Freitagnachmittag sechzehn Uhr– mir raucht der Kopf von viel zu vielen Zahlen. entnervt seufze ich durch. Vor dem Fenster locken die, golden in der Sonne glänzenden, Blätter der Linden, der Himmel ist blassblau ein Hauch Sommer liegt in der Luft.
Die letzten Zeilen aus Wellenklang blitzen vor meinem Auge auf. Keine zehn Tage ist es her, das ich sie schrieb und gestern Nacht, ganz plötzlich, waren sie real- so real das Angst mein Herz umfasste und ich einfach weggelaufen bin . In meinen Ohren rauscht es, so wie die bunten Blätter vor dem Fenster- es rauscht und rauscht und rauscht, schwillt an und ebbt ab. Ich mag nicht mehr unterscheiden, ob es das Rauschen des Meeres, der Blätter in den Bäumen oder das dieser komischen Worte, die eine Entscheidung von mir verlangten und einfach nur durcheinanderwirbelten, ist. Wie gerne würde ich einfach raus fahren, den Fluss hinauf und Weite inhalieren. Vielleicht gäbe es mir einen Hauch Vernunft, die geforderte Entscheidung von allen Seiten und realistisch zu betrachten. Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, das ich arbeiten sollte! Denn leider türmen sich rechts und links von mir die Akten auf dem Schreibtisch auf. Kleine fordernde Papiertürme!
Von draußen ist ein leichtes Windaddagio zu vernehmen, zarter Trommelwirbel unterstützt die Streicher. Fast scheint es mir- der Sommer 2010 bereut im Oktober dass er im August viel zu viel weinte, im September nicht nachließ damit und im Juli die Blumen verdursten ließ. Das er nur unregelmäßig daran dachte den Ostwindmotor anzuschmeißen hatten wir ihm im Juni vorgeworfen, seiner Entschuldigung aber Glauben geschenkt und verziehen.
Jetzt im frühen Herbst erinnert er sich scheinbar an seine spürbaren Ausfälle und liefert nach. Erst die Sonne, dann ein Hauch Wärme und dieses Wochenende gar Ostwind.
Meine Gedanken fließen weg von den Zahlen hin zu den langen Nächten des Sommers, die Segeltörns – einer unbeschreiblicher, befreiender, verzaubernder als der andere.
Das Telefon schellt. „Können Sie mir bitte Ihre letzten Dokumentationen erklären? Ich werde daraus nicht schlau.“
Mist! Jetzt zitiert mich auch noch die ungeliebte zweite Hand der Führungsetage in ihr Büro. Ist heute Freitag der 13.? Eigentlich nicht. Lustlos steige ich die Treppen nach unten und hole mir den berechtigten Rüffel ab. Konzentration ist de facto anders definiert, als das, was ich heute in der Lage bin zu leisten.
Wieder auf dem Bürostuhl klingelt erneut das Telefon
„M
„Hey ja- ich bin schon wieder zurück aus Dänemark und habe die 2011er Schirme im Auto. Ich fahre jetzt mit Frau und Kind raus an die Elbe, die Schirme für den Shop ablichten“
“Mensch hast Du das gut und weißt Du was? Ich verzapfe hier im Büro heute eh nur Mist. Ich bekomme nichts fertig und die Zahlen schwimmen und springen vor meinen Augen auf und ab. Ich komme einfach mit“
Zwanzig Minuten später sitzen wir im Kombi auf der Autobahn den Fluss hinauf. Weitere dreißig Minuten später liegen die nagelneuen Schirme vor uns am Elbstrand und wir fangen an zu pumpen. Fünf Schirme bauen wir auf, friedlich liegen sie im feinen Sand. Die Sonne senkt sich langsam und zaubert ein grandioses Farbspiel in den Oktoberhimmel. Mir geht’s gut, Ruhe umfängt mich, leise plätschern die Wellen an den Strand. Das Wasser ist braun und undurchsichtig vom vielen Schlamm den der Strom mit sich führt und im Meer weiter nördlich ablädt. Ozeanriesen ziehen vorbei auf dem Weg vom Hafen hinaus in die Welt, ein Dreimaster gleitet an uns vorbei. Wieder steigen diese süßen Erinnerungen auf.
