hervor. Als hätte es den halben Weltuntergang nicht gegeben hört der Regen auf, macht lustigen Sonnenstrahlen Platz, die meine Nase kitzeln.

So geht es das ganze Wochenende weiter, gefangen zwischen der Gewissheit ganz recht entschieden zu haben und dem Wunsch das ich hätte nicht entscheiden müssen bzw. dem Begehren diese Entscheidung vielleicht zurückzunehmen- verbringe ich das Wochenende. Erneut entscheide ich mich gegen Einsamkeit für Party und für Trubel. Oskar stelzt wutentbrannt zwischen Wohnzimmer und Küche  hin und her. Liest mir die Leviten , von wegen ‚ich solle zur Ruhe kommen, mich auf die wahren Werte besinnen, NonStop Party  hilft Dir auch nicht auf den Boden der Tatsachen zurück zu kehren. Erst als ich ihm androhe den Schnabel zuzubinden, zieht er sich maulend in die Ecke zurück. Verkriecht sich hinter seinem Sessel und schmollt. Verdammt Oskar- Du hast recht. Ich weiss, aber ich will jetzt noch nicht nachdenken und so. Dazu habe ich im Herbst Zeit- vielleicht.

Und weil ich nicht auf Oskar hörte, bin ich dann am Samstag auch nicht mit meinem Kopf zu einhundert Prozent beim Stand Up Paddeln. Pro Heat kommen drei Damen ins Finale, ich habe einen super Start, ich bin  schnell und wieder Erwarten fit, dann kommt die Boje und die Wende- ein Lachen stiehlt  sich in meinen Kopf, eines dieser klaren Lachen, eine Sekunde bin  ich abgelenkt und plumpse ins Wasser. Danach kann ich nur noch aufholen und um ein ganzes Feld von hinten aufzurollen dafür reicht dann die Kraft am Ende nicht mehr aus. Ich ärgere mich selten , Samstag hole ich das ausgiebig nachgeholt.

Ein weiteres Mal trete ich wütend in die Pedalen auf dem Heimweg. Heute nicht wegen eines fehlenden X-Chromosoms namens Hinrich, sondern…naja, eigentlich schon deswegen- weil sich doch sein klares Lachen in meinen Kopf stahl, just in dem Moment, in welchem ich hochkonzentriert zur Sache sprich in die Wende hätte gehen müssen.  

Daheim packe ich meine Sachen und schmeiss den Polo auf den Weg nach Norden- Oskar inzwischen einen Hauch weniger verschmollt im Fond des Autos.  

Mensch Oskar- jetzt rede halt wieder mit mir. Oder sing  asbach uralte Schlager; erzähle mir schlechte Witze- aber rede wieder mit mir’

„Grmmmphhh – wer kann solch Betteleien schon wiederstehen, also gut. Ich glaube Du musst Dich gar nicht beeilen um ans Meer zu kommen“

„Hähhh- warum das denn nicht“

„Weiss nicht – ein Gefühl“

Zwei Stunden später, das Meer, endlos und weit , klar und rein empfängt es mich. Die Wellen schlagen an den Strand, schwarz der Horizont, weiss die Schaumkämme. Schnell umziehen und ab auf aufs Wasser. Inzwischen habe auch ich das Gefühl das was nicht stimmt.

Auf halben Weg zum Strand, dann ein Fehltritt, ein scharfer Schmerz im grossen Zeh, Blut, ein abgerissener Nagel, noch mehr Schmerzen, bester Havana als Desinfektionsmittel und SabinChen die sich wieder in die Jeans schmeisst. Nix mit kiten an diesem Wochenende, stattdessen Zuschauer und kleiner Terrorist. Immer und immer wieder erwische ich mich dabei, mir ein schnelles, brachiales Ende des windes zu wünschen- ich kann so schlecht gönnen, wenn mir die Freiheit auf dem Wasser nicht gegönnt ist. Manchmal kann ich es schlecht. Besonders dann nicht, wenn kiten zum Ventil gerreichen muss.

So schnell, zwei Augenblicke  an einem Wochenende so unvorsichtig und folgenschwer. Der eine verhindert den Finaleinzug, der andere das Frustkiten wegen irgendwelcher komischer Männer und ihrer Hühner und dem verpassten Finaleinzug.

Ich schau Oskar mitten ins Möwengesicht und muss grinsen.

„Alter – Du hast so recht! Wir absolvieren jetzt noch die Party auf die wir geladen sind und ab morgen Abend- versprochen- sind wieder nur wir zwei uns wichtig. Und ich nehme Tempo aus meinem Leben. Ab morgen Abend für die kommenden Wochen gibt es Dich und mich, das Meer, den Wind, die Wellen und die Weite- Versprochen…Schatje.“ Grinse ihn an, dreh mich um und tauche in die letzte Party für einige Wochen ein.