‘Ist es wirklich erst zwei Monate her das ich im Schein des vollen Mondes auf der Ostsee wakeboarden war?’ Fast düngt es mir wie eine Episode aus einem anderen Leben. Ein Lächeln stiehlt sich in mein Gesicht, verloren in den Erinnerungen streife ich die Schuhe von den Füssen und tanze im langsam kälter werden Sand. Träge zieht der Strom an mir vorbei, elbabwärts im Dunst die Anlagen von Airbus, die Kirchtürme der Stadt, der Fernsehturm, elbaufwärts der Duft des Meeres. Die Elbe singt eine kraftvolle Melodie, kraftvoll und entschleunigt zugleich. Friedlich scheint sie, trügerisch, denke ich, eine trügerische Friedfertigkeit versucht sie uns vorzuspielen. Schöne alte Dame. Beständig das Jahr hindurch fließt Du aus dem Gebirge durch das Land, ergießt Dich in Auen, sammelst Dich in Rückhaltebecken, schlenderst vorbei an wundervollen lauten Städten, hörst verschiedene Sprachen, bietest den Möwen und Schwänen ein Zuhause, dem Stindt und schießt Dich kraftvoll , nach Sauerstoff lechzend in die Nordsee.
Wir absolvieren unser Fotoshooting. Wenn diese neuen Kites so genial fliegen, wie sie ausschauen, dann werde ich wohl die Lager wechseln. Von Naish auf Liquid Force. Noch vor wenigen Monaten wäre eine solche Überlegung nur einen pikierten Lacher meinerseits wert gewesen. Heute aber sieht alles anders aus. So schnell kann es gehen. Ich bin auf der Suche nach neuem Stuff und das Angebot von Liquid Force ist verlockend, das dahinter stehende Konzept überzeugt mich, das Design der 2011er Range ebenfalls. So viel Liebe zum Detail habe ich zuletzt beim Princess Pro von Brunotti gesehen. Der Envy verzaubert mich mit kleinen Nachtgespenstern , die durch Wellenkämme springen. Das Label ist mit einem Lederaufnäher eingearbeitet. Die Safety zuverlässig und funktionell, die Bar sehr übersichtlich ohne viel TammTamm.
Frau Sonne verschwindet hinter dem Ufer. Schlagartig ist es empfindlich kalt. Herbst! Noch ein paar Bilder mit Blitz gemacht und wir brechen auf Richtung Abendessen und Stadt. Ich bin entspannt, ruhig, gelassen, schläfrig. Zu Hause checke ich nur noch schnell ob die Vorhersagen für den morgigen Samstag geblieben sind. Es hat sich nichts geändert. So werde ich nicht sehr viel älter als mein gerade geleertes Glas Rotwein, stelle den Wecker auf sechs Uhr in der Frühe. Schnell lege ich noch die Klamotten für die morgen anstehende Hochzeit zurecht. Nach zwei Seiten im Frauenroman schlummere ich ein.
Der Wecker klingelt und es ist dunkel. Stockdunkel. ‚Grauenvoll!’ denke ich. ‘Herbst!’ Morgens um sechs hat die Nacht Mutter Erde noch fest umschlungen. Zumindest in Hamburg. Ich bin irgendwie noch müde. Aufstehen fällt schwer und meine heiße Dusche dauert länger als gewöhnlich. Mit der obligatorischen Verspätung von 10 Minuten picke ich meine heutige Kitebegleitung auf.
Langsam erwacht der Tag, der Himmel über uns strahlt in kräftigem Blau, die Autobahn ist verdammt voll für einen Samstag morgen.
„ Neunuhr, meine Damen und Herren, die Nachrichten.
Fehmarn/Kiel: Gegen Mitternacht kam es auf dem Oberdeck der litauischen Fähre “Lisco Gloria” zu einer Explosion. Nach Angaben des Havariekommandos in Cuxhaven war das Schiff von Kiel nach Klaipeda unterwegs. Es befand sich zu diesem Zeitpunkt nördlich der schleswig-holsteinischen Insel Fehmarn.
An Bord waren 236 Passagiere – unter ihnen auch viele Lkw-Fahrer und Besatzungsmitglieder…“
Erstaunt geht mein Blick nach rechts. ‚Krass’ – das entspringt meinem Mund. Und noch einmal „Krass“ und dann „Ja klar, deswegen überholen uns ständig irgendwelche Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr, deswegen ist auf den Strassen hier die Hölle los.“
Keine zehn Minuten später habe ich die Schlagzeilen allerdings für Erste vergessen. Ich bin fasziniert von sich im Wind biegenden Bäumen, flatternde Fahnen, ein frisch gewaschener, blitzblanker Himmel. Wir versuchen uns am Wulfener Hals. Ostsüdost ist hier auf der Ostseeseite sideonshore und sicherer im Herbst als der leichte offshore Touch am Brink. Eine Karawane aus Bussen und Wohnmobilen quält sich die schmale Strasse zum Campingplatz. An der Einfahrt ein absolutes Durcheinander, Parkplätze , die noch belegbar wären, sind Fehlanzeige. Auf dem Tümpel ist morgens um 09.00 Rushhour angesagt. Herbstferien in Deutschland und der Wulfener Hals ist zugeparkt. Wenige Minuten überlegen wir und entscheiden dass der Grüne Brink heute unser Spot ist. Laut Vorhersage soll der Wind über Mittag langsam auf Ost eindrehen, dann ist es da oben dann auch wieder sicherer. Für den Fall also, das wir zwischen zehn und zwölf ein Problemchen haben, wird der drehende Wind uns ab dreizehn Uhr behilflich sein dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Mit uns landen die Liquid Force Kites. Ich werde ein bisschen aufgeregt. Vorsichtig bin ich ebenfalls, der Wind scheint noch nicht bei der Vorspeise angekommen zu sein. Die dreizehn Knoten, die wir messen lassen ein Verweilen beim ersten Kaffee vermuten. Vorsichtshalber schleppe ich also alle Bretter und den zehneinhalber Cult mit an den Strand. Baue trotzdem den neuner Envy auf. Schick ist er ja, so in Blau und türkis mit seinen lustigen Gespenstern. Die zappeln im Wind und locken mich mit Versprechungen von grandiosen Wellenritten noch heute. ‚Klar, ihr Spinner’, denke ich laut -,Wellenritte mit einem neuner bei angesagten fünfzehn Knoten. Ihr glaubt auch, das Eure säuselnden Worte mich glauben lassen das da draußen Leckerbissen auf mich warten. Einlullen wollt ihr mich und Euch dann die Hände reiben, wenn ich massiv Höhe verliere und im Naturschutzgebiet lande. Redet nur, wenn ich die Nase voll vom Leichtwind Kurbeln habe, baue ich den Cult auf und ihr könnt Eure Geistertänze am Beach absolvieren.’ Sie schimpfen mich Skeptiker und lachen dabei. Ich starte als Erste. Ungewöhnlich stark der Zug im Schirm, trotzdem zerrt er nicht übermäßig an mir. Ich spüre sanften Druck- Cool, Vielleicht muss ich doch nicht kurbeln. Auf geht es. Auf Elf Uhr lenken dann auf Eins und der Envy schiesst an den Windfensterrand. ‚Oh bitte Nein!’ Denke ich . ‚Nicht so einen Windfensterrandgeilen Core Verschnitt, der mich in einer Sekunde absaufen lässt’ Tut der Envy aber nicht, er geht weit an den Windfensterrand und entwickelt dort trotzdem noch genug Zug.