Wie sollte es anders sein, sie endet im Morgengrauen. Ich bin müde und platt- auch wie so oft diesen Sommer und ich bin es überdrüssig- das allerdings das erste Mal diesen Sommer.

PS: Ähnlichkeiten sind manchmal gewollt, meistens jedoch nicht. Vieles ist an den Haaren herbeigezogen, der wesentliche Teil enthält einen Hauch Wahrheit. Es ist eine Geschichte, wie es viele auf dieser Welt gibt- eine Geschichte mit einem Funken….Wahrheit und einem Augenzwinkern

Der frühe Kiter fängt den Wind

Hinterlasse einen Kommentar

Sommerhitze über Norddeutschland. Keine zwei Wochen ist es her, da überlegte ich hoch oben in Dänemark während einer der vielen Sturmsessions meine Neoschuhe anzuziehen. So kalt war es. Mit leicht bläulich schimmernden Zehen kam ich vom Wasser. Verschwendete 3 mal 10 Kronen für die heiße Campingplatz Dusche, lag dick eingemurmelt in den Dünen und begab mich  nicht ohne Fleecepulli auf Mannis weiche Matratze. Jetzt kann ich abends vor lauter Hitze kaum einschlafen. Unfassbar komisch ist das Wetter in diesem Jahr. Schneechaos und klirrende Kälte bis in den März, ein kaum merklich wärmeres Frühjahr, Bodenfrost noch Anfang Juni und jetzt unerträgliche Hitze. Der Asphalt wirft Blasen, die Klimaanlage im Auto schafft es kaum mehr die gewünschten 22 Grad einzuhalten, flirrende Hitze über der Stadt, schwer atmet diese, der Lärm ist neben laut, staubdurchtränkt und schwitzig, Fahrrad fahren wird zur Tortour, duschen schafft wenig Abhilfe, abends hängen Oskar und ich völlig ermattet in den Seilen und schlummern in der Hängematte auf dem Balkon. Kein Luftzug verschafft Abhilfe. Der Wind hat sich verabschiedet. Fußball wird nur in klimatisierten Räumen geschaut, Publicviewing jammert über Umsatzeinbruche selbst  während der Topspiele, niemand hält sich länger als nötig im Freien auf, nach Feierabend und am Wochenende quälen sich die Blechkarawanen an die norddeutschen Strände.

Ich darf endlich wieder ohne Einschränkungen meine Schulter belasten und treffe mich mit Freunden am Samstag Vormittag zum Training für den SUP Worldcup an der Alster. Wir alle haben einen Neo in der Tasche. Wasser in Norddeutschland erreicht keine karibischen 29 Grad. Es ist so heiss das wir allesamt die Gummihäute in die Ecke schmeissen und in Bordshorts und Lycra auf die Bretter steigen. Heute geniesse ich das Training mit der Wende auf dem SUP Board, verspricht es jedes zweite Mal eine Abkühlung in der erstaunlich klaren Alster, es verspricht natürlich keine Aussicht auf eine gute Platzierung während der Wettkämpfe, denn Abstieg vom Brett kommt einer Niederlage verdammt nahe. Nur heute, heute denke ich nicht an Niederlagen, sondern nur an köstliche Erfrischung im kühlen Nass. Zwei Stunden halte ich durch dann quäle ich mich heimwärts, chille auf dem Sofa und werde erst munter als Oskar geschäftig auf der Sofakante auf und ab marschiert. Worte dringen an mein Ohr, die klingen wie 15 Knoten und Nordwest, Sonnenaufgang und leerer Strand. Ach Träume von Ausritten auf dem weiten Meer können so verführerisch sein. „Wie schön wäre es hätten wir mal wieder 20 Knoten“, murmele ich Richtung altkluge Möwe durch halbgeschlossene Lider.

Statt einer Antwort fängt Oskar penetrant an mein Ohrläppchen zu knabbern. Chillphase am Nachmittag wird ausgeläutet. Wenn Oskar anfängt zu knabbern hat er schlagende Argumente und gute Entschuldigungen dafür. „ Also mein Freund. Sag an, wo hast Du 15 Knoten wann gefunden? Auf den Balearen wahrscheinlich, ein Hauch Thermik oder so.“

Entrüstet klappert der alte Freund mit dem Schnabel, reckt den Möwenhals lang und setzt an „Wegen der Balearen würde ich Dich nicht wecken, da darf im Sommer ja gar nicht mehr gekitet werden, weswegen Du schändlicher weise seit mehreren Sommern der berühmt berüchtigten Fieste in Artá und Capdepera fernbleibst. Morgen früh ist ein bisschen Kaltluft in der Höhe und ich sehe Wind bis 10.00 am Morgen“

„Echt? Ist ja super- Du glaubst doch nicht allen ernstes das ich um halb vier aufstehe um bis 10.00 die Nordsee zu rocken?“ ich zeige dem Vogel einen Vogel!

„Herzchen- ich denke genau das wirst Du tun, check mal die Vorhersagen für die kommende Woche, gleiche diese mit Deinem Terminkalender ab und teile mir dann mit, wann wir morgen früh das Gefährt entern. Ich empfehle Dir darüber hinaus zwingend selbiges heute abend zu packen, dann kannst Du morgen früh 15 Minuten länger in Deinen Wellenträumen verweilen“

Ich setz mich stöhnend auf, die Hitze ist wirklich unerträglich, jede Bewegung ist irgendwie in Zeitlupe und sehr bleiern vom Gefühl. Ich checke den Windfinder, der sagt wie immer nichts vorher, aber auch das BSH ist verhalten, einzig die Höhenkarten und der Däne machen ein Windfeld auf der Nordsee vor Sankt Peter Ording, ein kräftiges dazu. Beginnend mit dem Sonnenaufgang kurz nach vier und mit dem Einfallen der Tagesgäste am Strand um 10.00 endend. Da ich die weiteren Aussichten, die Druckverteilung über dem mitteleuropäischen Raum in den kommenden Tagen auswendig daherbeten kann, denke ich wirklich nicht lange nach. Der BitteBitte Blick wird aufgesetzt und ich fange an Freunde zu einer EarlieBirdSunrisesession in Sankt Peter zusammen zu trommeln. Dachte ich es wäre ein aussichtsloser Versuch, werde ich eines besseren belehrt. Nicht nur mir macht die Flaute am Meer zu schaffen. Vier anderen ebenso und so finden wir uns am heiligen Sonntagmorgen, nach dem halben Fussballmärchen gegen Argentinien auf der leeren Autobahn gen Norden. Am Beach erwarten uns dann so unbedeutende Dinge wie, sanftes, weiches Sommersonnenlicht, lachende Menschen, eine Robbe und 14 Knoten aus Nordwest. Die halten sich tatsächlich bis gegen 10.00. Zwar ist die Strömung der Nordsee wie immer ein bisschen unser Feind, aber es reicht um Aushaken, einhaken, einhaken, aushaken, vertüdeln zu üben , ein bisschen cruisen und Bewegungsabläufe versuchen vom Hirn, in die Schulter weiter in Beine und Hüfte  zu bekommen.

Später Vormittag, der Strand füllt sich, unsere Schirme sind im Meer der Strandmuscheln kaum auszumachen, wir chillen in der Sonne, bringen Lotta dem Hund Tricks bei, geben unsere Kiteabenteuer zum besten und verplempern die Zeit. Die Hoffnung das der Wind am Nachmittag nochmals auffrischt stirbt als selbiger sich anschickt immer weiter auf Süd zu drehen. Flirrende Hitze über dem Strand- Hungergefühl breitet sich aus. Nichts wie hin zum Pommesstand an der Silbermöwe. Wa suns erwartet, lässt uns unerwartet unhungrig werden, eine Schlange so lang, das die Menschen gebeten werden könnten ein Muster zu stellen. Wir drehen ab, ignorieren die Flaute nun auch im Magen. Ein Eis vom netten Buttermilchmädchen auf dem mobilen EisGolfcar schafft erstmal Abhilfe gegen den knurrenden Freund in des Körpers Mitte. Spät brechen wir vom Strand auf. Tausend andere Strandbesucher haben einen ganz ähnlichen Plan, so dauert die Heimfahrt ein bisschen länger als am Morgen, wird allerdings hervorragend bespasst von einem Typen der Millionen damit verdient das er Fraueneigenschaften analysiert, kritisiert, debattiert, verreisst, veralbert und unter die Leute posaunt. Ich entere mit sonnengebleichten Haaren, lachender Nase die 22 Stufen zu meiner Wohnung, schaffe es tatsächlich noch die Boards an ihre ‚AufdenWindwartePosition’ zu verhieven, eine kühle Dusche und schon bin im Traumland der Mee(h)rMädchen.