Meine Session startet und sie wird atemberaubend. Der Wind nimmt zu – ich habe Spass, so endlos viel Spaß. Der Wind dreht weiter auf Ost- mein Lachen wird breiter. Draußen an der Abbruchkante der Sandbank lässt Mr. Pustemann die Wellen großartig, massiv, langgezogen und perfekt an der Insel vorbeirollen. Dass ich die Zeit anfange zu vergessen während ich da draußen mit den Juwelen der Ostsee spiele – bitte verzeiht es mir.
Das ich keine Entscheidung traf, weil mein Kopf voll mit Glück und Leidenschaft aber leer von klaren Gedanken war- bitte verzeih mir!
Der Wind nimmt weiter zu, der Envy macht mich glücklich. Weiter und weiter hinaus kreuze ich. Das Feuerwehrschiff, welches sich knallrot gegen den Horizont abzeichnet, die Rauchschwaden irgendwo da mitten auf dem Meer, holen mich kurz in die Gegenwart zurück und erinnern mich daran, das es nicht nur glückliche Momente auf dieser Welt gibt. Ein komisches Gefühl, ich genieße dieses einzigartige, rauchgetränkte Licht auf der Ostsee. Rauch, der vergangene Nacht Menschen in Panik versetzte. Ich schüttele die Gedanken ab, versenke sie hinter die Abbruchkante in den Tiefen der Ostsee. Keine Zeit für Grübeleien- ich muss, nein, ich will glücklich sein heute!
Fröhlich tanzen Envy’s Nachtgespenster über mir und versprechen mir eine lange erfüllende Freundschaft.
‚Gekauft’ , denke ich, als ich irgendwann völlig erschöpft vom Wasser komme.
Ein Blick auf die Uhr. ‚Au wei. Ich werde spät, aller Vorraussicht nach zu spät auf der Hochzeit erscheinen.’
Schnell umgezogen, abgebaut, die Freunde ins Auto verfrachtet und die horrenden Spritpreise ignorierend das Gaspedal voll durchgetreten. Ausnahmsweise kein Stau in Richtung Hamburg.
Zu Hause angekommen, bleiben mir zwanzig Minuten zum Duschen, in die Festtagsrobe schmeißen, Mascara anlegen und das Parfüm. Ich schnappe das Geschenk, den Mantel, schnell noch die feinen Ballerinas. Gerade als das Glas auf das Brautpaar erhoben wird schieße ich in den Saal, quetsche mich in eine Ecke und nach der Laudatio neben meine Begleitung. Die rümpfende Nase, den prüfenden Blick, die nervös auf dem Tisch trommelnden Finger ignoriere ich. Statt dessen fälle ich die seit Tagen anstehende Entscheidung ‚Ich bin dagegen- absolut!’ Proste der fröhlichen Runde um mich herum zu, beglückwünsche das Brautpaar und entschwinde bis morgens um 06.00 auf der Tanzfläche. Lasse das verständnislose Kopfschütteln einfach am Tisch sitzen. ‘Ja! es tut mir leid- aber Ja! Ich bin dagegen!’
Was für eine Session am Morgen, welch fulminantes , perfektes Konzert. Den ganzen Mai hindurch warteten wir vergebens auf Ostwind, den Juni und Juli hindurch war Wind Mangelware, im August kam er mit Wucht und Regen- perfekte Tage gab es selten in diesem Sommer. Im September schickte er sich an Perfektion zu kredenzen. Jetzt im Oktober verabschiedet er sich mit Lust, so viel Lust und beschenkt uns mit diesen unvergesslichen Stunden, von denen wir im trüben November träumen und zehren werden.
Danke Sommer, das dieses Dein Abschiedskonzert eines der besten seit Jahren war.
Pics SabinChen








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