Weil ich ein Mädchen bin

1 Kommentar

Ein Dienstag im Mai. Gerade bin ich von meinem Urlaub auf dem Segelschiff zurück. 7 Tage mit maximal 16 Knoten liegen hinter mir. Mein kleiner Schirm ist schon ganz traurig dass er keinen Auslauf bekommt. Ich selbst bin der Verfeinerung meiner Leichtwindfähigkeiten überdrüssig und schiele den ganzen Vormittag auf die stetig mehr nach oben ausschlagende Windkurve. Von 16 Knoten klettert sie beständig in Richtung magische Zwanzig. Unruhe schleicht sich in meinen Bauch, nervös wippe ich mit dem Bürostuhl hin und her. Erste Anzeichen beginnenden Kitenentzugs -ich muss raus. Gaukle  einen wichtigen Termin vor und entschwinde vorzeitig aus den Räumen mit der Verdunklung, dem Neonlicht und klappernden Tastaturen der PC’s. Der letzte Frühjahrssturm tobt auf der Ostsee, die letzte wirklich starke Rückseite einer Front tobt sich in der Lübecker Bucht aus.Hart wird der Wind sein, scharf und schwarz der Horizont, weisse Wolken werden über den Himmel fliegen, klares, reines Licht,kristalline,  messerscharfe Luft- Bedingungen die herausfordern und zum Tanz auf dem Meer bitten.

Da kann ich doch nicht hier sitzen bleiben. Auto gepackt, die Freundin eingesammelt und schon sind wir auf dem Weg Richtung Norden, Meer und Wind, Weite und Freiheit . Unterwegs entspinnt sich eine Diskussion darüber ob unser Hobby ausschliesslich ein Männersport ist und die kitenden Frauen schmückendes Beiwerk der Jungs am Strand. Ob wir anders sind als ‘normale’ Mittdreissigerinnen, weil wir unseren Fokus nicht auf Prada und Co legen, den Latte Macchiato im Sonnenschein in den hippen Cafés der Stadt zu trinken, sondern lauschige Strandcafés bervorzugen oder einfach nur ein bisschen anders und verrückt.

Ich gebe es zu. Highheels zu tragen habe ich genau zweimal in meinem Leben versucht. Nach kurzer Zeit rebellierten meine Füsse in diesen Teilen derart, das ich die Etikette ignorierend die Dinger unter dem Tisch von den Füssen streifte und barfuss übers Parkett tanzte. Modedesigner sind für mich Namen mit Schall und Rauch, klar weiss ich das Karl Lagerfeld den Magerwahn forcierte, weiss das ein Armani begnadet war, ich kenne I-Pad und Mac, Longchamp, Bobbi Brown kann ich kategorisieren., es gibt H&M, Zara, Mango, Massimo Duti- ich hörte davon. Instyle, Gala und Co lese ich ab und an beim Zahnarzt, das Boris Becker die zweite Ehe einging und Nachwuchs von der dritten Frau erwartet habe ich da gelesen, das er gut Tennis spielen kann,weiss ich auch. Die Nation sorgt sich um das Privatleben unseres Fussballnationaltrainers – ich mich um die Finazierung einer neuen Kiterange und darum ob der Wind hält und die Wellen heute in regelmässigen Sets an den Strand schlagen. Meine Gedanken fliegen zu den Robben die in Sankt Peter mit mir im Meer spielen, dahin das ich gerne einmal mehr mit Delfinen surfen möchte. Werde ich heute die Kraft haben in den Sonnenuntergang zu kiten? Welchen Schirm baue ich auf, ziehe ich die Weisse oder die schwarze Boardshorts an?

Ich gebe beim Shoppen auch viel Geld aus. Mein neues Mädchenbord hat mich viel Disziplin gekostet und ich musste lange sparen. Nur dieses liebevolle Design, mit den Blumen an den Pads und der Spitzenborte,der Glitzer, selbst die Finnen greifen das Weiss des Brettes auf, das Hologram in der Oberseite – fahren kann es auch, sehr gut sogar, da konnte ich nicht wiederstehen. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in mein neues Lieblingsbrett. So wie ich meinen lila Schirm von anbeginn  liebte, passend dazu eine Bordshorts kaufte, ich entschied mich ohne andere auch nur anzuschauen für ein weisses Hüfttrapez und ich freue mich über die rosa Blumen auf meinem Helm. Wir diskutieren hart. “Nur weil ich einen Extremsport  betreibe, heisst das doch nicht zwangsläufig das ich extrem MannWeib sein muss. Warum soll ich mich in langweiliges Schwarz und Grau zwängen, wenn ich lustig, bunt und fröhlich haben kann?

Zwei Stunden später am Spot, wird der Neo übergestreift, die Boardshorts, das weisse Brett, der kleine lila Schirm. Unten am Beach stehen ein paar Jungs rum, registrieren das wir kommen, beobachten unsere Schritte und knuffen sich feixend in die Seiten. Da fallen Worte wie „Hey schau mal zwei Mietzen bei diesen Bedingungen, das gibt gleich Kino!“ Neugierig werden wir umschlichen. Mein Board, das PrincessPro von Brunotti, schmunzelnd begutachtet. „Fährt das Ding auch?“ „Du bist ja voll durchgestylt was?! Das sind heute harte Bedingungen-  meinst Du du kannst kiten?“

Einmal durchatmen,  freundlich lächeln: „Kann mir einer von Euch mal Starthilfe geben?“

Es ist wie immer. Kommst Du als Mädel an den Spot, dann nehmen Dich die Herren zwar wahr- nur nicht für voll.

Zwei Minuten nachdem ich mit zwei Schlägen für die zurückgebliebenen mit dem Horizont verschmelze, weiß ich das da vorne am Strand niemand mehr feixt.

Ich bin ein Mädchen und ich kite. Gut, Mädchen war ich vor 20 Jahren, jetzt bin ich ein paar Tage älter. Ich bin weiblich, jung und Kiterin.  Sprüche wie „Dein Händedruck gleicht dem eines Handwerkers“ , „Himmel, Du bist ganz schön …groß“ kenne ich zur Genüge. Irgendwie düngt sich mir, das für viele die Kombination Kitesurfen und Mädchen nicht passt, es sei denn Du gibst Attribute wie weiblich, rund und stylish mit erfolgreicher Absolvierung eines Kitekurses ab. Dann akzeptieren Dich die Herren am Strand als Ihresgleichen und betrachten Dich nüchtern und sachlich als einer der Ihren. Nicht mehr, weniger auch nicht.

Das ist zuweilen sehr schade. Unter der dicken NeoHaut steckt ne Frau mit allem was dazu gehört. Das kann und will ich nicht abmontieren, wenn ich mich in die Gummihaut zwänge. Schlimm genug das unsere klimatischen Verhältnisse den Gebrauch der stinkenden,hässlichen und zumeist  schwarzen Haut das ganze Jahr über erfordern. Und da ich nicht in einem hässlichen Outfit vor meine Haustüre treten mag, versuche ich das schwarze, unkleidsame zu entschärfen mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Dazu gehören schicke Shorts,  Lycras , das passende Trapez und ja auch gepflegte Hände, gezupfte Augenbrauen und das Puder für mein Näschen  nach der Session.

Klar will ich respektiert werden in meinem Sport. Ich will auch bewundert werden für die Halse into Swich, das ich mit meinem Wellenreiter zurechtkomme.  Ich sehe Euer verschmitztes Lächeln, wenn ihr die Blümchen an meinen Fusspads betrachtet. Ja Jungs! Ich stehe auf die Blumen und Rüschen, den Glitzer am Board und gäbe es einen, ich würde einen Rock über dem Neo tragen, statt dieser langweiligen maskulinen Boardshorts. Ich lackiere mir meine Fußnägel im Sommer, wenn ich die FlipFlops anziehe, ich wähle Jeans gerne ab, wenn die Temperaturen für weiße , im Wind flatternde Röcke reichen. Ich freue mich dass der Bikini zur Boardshort passt, die Boardshort zu Schirm und Trapez und mein Helm die Farben von allen Accessoires aufgreift. Meine Farben sind die der eifen Beeren im Sommer, Oliv kombiniert mit  rosa, türkis, Kristall und weiss. Gehe ich aus dem Haus dann passt der Rock zum Oberteil, die Schuhe zu Tasche und Schal. Ich kaufe keine Manolo Blanics ein, aber die Boardshort, die muss zum Schirm passen und so manches Accessoire hat mir beim Bezahlen an der Kasse des Surfshops schon  kalte Schauer über den Rücken gejagt.

Blau mag ich auch- das Blau des Meeres unter meinem Board. Ich bin weiblich und ich gehe surfen und meine kräftigen Arme und Oberschenkel und das Kreuz muss ich nach dem surfen nicht noch mit Bauarbeiterhosen und festem Schuhwerk unterstreichen. Mein Hobby ist ein Extremsport, da will ich abends weich und Weib sein, umgarnt werden, träumen, Rüschen am  Shirt tragen, das MakeUp rauskramen und mir vor einem wichtigen, Herzklopfen verursachenden Date noch einmal sorgfältig die Lippen nachziehen. Ich liebe meinen Sport, ich liebe das Meer, ich liebe es wenn der Wind in meinen Haaren zupft und die Sonenstrahlen meine Nase kitzeln, die Lachfalten im Gesicht sind mir so wertvoll , wie meine braungebrannten Hände, ich verschwende viel Zeit um die Schwielen in den Handinnenflächen zu bekämpfen, sämtliche Tricks meiner lieben Mutter werden dabei berücksichtigt, ich zupfe die Augenbrauen und dieses eine störrische Haar welches sich in regelmässigen Abständen auf meiner rechten Wange einnistet.

Ich liebe den Duft des Meeres auf meiner Haut, genauso wie den Duft eines klaren , frischen Sommermorgens, das Gefühl barfuss im Strand zu tanzen, die Hüften zu schwingen ebenso wie die Jagd über die Wellen. Ich liebe mein weisses Trapez, meine Kites und meine Boards und ich liebe es wenn am Outfit alles stimmig ist.  Ich bin weiblich und unterscheide mich wohl kaum   von den Damen auf der Kö in Düsseldorf, dem Jungfernstieg in Hamburg, der 5th Avenue in New York, der Champs Elysee in Paris- wir alle sind weiblich und wir lieben es so zu sein.  Der einzige Unterschied ist wohl nur, das ich mein Outfit nicht in den grossen, teuren Einkaufsmeilen der Weltstädte erwerben kann und das meine Kaufobjekte neben schick auch noch funktionell und sicher sein müssen. Ich gebe schnell mal viele tausend Euro auf einen Schlag aus, wenn es heisst- der Schirm muss zur Shorts passen und zum Trapez und dann sollte der Helm alle Farben der Accessoires aufgreifen.

Danke für die Pics in der Reihenfolge Caro (1)Falk Löber (3)

PEPELOCALS-Wir!für unseren Spo(R)t

1 Kommentar

Pepelow – ein stilles Dorf am Salzhaff in Mecklenburg –Vorpommern, verschwiegen, idyllisch und verträumt. Hier ist die Welt noch in Ordnung, Ruhe strahlt die Dorfkirche aus, die Enten amüsieren sich auf dem Weiher, die Damen am Strassenrand tauschen den neuesten Klatsch aus, am Horizont siehst Du viele bunte Kiteschirme majestätisch am Himmel entlangziehen.
Pepelow am Salzhaff einzigartiges Stehrevier, Trainingspiste für jedes Level, Landstrich inmitten einer der sensibelsten Regionen der Ostseeküste,der FFH (Flora-Fauna-Habitat) Schutzzone.
Wassersport ist hier nur zu bestimmten Zeiten im Jahr und in speziell ausgewiesenen Zonen gestattet.
Im Winter 2009/2010 formierte sich die Initiative der „Pepelocals“ um den Gründer der ansässigen Kiteschule Carsten Ritter. Diese steht nun mit dem Saisonstart am 01.Mai parat. Helfer, Freund, Local und auch Hüter der gängigen Verhaltensregeln.

Die Locals von Pepelow fordern dich auf, verantwortungsbewusst zu handeln:

- Beachte die allg. Sicherheitsregeln!
- Gefährde Dich und andere NICHT!
- Hilf Anderen!
- Meide Hafen- , Bade- und Schulungszone!
- Start- und Landezone frei halten (mindestens 100m vor dem Ufer)
- Keine gewerbliche Schulung! (Außer ansässige Schule)
- Achte den Naturschutz und halte den Strand sauber!

Jeder einzelne ist für den Erhalt dieses Spots mitverantwortlich.

Auch Du! Wir danken dir und helfen gern!

Oberstes Ziel sind Spoterhaltung und Unfallvermeidung.
Die Pepelocals bitten dich darum, die oben aufgeführten Regeln zu beachten, damit dieser wunderbare Spot am Salzhaff erhalten bleibt.
Am Strand ist ein Schild diesbezüglich aufgestellt, es werden Flyer verteilt und jeder Pepelocal, erkennbar an einem Oberarmband oder Lycra, wird Dir gern Auskunft geben.
Die Mitarbeiter des Campingplatzes stehen ebenfalls für all Deine Fragen rund um den Spot Pepelow zur Verfügung.
Verantwortungslose Kiter werden keine Chance haben und gegebenenfalls des Spots verwiesen!

Die Initiative der Pepelocals ist eine Initiative von vielen, die sich um unseren Sport und seine Ausübung sorgt, welche für die jeweilige Region Pionierarbeit leistet, damit Kitesurfen ein Sport bleibt, der nicht nur den Aktiven Lebensfreude und das Gefühl von Weite und Freiheit vermittelt , sondern auch dem Zuschauer unendlich viel Freude bereitet.

Wenn du häufig in Pepelow bist und Verantwortung dein Ding ist. Werde ein Pepelocal!
Bewerbungen, Informationen und Spenden an: info@kite-surfers.de

www.kite-surfers.de

Danke an alle Beteiligten PepelocalS!

Mama

Hinterlasse einen Kommentar

 

‚Jetzt komm schon, trödele einfach mal nicht so herum’

‚Ach es ist so schön hier in der Sonne. Lass mich noch ein bisschen hier sitzen bleiben. Fahrrad fahren können wir noch den ganzen Tag’

Können wir nicht mehr. Mamis letzte Worte bevor sie fiel – eine Sekunde der Unachtsamkeit, eine kleine Stufe , ein winziger Moment bringen Idyllen zum Einstürzen, Träume ins Wanken, setzen Pläne in den OffModus, trüben strahlendblaue Frühlingshimmel.

‚Ach! Es ist so schön hier in der Sonne.’ Runde um Runde schwirren diese, Mamis Worte durch meinen Kopf. ‚Fahrrad fahren können wir noch den ganzen Tag.’ Ein Moment, eine Sekunde Unachtsamkeit, ein Tritt ins Leere und Mami fällt zu Boden – einfach so. Es ist einer dieser einzigartigen klaren Frühlingstage, ein Himmel in unwirkliches Blau getaucht, manch einer nennt es royal – königliches Blau, Sonnenstrahlen, die von Sommer singen, jäh unterbrochen.

In der Ferne höre ich das Martinshorn, schnell ist der Krankenwagen da- ich streichle mechanisch über Mamis Kopf, der Schmerz den sie fühlt muss unerträglich sein, trotzdem ist sie tapfer- die Augen geschlossen, den Schmerz ertragend. Ich spüre die Sonne nicht, wie sie höher und höher klettert am Himmel und uns lockt.

‚Hach es so schön hier in der Sonne.’ Menschen gehen an uns vorbei, schauen besorgt herab wie wir da hocken auf dem Gehsteig. ‚Komm, Mama trink einen Schluck Wasser!’

„Ich kann mein Bein nicht bewegen, es tut so weh.

 

Ach Mami- wie groß ist Dein Schmerz, wie unsicher bist Du gerade. Bitte! Gib mir ab von Deiner Angst- ich will sie mit Dir teilen, das sie leichter zu ertragen ist. Du sagst es ist etwas gebrochen. Ich kann nichts sehen, nur den Schmerz in Deinem Gesicht. Mechanisch streichle ich ihren Kopf. Wann gehen endlich die Leute hier weiter, ich fühle mich wie im Zirkus. Papa steht betroffen über uns, besorgt Wasser und hält nach dem Krankenwagen Ausschau, zusammen mit dem jungen Mann der die Notrufnummer wählte. Erinnerungen kommen auf. Weißt Du noch- hier in Göhren, da haben wir immer Pause gemacht damals auf unseren endlosen Fahrradtouren über die Insel. Hier in Göhren haben wir noch einmal Luft geholt, vor dem letzten Abschnitt zurück zum Campingplatz, eine Brause getrunken und durchgeatmet bevor wir uns auf den Weg durch den Gespensterwald machten. Mama? Weißt Du noch?

Warum haben wir Dich nicht einfach sitzen lassen in der Sonne? Warum wollten Papi und ich einfach weiterradeln- so schnell? Es ist doch ein so schöner Tag heute? Da kannst Du doch nicht einfach hinfallen und nicht wieder aufstehen wollen? Mama? Kann ich Dir sagen, dass ich gerade einen riesigen Schrecken bekommen habe? Als ich Dich fallen sah, aus dem Augenwinkel.

 

„Sie müssen sich drehen. Wir müssen Ihr Bein röntgen. Wenn Sie sich nicht drehen, können wir nicht sehen, was an Ihrem Bein kaputt ist’

Wir sind in der Röntgenabteilung im Inselkrankenhaus. Eine Assistentin redet auf Dich ein, ich stehe mit hängenden Armen daneben, zerrissen zwischen Ohnmacht, einem sich verabschiedenden Kreislauf, dem Willen der Assistentin zu helfen und Dich zu drehen und der Gewissheit da sich dabei unendliche Schmerzen zufügen muss. Es muss sein Mama, bitte verzeih mir. Mechanisch schiebe ich die Hände, meine Hände unter Dein Becken, hebe es an. Die Schreie, Deine Schreie- es ist nicht zum aushalten, Deine Hand krallt sich an der Liege fest. Ich muss hier raus!

„Fahrrad fahren können wir noch den ganzen Tag”

24 Stunden ist es nun her, ein langer turbulenter Tag liegt hinter mir. Ich sitze an Deinem Bett, Papi rechts von mir und Ole links. Müde und traurig sind unsere Blicke. Dein Oberschenkel ist gebrochen, weil Deine Knochen schon so viele Jahre laufen und rennen musste, Kinder tragen, Kartoffeln und Kohlen schleppen, Fahrrad fahren. Wann, Mama können wir wieder Fahrrad fahren zusammen. Diesen Sommer, den nächsten? Mir wird bewusst, wie schnell sich im Leben etwas ändern kann, wie schnell Dinge sich ändern, wie die Sichtweisen verrückt und gerade gerückt werden. Heute Morgen stehst Du auf und am Abend bist Du um so viele Erfahrungen reicher, eingenordet, ernüchtert. 24 Stunden auf dem Weg erwachsen zu werden. Keine 60 Minuten ist es her, da kam ich vom kiten zurück. Traumwetter, Sonne, Wind heute morgen – mein Wetter, lange Jahre gewünscht, hat es sich heute erfüllt und ich habe es mit angezogener Handbremse genossen. Verhaltener, den Helm tragend, die Prallschutzweste dreimal nachgeschnürt. Bin ich weiser geworden über Nacht? Wann fahren wir wieder Fahrrad zusammen. Fahren wir wieder Fahrrad zusammen? Es sind so melancholische Gedanken, die sich einschleichen in Momenten wie diesen. Habe ich Zeit mit Dir verpasst- Mama? Habe ich zuwenig mit Dir gelacht, zuwenig zusammen gesponnen, zuviel gestritten? Ich weiß es nicht. Nur, das ich Angst habe nie wieder mit Dir Fahrrad fahren zu können.

Ostern 2010 sollte eines dieser wunderbaren Familienwochenenden werden. Es war ein Familienwochenende, eines der turbulenten Art, eines das uns wie schon so oft zeigte, wie sehr wir aneinander hängen, was für Familientiere wir allesamt sind und was es bedeutet ‚loslassen zu müssen’ irgendwann einmal und wie schlimm es ist mit ungeklärten Dingen, einem Streit und bösen Worten in das Leben hinauszutreten und es nie wieder rückgängig und ungeschehen machen zu können.

‚Fahrrad fahren können wir noch den ganzen Tag’ Dieser Satz und das Bild wie Du hinter mir und dem Papa tapfer in die Pedale trittst, ein lachendes Gesicht, strahlende Augen. Dieses Bild in meinem Kopf, wird eines der wenigen sein, die ich einschließe in meinem Herzen auf ewig. Ich bin Dir so dankbar für das was Du bist, für das was Du aus mir gemacht hast. Für das wofür einstehst, für deine Träume und Deine Liebe.

Wir fahren Fahrrad Mama- im nächsten Jahr an Ostern wird der Karfreitag mit einem ebensolchen blauen Himmel aufwarten wie 2010.

 

 

 
 

 

Faszination Wassersport – eine Fotoausstellung im Rostocker Rathaus

Hinterlasse einen Kommentar

Wir brauchen dringend Hilfe!

kurzfristige Engpässe in der Verfügbarkeit all unserer fleissigen Helfer bringen uns in die knifflige Situation niemanden zum Aufbau am Start zu haben.
Arbeitspensum wäre : Korkwände bei Skadi einsammeln, mit weissem Tuch verhüllen, Bilder bei Sabines Eltern abholen, alles ins Rathaus bringen, aufstellen, anhängen fertig! Ich denke das dauert summasummarum 4 Stunden. Meldet Euch gerne bei mir oder aber bei Skadi. Die Vernissage verschieben wir einfach!Und machen mal wieder eine Finnisage draus.

16.04. – 30.04. 2010
Surfen! Windsurfen, Wellenreiten, Skimmen, Stand Up Paddling, Kitesurfen – Sportarten die untrennbar mit den Elementen Wind, Wasser, Meer und Wellen verbunden sind. Diese Sportarten üben nicht nur auf uns Aktive eine grenzenlose Faszination aus, auch die Zuschauer stehen immer wieder staunend am Strand und beobachten das bunte und lustige Treiben auf dem Meer.
Surfen! Das bedeutet Wasser, tiefes, blaues, klares Meer, der Geruch von Seetang und Salz auf unserer Haut, Weite, Wind, Licht.
Surfen! Vermittelt so unendlich viel Freude, das Gefühl unendliche Horizonte erobern zu können, frei zu sein!
Surfen! Surfer lieben ihren Sport.Surfer lieben, achten und respektieren die Nátur.
Surfen! Alleine auf dem Meer! Am Strand unter Freunden! Surfer begeben sich in die Elemente um sich, in ihnen ihrer Liebe zu ihnen, voll und ganz hinzugeben.
Eine Fotoausstellung mit Arbeiten von Falk Löber und Jens Scholz zum Thema
“Faszination Wassersport”

Danke:
Hansestadt Rostock Frau Schröder
Senat für Sport und Kultur
Tourismusverband Fischland/Darss Herr F. Krüger
Nuance HealthCare und Bernd Golembowska für die Spende!
O. Wolkenhauer – Rahmen und die Drucke!
Falk Löber und Jens Scholz für ihre Bilder!
Dem Meer, dem Wind, der Sonne, der Weite…

Ältere Artikel

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.